Prag

Meine Reise und damit auch die ganze Katzencafé-Schmach nähert sich dem Ende. Ich sitze in einem Zug nach Dresden. Gerade ein erstmaliges Erlebnis: Alle steigen gerade ein, ein Dude steht im Gang und spielt sehr laut auf seinem Handy eine Telefonkonferenz ab. Den Leuten kann auch einfach keiner mehr helfen.

Jetzt aber zum Katzencafé Prag, genauer gesagt, eins von den Katzencafés in Prag. Oberflächliche Internet-Recherchen ergeben, dass es drei seien, aber mir ist es inzwischen egal, ich betreibe nur noch Dienst nach Vorschrift und auch das verlangt schon Opfer. Das „Cat Café Prague“ rühmt sich eines einzigartigen Konzepts, naja, stimmt so nicht, aber immerhin: Hier bezahlt man nicht für die Getränke, sondern die im Café verbrachte Zeit. 150 tschechische Kronen, was ungefähr sechs Euro entspricht. Dafür, zum selber nehmen, Soviel Kaffee, Tee und (langweilige) Kekse wie man will. Sechs Euro klingt erstmal moderat, ist aber für tschechische Verhältnisse nicht ganz so wenig, dementsprechend (oder aus anderen Gründen) ist das Café ziemlich leer. Meine Chance auf Katzenkontakt sind so groß wie nie. Das Café ist auch nicht wie ein Café eingerichtet, sondern eher wie ein großes Wohnzimmer. Sie bieten (billige) IKEA-Möbel, Sofas, Bodenbelag Teppich (man muss sich die Schuhe ausziehen, gute Sache!), Brettspiele und einen großen TV-Bildschirm auf dem gerade Simons Cat läuft (Warum auch nicht?). Katzen laufen umher.

Das gefällt mir alles erstmal gut. Ich setze mich auf eins der Sofas und lese mein Buch. Das ist und bleibt meine Strategie, ich präsentiere mich als Person, die sich mit sich selbst beschäftigen kann, unabhängig von Bestätigung durch Katzen. Jetzt, so am Ende meiner Forschungsreise, kann ich aber sagen, das bringt halt auch nichts. Zum ersten Mal jedenfalls versuche ich in Prag aktiv eine Katze für mich zu interessieren: Sie haben da so eine niedliche graue Tigerkatze. Die maunzte und rannte mit so einem Bimmel-Spielzeug durch das Wohnzimmer. Es wirkte so, als wollte sie zwei andere Gästinnen, die gerade nicht im Raum waren, dazu auffordern, mit ihr zu spielen, was die aber nicht taten. Na, vielleicht begnügt sie sich mit mir, denke ich und wedele ein bisschen mit dem Spielzeug vor ihr herum, was die Katze aber ignoriert. Die beiden anderen Gästinnen, zwei junge Gruftie-Damen, kommen zurück, setzen sich auf ein anderes Sofa und die Tigerkatze springt ihnen sofort auf den Schoß. So gedemütigt habe ich mich lange nicht gefühlt, blanker Neid auf die beiden mir vorgezogenen Frauen steigt ihn mir auf. Ein altes, unangenehmes Gefühl.

Naja, dafür ist Prag sonst spektakulär, bekanntermaßen. Ich schleppe mich einmal zur Burg hoch und laufe durch die Goldene Gasse (die ich schöner in Erinnerung hatte) und finde alles toll. Aber da bin ich nicht die einzige. Es ist ein Mittwoch im Oktober und trotzdem quillt die Stadt über mit Leuten. Es erinnert ungut an Venedig. Aber klar, hier wollen alle mal gewesen sein.

Wrocław III

Katzencafés sind mir nur noch eine Last. Aber die Sache wills und so schleppe ich mich auch noch zum „Kot Cafe Wrocław“. Es ist nicht weit weg von meinem Hotel und Wrocław bietet mir die einmalige Chance, zwei Katzencafés und ein Zoo-Café, das immerhin auch zwei Katzen bietet, empirisch zu auszuwerten. Einen solch hohen Katzencafé-Index kann ich nicht ignorieren.

Immer wieder auch hoffe ich, dass vielleicht dieses Mal eine Katze auf meinen Schoß kommt und vielleicht würden die Katze und ich sogar ein lustiges Selfie machen, was ich dann meinem Freund Markus schicken könnte. Träume, die Träume bleiben, ich nehme es vorweg.

