Nachruf.

Nach dem Schiffbruch seines Buchs hat L. nun doch eine Stelle angenommen. Die Rückkehr nach Hause ist auf absehbare Zeit versperrt; es ist die Not, die ihn zwingt, hier heimisch zu werden. Eines Tages schiebt ihn C. zur Tür hinaus, die Existenz dröhnt ihm in den Ohren, er soll sich eine Beschäftigung suchen, und so hat er jetzt eine neue Karriere eingeschlagen. Er sitzt in einem großen Büro im Rathaus, gestrandet zwischen Palme und Kopierer, und weiß nicht ein noch aus. Die Mühsal und Gleichförmigkeit der Arbeit, die ihm anfangs fremd gewesen war und dadurch immerhin einen gewissen Reiz entfaltet hatte, ist schon dem ärgsten Stumpfsinn gewichen, denn es kann niemanden bewegen, ob der Zuwendungsbescheid und die Nebenbestimmungen zu diesem Bescheid bzw. die Regelungen des Zuwendungsvertrages beachtet, ob alle Einnahme- und Ertragsmöglichkeiten ausgeschöpft worden und die gemachten Angaben richtig und vollständig sind und mit den Büchern und Belegen übereinstimmen.

Die Anträge, Formulare, Eingaben auf dem Schreibtisch nehmen kein Ende. Alle Stunde posaunt das Glockenspiel eine Melodie, jeden Mittag geht es in die Kantine im Keller hinunter. In den Gängen verläuft er sich, in den Korridoren, die sich endlos verzweigen. Er könnte auf dem Kopf gehen, diesem öden Kopf, zermartert vom Alltag, dem Kleinklein, der schale Kaffee, die ewige Wolkendecke, die Müdigkeit der anderen, die allgemeine Unmöglichkeit des Daseins, die Lücken zwischen den Gedanken, ein Stottern in der Existenz, man hangelt sich von Phrase zu Phrase, jahrlang. Und das Papier stapelt sich zu kleinen Inseln auf dem Tisch, dazwischen versiegt die Zeit. Stundenlang sieht L. auf den Marktplatz hinaus, auf die Buden an der Kirche, auf die Tauben und den stillgelegten Brunnen.

Unter dem Gebirge von Akten begraben, beginnt L. bald seinen eigenen Nachruf zu schreiben. Er weiß sich nicht anders zu helfen, als dasjenige zusammenzusuchen, was er noch von sich weiß, damit es irgendwer dann in die Welt hinausposaunt. Aber er schreibt langsam und bedächtig, denn in L. hat sich, abergläubig wie er ist, die Vorstellung verfestigt, dass das Abschließen des Nachrufs sein Ende geradezu hinaufbeschwören würde. Und so schreibt er jeden Tag nur wenige Worte, löscht ein paar aus oder wagt sich an Inversionen und Umstellungen, aber sein Schreiben darf niemals beendet sein, denn wir alle wissen, wer das letzte Wort hat, dieses furchtbare Schweigen, gegen das man ja gerade anschreibt.

Und so schreibt L., dass er irgendwann eine neue Karriere verfolgt hat, da ihm die Rückkehr nach Hause versperrt gewesen war. Es war die Not, die ihn schließlich doch gezwungen hat, heimisch zu werden. Zum Glück hat ihn C. eines Tages zur Tür hinausgeschoben, eine Beschäftigung zu suchen. So war er in seinem Büro im Rathaus gelandet, verantwortlich für die Zuwendungsbescheide und Zuwendungsverträge, das Ende des Bücherschreibens war gekommen, wichtiger war zu prüfen, ob alle Einnahme- und Ertragsmöglichkeiten ausgeschöpft worden waren, der Lärm der Welt verstummt, und ob die gemachten Angaben richtig und vollständig mit den Büchern und Belegen übereinstimmen, und das Glockenspiel läutet, und in der Kantine gibt es Kohl und Licht fällt zaghaft durch die Wolken.

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