
Deutscher Titel: Am Himmel die Flüsse
London, 1840: Inmitten einer Gruppe von Mudlarkern wird ein Junge in eine arme Familie geboren. Noch weiß niemand, dass er ein Genie ist. Sie nennen ihn „King Arthur of the Sewers and Slums“.
Hasankeyf, Türkei, 2014: Das jesidische Mädchen Narin soll am Tigris getauft werden. Da die Zeremonie von einem Bagger unterbrochen wird, mit dem letzte Arbeiten vor der Flutung der Region im Rahmen des großen Staudammprojekts durchgeführt werden, beschließt die Großmutter des Mädchens, in den Irak ins Lalisch-Tal zu reisen, woher die Familie stammt, um die Zeremonie dort zu wiederholen.
London, 2018: Die Hydrologin Zaleekah zieht nach der Trennung von ihrem Ehemann in ein Hausboot an der Themse. Sie hat ihren Lebenswillen verloren.
Eines verbindet alle drei Personen: ein Tropfen Wasser, der einst auf dem Kopf des Königs Ashurbanipal von Assyrien landete und im endlosen Kreislauf des Elements nun auch mit ihnen in Berührung kommt.
Dieses war mein erstes Buch von Elif Shafak und hat mich von der ersten Seite an so begeistert, dass ich da deutliches Lieblingsautorinnenpotential sehe. Nicht nur interessiere ich mich brennend für das älteste erhaltenen Literaturwerk, das Gilgamesch-Epos, das in diesem Roman eine tragende Rolle spielt, mir haben auch die zugrundeliegende Idee, verschiedene Zeitpunkte und Schauplätze der Geschichte miteinander zu verbinden, sowie die sprachliche und erzählerische Umsetzung wahnsinnig gut gefallen. Elif Shafak versteht es meisterhaft, Themen und Charaktere miteinander zu verbinden, ohne dabei zu viele Fässer gleichzeitig aufzumachen. Wie sie unsere Protagonisten mit ihren jeweiligen tragischen Geschichten am Ende zusammenführt, hat mir sehr imponiert. Auch bin ich der Autorin dankbar, mir das Schicksal der Jesiden so lebendig ins Gedächtnis zu rufen. Der Genozid an dieser Bevölkerungsgruppe mit ihrer reichen Kultur ist, wie Shafak in ihrem Nachwort betont, noch nicht zu Ende. Und den Lesenden wird schmerzhaft bewusst, dass es nicht der einzige ist, dessen Zeuge wir heute werden. Inwiefern es wahrscheinlich ist, dass die Jesiden, wie angedeutet, die Nachfahren der alten Assyrer sein könnten, kann ich nicht beurteilen, ist aber ein weiterer kleiner Aspekt, der dieses Buch so faszinierend macht. Wie ich schon vorweggenommen habe, bin ich mit der Auflösung rundum zufrieden. Außerdem gehört der Roman zu jenen, die zu weiteren Recherchen und Lektüren inspirieren. Das Gilgamesch-Epos liegt in der Reclam-Ausgabe bereits für mich bereit und auch mit der Entdeckung und Übersetzung des Epos sowie Mudlarking und der Geschichte der geschichtsträchtigen Flüsse Tigris und Themse will ich mich näher beschäftigen.
Der Begriff „Meisterwerk“ ist hier angebracht. Unbedingte Leseempfehlung.