Das Kot Cafe gefällt mir ziemlich gut. Ein Raum, acht oder neun Tische, schöner dunkler Holzfußboden, Tische aus hellem Holz mit dazu passenden Stühlen mit blauen Polstern. Ziemlich viele Gäste auf eher engem Raum und dazwischen einige Katzen, fünf oder sechs. Sie liegen auf den zwei Großen Kratz- und Kletterbäumen, auf der Fensterbank und unter den Tischen. Das ist für Katzencafés unüblich, dass die Katzen so zwischen den Gästen herumchillen. Ich frage mich, ob die Katzen keinen Rückzugsraum haben oder einfach locker drauf sind. Eine weitere Besonderheit (mag Zufall gewesen sein), solange ich mich dort aufhalte, wird ausschließlich leise Klaviermusik gespielt. Vielleicht entspannt das die Katzen?

Es sind schöne, proppere Katzen. Ja, jede Katze ist schön, das ist klar. Aber diese hier wirken fast ein bisschen gecastet, alle ziemlich groß und wohlgenährt (beleibe nicht dick), verschiedene Farbtöne und Muster, Orange, Schwarzweiß, Siam und natürlich getigert. Katzencafés sind nichts für Leute, die sich dringend wünschen, mit einer Katze zu kuscheln. Aber sie sind gut, wenn man sich mit Katzen auch in geringen Dosen verabreicht, wohlfühlt, und es einem ausreicht, mit ihnen in einem Raum sein.

Ansonsten hab ich von Wrocław etwas weniger gesehen, als ich gewollt hätte. Ich war die meiste Zeit ein wenig malad und hab mich viel im Bettchen aufgehalten. Ist ja auch mal okay, aber natürlich schon schade.

Wrocław II – Neue Horizonte

In Budapest noch gescheitert, in Wrocław jetzt der Durchbruch: Ich war im „Zoo Latte“, dem Zoo-Café von Wrocław. Das Zoo Latte hat vier Zimmer: einen großen, gleichermaßen schicken wie gemütlichen hellen Gastraum, große Fenster gemütliche Hängestühle und Kissen, eine Bar und einen Kaninchenstall. Dazu drei kleinere, hintere Zimmer, in denen sich die Terrarien des Cafés befinden.

Nachdem ich eingetreten bin, kommt die junge Kellnerin zu mir und erklärt, was mich so an Tieren alles erwartet und welche Verhaltensregeln gelten: Kaninchen („but still too young for interaction“), zwei Vogelspinnen, Echsen und zwei Katzen, die allerdings noch schlafen. Fotografieren ist erlaubt, aber bitte keinen Blitz und bitte nicht gegen die Terrarien klopfen. „No worries“, versuche ich die nette Frau zu beruhigen, ganz leicht gekränkt. Ich meine, ich bin doch kein Hooligan, natürlich hämmere ich nicht an Terrarien oder zupfe an den Katzen.

Ich setze mich in eins der Hinterzimmer, wo es zwei Terrarien mit jeweils einer Echse drin gibt. Echsen finde ich grundsätzlich unsympathisch, aber gleichzeitig ästhetisch. Sie sehen einfach geil aus. Echsen als Café-Tiere sind nach all den Katzen-Enttäuschungen eine beträchtliche Erleichterung. Es ist wesentlich weniger verletzend von einer Echse ignoriert zu werden als von einer Katze. Dadurch, dass niemand die Echse streicheln kann, entsteht unter den Cafégästen auch nicht diese demütigende Konkurrenz um die Gunst der Tiere. Ein gleichgültiges Nebeneinanderher und ganz klare win-win Situation für alle Beteiligten. Ich trinke einen Sojamilch-Cappuccino, lese mein Buch und ab und zu glotze ich ein wenig auf die Echsen. Die eine der beiden bewegt sich manchmal ein bisschen. Sie hat ein Schüsselchen mit Maden und irgendwann klettert sich dort hinein und schnappt sich eines der sich noch etwas windenden Würmchen.

