Es war ein langgehegter Wunsch des kleinen Herrn Maus: einmal die Schärenringstrasse mit dem Fahrrad fahren.
Nun ist es so, dass die Schärenringstrasse zwar als die Radroute in Finnland gilt – wir sie aber aus gutem Grund bisher nur mit dem Auto gefahren sind: der grösste Teil der Strecke verläuft nämlich über zum Teil recht stark befahrene Landstrassen, ohne extra Radweg, oft sogar ohne Seitenstreifen, auf dem man fahren könnte.
Es ist auch nicht so, dass die Strecke idyllisch immer am Wasser entlang verlaufen würde – es handelt sich eben um eine Landstrasse, die die Leute, die da draussen zu tun haben, schnellstmöglich von A nach B bringen, und nicht Touristen eine besonders hübsche Landschaft vorführen soll.
Wenn man allerdings wie wir gerne Autofähre fährt (und gerne Brückenbaustellen anguckt), dann hat die Schärenringstrasse trotzdem durchaus ihren Reiz.
Seit ein paar Jahren gibt es jetzt immerhin einen durchgehenden Radweg von uns zu Hause bis zur ersten Autofähre zwischen Parainen und Nauvo, und so hatten wir seit ebensovielen Jahren den vagen Plan, wenigstens die kleine Schärenringstrasse mal mit dem Fahrrad zu fahren. Letztes Wochenende kam der Plan wieder auf; ich recherchierte, ob man auf Seili zelten dürfte (darf man nicht) und wo man sonst für die Nacht unterkommen könnte (im ehemaligen Krankenkaus von Seili zum Beispiel), und Sonntagabend hatten wir eine Unterkunft gebucht und hofften, dass die Wettervorhersage (ganztägiger Regen am Samstag, Schauer am Sonntag) wie eigentlich immer in letzter Zeit nicht zutreffen würde.
Wir hatten Glück: als der Wecker am Samstag in aller Herrgottsfrühe klingelte – wir mussten das letzte Schiff nach Seili schaffen, das schon um kurz vor halb vier fährt, wollten aber auch nicht hetzen müssen – schien die Sonne von einem wolkenlosen Himmel, es herrschten radtourfreundliche 21 Grad, und so blieb es das ganze Wochenende. Nur ein bisschen weniger Wind wäre vielleicht schön gewesen.
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Baustellentourismus.
Auf den ersten 20 km hinaus ins Schärengebiet gibt es derzeit drei (!) Brückenbaustellen; zwei kleinere, eine grosse.
Brückenbaustelle Nr. 1: Vor zwei Tagen erst war die neue Brücke für den Verkehr freigegeben worden. Der Radweg verlief noch ein bisschen abenteuerlich, und dass ich die Behelfsbrücke, über die wir in den letzten Monaten unzählige Male gefahren sind, erst hinterher gesehen habe, war vielleicht auch gut.
Brückenbaustelle Nr. 2: Schon als wir uns näherten, sahen wir, dass auf der Baustelle trotz Wochenende gearbeitet wurde; es wuselten neongelbe Männchen auf und unter der Brücke herum. Und dann sahen wir, dass da gerade etwas super Spannendes passierte: das letzte noch fehlende Brückenteil zwischen Hängebrücke und Auffahrtsrampe, 95 Meter lang und 700 Tonnen schwer, wurde an seinen Platz gehoben, und zwar nicht mit einem grossen Kran, sondern mit vier Flaschenzügen. Deswegen arbeiteten sie da zum Samstag, dachten wir, das würde sicher das ganze Wochenende dauern. Kari H. (das stand hinten an seinem Helm) stand mit Funkgerät neben uns auf der alten Brücke und guckte konzentriert zu dem hochzuhebenden Brückenteil hinüber, den fragten wir, wie lange das Ganze denn dauern würde, und er sagte: „Drei Stunden“, und dann guckte er auf seine Uhr und verbesserte: „Zweieinhalb Stunden.“ Als wir weiterfuhren, war es schon fast oben; vier Bauarbeiter wurden mit vier gigantischen Hubsteigern an die Ecken gehoben, um die genaue Position durchzugeben und es dann mit den anderen Brückenteilen zu verschrauben. (Wie bei der „Maus“, nur live.)
Brückenbaustelle Nr. 3: Eher unspektakulär und in vier Monaten vermutlich planmässig fertig.
Und dann waren wir auch schon in Parainen, im übernächsten grossen Ort, wo wir Mittagessen und Proviant einkauften und eine kurze Mittagspause vor dem Supermarkt einlegten; neben alle paar Minuten abfahrenden und ankommenden Lieferrobotern. (Ich muss immer noch jedes Mal quietschen, wenn ich einen in Aktion sehe.)
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Achterbahn.
Der neue Radweg auf der grossen übernächsten Insel ist lustig: während für die Strasse Felsen gesprengt wurden, führt er über jeden einzelnen Felsen am Strassenrand entweder drüber oder an ihm vorbei, was so ein leises Achterbahngefühl verursacht.
In Verbindung mit Gegenwind gar nicht mal so unanstrengend, und was wirklich nervt, ist die vielbefahrene, brüllende Strasse gleich nebenan, von der sich der Radweg nur ab und zu mal ein Stückchen entfernt.
