Die allerlängste Nacht. (7)

Oben stehen die Sterne, die Wäsche flattert leicht im Wind. Unten glitzert die Stadt. Der Himmel liegt einem zu Füßen, wenn man auf dem Kopf geht. Viele Sätze sind schöner, wenn man müde ist. Der Kosmos ist wunderbar gleichgültig, das ist vielleicht das Schöne an diesen klaren Nächten.

Wen kümmert die Literatur, sie ist nur das Abfallprodukt der Andacht des Schreibens, es kommt allein auf das Schreiben an, oder auf das Träumen, mehr noch: auf das Nichtschreiben. Die beste Literatur ist doch die nichtgeschriebene, die nur erträumte, die Verse der Tagträumer, der Hungerkünstler der Dichtung. In den geschliffenen Sätzen, die einem kurz vorm Einschlafen kommen, ist die Sprache ein Klang ganz tief in uns, mit einem schöneren, einem leichteren Leben erfüllt …

Und wie schwer gelangt man zu diesem leichteren Leben – mein Freund T., der immer Champagner bestellt, nicht, weil er Geld hat, sondern weil er keines hat, und er jagt dem hinterher, im zerschlissenen Sakko, mit der Leidenschaft der Akademiker für eine vielleicht verlorene Sache, die glüht in seinen Augen, und wofür soll man kämpfen, wenn nicht für verlorene Dinge, und natürlich schreibt er auch, abgründig, wie alle Akademiker schreiben, verzagt, heimlich, denn sonst wäre man ja nur ein Koch, der Rezepte studiert, ohne zu kochen, ohne zu essen …

Aber es sind ja so viele, dass ich sie kaum alle nennen kann. B., die zwischen Diagrammen, Grafiken und Meetings den weißen Bildschirm mit Träumen aus Buchstaben füllt, die versucht, das Poetische zu bewahren, für sich, für ihren Sohn, für die blinde Welt, weil sie etwas zu sagen hat, weil sie zu denen gehört, die das spüren, die eine Haut haben, die um jenen entscheidenden Grad durchlässiger ist …

Oder Y. die Märchen schreibt und Verse, die nachhallen wie aus einer anderen Welt, oder L. der nichts liest, der nie gerne gelesen hat, der sein Leben auf den Äckern verbringt, in den Gewächshäusern, und doch ist er einer von dem Dutzend, das den Versen lauscht, und er trägt sie mit sich herum, und weiß gar nicht warum oder wozu, und sie kommen ihm in den Sinn, wenn die Erde in der Hand zerkrümelt …

Jede Handschrift ist eine Leidenschaft, denkt T. in seiner Mansarde, gewaltig die Großbuchstaben, römisch ins Papier gemeißelt, kleine Monumente; dagegen die kleinen Buchstaben, karolingisch dahingehuscht, ineinander verschlungen, die Worte am Ende ein zum Himmel fliegender Strich; die Hand muss nicht alles ausschreiben, wie auch die Literatur vieles nur andeuten will, weil darin alles liegt, Literatur ist mehr Verschweigen als Sagen. Und so vieles schreibt man nur auf, um es loszuwerden, zu vergessen, und mit etwas Glück kann man es am nächsten Tag selbst nicht mehr lesen.

Und was hat auch Hölderlin alles nicht geschrieben, was hat er nur aufs Papier geworfen und dem Blick verborgen, Heidelberg, wo mich der Wald weise der Schul entzog, die Stralen des Maitags, ernste Schiffe, das geschäfftige Wellenspiel, der vertriebene Wanderer, müßig und still, die zögernde Eil des Stroms …

Überall, wo wir hinschauen, schreibt es, unaufhaltsam und unbekümmert, was auf den Marktplatz taugt. Nach all dem poetischen Schwung kann man sich endlich wieder den Dingen des Alltags zuwenden, man kann über die Literatur sprechen wie über jeden beliebigen Gegenstand, man kann über Kulturpolitik, über Literaturverdrossenheit reden, oder man lässt die Ausreden sein und schweigt und überlässt sich dem Schreiben; den schreibenden Tieren bleibt es doch unergründlich, wie andere nicht diese Notwendigkeit verspüren, sich dieser geheimen Ordnung der Buchstaben ganz zu verschreiben –

Jetzt ist es aber wirklich genug, die Uhr schlägt schon wieder, der unendliche Verkehr rauscht auf der Landstraße, es ruft aus dem anderen Raum, – der letzte Schlag verhallt – mach den Abwasch, lösch die Lichter, wer weiß, was in dem Schlaf für Träume kommen mögen. Lass die Literatur Literatur sein und lebe.

