Dieses Jahr gelesen – Ende April bis Mitte Mai

Da ich schon mal so viele Bücher gelesen habe dieses Jahr, diese aber unmöglich alle noch ausführlich besprechen kann, habe ich mir vorgenommen, wenigstens noch ein paar Sätze zu den Büchern zu sagen. Bitte seht es mir nach, wenn ich dabei größtenteils auf Inhaltsangaben verzichte – es ist über ein halbes Jahr her, dass ich die Bücher gelesen habe, und mein Gedächtnis … na ja, könnt ihr euch denken.

Martha Wells: Rogue Protocol (The Murderbot Diaries #3)

Coverabbildung
(c) Macmillan

Sprecher: Kevin R. Free

Dauer: 3h 46 min

Laut meiner Direktreaktion damals auf Goodreads fand ich diesen Band der Murderbot-Reihe etwas repetitiv und habe deshalb nur 3 Sterne vergeben. Ich denke, das würde ich heute um mindestens einen halben Stern erhöhen, denn obwohl die Handlung an sich tatsächlich ein wenig repetitiv war, habe ich unterschätzt, wie wichtig die Figur des kleinen „Pet-Bots“ Miki für Murderbot war. Wenn ich an dieses Buch denke, denke ich vor allem an Miki. Ich glaube, er hat viel in Murderbot bewegt. Und die folgenden Teile waren dann auch weniger repetitiv.

David Zane Mairowitz, Catherine Anyango Grünewald (Illustratorin): Herz der Finsternis (Graphic Novel)

Coverabbildung
(c) Hirnstorff

Von dieser Graphic Novel-Version des Klassikers von Joseph Conrad war ich eher etwas underwhelmed. Ich kann nicht behaupten, die Vorlage über die Finsternis hinaus verstanden zu haben, und daran hat dieses Buch nichts geändert. Das kann ich der Graphic Novel vielleicht nicht zum Vorwurf machen, aber mir haben außerdem weniger die zeichnerische Umsetzung noch die Adaptation sonderlich gefallen. Sie schafft es nicht, die Geschichte tatsächlich schlüssig nachzuerzählen. Vielleicht sollte ich mal nach einem Reclam-Heftchen oder sowas suchen, um sicherzugehen, dass mir an dem Buch nicht allzu viel entgangen ist.

Bernhard Hennen & Robert Corvus: Nebelinseln

Coverabbildung
(c) Audible Studios

Sprecher: Detlef Bierstedt

Dauer: 29 h 35 min

Achtung, Spoiler für alle, die noch nicht bis einschließlich Band 9 gelesen haben

In diesem Teil der Phileasson-Saga begibt sich schließlich auch Phileassons Ottajasko in die Welt hinter den Nebeln, um die nächste Aufgabe zu erfüllen. Dort hat sich Beorn inzwischen einen Ruf als Städtezerstörer aufgebaut und von den Mitgliedern seiner Ottajasko existieren mittlerweile sogar verzerrte Versionen in lebenden Bildern. Dieser Teil zieht sich wieder sehr lange, jedoch kurzweiliger da die beiden Ottajaskos nun wieder aufeinandertreffen können. Es kommt zu Verrat, unerwarteten Bündnissen und dem Tod einer Hauptfigur, den ich allerdings von Anfang an erahnt habe. Langsam kündigt sich das Finale der Reihe an, auch wenn noch zwei Bände folgen. Ob es die Ottajaskos zurück nach Aventurien schaffen, müsst ihr euch selbst anhören bzw. lesen.

Mehr Kurzrezensionen folgen, hoffentlich bald ;-)

Alexa Hennig von Lange: Die karierten Mädchen

Coverabbildung
(c) Hörbuch Hamburg

Sprecherin: Tessa Mittelstaedt

Dauer: 11 h 27 min

Achtung: Wenn ihr die Information, welche Teile des Buches auf wahren Begebenheiten beruhen, als Spoiler ansehen würdet, den mit „Spoiler“ gekennzeichneten Abschnitt bitte nicht lesen.

Klara ist über 90 Jahre alt, als sie beschließt, ihre Lebensgeschichte auf Kassetten festzuhalten. Sie lässt sich von ihrer Tochter einen Kassettenrekorder und Leerkassetten bringen und beginnt mit ihrer Erzählung im Jahr 1929 im Osten Deutschlands. Dort tritt sie eine Stelle als Hauswirtschaftslehrerin in einem Erholungsheim für lungenkranke Kinder an. Kurze Zeit später wird im Heim ein Baby abgegeben, ein kleines Mädchen namens Tolla, dessen Mutter auf Arbeitssuche ist. Ein jüdisches Mädchen.

Bevor ich mit diesem Buch begonnen habe, wusste ich nur, dass es auf den Memoiren der Großmutter der Autorin beruhen soll. Die Prämisse um das jüdische Mädchen und das Setting in einem Kinderheim fand ich interessant. Klara stellt das Wohl des Heims über ihre Werte, die sie den Aufstieg der Nazis mit Schrecken erleben lassen, und kooperiert mit den Nationalsozialisten. Im Gegensatz zu ihrer Kollegin Susanne hält sie sich für unpolitisch, liest wenig Zeitung, verfolgt aber ihre Arbeit mit Begeisterung. Als die Lage immer schwieriger wird, tritt sie, um den Schein zu wahren, sogar in die Partei ein. Ihr Freund, der angehende Lehrer Gustav, hält es ähnlich. Insofern handelt es sich um eine Geschichte über Mitläufer, die aber, wie so oft in deutschen Romanen über die Kriegszeit, selbstverständlich im Grunde gegen die Nazis sind. Die Geschichte ist durchaus gefällig, allerdings hauptsächlich wegen der zeitlichen Einordnung. Vor allem die Liebesgeschichte hat mich jetzt nicht vom Hocker gerissen. Was am Ende passieren wird, ist natürlich keine Überraschung. Das Buch hat mich recht gut unterhalten, angesichts dessen, was ich nachfolgend erörtere, jedoch letztlich nicht überzeugt.

Noch ein Wort zum Hörbuch: Tessa Mittelstaedt liest das Buch sehr engagiert. Die Passagen der alten Klara sind mit deutlich anderer Stimme und altersgemäß langsamer gesprochen. Gute Arbeit.

 

SPOILER bezüglich des Wahrheitsanteils der Geschichte

 

Was mich überrascht hat, war der Epilog, in dem die Autorin erklärt, wie ihre Großmutter Kassetten mit ihrer Geschichte besprochen hat, und uns sogar einen kleinen Ausschnitt daraus vorspielt. Den O-Ton zu hören, hat mich bewegt, dann sagt die Autorin allerdings, dass der Anteil der Geschichte, der für mich der wichtigste Aspekt derselben war, dazuerfunden ist: die Aufnahme eines kleinen jüdischen Mädchens. Ich weiß nicht, inwiefern das anderen Lesenden klar ist, wenn sie das Buch lesen bzw. wie in der Bewerbung des Buches darauf hingewiesen wird. Vielleicht habe ich mich da unzureichend informiert, ich setze mir oft Bücher auf die Liste, ohne längere Rezensionen oder Verlagstexte dazu zu lesen. Da ich nicht wusste, dass dieser Part fiktiv ist, hat mir das das Buch etwas madig gemacht, obwohl ich nachvollziehen kann, warum die Autorin sich dazu entschlossen hat. Vielleicht würde ich es auch anders empfinden, hätte ich das Buch bereits im Voraus mehr als fiktiven Roman gesehen denn als nacherzählte Lebensgeschichte. So kommt mir jedoch auch der Gedanke, dass Klara vielleicht doch mehr unkritische Mitläuferin war, als es im Buch erscheint. Inwiefern wir heutzutage über Mitläufer urteilen können, ist ein anderes Thema. Gut ist, dass das Buch uns vor Augen führt, dass es keine Lösung ist, „unpolitisch“ zu sein.

