Victor Klemperer: Die Sprache des Dritten Reiches

Nicht nur dank meines sprachwissenschaftlichen Hintergrunds ist mir klar, wie wichtig Sprache in einer Gesellschaft ist. Mit Sprache und der Diskursverschiebung in Richtung Rechts schaffen Erzkonservative und Rechtsradikale es, dass immer mehr rechte und rechtsextreme Positionen in Deutschland akzeptabel werden. Das zeigt sich leider gerade mehr als deutlich. Der Literaturwissenschaftler Victor Klemperer war ein Zeitzeuge aus dem Dritten Reich, der in seinem großen Werk „LTI – Notizbuch eines Philologen“ (LTI = Lingua Tertii Imperii) dokumentierte, wie die Nationalsozialisten mit Sprache arbeiteten. Angesichts dessen, was wir gerade nicht nur aus rechtsextremen, sondern leider auch in zunehmendem Maße aus konservativen Kreisen zu hören bekommen, lesen sich die vorliegenden Auszüge weniger unfassbar. Auch wenn es Beispiele gibt, die an Absurdität nicht zu übertreffen sind: „… ich durfte dem Tierschutzverein für Katzen keinen Beitrag mehr zahlen, weil im „Deutschen Katzenwesen“ – wahrhaftig, so hieß jetzt das zum Parteiorgan gewordene Mitteilungsblatt des Vereins – kein Platz mehr war für artvergessene Kreaturen, die sich bei Juden aufhielten“. (Seite 55)
Victor Klemperers Ausführungen können uns dabei helfen, die Formulierungen aus dem rechtsextremen Spektrum als das zu entlarven, was sie sind: höchst manipulative Propaganda. Als ich diese von Heinrich Detering zusammengestellten Auszüge aus der Büchergilde Gutenberg gekauft habe, wusste ich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, nicht, dass es sich nur um Teile eines Gesamtwerks handelt. Diese reichen jedoch durchaus aus, um sich ein Bild zu machen.
Patrick Stewart: Making It So: A Memoir

Sprecher: Patrick Stewart
Dauer: 18 h 50 min
Patrick Stewart (oder vielleicht eher Captain Picard ;-)) ist einer meiner Helden. Star Trek TNG hatte in meiner Jugend großen Einfluss auf mich. Die Serie war für mich oft ein moralischer Wegweiser, präsentierte mir das Bild einer lebenswerten Zukunft und gab mir Hoffnung in einer Zeit, als das Mobbing mir das Leben zur Hölle machte. Auch hatte ich schon oft davon gehört oder gelesen, wie eng befreundet sowohl der Cast war und ist als auch die Crew, die dieser spielte. Das zeigte mir, dass es auch anders geht.
Dass Patrick Stewart von der Royal Shakespeare Company kam, wusste ich natürlich. Auch, dass er in seiner Kindheit häusliche Gewalt miterleben musste. Aber seine ganze Geschichte von ihm selbst erzählt zu bekommen, war etwas Besonderes. Die Autobiografie ist sehr detailliert, beginnt mit seiner zunächst glücklichen, dann weniger glücklichen Kindheit. Erstaunt hat mich, wie früh Stewart schon an seiner Schauspielkarriere arbeitete. Sein Werdegang ist wirklich beeindruckend und es hat mir sehr gefallen, von seinen ganzen Wegbegleitern zu hören, ganz früh etwa Brian Blessed oder später Ian McKellen, der sogar ihn und seine dritte Ehefrau traute. Obwohl das Ganze stellenweise in etwas viel Name Dropping ausartet. Auch dachte ich an manchen Stellen, dass er, was Privates angeht, manchmal ein bisschen zu viel ins Detail geht.
Sehr gelacht habe ich über die Anekdote über sein erstes Aufeinandertreffen mit dem ihm als reinem Klassikfan unbekannten Sting am Set von „Der Wüstenplanet“. Ein wenig geknickt war ich darüber, dass Gene Roddenberry Stewart so gar nicht in der Rolle des Captain Picard sehen wollte, im Nachhinein vollkommen unverständlich. Es sei angemerkt, dass Stewart sich auch über Menschen, die ihm weniger zugetan waren, nie negativ äußert.
Besonders schön war es natürlich, den Anekdoten rund um Star Trek – The Next Generation zu lauschen und den vielen wunderbaren Erinnerungen an die Zusammenarbeit mit einem großartigen Cast. Auch die Arbeit an den auf die Serie folgenden Kinofilmen und dem – zumindest für mich – überraschenden erneuten Zusammenkommen der alten Crew in Star Trek Picard kommt nicht zu kurz.
Ich habe viel gelacht beim Hören dieses Buches, aber am Schluss musste ich auch heulen. Deshalb gibt es von mir eben doch fünf Sterne.
Frances Hardinge: The Lie Tree

