Ankommen. (4)

Noch einmal finden wir uns am Tisch wieder. Alle Gesichter sind schön im Schein der Kerzen, aber M. ist zum Sterben schön. Nun ist es an C. vorzulesen, doch C. ist bekanntlich stumm. Sie schlägt das große Buch auf, wir rücken eng zusammen. Still lesen wir gemeinsam, und ich höre C. in mir, wo doch niemand je ihre Stimme gehört hat:

„Dann ist endlich der Morgen des 24. Dezember da, Heiligabend steht bevor. Heute verschwinden alle Rechnungen, dem Blick des Briefträgers entgeht nichts, jede Gemeinheit wird gleich aussortiert. Der Postbote findet im Gegenzug jedes Jahr an diesem Tag kleine Geschenke vor den Türen, Schokolade, Kuverts mit Geld, Sekt und Wein. Er macht sich in der Morgendämmerung auf den Weg, über Nacht ist Schnee gefallen, der weiße Nebel liegt noch in den Hügeln, es ist viel zu tun heute. So fliegt er die Wege lang.

Irgendwann schlägt auch der Bärtige die Augen auf, er hat gut geträumt, der weiße Hund schläft noch, alle Viere von sich gestreckt. Ein Brief liegt am Fußende des Schlafsacks. Es ist ein blaues Kuvert. Eine Weile dreht er den Brief in den Händen hin und her. Er steckt ihn in die Manteltasche, als könne er ihn dadurch verschwinden lassen. Mit klammen Fingern öffnet er den Reißverschluss und sieht nach draußen in die Dämmerung. Es hat geschneit, der Schnee liegt unberührt da. Nicht eine Spur zu sehen.

Das Kalenderblatt segelt auf den dunklen Küchenboden. Heute kann der Alte endlich das Geschenk für den Postboten hinstellen. Den Wein hat er schon hervorgeholt. Zögerlich greift die Morgendämmerung durchs Fenster. Er blättert ein wenig in der Zeitung von gestern, nippt am Kaffee. Als all dem Genüge getan ist, legt er den Mantel um und steigt langsam die Treppe hinunter. Plötzlich wird dem Alten schwarz vor Augen, die Flasche fällt ihm aus der Hand.

Es hat wieder angefangen zu schneien, der Schnee fällt jetzt dichter und dichter. Wer kann ihm geschrieben haben, wer könnte Worte an ihn verschwenden. Sogar im Nirgendwo ist man nicht ganz sicher. Der Hund kaut auf seinem Knochen herum. Der Bärtige zögert noch kurz, dann streift er die Handschuhe ab, streicht noch einmal durch das warme Fell des Hundes, ehe er den Brief aus der Manteltasche holt und mit geschlossenen Augen aufreißt.

Etwas hebt den Alten auf, ein Schatten hinter geschlossenen Lidern; es ist ihm, als könnte er die Gasse zum Fluss hinabschweben, wo der Nebel wie in Daunen liegt. Nah sind die Lichter der Stadt, der Fluss schäumt, kleine Tropfen Gischt spürt er auf den Wangen, aber wie das Licht der Sonne. Das Schiff schwankt unter ihm, gleichmäßig wie ein Wiegen. Und Schnee legt sich wie ein Umhang auf seine Schultern, oder es sind die Hände des Postboten, denkt er, als er das Lächeln schon erwidert.“

– FINIS –

Ankommen. (3)

Nun ist es schon an mir, das grüne Buch liegt schwer in den Händen; wir sitzen alle zusammen, auf dem Tisch flackern die Flammen, L. schenkt ein, brombeerblau ist der Himmel, ich nehme einen Schluck und beginne:

„Jetzt da die Baumkronen kahl sind, kann der Bärtige die erleuchteten Fenster der Villen sehen. Er krault seinen Hund. Mit klammen Fingern fegt er pulvrigen Schnee vom Zelt. Es ist sein erster Winter hier oben. Er ist gerne allein, in den Unterkünften in der Stadt ist er nicht klargekommen. Vielleicht kann er hier erst einmal bleiben, ihn hat wenigstens noch keiner vertrieben und die anderen, die ein wenig weiter unten sind, auch nicht. Den Bärtigen hat es schon schlimmer getroffen gehabt. Jetzt hat er sogar einen Feldstecher. Er schaut damit durch den lichten Wald. Ein alter Mann steht am Fenster und sieht zum Fluss hinunter. Der Postbote fliegt den Hang hinauf.