 

Zuletzt gelesen – April

Ach, ich weiß ja auch nicht. Diese Idee, nur noch Sammelposts mit je 4-5 Kurzbesprechungen zu posten, hat irgendwie das Gegenteil dessen bewirkt, was ich damit eigentlich im Sinn hatte: Wieder regelmäßig irgendeine Art von Rezension zu posten. Nun ist es so, dass ich fast ein halbes Jahr hinterherhinke und jeder Post sich wie eine Riesenarbeit anfühlt, zumal ich natürlich in der Zwischenzeit viel vergessen habe. Es scheint, ich habe das Vertrauen in meine Rezensionsfähigkeit verloren. Auch, weil ich in anderen Blogs regelrechte In-Depth-Analysen über Bücher sehe, die ich nie hinbekommen würde, und angesichts der Tatsache, dass manche Booktuber eine Stunde lang über ein einziges Buch reden können.

Da finde ich mein eigenes Geschreibsel regelrecht lächerlich, auch wenn ich persönlich ja eh für kurze Rezensionen bin, weil ich Bücher ja selbst entdecken möchte.

Ich weiß gerade nicht, wie ich weitermachen möchte. Ich werde jedenfalls nicht die ganzen Bücher ausführlich rezensieren können, die ich seit April gelesen habe. Mein Stand für dieses Jahr liegt bei 76 Büchern.

Ich brauche euer Input: Wäret ihr d’accord damit, dass ich zu jedem Buch nur kurz schreibe, wie es mir gefallen hat? In der Hoffnung, aufzuholen? Oder soll ich eher einen cleanen Cut machen und mit dem Buch weitermachen, das ich zuletzt gelesen habe? Ich versuche für den aktuellen Post, der ursprünglich ein klassischer Recent Reads-Artikel werden sollte, erst mal erstere Strategie.

Jasper Fforde: Something Rotten (Thursday Next #4)

Coverabbildung
(c) Hodder & Stoughton

Das war ein Riesenspaß und tatsächlich mindestens so gut wie Teil 1! Am herrlichsten: die Neandertaler. Sehr viel gelacht. Hatte den Eindruck, dass das eigentlich ein Abschluss der Reihe sein sollte, aber dann hat Fforde ja doch weitergeschrieben. Bin gespannt, wie die Reihe weitergeht. Tipp: Falls euch Teil 2 und 3 eher enttäuscht haben, lest dennoch diesen Teil, der ist wirklich großartig!

Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter

Coverabbildung
(c) Argon Verlag

Sprecherin: Sandra Voss

Laufzeit: 11 h 41 min

Bin ja selbst ein Kind der Achtziger, wie die Autorin, und komme außerdem aus einer nahe gelegenen Ecke, daher war da einiges Vertrautes dabei. Wie der Vater die Mutter behandelt, sie auf die Waage beordert und Diäten verordnet, und diese das so lange erträgt und versucht, es ihm rechtzumachen, ist kaum auszuhalten. Lesenswertes Buch, sehr gut geeignet als Hörbuch.

Rebecca Ross: Divine Rivals & Ruthless Vows (Letters of Enchantment #1 und #2)

Coverabbildung
(c) Harper Collins

Sprecher*innen: Alex Wingfield, Rebecca Norfolk

Laufzeit: 10 h 50 min

Deutscher Titel: Divine Rivals

Ja, es passieren noch unerklärliche Dinge in unserem Universum. Ich habe eine Romantasy gelesen. Und sie hat mir super gefallen! So sehr, dass ich mein Printbuch hab liegen lassen und die ganze Zeit nur gehört habe! Die Geschichte ist wirklich sehr süß und ich fand das Kriegs-Setting, das an unsere Weltkriege angelehnt scheint, und das ganze World-Building absolut faszinierend. Das Hörbuch wird abwechselnd von einer jungen Frau und einem jungen Mann gelesen, die die Rollen von Iris und Roman einnehmen. Auch hier gilt: Eignet sich super als Hörbuch. Aber Achtung: fieser Cliffhanger! Glücklicherweise kann man Buch 2 gleich hinterher hören :-)

Coverabbildung
(c) Harper Collins

Sprecher*innen: Alex Wingfield, Rebecca Norfolk

Laufzeit: 14 h 6 min

Deutscher Titel: Ruthless Vows

Die Fortsetzung spannt die Hörer*innen zunächst einmal ganz furchtbar auf die Folter. Ansonsten geht die wirklich ausgeklügelte Geschichte halt weiter und macht weiterhin viel Spaß. Eignet sich meiner Meinung nach auch für Leser*innen, die normalerweise keine Romance oder Fantasy oder gar Romantasy lesen! Mit diesem Band ist die Reihe abgeschlossen.

Habt ihr Tipps für Ähnliches? Nix mit Drachen, Assassinen oder sowas.

Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982

Coverabbildung
(c) Argon Verlag

Sprecher*innen: Nele Rosetz, Felix von Manteuffel

Laufzeit: 4h 54 min

Dieser Roman macht ähnlich wütend wie „Lügen über meine Mutter“. Es geht um einen typischen Lebenslauf einer jungen Frau in einem nach wie vor übel misogynen Südkorea, in dem von Frauen erwartet wird, dass sie ihre eigenen Interessen zurückstecken und sich ganz auf das Wohl ihrer Söhne konzentrieren (etwas pauschal ausgedrückt). Und was das mit einer Frau machen kann. Viel kurzweiliger, als ich gedacht hätte. Nele Rosetz liest das Ganze in einem sehr angebrachten, nüchternem Ton, sodass ich auch hier das Hörbuch empfehle. Unbedingt lesenswert.

 

Bitte noch einmal um Feedback! (siehe oben) :-) Danke!

 

 

Zuletzt gelesen – Ende März bis Anfang April

In diesem Artikel besprochene Bücher: „My East End: Memories of Life in Cockney London“ von Gilda O’Neill, „Ein Hund kam in die Küche“ von Sepp Mall, „Echsengötter“ von Bernhard Hennen & Robert Corvus, „I’m Glad My Mom Died“ von Jennette McCurdy und „Tantalos und weitere Mythen vom Hochmut“ von Luc Ferry.

Gilda O’Neill: My East End: Memories of Life in Cockney London

Coverabbildung
(c) Penguin Random House

Seit ich die britische TV-Serie „Call the Midwife“ zum ersten Mal gesehen habe, interessiert mich die Sozialgeschichte des Londoner East End ganz besonders. Wurde die Gegend früher oft in erster Linie mit Jack the Ripper, Armut und Elend in Verbindung gebracht, was natürlich alles schon dazugehört, hat man durch die Serie erfahren, dass dort auch viele hart arbeitende Menschen leben und lebten, die sich durch einen besonderen sozialer Zusammenhalt auszeichneten. In den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, nach dem Blitz, begannen die oft entsetzlichen Lebensbedingungen in Whitechapel, Poplar und Umgebung sich zu ändern. Die Autorin Gilda O’Neill wurde 1951 in Bethnal Green geboren. Als Kind einer traditionellen East Ender-Familie kann sie aus erster Hand von den Gegebenheiten berichten. Sie war aber auch Historikerin und so handelt es sich bei ihrem Buch keineswegs um reine Erinnerungen aus dem East End, es hat auch einen wissenschaftlichen Anspruch. Und so ist es auch eher eine weiterführende Lektüre für Leser*innen, die sich für das East End interessieren. O’Neill berichtet von der Geschichte des East End bis in die Gegenwart, in der Teile der Gegend, etwa die Docklands, längst gentrifiziert sind, viele ehemalige East End-Familien in Außenbezirke umgesiedelt wurden und die besondere Gemeinschaft leider Vergangenheit ist. Das Buch bietet einen ausgewogen Überblick über positive und negative Begebenheiten des East End sowie Geschichten von den Menschen, die es ausmachten.

Sepp Mall: Ein Hund kam in die Küche

Coverabbildung
(c) Leykam Verlag

Diesen kurzen, so leicht lesbaren Roman beherrschen zwei schwere Themen aus dem 2. Weltkrieg, einmal die sogenannte „Option“, die deutschsprachigen Südtirolern eine Emigration nach Nazideutschland vorschlug, andererseits ein besonders schweres Verbrechen der Nazis, die Euthanasie an behinderten Menschen. Erzählt wird die tragische Geschichte des 11-jährigen Ludi und seiner Familie, die während des Krieges Südtirol in Richtung Deutschland verlassen, dort aber nie Fuß fassen und nach Ende des Krieges zu den zahlreichen Rücksiedlern gehörten. Und dort erwartungsgemäß Repressalien von den „Dableibern“ erfahren müssen. Ein leises Buch aus der Sicht eines Kindes, das seinen Bruder während des Nationalsozialismus verliert. Sehr lesenswert und relevant angesichts der Aussagen von Politikern einer bestimmten Partei.

