Das Buch war mir zufällig begegnet - auf irgendeinem Blog, wo es um die Unordnung im Nähzimmer oder um das Ich-habe-zu-viel-Stoff ging. Das ist ja ein Thema, das mich dieses Jahr sehr beschäftigt. Und dann war da plötzlich dieses Buch...
Marie Kondo ist Japanerin und beschäftigt sich schon ihr Leben lang mit Aufräumen. Als Kind war es ihre liebste Beschäftigung, Dinge in Behältnisse zu verstauen, auf- und der Familie hinterherzuräumen. In der ersten Zeit hat sie sich mit Ordnungssystemen beschäftigt, in die man seine Eigentümer verstauen kann, bis sie plötzlich wie vom Blitz getroffen erkannt hat, dass das nichts nützt, weil man sein Zuviel an Gegenständen damit nur aus dem Blick schafft, aber nicht Ordnung in seinem Leben. Aus dieser Erkenntnis heraus entstand die sogenannte Konmarie-Methode, die von ihr inzwischen weltweit gelehrt wird. Frau Kondo verdient tatsächlich ihr Geld mit Aufräumen, das fand ich schon mal interessant. Das Wesentliche daran ist, dass man ERST Entrümpeln muss, um DANN aufzuräumen. Als mögliches "Ordnungssystem" empfiehlt sie übrigens die mir sehr sympathischen Schuhkartons...:-)
Zum Buch:
Zu Beginn erklärt Marie Kondo Sinn und Unsinn verschiedener Methoden, Ordnung ins Chaos zu bringen. In wunderbar kleinen Kapiteln mit einer tollen Randmarkierung folgt dann eine "Beratung" zur Entrümpelung einmal quer durch's Haus.
Marie Kondo empfiehlt die Entrümpelung von Leicht (Kleidung, Schuhe, Taschen, Bücher, Haushaltswaren) zu Schwer (Schreibtisch, persönliche Unterlagen, Erinnerungsstücke). Das leuchtet ein, obwohl für mich persönlich zum Beispiel das Entrümpeln von Büchern nicht leicht ist. Aber das ist eher ein individuelles Problem.
Die entscheidende Frage, ob ein Gegenstand bei mir bleibt oder nicht, sei die Frage nach dem Glück, sagt Frau Kondo. Macht mich der Gegenstand glücklich? Empfinde ich Freude, wenn ich ihn in die Hand nehme? Um diese Entscheidung treffen zu können, muss ich JEDEN Gegenstand in meinem Haus in die HAND nehmen. Das fand ich im ersten Moment auch recht mühsam und überflüssig, aber beim Austesten hat sich mir der Sinn dieser Idee sehr schnell erschlossen und ich wusste auch sehr schnell, dass selbst Besteckteile mich glücklich machen können - oder eben nicht.
Was mir schon beim Lesen des Buchs aufgefallen ist (und sich beim tatsächlichen Entrümpeln dann bestätigte), ist ihr in meinen Augen leichtfertiger Umgang mit den Ressourcen dieser Erde. Es ist immer nur von "Müllsäcken" die Rede. Wenn man das so macht, ist man natürlich deutlich schneller, als wenn ich für jeden aussortieren Gegenstand eine sinnvolle Nachnutzung suchen möchte.
Frau Kondo schreibt, dass man diese Entrümpelung in einem Rutsch erledigen soll. Natürlich nicht an einem Tag, aber konsequent einmal durch den ganzen Hausstand. Das macht in Verbindung mit der Idee, nicht Zimmer oder einzelne Schränke zu entrümpeln, sondern Kategorien von Gegenständen echt Sinn. Anfangs kam es mir überflüssig vor, alle Gegenstände einer Kategorie an einem Ort zu versammeln, um sich dann zu entscheiden, was man behalten wird. Aber spätestens bei meiner Aktion zur Kategorie Schuhe hatte ich das verinnerlicht! Ich habe während meiner Aussortierungen immer wieder gestaunt, an wie vielen verschiedenen Orten in unserem großen Haus sich Gegenstände einer Kategorie befanden. Putzmittel, zum Beispiel, waren da ganz schlimm! Je mehr Orte umso weniger Durchblick, war eine ganz klare Erkenntnis!