Ich bin alles in allem zufrieden und gönne mir ein bisschen Überlegenheitsgefühl gegenüber Terrarienbesitzern (hier kann wohl getrost die männliche Form gewählt werden, Frauen haben keine Terrarieren oder?, Frauen haben Katzen?). Ist zwar intolerant, aber doch schon auch tatsächlich bisschen merkwürdig, sich so eine Echse zu halten? Die macht ja den ganzen Tag nichts, außer ab und zu nach einer Made zu schlecken. Ich richte mir also in vollem Bewusstsein eine Beziehungskonstellation ein, in der eine Glaswand einen echten phyischer Kontakt von vorneherein verhindert. Ist das nicht so ein bisschen das Haustieräquivalent dazu, einen lebenslänglichen Strafgefangenen zu heiraten? Klar, das birgt weniger Enttäuschungspotential, aber auch weniger Möglichkeit für Begegnung? Naja, das sind nur so ein paar Gedanken. Es liegt bestimmt an mir, dass ich es nicht ganz verstehe. Vielleicht macht es manche Leute einfach glücklich, wenn sie so eine Echse haben, ist ja egal, warum.

Wrocław

Das Katzencafé „Koton“ ist unspektakulär. Ein Raum, der Platz für nicht mehr als um die fünfzehn Gäst*innen bietet: Heller Laminatboden, teakfarbende Metallklapptische, dazu passende weiße Stühle. Die Wände sind rosa angemalt. Ein einheitliches Design, aber alles wirkt ein bisschen leer, nicht ganz fertig. Aber nicht, weil man gerade erst eingezogen, sondern einfach inneneinrichterisch nicht besonders ehrgeizig ist. Hinter der Theke hängt eine Regenbogenfarbe und auch das Personal wirkt vom Styling her nicht ganz unqueer. Ein Alleinstellungsmerkmal des Cafés konnte ich auch identifizieren. Das „Koton“ hat von allen Katzencafés, die ich bis jetzt besucht hab, als einziges keine „Schleuse“ zwischen Café-/Katzenraum und Straße. Man kann einfach so reinspazieren ohne jedwede Art von Vorräumen passieren zu müssen. Die Betreiber*innen scheinen keine Furcht zu haben, dass ihnen die Katzen ausbüchsen. Oder es ist ihnen egal. Die Anzahl der im Café anzutreffenden Katzen weist auf zweiteres hin, es sind nur drei. Aber es ist ja auch ein kleines Café.

Ústí nad Orlicí

Ústí nad Orlicí hat kein Katzencafé dafür aber andere Malaisen zu bieten. Ich hätte mich dort niemals freiwillig hinbegeben, aber wer mit dem Zug von Brno nach Wrocław fahren will, muss da umsteigen. Umsteigen in so kleinen Käffern birgt, theoretisch, jetzt auch mal praktisch, Problempotential. Deswegen hatte ich extra den Zug genommen, bei dem ich zwei Stunden auf den Anschlusszug warten musste und nicht nur vier Minuten, um auf jeden Fall genug Zeit zum Umsteigen zu haben. Nervig aber vernünftig, munterte ich mich auf.

Ich kam also um 10:23 Uhr in Usti an und fand es auch ganz reizend. Der Bahnhof, mitten im Niemandsland, links und rechts lauschige Wäldchen, es war kalt, aber die Sonne schien und ich unternahm einen kleinen Spaziergang zum Dörfchen und wieder zurück, sitze noch ein bisschen auf der Bank und lese. „Ach, die zwei Stunden hab ich jetzt aber gut rumgebracht“, sage ich dann fröhlich zu mir und begebe mich auf den angezeigten Bahnsteig. Und da geht das Unheil los: obwohl die Abfahrtszeit für den Zug nach Wrocław näher rückt, 12:27 Uhr, ich weiß das alles noch auswendig, weil traumatisiert, wird und wird der Zug nicht angezeigt. Gleichzeitig herrscht ein großes Hin- und Her und Chaos mit vielen Durchsagen, weil lauter Züge verspätet sind. Das Ärgerliche ist, dass ich jetzt nicht mehr zum Bahnhofsgebäude drei Gleise weiter laufen kann und fragen, weil es ja sein kann, dass jede Sekunde der Zug kommt. Ich treffe ein junges Pärchen aus England, die auf den selben Zug warten und auch besorgt sind. Irgendwann sind die aber weg. Und irgendwann kapiere ich, dass mein Zug von dem Gleis an dem ich stehe, aber viel weiter hinten schon abgefahren ist.