Bernhard Hennen & Robert Corvus: Echsengötter (Phileasson-Saga, Band 9)

Coverabbildung
(c) Audible Studios

Sprecher: Detlef Bierstedt

Dauer: 28 h 59 min

Der neunte Teil der Phileasson-Saga hat mich im Vergleich zum Vorgänger ein wenig enttäuscht, unter anderem, weil aus einem Paar, das ich shippte (wie bescheuert das klingt), nichts wurde. (Ich bin inzwischen darüber weg ;-)) Andererseits ein besonders spannender Teil angesichts der schrecklichen Dinge, von denen man aufgrund einer Vision, deren Zeuge einige der Protagonisten wurden, dass sie passieren würden, aber nicht, wen sie treffen würden. Und na ja, Dinosaurier! T-Rex! Bzw. „der Schlinger“. Das Setting unter den Echsenmenschen ist schon ganz cool.

An der Geschichte von Beorns Ottajasko hapert es hingegen weiterhin. Sie befindet sich immer noch „hinter den Nebeln“ und mischt sich in den Konflikt zwischen zwei Elfenfraktionen, den „Alten“ und den „Wilden“ ein. Was mit viel Kämpferei verbunden ist und mich entsprechend langweilte. Da auch wieder in lebenden Bildern gekämpft wird, wiederholt sich sehr viel, was so weit getrieben wird, dass es wirklich ermüdend wird.

Am Ende deutet sich eine Beziehung zwischen zwei Figuren an, die von Anfang an dabei waren.

Kudos an Detlef Bierstedt für die souveräne, fehlerfreie Aussprache von Namen wie „Xch‘ War“ (und das ist noch harmlos), die dennoch bei mir zu einiger Heiterkeit führte.

Jennette McCurdy: I’m Glad My Mom Died

Coverabbildung
Simon & Schuster Audio

Sprecherin: Jennette McCurdy

Dauer: 6 h 26 min

Ich bin zu alt, um mit die mit jugendlichen Stars besetzten Serien des Senders Nickelodeon gesehen zu haben. Dementsprechend hatte ich sowohl von „iCarly“ als auch von Jennette McCurdy noch nie gehört. Und hab ihr Memoir „I’m Glad My Mom Died“ daher aus Desinteresse auch lange nicht meiner Wunschliste hinzugefügt. Bis ich von Booktubern hörte, wie krass das Buch sei und wie gut es davon berichtet, was ambitionierte Eltern, die ihre unerfüllten Träume ums Verrecken in ihren Kindern ausleben wollen, diesen antun. Tatsächlich ist es unfassbar, wie selbstsüchtig und manipulativ Jennettes Mutter war, ihre Krankheit gegen ihre Tochter ausspielte und deren Zuneigung zu ihr gnadenlos ausnutzte. Welche Mutter macht ihr Kind mit vollem Vorsatz magersüchtig? McCurdy ist dabei gnadenlos ehrlich, es handelt sich auch keineswegs um eine Hasstirade auf ihre Mutter, der sie bis zu ihrem Tod trotz allem sehr nahe stand. Jennette liest das Buch selbst, spricht ziemlich schnell und hörbar bemüht, beim Lesen keine Emotion aufkommen zu lassen. An einen wenigen Stellen gelingt ihr das nicht ganz. Hat man das Buch gelesen, kann man dessen Titel absolut nachvollziehen. Sehr lesenswert.

 

Luc Ferry, Clotilde Bruneau, Carlos Rafael Duarte (Illustrator), Harald Sachse (Übersetzer): Tantalos und weitere Mythen vom Hochmut

(c) Splitter Verlag

Bei diesem Band aus der Reihe „Mythen der Antike“ handelt es sich um mehrere kürzere Nacherzählungen griechischer Mythen, und zwar um die von Ixion, Tantalos, Niobe und Phaeton. In allen geht es um die menschliche Hochmut gegenüber den Göttern. Wie die anderen Graphic Novels aus dieser Reihe eignet sich auch dieser hervorragend zur Auffrischung und auch für den Erstkontakt mit den entsprechenden Mythen. In diesem Fall hat mir das Nachwort zum Thema „Hybris“ besonders gut gefallen. Ein ganz besonders gelungener Teil der Reihe.

Zuletzt gelesen – KW 22

In diesem Artikel besprochene Bücher: „Zauber der Stille“ von Florian Illies (Hörbuch), „Artificial Condition“ von Martha Wells (Hörbuch), „Meine Geschichte der deutschen Literatur“ von Marcel Reich-Ranicki, „Elfenkrieg“ von Bernhard Hennen und Robert Corvus (Hörbuch) sowie ganz kurz „König Midas“ von Luc Ferry, Clotilde Bruneau, Stefano Garau und Guiseppe Baiguera (Graphic Novel).

Dieser Artikel wird ein bisschen schwierig, denn ich bin noch mehr ins Hintertreffen geraten, was meine zu rezensierenden Bücher angeht. Mal sehen, was ich noch aus meinem Gedächtnis klauben kann, bitte um Nachsicht, falls es nicht so viel ist ;-)

Florian Illies: Zauber der Stille

Coverabbildung
(c) Argon Verlag

Sprecher: Stephan Schad

Dauer: 6h 27min

Wie wir es mittlerweile von einigen deutschen Autoren kennen, nimmt sich Florian Illies in „Zauber der Stille“ wieder eines bestimmten Zeitraums an, d. h., in diesem Falle dem Leben des „urdeutschen“ Malers Caspar David Friedrich, und setzt die Gesellschaft und die prominenten Persönlichkeiten der Epoche mit diesem in Beziehung. Meiner Meinung nach ist ihm dies in diesem Buch wieder wunderbar gelungen, wenn auch ein paar Zusammenhänge ein wenig an den Haaren herbeigezogen wirken könnten. Ich persönlich kann Illies dies verzeihen, denn insgesamt macht er das schon sehr geschickt, auch mit der Unterteilung des Buches in die Kapitel „Feuer“, „Erde“, „Wasser“ und „Luft“, die vier Elemente also, die sich nicht nur in den jeweils besprochenen Bildern des Malers widerspiegeln, sondern auch in den Ereignissen, die im entsprechenden Kapitel eine Rolle spielen. Vor allem im Kapitel „Feuer“ fand ich das äußerst gelungen. Für den notwendigen Humor ist auch gesorgt, der insbesondere in der Schilderung der, sagen wir, „schwierigen“ Beziehung Friedrichs mit Johann Wolfgang von Goethe deutlich wird. So macht Geschichte Spaß, das Buch, auch als Hörbuch zu empfehlen, hat mich prächtig unterhalten.

Martha Wells: Artificial Condition (The Murderbot Diaries #2)

Coverabbildung
(c) Tor Books

(Cover/Link führt zur Printausgabe, da der Audioverlag (Recorded Books) keine Suchfunktion auf seiner Website hat. Buch gehört über Audible.)

Sprecher: Kevin R. Free

Dauer: 3h 21 min

Murderbot ist wieder unterwegs, und zwar mit einem Schiff, das von einem Bot namens ART gesteuert wird, der im Laufe wieder doch recht kurzen Geschichte zu einem herrlichen Sidekick wird. Vor allem will Murderbot herausfinden, was bei dem Vorfall, bei dem er mehrere Menschen getötet haben soll, wirklich passiert ist. Dabei muss Murderbot wieder ein paar naive Menschen retten, die sich selbst in haarsträubende Gefahren begeben, weil sie um die Ergebnisse einer von ihnen durchgeführten Expedition gebracht wurden. Das Beste an diesem zweiten Band der Murderbot Diaries ist definitiv ART, der süchtig nach Serien ist und nicht gut damit zurecht kommt, wenn diese tragisch enden. Da findet eine regelrechte  Charaktergestaltung einer künstlichen Intelligenz statt, die nicht einmal über einen Körper verfügt. Ich sehe regelrecht das Schild, das Martha Wells möglichen Lesegruppen vor die Nase hält und auf dem steht „Discuss“. Was ich an der Reihe auch beeindruckend finde, ist die Selbstverständlichkeit, mit der auf moderne Lebensmodelle verwiesen wird. Viele Menschen leben in dieser Zukunftswelt in polyamoren Ehen, bunt gemixt, mit gemeinsamen Kindern, Zweierbeziehungen scheinen eher selten zu sein. Auch diesen zweiten Band habe ich sehr gern gelesen bzw. gehört (inzwischen bin ich bis einschließlich Band 4 gekommen).

