Hakan will meine genaue Adresse wissen, ob ich einen Balkon hätte und in welchem Stockwerk. Der Kurier sei am Weg zu mir um Amigos Sachen abzuliefern.
Ich schick ihn ein Foto vom Balkon, meinen genauen Standort und frag wieder wieso er das nicht per Post schickt, wenn es ja so legal ist.
Wieso immer diese Amateure? Und wo zum Teufel steckt Amigo eigentlich?
Ich brauche frische Luft.
Beende das Gespräch mit dem Türken ohne auf eine Erklärung zu warten und lauf eine Runde durch den Wald. Das soll beruhigend wirken.
Das Rauschen der daneben vorbeiführenden Autobahn besänftigt meinen Geist.
Die Sonne steht tief, orangefarbene Wolken weit über den Baumkronen die meinen Heimweg säumen. Die letzten Meter zur Hauseinfahrt spazierend, halte ich inne, als ich einen schwarzen Wagen vor meinem Balkon anhalten sehe. Es ist zu weit weg um die Kennzeichen zu erkennen, die Beifahertür öffnet sich.
Jemand steigt aus, wirft etwas über mein Geländer.
Er steigt wieder ein. Das Auto fährt weiter. Meine Jackentasche summt.
„Es ist alles geliefert“, textet mir Hakan.
Viel schräger kann´s ja nicht mehr werden.
6.
Ratlos begutachte ich den Inhalt des zum Bündel geknoteten roten Wollsockens, der nach nassem Hund müffelnd auf dem Fließenboden meines Balkons liegt. Der Knoten lässt sich nicht öffnen, ich schneide ihn mit der Nagelschere auf. Vorsichtig ziehe ich den Inhalt unter dem Stoff hervor, insgeheim hoffend es wären Drogen. Die könnte ich jetzt ganz gut gebrauchen. Doch statt weißem Pulver entdecke ich was ganz anderes. Pelziges. Auf dem ersten Blick denke ich an ein totes Meerschweinchen, angeekelt lasse ich es fallen. Um beim zweiten Mal genauer hinzusehen. Was zum…
Statt einem toten Haustier fische ich ein dunkelbraunes Haarteil plus eine Tube farbloses Gel- laut Etikette-Hollywood Pflege aus dem aufgeschlitzten Socken. Was auch immer das zu bedeuten hat.
Wieso soll ich ein Toupe´in die JVA schmuggeln?
7.
Wer zahlt bitteschön so viel Flocken fürn bisschen Haare? Und wie weit ist dieser Häfen eigentlich von hier weg? Wieso kann man das Ding nicht per Post schicken?
Mein Bauchgefühl ist mulmig bis besorgt, aber laut meinem aktuellen Kontostand hab ich keine andere Wahl als dorthin zu fahren. Was soll schon großartig passieren?
Hakan meinte es wäre alles easy. In dem Besuchsraum gibt es keine Trennwände, wir dürfen uns umarmen und berühren und außerdem sei nur ein einziger Wärter da um alles zu beaufsichtigen.
Andererseits sagt Hakan immer es ist alles easy. Weil er ja nie was macht. Schließlich ist TEAM die Abkürzung für „Toll ein anderer machts.“ Wenn er schon sonst nix kann, aber im Delegieren ist er Weltmeister.
Die Abenddämmerung legt sich langsam über die Straße und taucht den Asphalt in ein geheimnisvolles Licht.
Ich sitze am Steuer meines kleinen, verbeulten Wagens und spüre die Nervosität mit jedem Kilometer steigen. Wie oft habe ich den Plan in den vergangenen Tagen schon im Kopf durchgespielt. Und jedes Mal dieselbe Frage. Wieso tu ich das eigentlich.
Wie gerne würde ich Mama jetzt anrufen. Die würde dem Türken höchstpersönlich den Krawattel umdrehen und ihn mit meinem tiefgekühlten Kater abwatschen dass ihm vierzehn Tage der Schädel wackelt.
Taylor Swift trullert aus dem Lautsprecher. Die geht mir noch mehr aufn Keks als dieser Bandit aus Istanbul.
Die Stimme des Moderators dringt durch mein Gedankenwirrwarr und lässt es augenblicklich anhalten. Er redet über künstliche Intelligenz und was sie doch für ein Gamechanger sei. Grenzgenial. Das könnte die Lösung sein. Was Gott nicht weiß, weiß ChatGP.
