Zuletzt gelesen – KW 6 2024

Victor Klemperer: Die Sprache des Dritten Reiches

Coverabbildung
(c) Büchergilde Gutenberg

Nicht nur dank meines sprachwissenschaftlichen Hintergrunds ist mir klar, wie wichtig Sprache in einer Gesellschaft ist. Mit Sprache und der Diskursverschiebung in Richtung Rechts schaffen Erzkonservative und Rechtsradikale es, dass immer mehr rechte und rechtsextreme Positionen in Deutschland akzeptabel werden. Das zeigt sich leider gerade mehr als deutlich. Der Literaturwissenschaftler Victor Klemperer war ein Zeitzeuge aus dem Dritten Reich, der in seinem großen Werk „LTI – Notizbuch eines Philologen“ (LTI = Lingua Tertii Imperii) dokumentierte, wie die Nationalsozialisten mit Sprache arbeiteten. Angesichts dessen, was wir gerade nicht nur aus rechtsextremen, sondern leider auch in zunehmendem Maße aus konservativen Kreisen zu hören bekommen, lesen sich die vorliegenden Auszüge weniger unfassbar. Auch wenn es Beispiele gibt, die an Absurdität nicht zu übertreffen sind: „… ich durfte dem Tierschutzverein für Katzen keinen Beitrag mehr zahlen, weil im „Deutschen Katzenwesen“ – wahrhaftig, so hieß jetzt das zum Parteiorgan gewordene Mitteilungsblatt des Vereins – kein Platz mehr war für artvergessene Kreaturen, die sich bei Juden aufhielten“. (Seite 55)

Victor Klemperers Ausführungen können uns dabei helfen, die Formulierungen aus dem rechtsextremen Spektrum als das zu entlarven, was sie sind: höchst manipulative Propaganda. Als ich diese von Heinrich Detering zusammengestellten Auszüge aus der Büchergilde Gutenberg gekauft habe, wusste ich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, nicht, dass es sich nur um Teile eines Gesamtwerks handelt. Diese reichen jedoch durchaus aus, um sich ein Bild zu machen.

 

Patrick Stewart: Making It So: A Memoir

Cover-Abbildung
(c) Simon & Schuster

Sprecher: Patrick Stewart

Dauer: 18 h 50 min

Patrick Stewart (oder vielleicht eher Captain Picard ;-)) ist einer meiner Helden. Star Trek TNG hatte in meiner Jugend großen Einfluss auf mich. Die Serie war für mich oft ein moralischer Wegweiser, präsentierte mir das Bild einer lebenswerten Zukunft und gab mir Hoffnung in einer Zeit, als das Mobbing mir das Leben zur Hölle machte. Auch hatte ich schon oft davon gehört oder gelesen, wie eng befreundet sowohl der Cast war und ist als auch die Crew, die dieser spielte. Das zeigte mir, dass es auch anders geht.

Dass Patrick Stewart von der Royal Shakespeare Company kam, wusste ich natürlich. Auch, dass er in seiner Kindheit häusliche Gewalt miterleben musste. Aber seine ganze Geschichte von ihm selbst erzählt zu bekommen, war etwas Besonderes. Die Autobiografie ist sehr detailliert, beginnt mit seiner zunächst glücklichen, dann weniger glücklichen Kindheit. Erstaunt hat mich, wie früh Stewart schon an seiner Schauspielkarriere arbeitete. Sein Werdegang ist wirklich beeindruckend und es hat mir sehr gefallen, von seinen ganzen Wegbegleitern zu hören, ganz früh etwa Brian Blessed oder später Ian McKellen, der sogar ihn und seine dritte Ehefrau traute. Obwohl das Ganze stellenweise in etwas viel Name Dropping ausartet. Auch dachte ich an manchen Stellen, dass er, was Privates angeht, manchmal ein bisschen zu viel ins Detail geht.

Sehr gelacht habe ich über die Anekdote über sein erstes Aufeinandertreffen mit dem ihm als reinem Klassikfan unbekannten Sting am Set von „Der Wüstenplanet“. Ein wenig geknickt war ich darüber, dass Gene Roddenberry Stewart so gar nicht in der Rolle des Captain Picard sehen wollte, im Nachhinein vollkommen unverständlich. Es sei angemerkt, dass Stewart sich auch über Menschen, die ihm weniger zugetan waren, nie negativ äußert.