Marcel Reich-Ranicki: Meine Geschichte der deutschen Literatur

Coverabbildung
(c) DVA

MRR ist nicht unumstritten, vor allem weil sein Kanon doch sehr von Männern dominiert ist und er ziemlich arrogante Äußerungen über weibliche Autoren gemacht hat, etwa, dass sie keine Romane schreiben könnten (Quelle: Frauen Literatur von Nicole Seifert). Auch in diesem Buch, das chronologisch nach den Epochen der deutschen Literatur aufgeteilt ist, dominieren die Männer, insbesondere in den ersten Teilen. (Jedem Autor bzw. jeder Autorin wird je ein Kapitel gewidmet.) Immerhin geht Reich-Ranicki auf diesen Punkt in einem den eigentlichen Autorenporträts vorangestellten, sehr interessanten Essays selbst ein und macht dabei folgende Feststellung: „Nun beweist der minimale Beitrag der Frauen zur Literatur und zur Kunst der Vergangenheit noch keineswegs, dass Kreativität und Genie nicht Sache des weiblichen Geschlechts seien. Es wurde schon oft gesagt und kann nicht oft genug wiederholt werden: Die den Frauen in der von Männern beherrschten Welt zugewiesene Rolle hat ihnen die Beschäftigung mit allem Geistigen und Künstlerischen in hohem Maße erschwert, ja unmöglich gemacht.“ (Seite 56/57).

Es hat sicherlich mehr vergessene weibliche Autoren in der Literaturgeschichte gegeben, die MRR nicht bespricht, aber ich muss ihm zu Gute halten, dass ich durch die Lektüre dieses Buches doch ein paar neue Autorinnen gefunden habe, die mich interessieren (etwa Eva Demski).

Der Titel des Buches ist ein wenig missverständlich. Es handelt sich hier nicht um ein zusammenhängendes Werk über die Geschichte der deutschen Literatur. Vielmehr besteht es aus in den langen Jahren seines Schaffens gesammelten Essays über deutsche Autor*innen, die in chronologische Reihenfolge gebracht wurden. Das könnte einige Erwartungen enttäuschen. Auch ich bin eher mäßig mit dem Ergebnis zurechtgekommen, der Band stellt jedoch eine durchaus lohnende Lektüre dar und bietet definitiv viele interessante Informationen. Um mehr über die größtenteils vergessenen weiblichen Autoren zu erfahren, lese ich jetzt „Frauen Literatur“ von Nicole Seifert.

Bernhard Hennen & Robert Corvus: Elfenkrieg (Phileasson-Saga, Band 8)

Coverabbildung
(c) Audible Studios

Sprecher: Detlef Bierstedt

Dauer: 25 h 19 min

Achtung, leichte Spoiler für diejenigen möglich, die die ersten sieben Bände noch nicht gelesen haben.

Ab Band 8 der Phileasson-Saga agieren die beiden Ottajaskos erst einmal isoliert voneinander, denn die von Beorn wurde in das alte Tie’Shianna entrückt, in dem der lang zurückliegende Krieg um diese Elfenstadt tobt. Es handelt sich um ein sogenanntes lebendes Bild und Beorn und seine Recken und Schildmaiden müssen bald feststellen, dass die Abläufe um die Eroberung der Stadt jederzeit abrupt enden und wieder von vorne beginnen können. Wie sollen sie aus diesem lebenden Bild entkommen? Phileassons Ottajasko ist derweil weiterhin mit den Siedlern um Aischa unterwegs, um das Tal aus der Prophezeiung ihres Vaters zu finden. Dabei passieren sie unter anderem das Liebliche Feld, die Heimat von Vascal della Rescati und seiner Nichte Leomara. Auch der wieder sehr gelungene Prolog beschäftigt sich mit der Vorgeschichte Vascals und später auch Leomaras. Aufgrund dieses Prologs ist mir Vascal inzwischen richtig ans Herz gewachsen. Die Gemeinschaft reist weiter Richtung Dschungel, wo sie es unter anderem mit Echsenmenschen zu tun bekommen.

Dieser Band hat mir wieder gut gefallen und endet mit einem Cliffhanger, der mich erstmals veranlasste, den nächsten Band gleich hinterher zu hören. Hennen und Corvus halten das in den letzten Bänden aufgebaute Niveau.

Luc Ferry, Clotilde Bruneau, Stefano Garau, Guiseppe Baiguera: Mythen der Antike: König Midas

Coverabbildung
(c) Splitter Verlag 

Übersetzung aus dem Französischen von Harald Sachse

Ich habe die Geschichte um den phrygischen König Midas erstmals von Stephen Fry in „Mythos“ vollständig gehört und hatte doch schon wieder vergessen, wie umfangreich diese Sage ist. Auch hier hat mich die Umsetzung des Splitter-Verlags überzeugt, wie die anderen Bände eignet er sich super zur Auffrischung oder auch als Erstkontakt mit dem griechischen Mythos.

Zuletzt gelesen – KW 16

In diesem Artikel besprochene Bücher: „Radium Girls – Ihr Kampf um Gerechtigkeit“ von Cy. (Graphic Novel), „Still Just a Geek – An Annotated Memoir“ von Wil Wheaton, „The Observations“ von Jane Harris, „Rosentempel“ von Bernhard Hennen & Robert Corvus und „Ödipus“ von Luc Ferry, Clotilde Bruneau und Diego Oddi (Graphic Novel).

Cy.: Radium Girls: Ihr Kampf um Gerechtigkeit

Coverabbildung
(c) Carlsen Verlag

Übersetzung aus dem Französischen von Christiane Bartelsen

Von der Geschichte der jungen Frauen, die in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts Ziffernblätter mit Radiumfarbe bemalten, habe ich bereits ausführlich im hervorragend recherchierten Sachbuch von Kate Moore gelesen (besprochen in diesem Artikel). Diese Graphic Novel habe ich zufällig in der Bibliothek entdeckt und gleich mitgenommen, um zu sehen, was die französische Zeichnerin Cy. aus dem Thema gemacht hat. Schon allein wegen der aufwendigen Buntstifttechnik ist die Graphic Novel nicht sehr ausführlich und daher eher als Einstieg in das Thema zu betrachten. Wer sich näher mit dem Schicksal der Frauen, ihrer Charakterisierung und individuellen Geschichten und ihrem Kampf gegen die verantwortlichen Konzerne beschäftigen möchte, sollte anschließend zu Kate Moores Buch greifen. Das Thema wird jedoch liebevoll und originell umgesetzt. Sehr gefallen hat mir das Farbschema, das die radioaktive Leuchtfarbe an jeder Stelle des Buches präsent sein lässt. Zusätzliches Gimmick: Das Cover leuchtet im Dunkeln leicht, wie die tödliche Farbe.

Wil Wheaton: Still Just a Geek: An Annotated Memoir

(Kann sein, dass die Coverabbildung fehlt, irgendwie lässt sich das Bild nicht dauerhaft verlinken.)

Coverabbildung
(c) Harper Audio

Sprecher: Wil Wheaton

Dauer: 23 h 51 min

Wil Wheaton wurde einem breiteren Publikum erstmals durch den sehr erfolgreichen Film „Stand By Me“ bekannt, den er im Alter von 14 Jahren drehte, weitaus berühmter ist er jedoch für seine Rolle als Sohn der Schiffsärztin in Star Trek – The Next Generation. Was man damals nicht wusste: Dieser Junge wollte kein Schauspieler sein, sondern wurde von seiner ehrgeizigen Mutter dazu genötigt. Er „musste“ ein Star sein, war jedoch sehr unglücklich damit.