Die allerlängste Nacht. (6)

Es gibt nur stille Zeit und laute Zeit. Eine Stunde kann erfüllt stillstehen oder untergehen im Lärm. Ich versuche M. meine Theorie näher zu bringen, aber sie scheint jetzt keinen Sinn dafür zu haben und schickt mich einkaufen. So laufe ich wieder durch die Gassen und halte Ausschau nach meinem Moby Dick. Gleichzeitig kralle ich in der Hand eines meiner Blätter und kritzle halb blind drauf los, wie die anderen mit dem Taschentelefon.

Ich kenne einen alten Mann, ein großer Liebhaber und Sammler der Literatur, der schreiben will, und an dem das schlechte Gewissen nagt, dass er nicht schreibt, obwohl es so vieles zu schreiben gäbe, bevor es zu spät ist. Und all die Bücher, die es zu lesen gibt, ihm wird schwindlig in Bibliotheken und Buchhandlungen. Wer soll das alles lesen, des Büchermachens ist kein Ende …

Glück ist nicht die Abwesenheit von Sorgen, notiert er sich, sondern wenn eine einzige Sorge alle anderen verdrängt. Und diese eine Sorge versetzt uns in ein Schweben, das mit dem übereinstimmt, was wir Glück nennen. – So ist sein größtes Glück die Sorge, ob er dieses eine Buch noch wird vollenden können.

Oder L., der Vater von dreien, der nach acht Stunden Arbeit und Kochen und Geschirr und Vorlesen in der tiefen Stille der Nacht, in der Ferne fährt ein Zug, eine Sirene heult, der im blauen Licht des Laptops da sitzt, auf dem Sofa, und man müßte das Wohnzimmer mal wieder aufräumen, der da sitzt inmitten der Unordnung, und der in der Stille noch etwas erschaffen will, der an seinem Roman festhält, mit Verzweiflung, aber auch mit Zärtlichkeit, der ihn weitertreibt und sich entwickeln lässt, ehe der Wecker wieder klingelt, für die acht Stunden Arbeit, für das Broteschmieren, die Schule und und und, doch nebenbei spinnt sich auch der Faden weiter.

Und eigentlich ist die Kleine schon zu müde, um zuzuhören, aber das braucht sie gar nicht, die Stimme genügt, die Worte kennt sie auswendig, auch im Halbschlaf geht die Erzählung weiter und wird leichter und bunter, und zum Geburtstag bekommt sie bestimmt den neuen Band und dann wird sie den gleich lesen und wieder lesen und sich vorlesen lassen, und hoffentlich kommt immer ein neuer Band, sie wird immer wissen wollen, wie es weiter geht und was als nächstes passiert, und wenn es einmal keinen neuen Band gibt, wird sie ihn eben selbst schreiben, denn dazu hat sie viele Ideen und überhaupt sind ihre Aufsätze immer gut, und sie soll sie der Klasse vorlesen, und –

Oder mein Freund K., der Philosoph mit der runden Brille, der dem Zusammenhang von Literatur und Philosophie nachdenkt; eine Frage, die vielleicht nur philosophisch oder literarisch zu entscheiden wäre, mehr dem Wort oder mehr dem Gedanken nach: zwei Seiten einer Medaille, Idee und Gestalt, Gedanke und Wort, Konzept und Klang. Und er schreibt Sätze wie Balken für ein gewaltiges Gebäude in die Nacht hinein.

Zurück zu der Beharrlichkeit, mit der mein Freund W. auf der Existenz als Dichter pocht, in all der grandiosen Einsamkeit, niemals ohne Buch, nie ohne Zigarette, so lebt er hin zwischen den Büchern, ein Nachspüren und Erhaschen im Antiquariat, das fieberhafte Blättern, lange Nächte von Buchstaben gebannt. Der Traum vom großen Roman, die Vorbilder magisch und unerreichbar, ganz nahe, so fern sie auch sein mögen. Seine nie erlöschende Leidenschaft für die Herrschaft des Wortes in der Welt.

