Finis.

Still reitet der Schrat, er reitet auf dem First unter den Sternen. Mein Freund L., seine Frau und M. sitzen erwartungsfroh an der Tafel. Die Küche ist erfüllt vom Duft, vom Lachen nebenan. Ich koche seit Stunden. Diese Tage gehören der Erinnerung: Das Erbe des Onkels, die Hütte im Wald, das Scheitern der Fähre, die langen Wanderungen, L. kommt an, dann C., der Schabernack des Waldes mit den Eseln. Die Zeiten selbst sind alt geworden. An einer Schnur im Fensterbogen aufgereiht Grüße aus der Ferne. Dahinter dampfen die Hügel. Man hört Hurra, herrenlose Korken. Ein verlorenes, dahingerafftes, verwischtes Jahr, das dem Ende entgegenflieht. Niemand wird auflesen, was sich in den Zeilen hier verliert.

Vom Fenster her fühle ich die Bewegung, Wind dringt ein, Krächzen fällt von den Wipfeln. Der Schrat spaziert auf und ab. Dann auch Schritte auf dem Parkett, dass sich die Balken biegen. Tanzen und Singen. Es gibt keinen Grund, poetisch zu werden, ist die letzte Ausflucht vor der Prosa des Tags, der sich hinab geneigt hat. Mein Geist ist mürbe geworden und müde meine Glieder, und noch ein Halleluja und die himmlischen Scharen und wieder das Feuerwerk bestaunen. Und die glänzenden Augen, und bunte Finsternis. Schon mischt sich meine Stimme in das Durcheinander, und L. bringt einen Toast aus, M. zündet Kerze um Kerze an.

Morgens dann hat der Frost die Dächer getüncht mit Firnis. Der Schrat ist lang im Wald verschwunden. Es hat doch keine Eile, möchte man ins Tal rufen. Aber die Sonne steigt, leuchtet alle Winkel aus, rot stemmen sich Dächer in den wilden Himmel, der Wind trägt das Rauschen des Flusses herauf. Und alles ist vorweggenommen, was kommen mag, man wird sich wappnen und verwundet werden, was kommen mag unter der Sonne, es wird auf alle scheinen, die störrisch den Schädel hinhalten. Es gibt eine Zeit für alles: L. und C. machen sich auf den Weg, um wieder in ihre Heimat zu finden. Es ist ein langer Abschied, der uns zurücklässt mit allen Fragen offen. Schon zieht der Wind schärfer durch die verwaiste Hütte, die Käfer kriechen tiefer in ihre Ritzen. Es ist nicht lange, dass der Vorhang der Wolken fällt, Schnee wirbelt.

Ernte.

Die Esel scheuen ohne Grund. Sie blicken auf zum Waldrand und schütteln die Köpfe. Nachts dringt ihr Schreien von der Wiese den Hang hinunter, dass es ins Mark schneidet. Der eine Esel ist lohfarben, der andere isabell, sie beide aber scheinen die Farbe langsam zu wechseln. Der eine wird immer dunkler, der andere heller, ihr Fell struppig, die Augen wild. Jeden Morgen sind sie erschöpfter. Überhaupt ist vieles merkwürdig: Laub und Zweige bilden Figuren am Boden, die kaum zufällig sein können, Dinge verschwinden und tauchen an seltsamen Orten wieder auf. Mein Freund L. setzt sich nachts mit der Flinte in den Baum und hält Wache; doch bald packt ihn der Schlaf, und das Bild am Morgen ist wüster denn je.