Das vorliegende Buch ist im Grunde kein eigenständiges Werk, sondern eine ausführlich kommentierte Fassung seiner früheren Autobiografie „Just a Geek“. Das stellt für die Hörbuchversion eine gewisse Herausforderung dar, denn es ist nicht immer ganz einfach, nachzuvollziehen, wann der jüngere und wann der ältere Wil spricht. Im Großen und Ganzen gelingt ihm das jedoch recht gut. Eine weitere Besonderheit des Buches ist, dass es sich größtenteils um Posts aus seinem Blog handelt, den er in den frühen 2000ern ins Leben rief und der sich großer Beliebtheit erfreut. Warum braucht es die kommentierte Fassung? Einerseits hatte Wil damals noch nicht seine Therapie durchlaufen und Mental Health-Diagnosen erhalten. Er hatte sich noch nicht von seinen Eltern distanziert, die ihm so viel angetan haben. Und sein Verhältnis zu Star Trek war noch nicht überwiegend positiv, wie heute. Andererseits entschuldigt er sich an vielen Stellen für seine damalige Ignoranz bezüglich homophober, misogyner und ableistischer Sprache. Tatsächlich entschuldigt er sich so oft und so repetitiv, dass ich irgendwann nur noch dachte, ja, Wil, ist gut, wir glauben dir! ;-)

Ich habe das Buch sehr gerne gehört, mit Wil gelacht, aber auch mit Wil geweint, denn an einigen Stellen wird es sehr emotional und bricht auch Wils Stimme. Was seine Eltern Wil zugemutet haben, wie sie ihn ausgenutzt und ausgebeutet haben, ist unfassbar. Ich möchte aber betonen, dass es sich nicht um eine Art „Jammerbuch“ handelt, Wils Einstellung und Situation sind positiv und er hat seinen Frieden mit seiner Vergangenheit, Star Trek und seiner etwas verkorksten Schauspielerkarriere gemacht. Wenn auch nicht mit seinen Eltern, die aber auch uneinsichtig sind und es wohl auch nicht verdient hätten. Stattdessen hört man ganz viel Liebe für seine Ehefrau, seine (Stief-)Söhne und seine Star Trek-Familie heraus. Und natürlich gibt es auch viele Anekdoten und Eindrücke aus seiner ganzen Reise im Star Trek-Universum.

Jane Harris: The Observations

Coverabbildung
(c) Faber & Faber

Die junge Bessie erhält im Schottland des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger durch Zufall eine Anstellung im Haus eines kleinen Landbesitzers. Dieser ist oft unterwegs und so hat Bessie es überwiegend mit Arabella, der Ehefrau des Hausherren zu tun. Diese trägt Bessie schon bald merkwürdige Aufgaben auf, etwa sich immer wieder abwechselnd auf einen Stuhl zu setzen und aufzustehen. Verwundert über ihre Arbeitgeberin, nutzt Bessie eine Gelegenheit, sich Arabellas Aufzeichnungen anzusehen (sie kann aus Gründen, die zunächst nicht erklärt werden, gut lesen und schreiben). Und muss feststellen, dass Arabella ihre Dienstmädchen für obskure Verhaltensstudien nutzt, die sie in einem Notizbuch festhält und „Observations“ nennt.

Jane Harris‘ Protagonistin Bessie ist definitiv ein spannender, humorvoller Charakter, der einige Geheimnisse birgt, von denen wir von Bessie in einigen Rückblenden erfahren. Gegenstand des Romans ist jedoch das Schicksal der Hausherrin Arabella, das zunächst wie eines der beklagenswerten Schicksale anmutet, die intelligenten Frauen, die in dieser Zeit der Willkür ihrer Ehemänner und/oder Väter ausgesetzt waren. Soweit gefiel mir das Buch wirklich, es ist unterhaltsam und lustig geschrieben, mit einer originellen Protagonistin. Doch die Auflösung gefiel mir gar nicht. Insbesondere nicht, was sie impliziert. Daher kann ich diesem Buch nicht mehr als drei Sterne geben. Ich hoffe, „Sugar Money“ von der Autorin, das ich auf dem SuB habe, enttäuscht mich diesbezüglich weniger.

Bernhard Hennen & Robert Corvus: Rosentempel (Die Phileasson-Saga, Teil 7)

Coverabbildung
(c) Audible Studios

Sprecher: Detlef Bierstedt

Dauer: 23 h 37 min

Der siebte Teil der Phileasson-Saga ist größtenteils in Fasar und der Wüste angesiedelt. Es gilt, den richtigen Propheten zu finden, ihm zu folgen und den namengebenden Rosentempel zu finden. Was in diesem Band geschieht, ist harter Tobak. Ein Charakter kommt auf grausame Weise zu Tode, was dazu geführt hat, dass ich einen anderen Charakter, den ich mal mochte, nun abgrundtief hasse. Insgesamt ist dieser Band für mich bisher (bin inzwischen bis einschließlich Band 9 gekommen) einer der stärksten. Den Prolog um Galayne fand ich richtig stark. Das Ende dieses Bandes fand ich hingegen ein bisschen frustrierend und verwirrend.

Luc Ferry, Clotilde Bruneau, Diego Oddi: Ödipus

Coverabbildung
(c) Splitter Verlag

Übersetzung aus dem Französischen von Harald Sachse

Von der bekanntesten Fassung der thebanischen Mythen, der Thebanischen Trilogie von Sophokles, habe ich bisher „König Ödipus“ und „Antigone“ gelesen. Ebenfalls habe ich die Comic-Fassung von „Antigone“ aus dem Splitter-Verlag gelesen. Mit diesem Band konnte ich also mein Wissen um den Mythos einerseits auffrischen, andererseits mehr über „Ödipus auf Kolonos“ erfahren. Letzteres Werk sowie „König Ödipus“ werden beide in diesem Comic zusammengefasst. (Den „Ödipus auf Kolonos“ will ich natürlich auch noch in der Fassung von Sophokles lesen.) Die Umsetzung wie auch der Zeichenstil haben mir auch hier wieder sehr gut gefallen, wobei ich das Cover, das eher im Stil eines Gemäldes gehalten ist, schöner finde. Ob als Einstieg in die Thematik oder zur Auffrischung, die Bände zur griechischen Mythologie aus dem Splitter-Verlag sind absolut empfehlenswert.

Zuletzt gelesen – KW 11

In diesem Artikel besprochene Bücher: „Nincshof“ von Johanna Sebauer, „Totenmeer“ von Bernhard Hennen & Robert Corvus, „All Systems Red“ von Martha Wells und „Die Inkommensurablen“ von Raphaela Edelbauer

Johanna Sebauer: Nincshof

Coverabbildung
(c) Dumont Buchverlag

Ach, mit Erna Rohdiebl hatte ich viel Spaß! Nicht nur, weil sie für ihr Alter echt dreist drauf ist. Die Prämisse des Romans ist auch einfach saukomisch umgesetzt: Drei männliche Bewohner des Dorfes wollen dafür sorgen, dass dieses vergessen wird. Vom Stress der globalisierten Welt abgeschnitten wird. Wie es früher schon einmal war. Und Erna wollen sie für ihr Anliegen rekrutieren. Straßenschilder, Wikipedia-Einträge und Archivmaterial verschwinden. Dann sind da aber noch diese aufmüpfigen Neuen, die im Dorf eine Irrziegenfarm betreiben wollen! Aus dieser Konstellation entsteht eine sehr humorvolle, wenn auch eher harmlose Geschichte um das kleine Dorf, mit einigen, wenigen ernsten Anklängen. In gewissem Maße ist da sicher auch Spott über bestimmte Gesellschaftsgruppen enthalten, aber dieser bleibt gutmütig, nicht bissig.

Bernhard Hennen & Robert Corvus: Totenmeer (Phileasson-Saga, Band 6)

Coverabbildung
(c) Audible Studios

Sprecher: Detlef Bierstedt

Dauer: 21 h 31 min

Achtung, leichte Spoiler für die ersten fünf Teile der Saga möglich (weil man erfährt, dass bestimmte Charaktere noch leben ;-))

Mit diesem Teil der Phileasson-Saga haben mich Bernhard Hennen und Robert Corvus nun wirklich endgültig überzeugt. Auf einen gewohnt langen, aber auch richtig starken Prolog folgt ein Duell um den Sieg der nächsten Aufgabe, die in einem faszinierenden Setting angesiedelt ist. Das World Building ist hier wirklich ganz stark und ihr wisst ja, wie viel Wert ich darauf lege. Der absolute Höhepunkt ist aber der erzwungene und nur mit Worten ausgefochtene Austausch zwischen Zidaine Barazklah, Praioslob und Tylstyr Hagridson. Ich muss an dieser Stelle aufpassen, nicht zu spoilern. Das ganze ähnelt einem Gerichtsverfahren, in dem Praioslob Zidaines Handlungen ins richtige Licht rückt. Das ist ungemein tiefgründig und regelrecht philosophisch. Großartig! Deshalb muss ich dem Buch, dem ich zunächst vier Sterne gegeben habe, unbedingt im Nachhinein fünf Sterne geben. Richtig, richtig gut!

