Oben stehen die Sterne, die Wäsche flattert leicht im Wind. Unten glitzert die Stadt. Der Himmel liegt einem zu Füßen, wenn man auf dem Kopf geht. Viele Sätze sind schöner, wenn man müde ist. Der Kosmos ist wunderbar gleichgültig, das ist vielleicht das Schöne an diesen klaren Nächten.
Wen kümmert die Literatur, sie ist nur das Abfallprodukt der Andacht des Schreibens, es kommt allein auf das Schreiben an, oder auf das Träumen, mehr noch: auf das Nichtschreiben. Die beste Literatur ist doch die nichtgeschriebene, die nur erträumte, die Verse der Tagträumer, der Hungerkünstler der Dichtung. In den geschliffenen Sätzen, die einem kurz vorm Einschlafen kommen, ist die Sprache ein Klang ganz tief in uns, mit einem schöneren, einem leichteren Leben erfüllt …
Und wie schwer gelangt man zu diesem leichteren Leben – mein Freund T., der immer Champagner bestellt, nicht, weil er Geld hat, sondern weil er keines hat, und er jagt dem hinterher, im zerschlissenen Sakko, mit der Leidenschaft der Akademiker für eine vielleicht verlorene Sache, die glüht in seinen Augen, und wofür soll man kämpfen, wenn nicht für verlorene Dinge, und natürlich schreibt er auch, abgründig, wie alle Akademiker schreiben, verzagt, heimlich, denn sonst wäre man ja nur ein Koch, der Rezepte studiert, ohne zu kochen, ohne zu essen …
Aber es sind ja so viele, dass ich sie kaum alle nennen kann. B., die zwischen Diagrammen, Grafiken und Meetings den weißen Bildschirm mit Träumen aus Buchstaben füllt, die versucht, das Poetische zu bewahren, für sich, für ihren Sohn, für die blinde Welt, weil sie etwas zu sagen hat, weil sie zu denen gehört, die das spüren, die eine Haut haben, die um jenen entscheidenden Grad durchlässiger ist …
Oder Y. die Märchen schreibt und Verse, die nachhallen wie aus einer anderen Welt, oder L. der nichts liest, der nie gerne gelesen hat, der sein Leben auf den Äckern verbringt, in den Gewächshäusern, und doch ist er einer von dem Dutzend, das den Versen lauscht, und er trägt sie mit sich herum, und weiß gar nicht warum oder wozu, und sie kommen ihm in den Sinn, wenn die Erde in der Hand zerkrümelt …
Jede Handschrift ist eine Leidenschaft, denkt T. in seiner Mansarde, gewaltig die Großbuchstaben, römisch ins Papier gemeißelt, kleine Monumente; dagegen die kleinen Buchstaben, karolingisch dahingehuscht, ineinander verschlungen, die Worte am Ende ein zum Himmel fliegender Strich; die Hand muss nicht alles ausschreiben, wie auch die Literatur vieles nur andeuten will, weil darin alles liegt, Literatur ist mehr Verschweigen als Sagen. Und so vieles schreibt man nur auf, um es loszuwerden, zu vergessen, und mit etwas Glück kann man es am nächsten Tag selbst nicht mehr lesen.
Und was hat auch Hölderlin alles nicht geschrieben, was hat er nur aufs Papier geworfen und dem Blick verborgen, Heidelberg, wo mich der Wald weise der Schul entzog, die Stralen des Maitags, ernste Schiffe, das geschäfftige Wellenspiel, der vertriebene Wanderer, müßig und still, die zögernde Eil des Stroms …
Überall, wo wir hinschauen, schreibt es, unaufhaltsam und unbekümmert, was auf den Marktplatz taugt. Nach all dem poetischen Schwung kann man sich endlich wieder den Dingen des Alltags zuwenden, man kann über die Literatur sprechen wie über jeden beliebigen Gegenstand, man kann über Kulturpolitik, über Literaturverdrossenheit reden, oder man lässt die Ausreden sein und schweigt und überlässt sich dem Schreiben; den schreibenden Tieren bleibt es doch unergründlich, wie andere nicht diese Notwendigkeit verspüren, sich dieser geheimen Ordnung der Buchstaben ganz zu verschreiben –
Jetzt ist es aber wirklich genug, die Uhr schlägt schon wieder, der unendliche Verkehr rauscht auf der Landstraße, es ruft aus dem anderen Raum, – der letzte Schlag verhallt – mach den Abwasch, lösch die Lichter, wer weiß, was in dem Schlaf für Träume kommen mögen. Lass die Literatur Literatur sein und lebe.