Was für ein Scheiß-Gefühl, Wut, Unglauben, Ärger. Es kann doch nun nicht sein, dass ich wirklich diesen Zug verpasst hab, auf den ich zwei Stunden lang gewartet hab. Nichts ist einfacher, als in einen Zug einzusteigen! Ich hätte einfach nur den anderen Leuten hinterher laufen müssen. Ja, es war ein bisschen kompliziert, es wurde nicht richtig angezeigt, but still. Ich laufe verzweifelt zum Fahrkartenschalter, klage der nur tschechisch sprechenden, aber sehr netten Bahnhofsfrau mein Leid und frage, wann der nächste Zug nach Wrocław fährt. Um 16.27 Uhr ist die Antwort und mein Ticket ist auch noch gültig, ich bekomme sogar für umsonst eine neue Platzreservierung. Es hätte also alles schlimmer kommen können, aber ich bin untröstlich. Jetzt muss ich noch mal vier Stunden warten, das ist unendlich. Und vor allem: Ich bin so sehr in meinem Traveller-Selbstbewusstsein erschüttert, dass ich mich frage, ob ich es denn beim nächsten Zug schaffen werde, in ihn einzusteigen.

Und vor allem, wie bringe ich denn jetzt die vier Stunden rum? Nochmal ins Dörfchen schlurfen will ich nicht, das war mit dem Gepäck schon anstrengend, ich bin ein bisschen außer Kräften, auch vor lauter Ärger und Gram. Auf Gleis zwei befindet sich im alten, jetzt ansonsten leerstehenden Bahnhofsgebäude eine Kneipe. Besser als nichts, aber diese Gaststätte ist leider nicht beheizt und wie mir jetzt auffällt, in der ganzen Aufregung hatte ichs nicht gemerkt, ich bin ganz durchgefroren. Es ist vielleicht so 10 Grad und ich war ja die ganze Zeit draußen und mir wars egal gewesen. Ich säße schließlich jetzt eigentlich längst im warmen Zug. Ich krame, zu meiner Wollstrickjacke und Jacke, noch meinen dicken Wollpulli aus dem Koffer. Aber mir wird nicht warm und verschwitzt bin ich außerdem. „In vier Stunden bin ich erfroren“, denke ich verzweifelt und sitze zitternd in der ungemütlichen Kneipe, deren nackter Beton auf dem Boden und an den Wänden die Temperatur noch mal fünf Grad kälter scheinen lassen.

Ich denke an Stalingrad. Frieren ist so traurig, finde ich. Wobei, kurz bevor man stirbt, wird einem ja wieder warm. Ein tröstliches Ende. Ich denke an diesen einen Stalingrad-Film, wo der Soldat, obwohl ihm seine Kollegen davon abraten, seinen Schuh auszieht und dann bleibt sein ganzer Fuß in dem Schuh hängen. „Maike, so schlecht dran wie dieser Soldat bist Du lange nicht“, muntere ich mich auf. Aber es will nicht ganz gelingen. Dabei habe ich ja recht. Ich habe noch beide Füße, es droht kein Gefangenenlager und das Schlimmste, was mir passieren kann, ist, dass ich in Ústí übernachten muss oder zurück nach Brno fahren. Was auch immer. Nicht gesundheitsgefährdend nur unangenehm.

Sogar Internet habe ich. „Zug verpassen, passiert auch mal Profis“ tröstet mich der befreundete Onkel aus Köln. Aber mich kann erstmal nichts aufheitern. Dann aber entdecke ich auf den Bänken der Schenke zwei graue Fliesdecken, in die ich mich von oben bis unten einwickele. Und trotz meines fortbestehenden Elends ist mir klar, dass ich mutmaßlich ein lustiges Bild abgebe. Ich esse eine Pizza und trinke einen Kaffee und dann noch einen Tee. Um die Zeit rumzukriegen, lese ich einen Krimi. Und langsam aber sicher wird mir wieder warm.

Naja, um diesen bereits deutlich zu langen Bericht abzukürzen, der Zug kam irgendwann und ich habe es auch geschafft, in ihm nach Wrocław zu fahren. Ende gut, alles gut. Aber heute Nacht bin ich ein paar Mal aufgewacht, und war jedesmal sehr, sehr froh, in einem warmen kuscheligen Bett zu liegen.