Also steige ich auf den Turm der Kirche, berate ich mich in der Dämmerung mit den Dämonen. Der Löwe zankt ein wenig mit den Zentauren, dann sind sich alle einig: Ein Waldschrat treibt sein Unwesen. Der Faun prahlt mit seinem Wissen, er doziert auf der Brüstung balancierend: »Er hat seinen Scherz mit den Eseln, reitet nachts auf ihrem Rücken. Das ist die Art des Waldschrats, sich zu rächen, dass er missachtet wird. Mein Herr, Sie pflücken daher den schönsten Apfel am Baum, die prächtigsten Nüsse, die prallste Birne und duftende Quitten, und Sie richten all das bitte dem Schrat hin. Es ist ja bekannt: Ein Schrat klettert nicht gerne selbst auf Bäume. Es sind kleine, braune Wesen, ganz in Moos gehüllt zu dieser Jahreszeit, und sie sind etwas bequem. Sie lauschen und beobachten gerne und legen das Gesicht dazu in Falten wie die Rinde alter Bäume. Gute Taten vergelten sie, ihren Zorn sollte man aber nicht reizen.«

Noch spät in der Nacht, etwas schwankend nach dem vielen Schnaps, mache ich mich im Mondlicht an die Arbeit. Die Früchte und etwas Wein liegen in einer Schale bereit, als ich endlich ins Bett falle. Von lautem Rufen werde ich bald geweckt: Die Esel sehen gestriegelt aus, selbst die Hufe blank poliert. Die Wege sind vom Laub befreit. Unter der Eiche finden wir auf einem Bett aus Moos einen silbernen Löffel, ein paar Schrauben, einen Kamm und Kleinigkeiten mehr, die abhanden gekommen waren. Die Hauptsache aber ist ein kleiner Laib Brot. Der Faun hatte mir eingeschärft, solche Gaben auf keinen Fall zu verschmähen. Etwas zögerlich nimmt jeder einen Bissen in die Hand: Es schmeckt nach Erde und Tanne, wie das hilflose Glück, das wir empfinden, wenn das Gute geschieht, und uns mit Angst und Frieden erfüllt.

Spätsommer.

Wir sind gerade mitten im Gewitter: Der Donner wirft sich wild hin und her im Tal, Blitze und Wind wirbeln den Himmel durcheinander, als wolle der Sturm die Bühne ganz für sich haben. Die Vorstellung aber wird jäh durch Klingeln an der Tür unterbrochen: Endlich hat die Frau unseres Freundes, C., den Weg gefunden. Sie ist gleich unverkennbar. Entschuldigend sieht sie uns an, Fluten rinnen vom Mantel auf die Stufen. Auch L. hat sie schon erspäht, eilt durch Regen und Hagel den Hang hinab. Wir trocknen das stille Glück am Ofen. Sie ist stumm, was praktisch ist, da muss man keinen Dialog erfinden für Dinge, die unaussprechlich sind.

Der Morgen dann ist reingewaschen. Man kann bekanntlich nicht jahrlang im Moos liegen. Also gehe ich hinüber, die Dinge der Stadt zu tun. Unter den Menschen ist man im Grunde unsichtbar. Hier weicht einem jeder Blick aus, man geht an den Augen der anderen ohne Widerstand vorbei. Du könntest direkt im Kopfsteinpflaster verschwinden, ohne Argwohn zu erregen. Ich treffe C., wir müssen zum Amt, ihre Existenz bestätigen, was nach misstrauischen, aber gleichgültigen Fragen, Stempeln, Unterschriften, Versicherungen und Bezeugungen schließlich gelingt. Lächelnd und fast ein wenig zärtlich trägt sie die Papiere im Arm.

Ich begleite ihr neu gewonnenes Dasein zurück zur Hütte, die mein Freund im Wald bewohnt. Hier dreht sich jeder Schnabel und jede Schnauze nach dir um, es ruft und warnt und huscht und schimpft. Sie freuen sich über die Papiere und reichen einander feierlich die Hände. Ich klopfe den Staub von der Hose und lasse die beiden alleine. Die Kiefern schreien. Es riecht nach Harz. Mein Weg endet unversehens auf einer Lichtung. Im Schatten unter einer Kastanie verschwinde ich, die Hitze macht mich überflüssig. Ich gebe mich geschlagen und schließe die Augen, Licht flimmert durch die Lider: Jemand bringt die Sonne zum Stehen und füttert sie mit Speck und Maden.