Ich lenke den Wagen auf den Pannenstreifen und zücke das Telefon aus der Mittelkonsole.
So präzise wie möglich formuliere ich meine Frage und tippe sie ins Textfeld der APP.
Ein kalter Schauer läuft mir den Rücken hinunter, als ich die Antwort der Maschine nach einigen Sekunden am Bildschirm habe.
Wieso bin ich nicht von selbst draufgekommen?
„Inhaftierte die einen Ausbruch planen, verändern ihr Aussehen in Freiheit um bei der Flucht nicht erkannt zu werden.“
Natürlich. Wie willst du Meister Propper einfangen, wenn der plötzlich wie Hansi Hinterseer aussieht?
Ich ziehe die Scheiße an, wie Misthaufen Schmeissfliegen.
Ob ich das Handy auch noch frage, wie hoch die Strafe ist, wenn mich jemand erwischt? Lieber nicht. Unwissenheit ist ein Segen.
Ich halte an der Raststation, gönne mir ein kleines Bier um die Nerven zu beruhigen. Vorsichtshalber nehme ich noch eins für die restliche Fahrt mit. Kann ja nicht schaden ganz dezent einen sitzen zu haben wenn man Beihilfe zur Flucht leistet.
Angenehm gelockert erreiche ich den Parkplatz der Justitzanstalt, deren graue Mauern und Wachtürme bedrohlich in den dunklen Himmel ragen. Der Anblick der uniformierten Wachbeamten lässt mein Herz höher schlagen.
Einer der jungen Männer erklärt mir den Weg zum Besucherraum, ich verstecke das Haarzeugs in meinem Ärmel des extra weiten Hoodies, checke mein Make up kurz im Rückspiegel und bin sicher die Stimme meiner Mutter zu hören die mich fragt was zum Teufel ich hier mache.
Ich ignoriere sie, stapfe über den Besucherparkplatz zum Warteraum. Wie prohezeit tummeln sich hier eine Million Menschen in Zivil und ein einziger in Uniform. Wir werden der Reihe nach aufgerufen und durch einen schmalen Gang ins Besuchszimmer zu gelangen.
Vor mir eine junge Frau mit zwei kleinen Kindern, sie wird sich einen Tisch weiter setzen. Hinter mir ein tätowierter Biker Typ mit Lederjacke, Vollbart und den Ausdünstungen eines unkastrierten, nassen Köters. Dem könnte man mal einen Wunderbaum um den Hals hängen, ist das widerlich.
Abraham wartete bereits an einem der Tische auf mich. Winkend machte er mich auf sich aufmerksam, ich blicke verstohlen um mich ehe ich mich langsam nähere. Das Stinktier hinter mir unterhält sich mit dem Uniformierten über die Besuchszeit, niemand sieht mir zu. Zögernd, aber siegessicher.Jetzt oder nie.
Mit der linken Hand ziehe ich das Packet halb aus meinem Ärmel, lächelnd stolziere ich auf den mir völlig Unbekannten Halbglatzenmenschen zu. Wir umarmen uns als wären wir alte Freund, meine Hand wandert auf seinen Rücken. Zwei Bewegungen später stecke ich ihm das Teil über seinem Hintern in die Rückseite seiner blauen Stoffhose. Netter Popo, denke ich als ich meine Hand wieder aus seiner Hose ziehe.
Niemand nimmt von uns Notitz. Ich hätte ihm genausogut einen von der Palme wedeln können.
Dankbar lächelnd setzt er sich.
Jetzt nur noch bisschen Small Talk und dann ab nach Hause.
Wir reden übers Wetter, Sport und wie lange er schon sitzt.
Ich frage ihn woher er Amigo kennt, wortlos deutet er auf einen der Tische neben dem vergitterten Fenster. Ich erkenne die Frau mit den zwei Kindern wieder, sie hält die Hand eines dunkelhäutigen Mannes der in unsere Richtung schaut.
Ist das etwa…
„Amigo sitzt da drüben. Wir teilen uns die Zelle“, klärt er mich auf.
Das erklärt wieso er seit zwei Jahren vom Radar verschwunden ist.
Der eine im Häfen, der andere in Istanbul. Die Einzige die noch frei ist, bin ich.
Ich beschließe einen Migräneanfall vorzutäuschen um mich hier zu verabschieden. Wenn die Sache raus kommt bin ich die nächste hier drinnen.

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