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AutoFahrradfähre.
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„Autos und Fahrräder auf der gleichen Fahrbahn.“
Nach der Autofähre gibt es keinen Radweg mehr. Stattdessen Warnschilder in drei Sprachen.
Wir hatten uns vorher schon eine Strategie für diesen Streckenabschnitt zurechtgelegt, und tatsächlich – wenn man alle Viertelstunde anhält und die 90 Autos von der Autofähre durchlässt, dann geht’s eigentlich.
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Seili.
Damit waren die 55 km für diesen Tag schon geschafft. Von Nauvo aus liessen wir uns bequem bis fast ans Ziel fahren.
Dann erstmal Sauna und Schwimmen. Und die „Grace“ vorbeiziehen sehen.
Anders als bei unseren anderen Besuchen auf Seili – meist gleich im Mai oder im August direkt nach Schulbeginn; die Ferien vermeidet man tunlichst – war es diesmal auf der Insel unheimlich voll. Wir waren echt froh, als die letzte Fähre weggefahren war und alle Tagestouristen wieder mitgenommen hatte. Trotzdem waren wir nicht allein, denn es gab auch noch jede Menge reiche Säcke Leute, die mit eigenen Booten angereist waren und die Nacht im Gasthafen verbrachten.
Danach Abendbrot im Abendsonnenschein auf der Wiese des ehemaligen Spitals und ein kleiner Abendspaziergang, und wenn man ausblendet, dass füher auf Seili Menschen mit Lepra und später Frauen mit psychischen Problemen isoliert wurden und üblicherweise bis zu ihrem Tod die Insel nicht wieder verlassen durften, dann ist es da wirklich sehr idyllisch. Es hat auch nicht gespukt nachts. Nur der Kühlschrank hat komische Geräusche gemacht.
Auch unser – mitgebrachtes – Frühstück assen wir am nächsten Tag draussen in der Sonne. Neben wiederkäuenden Kühen.
Und danach waren noch zwei Stunden Zeit, über die Insel zu spazieren.
Die Kirche war auch diesmal verriegelt und verrammelt – sie öffnete erst nach Ankunft der Mittagsfähre. Dafür gab es im ehemaligen Krankenhaus, das heute auch eine biologische Forschungsstation der Uni Turku beherbergt, eine kleine, zusammengewürfelte Ausstellung über das Leben der Barsche, die Geschichte des Spitals auf Seili, ein aktuelles Biodiversitäts-Forschungsprojekt sowie eine Sammlung alter Laborgläser und neuer Kunstdrucke.
Dann holte uns die Mittagsfähre ab und brachte uns auf die andere Seite des kleinen Rings.
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Bergetappe.
Der Achterbahnradweg auf der übernächsten Insel im Süden war nur ein Vorgeschmack auf das, was uns auf der übernächsten Insel im Norden erwartete. Es folgte ein fieser Berg auf den nächsten, und der heftige Gegenwind, der uns am Tag zuvor zu schaffen gemacht hatte und der sich auf der zweiten Etappe eigentlich in Rückenwind verwandeln sollte, kam wegen der heftig durch Felder und Wälder mäandernden Strasse immer noch ziemlich oft von vorn. Dafür war die Landschaft besonders hübsch, wir fuhren über mehrere Brücken und mit noch einer Autofähre, bestiegen einen Berg am Strassenrand, und die Sache mit dem nicht vorhandenen Radweg war gar nicht so schlimm wie erwartet: erst kamen sowieso nur ganz wenige Autos, und später war der Seitenstreifen tatsächlich ganz okay und die meisten Autos fuhren auch echt vorsichtig um uns rum. (Ausser die mit den überbreiten Bootsanhängern.)
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Höllenschlund.
In Rymättylä machten wir Mittagsrast: es gibt da nicht nur einen Supermarkt, sondern auch einen Friedhof mit Bank. Das Kirchlein war geöffnet, und ich fing direkt zu juchzen an: seine Wände sind ringsherum mit mittelalterlichen Bibelauslegungen bemalt, noch prächtiger als in der Kirche, in der der grosse Herr Maus konfirmiert wurde. Wir haben direkt in den Höllenschlund geblickt.

Höllenschlund…

… und Himmelspforte.
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Heimwärts.
In Naantali machten wir die letzte Eispause. Dann folgte der am wenigsten schöne Teil der Tour: immer an der Turkuer Peripherie entlang nach Hause. Aber man kann nicht meckern: rund um die Stadt ist das Radwegenetz grossartig!

Gegenverkehr. ♥
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Statistik.
Ausserdem 2690 (in Worten: zweitausendsechshundertneunzig!) Höhenmeter.
(Nur falls jemand denken sollte, Finnland wäre ein schönes flaches Land zum Radfahren.)
Ob wir das mal wieder machen könnten, fragte der kleine Herr Maus noch am Sonntagabend.













































































