Bruno aus Brno

Ich frage mich, wieviele Brunos es ist Brno gibt. Bin aber zu faul, nachzugoogeln, ob Bruno überhaupt ein Name ist, der im tschechischen Sprachraum vorkommt. Bruno wäre jedenfalls ein Fan der tschechischen Rocketbeans und somit ein Bro aus Brno: Bruno, Brno, Bro. Das stünde so in seiner Insta-Bio. Zudem wäre Bruno ein Hobby-Reiter und hätte ein überschwängliches Pferd, was ihm öfter mal fast davon liefe und häufig kommunizierte er mit ihm in der Phrase „Br“. Bruno, Brno, Bro: „Br!“. Manchmal nehmen Bruno und sein Pferd an Dressurreitturnieren auf regionaler Ebene teil. Mann und Tier machen ihre Sache ganz gut, aber das Pferd ist vom Naturell her eben eigenwillig und deswegen reicht es meistens nur für die zweithöchste Wertung. In den Turnierberichten steht daher meistens zu lesen: Bruno, Brno, Bro, „Br“: B.

Ja, die Sequenz ist nicht ganz logisch, weil das „Br“ gehört ja nicht mit in den Bericht. Vielleicht ist es so, dass Bruno sein Pferd so oft zur Langsamkeit mahnen muss, dass halb Süd-Tschechien sich drüber lustig macht und das „Br“ schon Teil seines Rufnamens geworden ist. Br-Bruno, so nennen sie ihn hinter vorgehaltener Hand in der tschechischen Dressur-Szene, ein bisschen so, wie wenn andere Sportler nach ihren Signature-Moves „Eisenfaust-Mike“ oder „Bananenflanken-Manni“ (wir erinnern uns auch an Gerhard Schröder, dessen Fußballer-Name ja bekanntlich „Acker“ lautete) gerufen werden. Oder er heißt sogar „Br-Bro Bruno“, weil er eben nicht nur sein Pferd nicht ganz im Griff hat, sondern auch seine Mackerhaftigkeit recht oft durchscheint. Also ginge die Kette: Br-Bro Bruno, Brno: B. Die Reihe ist nicht perfekt (von der Logik her), aber das ist Bruno ja auch nicht.

Aber nun genug von Bruno und ein bisschen zu Brno. „Wie sind die Menschen drauf?“ und was gibts sonst Spannendes fragt mich die liebe Roswitha. Leider kann ich dazu gar nicht viel sagen. Die Menschen wirken überall, Polen, Ungarn, Tschechien, „ganz normal“ auf mich. Allerdings habe ich auch wenig Kontakt zu ihnen. Meine Tage verbringe ich, nachdem ich den obligatorischen Katzencafé-Besuch absolviert habe, mit Herumspazieren. Wenn ich es irgendwie schaffe, gehe ich ins Kino. Viel Zeit verbringe ich mit Lesen. Diesen Urlaub habe ich schon ungefähr fünf Bücher gelesen, es ist entspannend, ich hoffe, das ich das beibehalten werde. Eins davon übrigens, zum vielleicht vierten Mal: Den ersten Band von „Der Doktor und das liebe Vieh“. Warum auch immer, es wird nicht langweilig. Katzen kommen übrigens wenig vor, in den Berichten des Landtierarztes James Herriot, er hatte nichts gegen sie, war aber mehr ein Hundemensch.

Ein Teil von mir würde am liebsten nur noch im Hotelzimmer liegen und lesen und gar nicht mehr rausgehen. Aber leider tut mir das nicht gut, ich werde ganz ängstlich und fange an mich wegen jeder Kleinigkeit zu grämen und zu sorgen, in Ausmaßen, die nicht gesund sind. Das sind die Tücken des Alleinereisens, über die ich mich glaube ich bereits länglich ausließ. Die absolute Freiheit, die nicht immer so ganz einfach zu leben ist. Alleine sein ist toll, weil andere Leute immer so anstrengend sind (und ich auch), aber ohne geht es leider nicht.

Solange ich das Problem nicht gelöst kriege (und nichts deutet darauf hin), muss ich eben weiter alleine durch Brno spazieren, was allerdings auch wirklich Spaß macht. Brno ist, wie auch die Vorgänger-Etappen außerordentlich schön. Es finden sich hier sehr viele große alte Häuser in schönen Farben und einige Kirchen mit exquisiten Türmchen obendrauf. Zudem, und das ist ja wichtig, kann man ziemlich weit in viele Richtungen laufen, ohne das die Häuser hässlicher werden. Brno kann eine ziemlich formidable Bausubstanz aufweisen, würde ich sagen.