Besonders schön war es natürlich, den Anekdoten rund um Star Trek – The Next Generation zu lauschen und den vielen wunderbaren Erinnerungen an die Zusammenarbeit mit einem großartigen Cast. Auch die Arbeit an den auf die Serie folgenden Kinofilmen und dem – zumindest für mich – überraschenden erneuten Zusammenkommen der alten Crew in Star Trek Picard kommt nicht zu kurz.

Ich habe viel gelacht beim Hören dieses Buches, aber am Schluss musste ich auch heulen. Deshalb gibt es von mir eben doch fünf Sterne.

Frances Hardinge: The Lie Tree

Coverabbildung
(c) Macmillan Children’s Books

Wir befinden uns im südlichen England des 19. Jahrhunderts. Faith und ihr kleiner Bruder setzen mit ihren Eltern auf eine Insel über, wo sie in Zukunft leben sollen. Faiths Vater ist Pfarrer und Hobbynaturforscher. Offenbar muss er vor einem Skandal fliehen, der etwas mit einer seiner Entdeckungen zu tun hat. Faith ist selbst brennend interessiert an Naturwissenschaften, muss aber immer wieder erleben, wie sie von allem, was damit zu  tun hat, ausgeschlossen wird, weil sie ein Mädchen ist. Doch dann passiert etwas Schlimmes und Faith versucht, das Geheimnis ihres Vaters zu ergründen…

Frances Hardinges Jugendbuch ist ein packender Mystery-Thriller mit zahlreichen feministischen Anklängen. Es hat mir großen Spaß gemacht, mit Faith auf Entdeckungsreise zu gehen, und ich habe mich mit ihr über die Männer geärgert, die ihr beibringen wollten, dass das weibliche Gehirn nicht für die Wissenschaft gemacht sei. Ein wirklich schönes, mäßig gruseliges Abenteuer. Ich werde sicher mehr von der Autorin lesen.

 

Tonio Schachinger: Echtzeitalter

Coverabbildung
(c) Argon Verlag

Sprecher: Johannes Nussbaum

Dauer: 11 h 12 min

Nur weil der Protagonist eines Buches ein Jugendlicher ist, muss es sich noch lange nicht um ein Jugendbuch handeln. Coming-of-Age passt da viel besser. Ein Buch über Jugend für Erwachsene. Ein solches ist der letztjährige Siegertitel des Deutschen Buchpreises, was viele überrascht hat. Tills Erwachsenwerden ist allerdings durch das Setting in einem strengen, elitären Wiener Teilinternats der Gegenwart auch ein Gesellschaftsroman, denn es geht indirekt auch um den Konservatismus, die Neue Rechte und jugendlichen Protest, letzterer in Form der hochbegabten, aber aufmüpfigen Schülerin Feli. Ich habe ja eine gewisse Schwäche für Internatsromane (im Gegensatz zu High-School-Jugendromanen, die sind üüüberhaupt nicht mein Ding) und die Einbettung dieses Buches in gesellschaftliche Themen macht es für mich zu einem wirklich ansprechenden Gegenwartsroman. Und dann geht es natürlich auch um Computerspiele und die Rolle, die diese inzwischen in unserer Gesellschaft spielen. Denn aus ihnen ist ein eigenständiges Berufsfeld fern der Programmierung entstanden, das war mir in diesem Maße noch nicht bewusst. Es gibt wirklich Menschen, die vom öffentlichen Spielen von Computerspielen leben können.

Ich habe das Buch sehr gerne gelesen bzw. gehört, zumal Johannes Nussbaum den Wiener Tonfall, den ich ja ohnehin liebe, wunderbar rüberbringt. Ein wenig gewurmt hat mich, dass Till sich nicht mehr gegen seinen Klassenleiter Dolinar wehrt, der völlig übergriffig das Leben seiner Schüler zu bestimmen versucht. Ich habe irgendwo gelesen, dass das Buch wohl schlecht altern wird, und zwar wegen der Anspielungen auf bestimmte politische Ereignisse, die in der Zukunft nur noch wenige verstehen werden. Das wird sich herausstellen.

Vielleicht kein experimentelles Sprachfeuer, aber ein wirklich schöner Roman.

Hörbuch: Andy Weir: Project Hail Mary

Coverabbildung
(c) Audible Studios

Deutscher Titel: Der Astronaut

Sprecher: Ray Porter

Dauer: 16 h 19 min

Vorbemerkung: Am Ende dieser Rezension gehe ich noch kurz auf ein paar Aspekte ein, die ich wegen Spoilergefahr nicht in der Rezension nennen möchte. Wird durch „Achtung, Spoiler“ gekennzeichnet.

