Nachtgedanken.

Paul, wenn Du schreibst, »eine neue Bahn im endlosen Palaver der Planeten« …

Warum sollte ich so etwas sagen?

Warum, darum … Das ist, was Du gesagt hast:  »eine neue Bahn im endlosen Palaver der Planeten« –

Ich mag es nicht, wenn man mich zitiert. Es ist abgeschmackt. Die Worte habe eine weite Reise hinter sich, wenn sie zu einem zurückkommen, sie schauen scheel.

Auch wenn das Zitat einen krummen Gang geht …

Man könnte auch sagen, es watschelt.

Wie eine Ente?

Eher wie eine windschiefe Lumme.

Zitate sind also flatterhafte Wesen, wie Möwen vielleicht, die auf den Wellen schaukeln und plötzlich davonfliegen?

Jetzt ist es nur noch albern.

Die Kunst ist bekanntlich heiter.

Dann lass uns doch lieber über die »neue Bahn im endlosen Palaver der Planeten« reden …

»Eine« …

Pardon?

»EINE neue Bahn im endlosen Palaver der Planeten«, nicht »DIE neue Bahn im endlosen Palaver der Planeten«!

Es ist mitten in der Nacht und Du hältst Dich an Artikeln auf.

Es hält mich eben wach.

Das ist nur der Vollmond.

Ist der Mond ein Planet?

Nein, ein Mond umkreist Planeten, Planeten aber umkreisen Sterne.

Oder es sind doch nur die Käuze, die im Wald rufen.

Können wir jetzt weiter schlafen? Ich muss morgen früh raus.

Musst Du nicht, Du musst überhaupt niemals früh raus. Der Lauf der Sonne ist Dir völlig gleich.

Ich brauchte bloß einen guten Abschluss für mein Manifest.

»Eine neue Bahn im endlosen Palaver der Planeten«: das ist für Dich ein passabler Abschluss?

Er ist in Ordnung.

Ja.

Vielleicht ein wenig pathetisch?

Ich habe nichts gesagt.

Du hast »ja« gesagt.

Ja.

Hm.

Der Schluss ist in Ordnung, habe ich gesagt.

Nein, das habe ich, glaube ich, selbst gesagt.

Whatever. Du kannst ja L. nach seiner Meinung fragen. Der hat zu allem eine.

Da hätte C. mehr zu sagen, aber sie redet ja nicht.

Irgendwie auch unheimlich.

Und angenehm.

Ich glaube, jetzt versteh ich: der umherschweifende Wandelstern auf einer neuen Bahn. Paradox. Aber gibt es dann nicht überhaupt nur Bahnen?

Ja, auch im Gehirn: nur Bahnung.

Du bist echt bescheuert, Paul.

Was ist jetzt wieder?

Mich mit so etwas wachzuhalten!

Ich würde auch lieber schlafen.

Eigentlich ganz rührend, dass Du ein Manifest schreibst.

Freut mich, dass es Dich amüsiert.

Ja. Weißt Du noch in der Bahn zurück aufs Festland?

Der lauwarme Champagner?

Man darf gar nicht drüber nachdenken. Wie sind wir bloß hier gelandet, of all places?

Das weiß nur der Kosmos.

Der Cosmo von gegenüber? Der ist doch erst sieben.

Das Weltall!

Du nuschelst.

Ich bin müde.

Oder: »eine endlose Bahn im neuen Palaver der Planeten«.

Meinetwegen.

Ich mach mal das Fenster zu.

Und den Vorhang.

Gespräch mit dem geschwätzigen Nachtgeist.

Dann lass uns doch über das nächste beste reden.

Wenn du den Schutt wegwälzt, stehen die Fenster des Himmels offen.

Können wir nicht bitte Prosa reden?

Eben waren wir Vögel: und jetzt willst du, dass wir prosaisch werden? So geradeaus, so Stirn in Stirn – ist man das nicht nur, solang man in den Windungen Leib in Leib liegt?

In Versen aber versteh ich kaum, was du unbündig sagst.

Wie aber könnt ich anders reden? Kann ich doch nicht entscheiden, was von dem tausenden zu sagen wäre. Ich müsste vieles zugleich aussprechen: dass ich dich fühle, vermisse, liebe, fürchte, dass ich dir nahe bin und zugleich fern, wie im blauen Doppeldort, wo man an zwei Orten zugleich ist: im Himmel. – Einen ganzen Turm an Worten würde das geben, was ich sagen müsste, aus lauter scheinbar nicht zueinander passenden Teilen gestapelt. Wenn ich anfange zu sprechen, nimmt es kein Ende, bis der gehäufte Stein schließlich an die Wolken stößt.

Es ist furchbar, einander wieder nur wie sporadisch zu verstehen.

Ja, wie von einer abgelegenen Insel vertrieben, haben wir in dieser stillen Stunde bloß Schutt aufgehäuft, anstatt ans nächste beste uns zu halten.

Dann will ich lieber meine Augen schließen; die Lider sind wie schwer vom Geröll der Sterne. — Und ist das All nicht fremd und liebenswürdig? Wir werden gewiss bis zum ersten Licht tief schlafen.

Zur rechten Zeit werden sich die Augen schon wieder auftun. Wenn der Himmel sich auf sie senkt. Dann werden wir wissen, was das nächste beste ist: wenn wir einander nur ansehen.

kircher_091