Brno

Das Katzencafé Brno hat mich positiv überrascht. Es heißt „Schrödinger“ und ist mithin das erste seiner Art mit lustigem Namen. Auch die Einrichtung hebt sich positiv von der Konkurrenz ab, wenngleich die Latte hier bekanntlich nicht hoch liegt. Vier Ebenen in einem großen Raum, schlichter Dielenboden, zusammenpassende schwarze Holztische und -stühle. Die Wände werden von einer schönen altmodischen, türkis, hellgrün, weiß gestreiften Tapete geschmückt. Dazu gesellt sich, kleines Minus, eine Galerie von leicht kitschigen Katzenportraits in Öl (oder Acryl, nicht genau erkennbar).

Man wird am Tisch bedient und auch die Speisekarte überzeugt. Es gibt Pfannkuchen, zu denen man sich verschiedene Füllungen aussuchen kann und ich trinke ein, leckeres wäre übertrieben, aber immerhin interessant schmeckendes alkoholfreies Pflaumenbier. Katzenkontakt ergibt sich wiederum kaum, aber damit habe ich so langsam auch abgeschlossen (noch nicht ganz allerdings, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, immer wieder bisschen enttäuschend auch, blöde Katzen).

Mit dem ganzen dunklen Holz ähnelt das Kočkafé Schrödinger von allen Katzengaststätten, die ich bis jetzt besucht hab, am meisten einer Kneipe. Und ich überlege, dass man das Prinzip Katzencafé vielleicht langsam weiterentwickeln sollte (nicht nur weil meine Erfahrungen mit dem Konzept ja weitestgehend glücklos verlaufen sind). Wie wäre es mit Katzencocktailbars, Katzenstripteaseclubs, Katzenkinos, Katzencasinos oder Katzenaltersheimen (so können die Seniorinnen und Senioren in ihren letzen Jahren noch ein wenig Gleichgültigkeit und Zurückweisung erfahren). Oder wir wechseln die Spezies aus, machen wir uns nichts vor, eigentlich taugen die Katzen nicht für die Cafés. Warum keine Hunde- oder Krokodilcafés? Die Hunde sind wenigstens dankbar, wenn sich jemand für sie interessiert und bei den Krokodilen freuen sich wiederum die Gäste, wenn sie in Ruhe gelassen werden. Über ein Capybaracafé bin im Internet tatsächlich schon mal gestolpert, das passt ja auch wirklich gut.

Von Brno habe ich jetzt ansonsten noch nicht soooo viel gesehen, aber das, was mir begegnet ist, war wieder außerordentlich schön, bis auf den Bahnhof allerdings, dessen Flair stark an die finstersten Ecken des Hannoveraner Hauptbahnhofs von vor vierzig Jahren erinnert (die beiden Fotos sind aber aus Budapest).

Budapest III

Auch die tüchtigsten, wagemutigsten Forschungsreisenden sehen sich in ihren Unterfangen immer wieder mit unüberwindbaren Hindernissen konfrontiert. Alexander von Humboldt bemühte sich über zwanzig Jahre vergeblich bei der Ostindien-Kompanie um die Genehmigung, den Himalaya bereisen zu dürfen. Mir hingegen verwehrte ein englisches Hipsterbürschchen den Zutritt zum „Zoo-Café Budapest“. Eine Reservierung wäre vonnöten gewesen, die ich jedoch nicht vorweisen konnte. „Mal wieder schlecht gegoogelt, Onkel Maike“, mögen kritische Lesende jetzt innerlich murmeln. Da kann ich nur sagen, ja das stimmt. Aber es ist trotzdem schade.

Es wäre so eine elegante Lösung gewesen, mich von den desinteressierten Katzencafé-Katzen zu emanzipieren und gleichzeitig meinen Horizont zu erweitern. Eine Schildkröte soll es im Budapester Zoo-Café beispielsweise geben. „Nehmt das, undankbare Katzen! Andere Tiere haben auch niedliche Kinder!“, hatte ich innerlich schon frohlockt, aber zu früh. Etwas enttäuscht zog ich von dannen und dachte kurz darüber nach, was Peta wohl zu diesen ganzen Tiercafés sagt und ob das nicht eigentlich speziezistischer Mist ist.