Beim ersten Lesen angeeckt bin ich auch an Marie Kondo's Bescheibung im wertschätzenden Umgang mit ihren Dingen. Dem konnte ich im ersten Moment überhaupt nicht folgen. Aber nach und nach konnte ich bei mir selbst beobachten, dass ich die glücklichmachenden Dinge mit ganz anderen Augen sehe als vorher. Die Schuhe, die ich abends ausziehe, bekommen einen wertschätzenden Gedanken, die schöne Bettwäsche, die ich mag, bekam bei Aufziehen sofort einen fehlenden Knopf ersetzt (hätte ich früher niemals gleich gemacht!). Überhaupt stand plötzlich das Thema Reparieren/Pflegen im Raum. Ich habe viele Sachen in der Hand gehabt, die irgendwie kaputt, angeschlagen, schlechtgängig, schmutzig, löchrig waren. Hopp oder Top? Ich kann ja nix wegwerfen - das hat sich mit der Lektüre dieses Buchs nicht geändert. Also geht nur Reparieren/Pflegen. Bei der Betrachtung meiner Schuhe habe ich tatsächlich meine Gartenschuhe geputzt! Auch die sollen mich noch lange begleiten. Gartenscheren wurden gefettet und Löcher in Shirts repariert...
Zum Umgang mit Kleidung publiziert Marie Kondo eine interessante Methodik - das senkrechte Aufbewahren von Kleidungsstücken. Zur Falttechnik gibt es bei Youtube nette Videos, z.B. dieses hier. Ebenfalls dort gefunden habe ich verschiedene Erfahrungsberichte, von denen mir besonders dieser hier realistisch und praktikabel erscheint.
In manchen Entscheidungen ist mir Marie Kondo zu dicht am Minimalismus verortet. Nein, ich werfe nicht jede Rechnung weg. Und ich behalte auch alle Bedienungsanleitungen der technischen Geräte. Im Umgang mit Unterlagen sind wir hier vielleicht zu sehr im deutschen Bürokratismus verhangen, ich komme jedenfalls nicht mit nur 2 Ordnern und einer Ablage für "Unerledigtes" aus. Ich will auch nicht zwischen leeren Bücherregalen leben oder vor kahlen Wänden, weil ich die Bücherregale verschenkt habe. Das würde mich nicht glücklich machen. Aber die Beschäftigung mit der Konmarie-Methode hat mir echte Aha-Erlebnisse verschafft. Endlich.
Jedes Ding braucht ein Zuhause.
Jede Kategorie nur an einem Ort.
Sich nur mit schönen/geliebten/funktionierenden Dingen umgeben.
Der Papierflut im Haus nicht die Chance zur Ausbreitung geben.
Ob das Aufräumen nach dieser Methode nun "Magic" ist oder nicht - mir hilft es unendlich, wieder den Überblick über das zu gewinnen, was ich besitze, mein Eigentum anders wahrzunehmen und wertzuschätzen und hoffentlich bald abends tatsächlich in ein Zuhause zu kommen, wo nicht überall etwas herum liegt.... Und wenn ich anfangs nicht geglaubt habe, dass das gute Gefühl ein Dauerzustand werden könnte, so muss ich, auch wenn ich noch lange nicht mit allen Kategorien "durch" bin, sagen - es funktioniert tatsächlich. Eine wirklich empfehlenswerte Lektüre für jeden, der glaubt, um ihn herum herrscht immer Unordnung und er besitzt zu viel. Der Dauerzustand wird eine Lebensaufgabe sein, insbesondere weil ich hier nicht allein lebe und nicht jedes Familienmitglied Marie Kondo gelesen hat. Aber: ich bin stolz und zufrieden! Und es ist etwas passiert, mit dem ich nie, nie gerechnet hätte: die Menschen um mich herum beginnen aufzuräumen! Das scheint ansteckend zu sein wie Gähnen... :-)
PS: Ich bekomme weder von Marie Kondo noch vom Verlag Tantiemen. Diese Rezension gibt nichts als meine eigene Meinung wider.
PPS: Wer mehr über die Details meiner persönlichen Entrümpelungsaktion lesen möchte, kann das unter dem Label "Entrümpeln" auf diesem Blog gern tun.