Wir befinden uns im südlichen England des 19. Jahrhunderts. Faith und ihr kleiner Bruder setzen mit ihren Eltern auf eine Insel über, wo sie in Zukunft leben sollen. Faiths Vater ist Pfarrer und Hobbynaturforscher. Offenbar muss er vor einem Skandal fliehen, der etwas mit einer seiner Entdeckungen zu tun hat. Faith ist selbst brennend interessiert an Naturwissenschaften, muss aber immer wieder erleben, wie sie von allem, was damit zu tun hat, ausgeschlossen wird, weil sie ein Mädchen ist. Doch dann passiert etwas Schlimmes und Faith versucht, das Geheimnis ihres Vaters zu ergründen…
Frances Hardinges Jugendbuch ist ein packender Mystery-Thriller mit zahlreichen feministischen Anklängen. Es hat mir großen Spaß gemacht, mit Faith auf Entdeckungsreise zu gehen, und ich habe mich mit ihr über die Männer geärgert, die ihr beibringen wollten, dass das weibliche Gehirn nicht für die Wissenschaft gemacht sei. Ein wirklich schönes, mäßig gruseliges Abenteuer. Ich werde sicher mehr von der Autorin lesen.
Tonio Schachinger: Echtzeitalter

Sprecher: Johannes Nussbaum
Dauer: 11 h 12 min
Nur weil der Protagonist eines Buches ein Jugendlicher ist, muss es sich noch lange nicht um ein Jugendbuch handeln. Coming-of-Age passt da viel besser. Ein Buch über Jugend für Erwachsene. Ein solches ist der letztjährige Siegertitel des Deutschen Buchpreises, was viele überrascht hat. Tills Erwachsenwerden ist allerdings durch das Setting in einem strengen, elitären Wiener Teilinternats der Gegenwart auch ein Gesellschaftsroman, denn es geht indirekt auch um den Konservatismus, die Neue Rechte und jugendlichen Protest, letzterer in Form der hochbegabten, aber aufmüpfigen Schülerin Feli. Ich habe ja eine gewisse Schwäche für Internatsromane (im Gegensatz zu High-School-Jugendromanen, die sind üüüberhaupt nicht mein Ding) und die Einbettung dieses Buches in gesellschaftliche Themen macht es für mich zu einem wirklich ansprechenden Gegenwartsroman. Und dann geht es natürlich auch um Computerspiele und die Rolle, die diese inzwischen in unserer Gesellschaft spielen. Denn aus ihnen ist ein eigenständiges Berufsfeld fern der Programmierung entstanden, das war mir in diesem Maße noch nicht bewusst. Es gibt wirklich Menschen, die vom öffentlichen Spielen von Computerspielen leben können.
Ich habe das Buch sehr gerne gelesen bzw. gehört, zumal Johannes Nussbaum den Wiener Tonfall, den ich ja ohnehin liebe, wunderbar rüberbringt. Ein wenig gewurmt hat mich, dass Till sich nicht mehr gegen seinen Klassenleiter Dolinar wehrt, der völlig übergriffig das Leben seiner Schüler zu bestimmen versucht. Ich habe irgendwo gelesen, dass das Buch wohl schlecht altern wird, und zwar wegen der Anspielungen auf bestimmte politische Ereignisse, die in der Zukunft nur noch wenige verstehen werden. Das wird sich herausstellen.
Vielleicht kein experimentelles Sprachfeuer, aber ein wirklich schöner Roman.