Heute hatte ich die Geschichte aber bereits weitgehend verarbeitet, als ich zufällig über ein ganz anderes liebreizendes Café stolperte (eigentlich verachte ich Leute, die im Urlaub liebreizende Cafés entdecken, für mich selbst mache ich jetzt mal eine Ausnahme). Ich war an einer Glastür stehen geblieben, weil darauf neben ungarischen Worten, japanische Schriftzeichen und was von „very slow food“ zu lesen war und versuchte hineinzuluken. Bevor ich aber was erkennen konnte, kam der Besitzer, ein puscheliger Mann im Karohemd, heraus und forderte mich auf einzutreten, um mir alles anzuschauen. So schlurfte ich unversehens in Budapests Teddybären-Café. Ein Etablissement, bis an die Decke vollgestopft mit Unmengen alter Teddybären, aber auch anderem alten Spielzeug, diese schönen Blecheisenbahnen zum Beispiel, sowie einem Haufen (Teddy-)bären Büchern. Ich hab mich an einen kleinen Tisch mit Spitzendecke gesetzt und einen Tee getrunken und ein Stündchen gelesen. Zwischendurch dachte ich irgendwann, Mensch Maike, jetzt biste ja am Ende doch noch in einem Tiercafé gelandet.

Budapest II

Budapest ist ausgesprochen schön. Aber das war ja auch bekannt. Alle sagen immer wie schön Budapest ist, nie sagt jemand, Budapest, das „Paris des Ostens“, sei langweilig oder keine Reise wert. Ich bewege mich auf ausgetretenen Pfaden. Aber das geht ja kaum anders, alles ist ja schon entdeckt, erreichbar und dokumentiert.

Einer, der noch wirklich „Neuland“ betrat (von „entdecken“ würden wir ja heute nicht mehr sprechen) in dem Sinne, dass wenigstens er vorher keine Ahnung hatte, wie es da wohl sein würde, wo er hinfuhr, war Alexander von Humboldt, über den ich gerade ein Buch lese: „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ von Andrea Wulf. Der Naturforscher Humboldt wollte alles über die Welt wissen und reiste unter anderem von 1799 bis 1804 quer durch Süd- und Nordamerika und sammelte und vermaß alles, was er in die Finger bekommen konnte. Dabei scheute er keine noch so großen Unannehmlichkeiten und Gefahren.

Ich finde es faszinierend, dass es eine Zeit gab, in die Leute in Europa einfach nicht wussten, wie es im Rest der Welt aussah. Die Aufregung irgendwo hinzufahren: mit unserer Urlaubsvorfreude kaum vergleichbar.

Heute könnte man sich fragen, warum wir überhaupt noch verreisen, wir wissen ja genau, was an allen Orten los ist, wie es aussieht und so weiter. Trotzdem fahren die Leute überall hin, besonders gern nach da, wo die meisten anderen schon waren, um dann genau dieselben Fotos auch noch mal zu machen. Geht es dabei nur ums Reisen als Statussymbol? Ich glaube nicht. Einer von vielen Gründen, warum es Menschen in die Ferne zieht, scheint mir, dass mit bestimmten Orten bestimmte Eigenschaften und damit Erwartungen verknüpfen, am berühmtesten bestimmt die Romantik von Paris, und damit verbunden auch die Möglichkeit, sich selbst anders und neu zu erfahren. „Wenn ich nur am Meer bin, dann werde ich froh und entspannt sein“, sagen sich die Leute. Und für manche trifft es bestimmt sogar zu. Bei mir ist es, wenn ich am Meer bin oft eher so, dass ich denke „Ok, Meer, und was jetzt“. Aber das Meer ist schon auch schön, deswegen fahre ich immer mal wieder hin.

Auch Humboldt glaubte an die persönlichkeitsverändernde Kraft der neuen Umgebung und dachte, dass er nur in Südamerika glücklich sein könnte. Und natürlich reichen die Bilder der anderen nie ganz aus, um uns etwas wirklich erfahrbar zu machen, was auch immer das bedeutet. Jeder Mensch ist eine ganze Welt und seine Weltwahrnehmung entsprechend einzigartig, Reisen lohnt sich also doch immer. Wer weiß, vielleicht kannst Du der erste Mensch sein, der Budapest langweilig findet.

Abschließend noch ein paar interessante Infos zu Alexander von Humboldt: Erstens, wer sich gerade fragt „Humboldt, Humboldt, war da nicht was mit Bildung und Humanismus?“, genau, das war Wilhelm von Humboldt, der Bildungspolitiker und Bruder! Zweitens: Alexander entdeckte keine neuen Naturgesetze oder Kontinente. Was ihn heraushebt, war seine Perspektive auf die Natur, die er sich als Netzwerk dachte, in dem alles mit allem verbunden und voneinander abhängig ist. Sein Denken in Netzen und Zusammenhängen brachte ihn zum Beispiel dazu, die Welt in Vegetationszonen einzuteilen. Außerdem ließ ihn diese Perspektive früh den schädlichen Einfluss der Menschen auf die Natur erkennen, beispielsweise die Auswirkungen von Waldrodungen auf das Klima. Er warnte vor der Ausbeutung von Mensch und Natur, sprach sich dementsprechend gegen Sklaverei und Kolonialismus aus und hielt nichts von christlichen Missionaren.

