Noch einmal finden wir uns am Tisch wieder. Alle Gesichter sind schön im Schein der Kerzen, aber M. ist zum Sterben schön. Nun ist es an C. vorzulesen, doch C. ist bekanntlich stumm. Sie schlägt das große Buch auf, wir rücken eng zusammen. Still lesen wir gemeinsam, und ich höre C. in mir, wo doch niemand je ihre Stimme gehört hat:
„Dann ist endlich der Morgen des 24. Dezember da, Heiligabend steht bevor. Heute verschwinden alle Rechnungen, dem Blick des Briefträgers entgeht nichts, jede Gemeinheit wird gleich aussortiert. Der Postbote findet im Gegenzug jedes Jahr an diesem Tag kleine Geschenke vor den Türen, Schokolade, Kuverts mit Geld, Sekt und Wein. Er macht sich in der Morgendämmerung auf den Weg, über Nacht ist Schnee gefallen, der weiße Nebel liegt noch in den Hügeln, es ist viel zu tun heute. So fliegt er die Wege lang.
Irgendwann schlägt auch der Bärtige die Augen auf, er hat gut geträumt, der weiße Hund schläft noch, alle Viere von sich gestreckt. Ein Brief liegt am Fußende des Schlafsacks. Es ist ein blaues Kuvert. Eine Weile dreht er den Brief in den Händen hin und her. Er steckt ihn in die Manteltasche, als könne er ihn dadurch verschwinden lassen. Mit klammen Fingern öffnet er den Reißverschluss und sieht nach draußen in die Dämmerung. Es hat geschneit, der Schnee liegt unberührt da. Nicht eine Spur zu sehen.
Das Kalenderblatt segelt auf den dunklen Küchenboden. Heute kann der Alte endlich das Geschenk für den Postboten hinstellen. Den Wein hat er schon hervorgeholt. Zögerlich greift die Morgendämmerung durchs Fenster. Er blättert ein wenig in der Zeitung von gestern, nippt am Kaffee. Als all dem Genüge getan ist, legt er den Mantel um und steigt langsam die Treppe hinunter. Plötzlich wird dem Alten schwarz vor Augen, die Flasche fällt ihm aus der Hand.
Es hat wieder angefangen zu schneien, der Schnee fällt jetzt dichter und dichter. Wer kann ihm geschrieben haben, wer könnte Worte an ihn verschwenden. Sogar im Nirgendwo ist man nicht ganz sicher. Der Hund kaut auf seinem Knochen herum. Der Bärtige zögert noch kurz, dann streift er die Handschuhe ab, streicht noch einmal durch das warme Fell des Hundes, ehe er den Brief aus der Manteltasche holt und mit geschlossenen Augen aufreißt.
Etwas hebt den Alten auf, ein Schatten hinter geschlossenen Lidern; es ist ihm, als könnte er die Gasse zum Fluss hinabschweben, wo der Nebel wie in Daunen liegt. Nah sind die Lichter der Stadt, der Fluss schäumt, kleine Tropfen Gischt spürt er auf den Wangen, aber wie das Licht der Sonne. Das Schiff schwankt unter ihm, gleichmäßig wie ein Wiegen. Und Schnee legt sich wie ein Umhang auf seine Schultern, oder es sind die Hände des Postboten, denkt er, als er das Lächeln schon erwidert.“
– FINIS –