Martha Wells: All Systems Red (The Murderbot Diaries #1)

Coverabbildung
(c) Tor Books

(Cover/Link führt zur Printausgabe, da der Audioverlag (Recorded Books) keine Suchfunktion auf seiner Website hat. Buch gehört über Audible.)

Sprecher: Kevin R. Free

Dauer: 3 h 17 min

In einer fernen Zukunft. KI ist mittlerweile nicht nur in der Lage, praktisch wie ein Mensch zu wirken, sie kann auch Vorlieben und Gefühle entwickeln. Murderbot ist ein Bodyguard-Android, genannt „SecUnit“, der über seine Hard- und Software auch sofortigen Zugang zu allen möglichen Daten hat und natürlich zäher als ein menschlicher Sicherheitsbeamter ist, wenn auch durchaus verletzlich. Murderbot weiß, dass es in seiner Vergangenheit einen Vorfall gab, bei dem er außer Kontrolle geriet und mehrere Menschen tötete. Er weiß jedoch nicht, wie das passieren konnte, denn seine Programmierung und sein künstliches Gewissen lassen dies normalerweise keinesfalls zu. Die entsprechenden Teile seines Gedächtnisses wurden gelöscht. Bei einer Erkundungsmission auf einem Planeten, die er als Sicherheitsandroid begleitet, kommt es zu mehreren sicherheitsrelevanten Vorfällen, die ungewöhnlich erscheinen, und Murderbot realisiert, dass die Menschen in seiner Obhut in großer Gefahr sind.

Martha Wells ist es gelungen, einen sympathischen Androiden zu erschaffen, der als Protagonist der Weltraumkrimis für Spannung sorgt. Sympathisch machen ihn seine menschlichen Eigenschaften – Murderbot ist etwa ein echter Serienjunkie -, aber auch besonders seine Unsicherheiten im Umgang mit Menschen: Murderbot ist … awkward und sich seiner sozialen Defizite peinlich bewusst. Die Bücher sind zu kurz, um auch ein ausgeklügeltes World Building zu bieten, da ist die Reihe bisher ausbaufähig, aber sie bietet neben viel Spannung und Action auch die Thematisierung der immer relevanter werdenden Fragestellung, was KI kann und darf, wie vertrauenswürdig sie ist und wo ihre Grenzen liegen. Das Ende hat mich, ich will nicht sagen „enttäuscht“, ich hätte mir nur persönlich für Murderbot etwas anderes gewünscht. Es birgt also keineswegs Abwertungspotenzial. Ich habe inzwischen auch den zweiten Band gehört und dieser hat mir noch besser gefallen als der erste. (Rezension folgt.)

Raphaela Edelbauer: Die Inkommensurablen

Coverabbildung
(c) Klett-Cotta

Jetzt muss ich grundehrlich sein: Ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen und fand es trotz seiner teils komplexen mathematisch-philosophischen Ausführungen gut lesbar. Das Problem ist nur, dass ich ziemlich viel einfach schon wieder vergessen habe. Das könnte man nun so interpretieren, dass das gegen das Buch spricht, aber dazu hat es mir zu gut gefallen (das weiß ich noch!). Das Buch spielt an einem einzigen Tag am Vorabend des 1. Weltkriegs in Wien und lässt einen jungen Landarbeiter namens Hans auf das Mathematikgenie Klara, die kurz vor ihrer Promotion steht, und ihren guten, adligen Freund Adam treffen. Was Klara und Hans verbindet, ist ein gemeinsamer Traum, den sie mit einigen anderen Menschen teilen und den die Psychoanalytikern Helene, bei der Klara wohnt und die Hans aufsuchen wollte, untersucht. Dabei macht die Autorin vielleicht das ein oder andere Fass zu viel auf, ich habe die daher die 410 Seiten als ein wenig überfrachtet empfunden, obwohl die Handlung nur einen Tag umfasst. Den mathematischen Theorien konnte ich nicht immer ganz folgen, was aber meinen Spaß an dem Buch nicht beeinträchtigt hat.

Zuletzt gelesen – KW 9 2024

Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Gedichte

Jugendbildnis der Dichterin, vermutlich von ihrer Schwester Jenny
Jugendbildnis der Dichterin, vermutlich von ihrer Schwester Jenny. Von Wikipedia, gemeinfrei

Keine Coverabbildung, da nur noch antiquarisch erhältlich

Jo. Wie lange habe ich daran gelesen? 11,5 Jahre. Ich war 2012 in Meersburg, erinnerte mich positiv an die Schullektüre „Die Judenbuche“ und dann besuchte ich neben Annette von Droste-Hülshoffs Sterbeort in der Meersburg und ihrem nahegelegenen Grab auch das Fürstenhäusle, das sie für sich gekauft hatte und heute als Droste-Museum fungiert. Und wie ich nun mal bin, kaufte ich mir dort direkt eine Gesamtausgabe, Band 1 mit sämtlichen Gedichten und Band 2 mit sämtlichen Erzählungen. Wollte jeden Tag, ein, zwei Gedichte lesen. Die waren allerdings überwiegend wirklich, wirklich schwierig für mich Lyriklaiin (Laiin? Gibts das? Egal.) Die sich darüber hinaus wesentlich besser im Victorian Age in Großbritannien auskennt als im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Deswegen gab es seeehr lange Pausen in meiner Lektüre und kann ich nicht behaupten, dass ich die politischen Gedichte verstanden hätte. Bis auf die, die feministische Klänge haben, wie „Am Turme“ (go, Annette!). Die fand ich dann allerdings klasse. Völlig an mir vorbei gingen leider die meisten Gedichte, die unter dem Begriff „Geistliches Jahr“ zusammengefasst werden. Ich bin nicht religiös. Allerdings sind da stellenweise auch eindeutig Zweifel an Gott und Religion herauszulesen. Volltreffer waren bei mir die Naturgedichte. „Der Knabe im Moor“, „Der Heidemann“, „Im Moose“. Ich habe inzwischen auch zwei historische Romane über die Dichterin gelesen, „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ von Karen Duve und „Grimms Morde“ von Tanja Kinkel, die ich beide sehr mochte und die mir meine Namensvetterin näher brachten. Und ratet, wo ich im Frühsommer ein paar Tage hinfahren werde? Ins Münsterland. Mir die Burg Hülshoff anschauen. Und vielleicht auch ein Moor (oder das, was davon übrig ist).

Vicki Baum: Hotel Shanghai

Coverabbildung
Kiepenheuer & Witsch

„Hotel Shanghai“ ist nach dem bekannteren „Menschen im Hotel“ der zweite große Hotelroman von Vicki Baum und zehn Jahre später entstanden, nämlich 1939. „Menschen im Hotel“ hat mir durchaus gefallen, war aber kein Highlight für mich. Umso mehr freut es mich, dass ich mit „Hotel Shanghai“ wesentlich mehr anfangen konnte. Die ganze Prämisse finde ich allein sehr interessant: Das namengebende Hotel befand sich im internation1937alen Viertel der chinesischen Großstadt und wurde 1937 im zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg durch eine Bombe zerstört. Das Buch erzählt die Geschichten der neun Menschen, die dabei ums Leben kamen. Ich konnte trotz intensiver Recherche nicht herausfinden, wie viel genau an der Geschichte historisch ist, insbesondere nicht, ob es die neun Protagonisten sind. Ich vermute, dass zumindest die Geschichten, die Vicki Baum um sie spinnt, fiktiv sind. Bei dem Hotel handelt es sich offenbar um einen Teil des heutigen Peace Hotels.