Und wenn er liest, spürt meine Freundin A. im Publikum dieses leise Kribbeln im Bauch, sodass sie erschrickt, und das Wort greift in sie hinein, ein kleiner Schauer, ein Lächeln, dass ihre Wangen rot werden, es hat sie fortgetragen, und sie weiß selbst nicht, wohin, doch es war ein leichterer Ort, nur eine klitzekleine Verschiebung der Beleuchtung, ein wärmeres Licht, und vielleicht muss man nicht neidisch sein darauf, was andere hervorbringen, und muss nicht mißtrauisch prüfen, ob beglaubigt ist, was sie schreiben.

Die allerlängste Nacht. (5)

Meine Bücher in der Stadt zu verteilen, war vielleicht doch keine gute Idee. In meinen Moby Dick habe ich mit Bleistift einen halben Roman hineingeschrieben, der jetzt vielleicht für immer verloren ist. Ich jage durch die Gassen, irgendwo in der Nähe der Heiliggeistkirche habe ich das Buch hingelegt, ein Dünndruckband in einem weißen Umschlag. Wem es durch die Hände treibt, der möge es bitte abliefern am Haus am Hang …

Mein Kollege T. sitzt in der Mansarde über einem Manuskript, mit etwas Pech singen unten die Burschenschaftler, er sieht wieder hinab auf die Zeichen, die es zu entziffern gilt, die sich ihm verwehren, und langsam enthüllt sich ihm ein Wort, dann der Satz, und das Blatt glüht und seine lesende Hand sammelt auf, was jemand hinterlassen hat, vielleicht ganz ohne Hoffnung, dass es mal jemand liest. Und ist er einmal gelesen, ist er ganz in der Welt, dieser lang verlorene Vers …

Unten auf dem Marktplatz sieht man wieder W., der blickt in den schwarzen Abgrund seines Kaffes und trinkt den Mut, der darin liegt, und kühner werden die Gedanken und die Worte tropfen ins Notizbuch, einsam erst, wie kleine Inseln von Tinte, dann verbinden sie sich, Kontinente wachsen und es entsteht eine Welt, bevölkert mit fremdartigen Wesen, und da sieht er auf die Uhr, trinkt aus und macht sich auf den Weg. Auf der anderen Straßenseite grüßt der beste aller Verleger, der nichts verlegt, der selbst ein Stück Dichtung ist, die beste, ungeschriebene.

Im Flur der Akademie sieht gerade meine Freundin A. ein letztes Mal in den Spiegel, atmet laut aus und wieder tief ein. Dann steht sie schon vorne am Pult und trägt vor. Sie verliert sich ganz im Reden, die Nervosität ist weg, sie folgt den eigenen Worten und sie spürt das Publikum lächeln, ein goldenes Gefühl kommt auf und alles, was zählt, ist die Literatur, und darüber zu sprechen, denn darin liegt das eigentliche Leben, dessen ist sie sich jetzt sicher.

Nicht weit entfernt blickt mein Buchhändler von den Zahlen auf. Über den Rand der Brille hinweg sieht er die Studentin, beim Regal in ein Buch vertieft. Sie wird das Buch nicht kaufen, es ist eines dieser prächtigen Bücher, ein Kunstwerk, unerschwinglich, was macht das schon, sie wird noch viele Bücher in ihrem Leben lesen, vielleicht gerade wegen dieses einen Buchs. Die Zahlen sind geduldig, und drüben klaut der ewige Bücherdieb W. wieder Verse, und soll er doch, es sind schmale, unverkäufliche Bände, die nur Staub ansetzen …

Oder meine Professorin F., den Blick zum Bergschloss gerichtet, mutlos, denn was soll man noch schreiben, wenn so große Geister schon so Großes geschrieben haben? Nichts als Anmaßung, da noch etwas hinzufügen zu wollen. Und es sind noch Hausarbeiten zu korrigieren, die Lehrplankonferenz, und dann die Sprechstunde, wo der junge Dichter wieder auftauchen wird, um über Lyrik zu sprechen, obwohl die Gedichte vielleicht wirklich gut sind, aber was nutzen gute Gedichte, wenn es doch nicht die ganz großen sind …

Und anderswo zählt A. ängstlich die Wörter und die Zeichen (jetzt schon 14.526), den Ertrag des Tages, an dem die anderen doch bestimmt viel mehr geschrieben haben, ihnen steht der Durchbruch vielleicht unmittelbar bevor, wenn man doch nur selbst mehr Zeit hätte, mehr Konzentration, mehr Geduld, man könnte etwas Großes schaffen, die Unmöglichkeit des Schreibens und der Drang, es dennoch zu tun, halten sich die Waage –