Ryland Grace wacht auf. Er stellt fest, dass er sich in einer Art Stasekammer befindet und von einem Roboter medizinisch versorgt wird. Und er kann sich an nichts erinnern, nicht einmal an seinen Namen. Doch von Wissenschaft scheint er etwas zu verstehen, denn anhand einiger Experimente stellt er nach und nach fest, wo und wann er sich befindet. Und stückweise kommen auch die Erinnerungen zurück.

Ich muss zugeben, ein kleines bisschen skeptisch war ich, was dieses Buch anging. Ich habe „Der Marsianer“ nie gelesen, unsicher, ob das Buch etwas für mich sein könnte. Als dann Natira sein neuestes Werk „Project Hail Mary“ empfahl, wurde ich neugierig. Und der Klappentext sprach mich mehr an als der von „Der Marsianer“. Bekommen habe ich mein erstes wirkliches Jahreshighlight. Und ich kann mir kaum vorstellen, dass es noch ein anderes Buch schafft, dieses Hörbuch zu übertrumpfen.

Von Anfang an haben mir die gut verständlichen wissenschaftlichen Ausführungen und Experimente sehr gefallen und ich mochte auch den humorvollen Tonfall des Protagonisten, der durch die geniale Interpretation Ray Porters noch besser rüberkommt. Der Protagonist ist absolut sympathisch, mit der Zeit bekommen die Leser*innen jedoch mit, dass er keineswegs perfekt ist. Es ist spannend zu verfolgen, wie Ryland nach und nach herausfindet, wo er ist und was seine Aufgabe ist, abwechselnd mit Rückblicken zu den Anfängen und dem Verlauf des Petrova-Problems. Dieses Problem stellt die Menschheit vor die größte Herausforderung, die sie je zu meistern hatte: Denn ausgelöst wird es von Nano-Aliens, die sich von Sonnenenergie ernähren, unsere Sonne anzapfen und drohen, so innerhalb weniger Jahre das Klima unseres Planeten soweit abzukühlen, dass er unbewohnbar ist. Was Andy Weir aus diesem Setting macht, ist eine wunderbare, unfassbar spannende Geschichte, die durch die Themen Kommunikation und Freundschaft bereichert wird. Am faszinierendsten sind die zahlreichen Herausforderungen und Beinahe-Katastrophen, mit denen Ryland konfrontiert wird, und deren Lösung durch pure Wissenschaft macht einfach einen Riesenspaß. Am genialsten fand ich, wie der Aspekt Kommunikation gehandhabt wurde, dazu trägt auch die Umsetzung als Hörbuch bei, das Buch hat nicht umsonst einen Hörbuchpreis gewonnen. Ich kann euch leider nicht mehr darüber verraten, da das schon einen kleinen Spoiler darstellen würde.

Vor dem Ende des Buches hatte ich ein wenig Angst, aber was soll ich sagen: Es ist perfekt. „Project Hail Mary“ ist ein rundum gelungenes Weltraumabenteuer, das ohne Gewalt und auch ohne Lovestory auskommt – beides fehlt in keiner Weise.

Ich empfehle „Project Hail Mary“ von ganzem Herzen, ja, ich will, dass ihr es lest! Wenn ihr des Englischen mächtig seid, am besten als Hörbuch! (Ich weiß leider nicht, wie gelungen Umsetzung im deutschen Hörbuch ist.) Ein gewisses Interesse an Naturwissenschaften ist von Vorteil ;-) Auch ein dickes Lob an den fantastischen Sprecher Ray Porter! 5 Sterne, aber sowas von!

 

ACHTUNG, SPOILER

Rocky! Ich finde es unfassbar, wie Andy Weir es schafft, einen so „unhumanioden“ Alien so liebenswert zu machen, dass man ihn als „Leser*in“ so sehr in sein Herz schließt. Rylands Kommunikation mit Rocky, die sich entwickelnde Freundschaft und die gemeinsame Arbeit am Petrova-Problem gehören zum Besten, was ich je in Science-Fiction gelesen oder gesehen habe. Wie wunderbar! Andy Weir hat mir gezeigt, dass Science-Fiction auch etwas ganz anderes sein kann als eine Space Opera und dass eine Dystopie trotzdem hoffnungsvoll sein kann. Wirklich großartig!