Das Buch ist in zwei große Teile gegliedert: Im ersten Teil erfahren wir die Vorgeschichte der neun Menschen, die anschließend im zweiten Teil im Hotel aufeinandertreffen. Vor allem dieser erste Teil hat mir ausnehmend gut gefallen. Ich fand die Charakterisierungen viel interessanter und umfassender als die in „Menschen im Hotel“. Auch die sehr unterschiedlichen Hintergründe waren faszinierend. Im zweiten Teil befürchtete ich eine Zeit lang, dass das Ganze zumindest in Teilen in eine sehr anstrengende Liebesgeschichte münden würde, aber auch hier beweist Vicki Baum Klasse und es kommt alles ganz anders. Ich werde definitiv weitere Werke der weitgehend vergessenen Autorin lesen.

James Herriot: Every Living Thing – The Classic Memoirs of a Yorkshire Country Vet

Coverabbildung
(c) Pan Macmillan

Sprecher: Nicholas Ralph

Dauer: 12 h 38 min

„Every Living Thing“ ist das letzte der Bücher, die auf Goodreads in die Reihe „All Creatures Great and Small“ eingeordnet sind. Wie schon im Vorgänger „The Lord God Made Them All“ ist auch in diesem Band die Erzählung nicht länger chronologisch wie in den ersten drei Büchern, sondern anekdotenhaft. Wir hören wieder viel über schrullige Bauern, Haustierbesitzer, James‘ und Helens Kinder und ihr Familienleben. Auch dieser Teil kommt nicht an die ersten drei heran, hat mir aber besser gefallen als der letzte. Herriot besinnt sich wieder mehr auf die Themen, um die es in den ersten drei Bänden ging. Manchmal frage ich mich, ob wirklich ein einziger Tierarzt in seinem Arbeitsleben auf so viele Skurrilitäten treffen kann oder ob da nicht auch manches von Kollegen mit eingeflossen oder erdacht ist. Auf Audible ist noch ein Hörbuch namens „The Wonderful World of James Herriot“ verfügbar, das u. a. Nicholas Ralph als Sprecher aufführt. Ich vermute, dass es sich dabei um Ausschnitte aus den anderen Büchern handelt. Ich werde auf jeden Fall beobachten, ob da noch etwas geplant ist, auf Goodreads ist durchaus noch mehr von James Herriot zu finden, ich vermute aber, dass es sich dabei um Teil des Hauptwerks handelt, die separat verfügbar sind. Ich werde die aktuelle Serienverfilmung weiter verfolgen, auch wenn sie doch einen ganz anderen Fokus hat als die Bücher, und die ersten drei Bücher werde ich mir sicher irgendwann auch noch einmal anhören.

Harald Meller/Kai Michel: Das Rätsel der Schamanin: Eine archäologische Reise zu unseren Anfängen

Coverabbildung
(c) Rowohlt

Blöderweise habe ich dieses Buch nicht mehr da, da ich es aus der Bibliothek ausgeliehen hatte, und so kann ich nicht mehr auf die vielen Stellen zurückgreifen, die ich mir markiert hatte. Ich versuche, so gut es geht, aus dem Gedächtnis zu berichten. Bei der „Schamanin“ handelt es sich um die Überreste einer 25 bis 35-jährigen Frau aus der mesolithischen Doppelbestattung von Bad Dürrenberg (das andere Skelett ist das eines Kleinkindes, das interessanterweise nicht ihr eigenes war, aber mit ihr verwandt), die ursprünglich 1934 entdeckt wurde. Das Grab zeichnet sich u. a. durch die spannenden Grabbeigaben aus, darunter ein auffälliger Kopfschmuck aus Geweihen und anderen Knochen, die die Ausgräber vermuten ließen, dass es sich bei der Person um einen Schamanen handelt. Die Nazis machten sich dieses Grab natürlich zu Eigen und sahen in der Bestattung einen männlichen Germanen. Dank genetischer Untersuchungen stellte sich dieser als Frau heraus, die dunkelhäutig war (schluckt das, Nazis!) und blaue Augen hatte, was ich unfassbar spannend finde, auch, da dasselbe für den ebenfalls mesolithischen Cheddar Man aus England festgestellt wurde. Ein Zeichner hat aufgrund des gesamten Befundes und der Ergebnisse der DNA-Untersuchungen ein Porträt der Schamanin erstellt, das im Buch zu finden ist und das ich absolut faszinierend finde (auch vom Cheddar Man gibt es eine Rekonstruktion, zu finden über den oben angegebenen Wikipedia-Link).

Das vorliegende Buch beschreibt den Fund und die darum entstandenen Theorien ausführlich. Besonders interessant ist auch, dass die „Schamanin“ körperlich behindert war und dass ihre Schneidezähne wohl künstlich so stark abgeschliffen wurden, dass dies für chronische Entzündungen gesorgt haben und äußerst schmerzhaft gewesen sein muss. Da es noch mehr Funde von körperlich beeinträchtigten Menschen mit auffallender Grabausstattung gibt, führt dies zur Vermutung, dass diese Besonderheiten in den Augen ihrer Mitmenschen eine besondere Nähe zur spirituellen Welt mit sich brachten. Die Autoren räumen auch mit dem klassischen Bild auf, das heute weitläufig mit dem „typischen Schamanen“ in Verbindung gebracht wird. Ich kann und möchte an dieser Stelle jetzt aber nicht die ganzen spannenden Thesen und Erkenntnisse vorwegnehmen, die das auch für Laien gut lesbare Buch zu bieten hat. Wenn es euch interessiert, lest es, es lohnt sich wirklich! Es gibt gar nichts Spannenderes für mich als Vor- und Frühgeschichte und in diesem Buch wird sie lebendig.

Zuletzt gelesen KW 50 2023

Bernhard Hennen & Robert Corvus: Schlangengrab (Phileasson-Saga, Band 5)

Coverabbildung
(c) Audible Studios

Sprecher: Detlef Bierstedt

Dauer: 19 h 17 min

Da es sich um einen Teil einer Reihe handelt, äußere ich mich aufgrund der Spoilergefahr nur kurz. Auch dieser Band hat mir besser gefallen als die ersten drei Romane, aber nicht so gut wie der vierte. Eine Entwicklungen finde ich schade, ein Charakter geht zurück in eine Richtung, die mir nicht gefällt, auch kann ich immer noch nicht recht nachvollziehen, was an Beorn so toll sein soll. Auch, nachdem wir in diesem Band von seiner Vorgeschichte erfahren. Ok, immerhin respektiert er Frauen. Ich bin da doch sehr eindeutig Team Phileasson. Ich bin mittlerweile im sechsten Band, dessen Prolog mir deutlich besser gefallen hat als der von „Schlangengrab“.

Tomer Dotan-Dreyfus: Birobidschan

Coverabbildung
(c) Voland & Quist

Die Konstellation dieses Buches stach für mich aus den übrigen Kandidaten für den Deutschen Buchpreis dieses Jahres heraus: Eine jüdische Siedlung in Sibirien nahe China, ein Zusammenhang mit dem Tunguska-Ereignis von 1908, irgendwas mit Bären und mehrere Generationen einiger Familien. Von diesen lesen wir in nicht linearer Form, was ab und zu etwas verwirrend ist, ich hatte ein bisschen Probleme, die einzelnen Charakteren der richtigen Generation und den richtigen Müttern, Geschwistern etc. zuzuordnen. Dennoch hat mir das Buch gut gefallen, ich hab es zunächst auch mit 4,5 Stunden sehr hoch bewertet, inzwischen würde ich das auf 4 Sterne reduzieren, denn im Nachhinein hätte ich mir mehr Tunguska erhofft und weniger Roadtrip (auch wenn dieser nicht sehr umfangreich ist, ich mag einfach keine Roadtrips). Sehr gefallen haben mir manche der ein wenig wunderlichen Charaktere, der Sprachwitz (an einer Stelle ist von der Dörfität der Siedlung die Rede) und eine feine Dosis magischer Realismus, mit dem ich für gewöhnlich meine Schwierigkeiten habe, der aber hier genau richtig für mich abgewogen ist.