Es beginnt zu schneien. Besser, wenn er sich gleich am Morgen etwas zu essen besorgt. Weniger Menschen in den Straßen. Im Weihnachtstrubel ist es einfach, Dinge zu organisieren. Er schnürt den Rucksack, pfeift seinen Hund herbei und beginnt den Abstieg. Er hält sich an Ästen und Wurzeln fest, um auf dem Weg nicht zu fallen. Er würde glatt erfrieren, wenn er sich was bricht. Niemand weiß, dass er hier ist. Und das gefällt ihm so. Es ist besser, verschwunden zu sein, als von allen schikaniert zu werden. Der Bärtige braucht niemanden und niemand braucht ihn.

Wenn ihn jemand fragen würde, wie es ihn hierher verschlagen hat, könnte er das kaum beantworten. Man hat ihn fortgejagt und vergessen. Sein Bart ist klamm. War schon als kleiner Junge lieber im Wald. Aus der Schreinerei haben sie ihn auch gleich wieder rausgeworfen. Jetzt schnitzt er manchmal Knochen aus Holz für den Hund. Für Weihnachten einen besonders großen. Manchmal muss er noch hinunter in die Stadt, Pfandflaschen sammeln. Aber am liebsten sitzt er in seinem Zelt. Es hat schon Schlimmeres gegeben.

Der Postbote eilt ihm entgegen. Sie treffen sich zu gewohnter Zeit an der Kreuzung, wo es in den Wald geht. Der Briefträger veranstaltet kleine Kunststücke mit dem Hund, der sonst doch immer macht, was er will. Dem Briefträger aber gehorcht er aufs Wort. Es hat schon schlimmere Hunde gegeben. Sie lachen und scherzen, bis sie aufgeraucht haben. Der Postbote zieht weiter, die Hände voller Kuverts. Zweimal muss der Bärtige seinem Hund pfeifen, dann schultert er den Rucksack und wandert weiter hinab.“

Ankommen (4).

Ankommen. (2)

M. hat sich das letzte Mal etwas hinreißen lassen und hat länger gelesen, als sie sollte. Einen Sonntag später sitzen wir wieder am Tisch, der Himmel ist eine saftige, blaue Traube; nachdenklich zeichnet C. Linien in den Puderzucker auf ihrem Teller; M. zündet die Kerzen an, L. beginnt mit kratziger Stimme zu lesen:

„Briefträger wollte er nie werden, doch sein Vater hat ihn damit in die Welt hinausgeschickt. Die Kappe tief in die Stirn gezogen, fliegen die Schuhe mit den zerschlissenen Sohlen über den Asphalt, vor ihm der gelbe Karren. Durch die Gassen, am Ufer entlang, den Hügel hoch. Die Menschen laufen ihm entgegen mit ausgestreckten Händen; nichts, was er trägt, ist für ihn selbst bestimmt. Die Hunde schlagen schon von weitem an, sie haben das Gelb längst gewittert, wenn er am Tor steht. Doch ein Wink mit dem Finger und sie winseln und liegen auf dem Boden, bieten ihm den Bauch dar. Dann ist der Briefträger ganz zufrieden mit seinem Dasein.

Der Mensch wartet sein Leben lang auf Nachricht. Selbst wenn es schlechte Neuigkeiten sind, will er sie unbedingt erfahren. Ungewißheit kann er nicht ertragen. Unterschiedslos wirft der Briefträger also Mahnungen, Grüße und Reklame ein, kleine Päckchen mit Büchern und Pralinen. Er weiß immer ein wenig früher, was die Menschen in ihrem Postkasten erwartet als die Empfänger selbst. Die Menschen wohnen und warten auf Nachricht. Von seinem Vater hat der Bote gelernt, dass das Warten auf erlösende Nachrichten vergebens ist, und doch halten alle daran fest, dass etwas geschehen wird, was alles wendet oder das Schlechte wenigstens vergessen macht.

Diese Hoffnung ist es vielleicht, die alle freundlich zu dem Briefträger sein lässt. Manche sieht er schon am Fenster stehen, andere stürzen auf der Straße auf ihn zu und nehmen ihm lächelnd die Briefe aus der Hand. Sie scherzen und fühlen in dem Moment, dass sie nicht alleine sind auf der Welt. Man nimmt Sendungen für den Nachbar in Empfang, die gerade noch rechtzeitig zum Fest eingetroffen sind, Pakete stehen wie Geschenke aus dem Nichts vor der Tür. Dafür fliegt der Postbote jeden Morgen wieder über den Asphalt.“

Ankommen (3).