Sachbuch: Bill Bryson: Made in America

(c) Penguin

(Eine deutsche Ausgabe scheint nicht zu existieren)

Bill Bryson hat sich als Autor zahlreicher Sachbücher über ein großes Spektrum hinweg einen Namen gemacht und wird von vielen besonders für sein Talent, die witzigsten Geschichten und Fakten ausfindig zu machen, sowie seinen trockenen Humor geliebt. Ich muss gestehen, dass ich bisher außer Notes From a Small Island nichts von ihm gelesen habe – was aber nicht an mangelndem Interesse liegt, sondern an der überwältigenden Anzahl von Büchern, die ich unbedingt bald lesen muss.

Der Titel des Buchs „Made in America“ kann ein wenig irreführen, ich hatte eigentlich ein Buch darüber erwartet, was es heißt, in Amerika geboren und aufgewachsen zu sein. Tatsächlich handelt es sich aber um die Geschichte der Entwicklung der englischen Sprache in Amerika seit der Besiedlung durch britische Auswanderer. Was mir durchaus recht ist, denn ich bin von Haus aus Sprachwissenschaftlerin und interessiere mich brennend vor allem für Sprachentwicklung. Das gilt insbesondere für die ganz frühe Entwicklung der Sprachen aus dem indoeuropäischen Sprachenkreis.

Und dann haut der Mann mich doch schon in der Einführung um, indem er erwähnt, dass der Aufzählreim „Eenie, meenie, minie, mo“ nicht nur älter ist als die römische Besatzung des alten Britanniens, sondern eventuell sogar aus vorkeltischer Zeit stammt. Damit hatte er mich. Gänsehaut pur. Die ersten Kapitel beschäftigen sich mit der Sprache der ersten Siedler, die natürlich noch britisch war. Hochinteressant daran finde ich, dass das damalige Englisch in der Aussprache eher dem heutigen amerikanischen Englisch ähnelt – das britische Englisch ist dasjenige, das sich weiter von der Ausgangssprache wegentwickelt hat. Bryson erklärt anhand zahlreicher Beispiele den damaligen Zustand der englischen Sprache und bleibt dabei immer unterhaltsam. Auch sein berühmter Humor blitzt immer wieder auf. Viele Fakten finde ich absolut faszinierend, so erklärt Bryson beispielsweise in einer Fußnote, dass „you“ ursprünglich die Pluralform von „ye“ („du“) war und dass dieser Plural in der Deklination mit „you are“ erhalten blieb, während es ja eigentlich „you is“ heißen müsste. Überhaupt hatte ich mehrfach den Eindruck, dass die alten Sprachformen häufig in Dialekten überleben, bei den Aussprachebeispielen dachte ich wiederholt „das hört sich ein bisschen an wie Cockney“. Ihr merkt, dieses Thema finde ich hochgradig spannend.

Bryson beschränkt sich allerdings nicht komplett auf die Linguistik, sondern beschäftigt sich auch mit einigen historischen Mythen und Fakten, etwa über die tatsächliche „Entdeckung“ Amerikas, die ja lange vor Kolumbus stattfand. Im weiteren Verlauf des Buches geht Bryson auf die Weiterentwicklung des amerikanischen Englisch in den folgenden Jahrhunderten ein. Stark geprägt ist die amerikanische Sprache natürlich von der Vielzahl der Herkunftsländer der Emigranten. Vor allem Ortsnamen sind vermehrt auf indianische Sprachen zurückzuführen, wobei der Einfluss der Sprachen der Urbevölkerung eher als gering einzustufen ist. Je mehr wir uns der Moderne nähern, umso mehr beeinflussen nichtlinguistische Entwicklungen und Erfindungen die Sprache. Dementsprechend gibt es Kapitel über die Küche, die Elektrifizierung, Baseball und andere Sportarten oder Werbung. Mich persönlich interessieren diese Themen weniger stark als die geschichtlich weiter zurückliegenden Aspekte, weshalb das Buch mich in seinem Verlauf nicht mehr ganz so stark fesseln konnte. Die Themen fächern sich außerdem immer mehr auf, sodass sie einen Hauch von Aufzählcharakter gewinnen.

Was in dem Buch noch fehlt, ist der Einfluss der Cyberwelt und der hochgradigen Vernetzung durch das Internet. Das kann man dem Buch jedoch nicht vorwerfen, denn es ist von 1994 und konnte diese Entwicklungen daher nicht erfassen. In dieser Hinsicht wäre eine Neuauflage mit einem ergänzenden Kapitel interessant.

Ein weiteres unterhaltsames und kompetent verfasstes Sachbuch von Bill Bryson.