Ewald Frie: Ein Hof und elf Geschwister – Der stille Abschied vom bäuerlichen Leben

Coverabbildung
(c) C. H. Beck

Der Historiker und Autor des diesjährigen Gewinners des Deutschen Sachbuchpreises ist mit seinen zehn Geschwistern, zwischen denen es erhebliche Altersunterschiede gibt, auf einem norddeutschen Bauernhof aufgewachsen. Nur einer der Brüder, der älteste, ist heute noch Landwirt, alle anderen haben andere Wege eingeschlagen. Anhand der Geschichte seiner Familie erzählt uns Ewald Frie von drastischen Änderungen der ländlichen Lebensweise während des Lebens seiner Eltern und Geschwister stellvertretend für eine (bzw. zwei) ganze Generation, die diese miterlebt hat. Das liest sich richtig unterhaltsam und zeigt mir wieder einmal, dass die Geschichte der „einfachen Leute“ mindestens genauso spannend ist wie die der großen Politik. Ich komme selbst aus einer Arbeiterfamilie, die letzten in der Landwirtschaft tätigen Vorfahren hatte ich in der Urgroßelterngeneration und so hat mich dieses Leben, das ich selbst überhaupt nicht kenne, besonders interessiert. Ich empfehle das schmale Buch herzlich weiter.

Olga Tokarczuk: Anna In – Eine Reise zu den Katakomben der Welt

Coverabbildung
(c) Kampa Verlag

Übersetzung aus dem Polnischen von Lisa Palmes

Retellings von alten Mythen und Sagen sind ja absolut in, und wenn sie von einer Literaturnobelpreisträgerin kommen, macht sie das natürlich besonders interessant. In „Anna In“ geht es um die sumerische Göttin Inanna, akkadisch auch bekannt als Ištar. Wem das nichts sagt, das ist die vom berühmten Ischtar-Tor von Babylon, das sich im Pergamonmuseum befindet. Tokarczuks Vorwort gefiel mir noch sehr gut, auch wenn sie, was die Theorie der frühen großen Göttin angeht, nicht auf dem neuesten Stand zu sein scheint. Der Haupttext hält leider nicht, was das Vorwort verspricht. Auch wenn ich ihren Ansatz interessant fand, die Handlung in eine seltsam zeitlose Umgebung zu versetzen, in der es moderne, jedoch abgeänderte Technologien sowie urtümlich anmutende Aspekte gibt, konnte ich nichts mit der Umsetzung der Geschichte anfangen. Es mag sein, dass der Text alle möglichen Bedeutungsebenen und Verweise enthält (den Zusammenhang mit dem späteren griechischen Persephone-Mythos habe ich immerhin erkannt), aber dafür fehlen mir die philosophischen Kenntnisse und die Geduld. Mein Interesse liegt in der Historie. Wenn das Buch sich nur an ein ganz bestimmtes intellektuelles Publikum richtet, ist es einfach nichts für mich. Wobei sich in unserer Lesegruppe schnell herausstellte, dass auch diejenigen, die über das entsprechende Vorwissen verfügen, wenig Begeisterung über den Text an den Tag legten. Die einzige „Message“, die ich ihm entnehmen kann, ist, dass ohne die Frauen nix geht. Das ist mir zu banal, weil eigentlich selbstverständlich (auch wenn bestimmt populistische Bewegungen das immer noch gerne abstreiten). Fazit: Ich hoffe, Olga Tokarczuks andere Bücher sind ansprechender. Mein erstes Leseerlebnis mit ihr hat mich enttäuscht.

Zuletzt gelesen KW48

Ivo Andrić: Die Brücke über die Drina

Coverabbildung
(c) dtv

Das bekannteste Werk des Literaturnobelpreisträgers wird als eine „Chronik aus Višegrad“ bezeichnet und so folgen wir der Geschichte der bosnischen Stadt über mehrere Jahrhunderte hinweg bis zum 1. Weltkrieg. Dementsprechend gibt es hier auch zahlreiche Personen, von deren Leben wir erfahren, die Bewohner einer Stadt, in der Christen, Juden und Muslime zeitweise friedlich zusammenlebten. Zu Beginn des Buches regte sich bei mir leichter Unmut angesichts der negativen Darstellung von Muslimen, was sich im weiteren Verlauf des Buches allerdings nicht fortsetzt. Auch äußerst grausame Szenen erwarten die Leser*innen glücklicherweise nur zu Beginn des Buches. Seid jedoch gewarnt, die entsprechende Passage ist wirklich sehr grausam. Die Brücke ist der eigentliche Protagonist, sie bildet den Grundstock des Romans. Ich habe das Buch insgesamt gern gelesen, es hat jedoch seine Längen und vermochte nicht wirklich, mich zu fesseln.

Liz Williams: A History of Our Own Making – A History of Paganism

Coverabbildung
(c) Reaktion Books

Dieses Sachbuch der englischen Historikerin und Science-Fiction-Autorin Liz Williams gibt, wie der Untertitel schon sagt, einen historischen Überblick über heidnische Religionen in Großbritannien. Die Kelten brachten ihre Religion mit, dann die Sachsen und die Wikinger die nordische. Auch im Mittelalter wurden viele Bräuche trotz der Dominanz des Christentums fortgeführt. In der Neuzeit gab es Logen und Zusammenschlüsse von Briten, die Magie und Alchemie praktizierten und in der Moderne schließlich gibt es paganistische Religionen, von den Wicca mit Abstand die bekannteste sein dürfte. Williams berichtet objektiv und gewissenhaft von den einzelnen Strömungen, ihren Protagonisten und deren Theorien, aber auch von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen der Religionsforschung. So führt sie beispielsweise aus, dass selbst feministische Archäologinnen anerkennen, dass es leider substantielle Zweifel an der Theorie des frühzeitlichen Matriarchats gibt, die von Marija Gimbutas propagiert wurde und weitläufig übernommen wurde (so auch von Schriftstellern wie Robert Graves und prominenterweise Marion Zimmer Bradley in „Die Nebel von Avalon“). Ich schreibe „leider“, da auch ich eine Anhängerin dieser Theorie war und mich ungern von ihr abkehre. Aber Wissenschaft ist Wissenschaft und ich bin die letzte, die zur Wissenschaftsleugnerin wird (ich werde diesbezüglich demnächst noch eine Ausgabe von Spektrum der Wissenschaft lesen, lasst es mich wissen, falls euch das Thema interessiert.)

Dass Williams selbst Magie praktiziert und in Glastonbury einen entsprechenden Laden betreibt, hat keinen Einfluss auf ihre sachlichen Schilderungen. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass am Ende des Buches auch ein paar Rituale geschildert werden. Ich fand das Buch äußerst informativ und gut lesbar und konnte ihm einige Anregungen zu weiterer Lektüre entnehmen.

Luc Ferry, Clotilde Bruneau und Giuseppe Baiguera: Antigone (Graphic Novel)

Coverabbildung
(c) Splitter Verlag

Übersetzung aus dem Französischen: Harald Sachse

Ich hatte schon von den Comicadaptionen des Splitter Verlags gehört, diese Ausgabe aber zufällig in der Bibliothek entdeckt. Ich habe die Tragödie von Sophokles gelesen und gemocht und dachte mir, eine Auffrischung meiner Kenntnis des Werks wäre nicht verkehrt. Ich war dann auch wirklich angetan von der Umsetzung des Stücks. Die Autoren schaffen es, die Geschichte so zu erzählen, dass sie für ein breites Publikum zugänglich wird und vielleicht auch bei manchen das Interesse an griechischer Mythologie oder der Klassik weckt. Zeichnerisch war ich zunächst enttäuscht, dass der Stil des Covers sich nicht wirklich im Inneren fortsetzt, allerdings ist das Cover auch mehr ein Gemälde und es ist nachvollziehbar, dass der Comic selbst einen entsprechenden Stil aufweist, der durchaus ansprechend ist.

Fabcaro, Didier Conrad: Die weiße Iris (Asterix, Band 40)

Coverabbildung
(c) Egmont Ehapa

Übersetzung aus dem Französischen: Klaus Jöken

Ja, der neue Asterix. Die Römer stehen vor einem Problem: Die Legionäre wollen plötzlich nicht mehr kämpfen, wenn ihnen nicht danach ist. Schuld daran ist ein Typ namens Visusversus, der Blümchen verteilt und Achtsamkeit propagiert. Schließlich findet er seinen Weg auch in das gallische Dorf.

Der Band nimmt in gutmütiger Weise die Achtsamkeitsbewegung auf die Schippe, diese auf die Römer und ihre Kolonien anzuwenden, ist natürlich urkomisch. „Die weiße Iris“ kommt nicht ganz an „Der Papyrus des Cäsar“ ran, ist aber um einiges besser als etwa „Asterix in Italien“ und stellt eine lohnende und vergnügliche Lektüre da.