Neben seinen für die Zeit wirklich woken inhaltlichen Positionen vertrat Humboldt ein außerordentlich modernes Wissenschaftsverständnis. Er war überzeugt, dass die Naturforschenden hinaus in die Welt, sie mit allen Sinnen erfahren mussten, um sie zu verstehen. In der heimischen Studierkammer, könne man der Wahrheit nicht näher kommen. Auch die subjektiven, emotionalen Erfahrungen mussten in die Verarbeitung der gesammelten Daten einfließen. Entsprechend war sein wissenschaftlicher Schreibstil, er verband die Darstellung der (akribisch erhobenen) Daten mit der Beschreibung seiner persönlichen Eindrücke und Emotionen und machte seine Forschung einem breiteren Publikum zugänglich.

Ich kann die Lektüre der Biographie empfehlen, über 400 Seiten aber durchgehend spannend, weil Humboldt einerseits so krasse Sachen wirklich gemacht hat und gleichzeitig revolutionär darüber nachdachte. Was ich beim Lesen auch überlegt habe: Wir entschuldigen Dummheit und Gemeinheit bei Leuten oft mit „Ja, das konnte man damals ja noch nicht wissen“. Eigentlich gibt es zu allen Zeiten überall immer schon Leute, die es wissen, denen wird nur nicht immer ausreichend zugehört.

Aprops „damals ja noch nicht wissen“: Ein Freund erkundigt sich, ob ich in Budapest, was von Orban merke. Eine Frage, die ich mir auch schon gestellt hab und ich muss sagen: nein. Ich hab ja zum einen keinen Vergleich. Zum anderen: die Leute gucken so normal aus der Wäsche, wie woanders auch.

Budapest

Liebe Leute, ich bin der müdeste Hund. Aber immerhin habe ich es heute geschafft, mich bis zum Katzencafé Budapest durchzuschlagen. Es heißt „Cat Café Budapest“ und ist bislang das schickste Katzencafé, in dem ich je war. Hier liegt allerdings die Latte nicht hoch. Die Einrichtung von Katzencafés speist sich üblicherweise aus irgendwelchem zusammengerümpelten Zeug. Beim Cat Café Budapest lässt sich hingegen ein richtiges Gesamtgestaltungskonzept ausmachen. Der Raum, in dem ich war, bot hohe Wände, als Sitzgelegenheiten Holzpaletten mit Matratzen drauf (nicht elegant, aber einheitlich, vielleicht besonders gemütlich für die Katzen), an den Wänden viele viele Katzensitz- und Klettergelegenheiten und ein paar lustige Katzenölgemälde, alles in Erdtönen gehalten. Nicht wirklich schön, aber da hatte sich jemand Gedanken gemacht.

Dazu wurde man am Platz bedient, auch das keine Selbstverständlichkeit für Katzencafés, wo man sich seine Bestellungen oft an der Theke abholen muss oder sonst irgendwelche komplizierten Regimes gelten (ALLES WEGEN DEM KATZENWOHL NATÜRLICH), im Katzencafé Liverpool zum Beispiel wird einem die Zeit des Aufenthalts berechnet, nicht die verkonsumierten Getränke.

Was es dafür nicht so richtig gab, waren Katzen. Aber da Begegnungen mit Katzencafé-Katzen ja bekanntlich meistens sowieso frustrierend verlaufen, fand ich das eigentlich ganz entspannend. Sobald nämlich eine Katze auftaucht, habe ich heute auch wieder bemerkt, beginnt sich Hoffnung zu regen, die ja dann am Ende doch wieder enttäuscht wird. Vielleicht eröffne ich in Köln bald Deutschlands erstes Katzencafé ohne Katzen, es bringt doch nichts mit den Katzen. Oder wie wäre eine Katzen-Sushibar? Die Katzen fänden das bestimmt gut. Und es gäbe natürlich keine Erstattung für verlustig gegangenes Sushi. Eher eine Attraktion für zahlungskräftige Gäst*innen