Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Halbeuropatour ’26 (5): Malá Fatra (1)

Freitag, 5. Juni – Freitag, 19. Juni 2026

Als Teenagerin habe ich mir manchmal gewünscht, nicht immer nur in die Berge fahren zu müssen, sondern auch mal Sommerurlaub am Meer zu machen wie alle anderen.

Mit 16 fuhr ich zusammen mit einer Schulfreundin zwei Wochen zu einer Kirchenfreizeit an die Ostsee. Es waren zwei wunderbare Wochen – aber das Meer hat mich zu Tode gelangweilt.

Mein happy place ist in den Bergen, je höher, desto besser. Und weil es dem Ähämann ähnlich geht – obwohl der wiederum als Kind alle seine Sommerferien an der Ostsee verbracht hat – und das Gebirge meiner Kindheit in unser beider Herz einen besonderen Platz hat, nehmen wir – Augen auf bei der Wohnortwahl! – die zweitausend Kilometer alle zwei Jahre auf uns und fahren hin.

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Langes-Wochenende-Samstag im Gebirge.

Juni ist die schönste Zeit im Gebirge. Auf den Bergen blüht es wie in einem Ziergarten, es regnet nicht so viel wie im Juli, und das Allerbeste: es sind noch keine Ferien und somit noch keine bergsteigenden Heerscharen unterwegs. Also ausser am Wochenende natürlich. Da kann man dann was anderes machen: dringend benötigte neue Outdoorausrüstung shoppen oder ins Freibad gehen oder ein Museum besuchen oder Zug fahren, uns fällt da meist was ein.

Dieses Jahr fiel gleich unser erster Tag in der Malá Fatra auf den Samstag nach Fronleichnam: das heisst, es war nicht nur normal wochenendvoll, sondern es war langes-Wochenende-extravoll. Aber man kann ja auch nicht gleich am ersten Urlaubstag nicht wandern gehen…! Wir reihten uns also brav an den ersten Brücken und Engstellen in den Stau ein ein. Zum Glück wurde es erwartungsgemäss weiter oben besser.



Jánošíkove diery – Malý Rozsutec – Podrozsutec – Jánošíkove diery
12,4 km
▲▼ 770 m

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Gewittervermeidung.

Gewitter waren diesmal das bestimmende Thema unseres Bergurlaubs. Gleich am zweiten Tag hielten uns nicht die Menschenmassen, sondern mehrere zu erwartende Gewitter vom Wandern ab. Da der Seit-30-Jahren-Lieblingsoutdoorladen neuerdings sogar sonntags aufhat, hatten wir einen Programmpunkt: zwei brauchten sowieso neue Rucksäcke, ich neue Wanderschuhe. Hinterher war noch Zeit – und eine ausreichend grosse Lücke zwischen mehreren Gewitterwolken – für eine am Rückweg gelegene Minitour mit überraschend schöner Aussicht und überraschend viel Kletterei.

(Eine bewältigte den Ausflug im Sommerkleid, einer in Badeschlappen. Warum nicht.)

Belské skaly
1,2 km
▲▼ 170 m

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Bergsteigen mit Teenagern.

Das war nur der Anfang: „Können wir auf den Kamm hoch laufen?“ Klar, wer würde nicht, statt 10 Minuten Seilbahn zu fahren, lieber anderthalb Stunden einen Fuss vor den anderen setzen?!

(Es sparte uns immerhin 100 € und gab uns schon mal genug Selbstvertrauen für die kommenden Hochgebirgstouren.)

Als wir Eltern an der Bergstation der Seilbahn ankamen, rief der Muezzin – die Geschwister führten ein Videotelefonat. ♥

Die Herren Maus rasten dann auch über alle vier Kammgipfel vor uns davon, stiegen zur Hütte ab, an der sich mehrere Wege kreuzen, und riefen von dort aus an, sie würden schon mal zurück ins Hotel laufen, statt auf uns zu warten und zum Auto zurückzulaufen.

(Waren auch nur 3,5 km mehr zu laufen und nochmal hundert Höhenmeter aufzusteigen…)

Jedenfalls mussten fortan alle Bergtouren der letzten Jahre an die Bedürfnisse und Wünsche der Teenager – höher, schneller, weiter – angepasst werden.


Vrátna – Chleb – Hromové – Poludňový grúň – Chata na Grúni – Vrátna
12,7 km
▲▼ 1060 m

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Zur richtigen Zeit auf dem falschen Berg.

Auf diesen Berg, der ein bisschen ausserhalb der Malá Fatra liegt, kamen wir nur wegen eines Missverständnisses. Der Ähämann hatte vorgeschlagen, dass wir nach der Kammtour, zu der wir von unten hochgelaufen waren und die einen recht steilen und anstrengenden Abstieg enthält, am nächsten Tag eine kleinere Tour machen könnten. Erst als wir schon die 1000 Höhenmeter vom Ausgangspunkt bis auf den Gipfel geschafft hatten, ging uns auf, dass er eigentlich einen anderen Berg gemeint hatte. Grosses Gelächter.

Es war nicht schlimm, denn der Berg ist wirklich schön. Ich kenne ihn seit 40 Jahren, und vor 30 Jahren waren wir das letzte Mal da. Ich habe mich so gefreut, auf der Wiese nach drei Viertel des Weges, wenn man endlich aus dem Wald herauskommt, meinen liebsten Baum auf der ganzen Welt wiederzusehen!

Die stattliche Fichte war noch vor 30 Jahren der einzige grössere Baum auf der 1200 m hoch gelegenen Wiese. Jetzt sah sie ein bisschen gezaust und wirklich alt aus und war umgeben von anderen Fichten, die mittlerweile auch ihre Höhe erreicht haben. Aber sie ist noch da!

Überhaupt hat der Klimwawandel in 30 Jahren sichtbar die Landschaft verändert: wo früher Latschen wuchsen, ist jetzt Fichtenwald, und wo früher Felsen waren, ist jetzt alles mit Latschen bewachsen. Erst ganz oben kommt man raus, und dann hat man immer noch eine fantastische Rundsicht.

Wir haben uns beim Aufstieg ausserdem die ganze Zeit laut unterhalten, um eventuelle Bären zu vertreiben, weil wir dachten, dass wir an einem Wochentag in der Vorsaison die einzigen sind, die auf den abgelegenen Berg steigen. Wir sind dann aber doch ein paar Menschen begegnet.

Auf dem Gipfel war ausser uns noch ein älteres, tschechisches Paar. Wir hatten kaum ein paar Gipfelfotos gemacht, als sie um Hilfe rief – er war gestürzt und hatte eine tiefe, stark blutende Platzwunde am Kopf. Zum Glück hatte der grosse Herr Maus sein Erste-Hilfe-Täschchen von den Pfadfindern dabei und wusste auch direkt, was zu tun ist; er suchte erstmal einen flachen Stein, um damit einen Druckverband zu basteln. Dann kam noch ein jüngeres tschechisches Paar auf den Gipfel, die zum Glück auch Englisch konnten, und gemeinsam überzeugten wir die Frau, dass sie wirklich die 112 anrufen muss. „Es kommt gleich jemand!“, versprachen sie ihr, und tatsächlich tauchte zehn Minuten später ein Rettungshubschrauber aus Žilina im Flightradar24 auf, kurz darauf konnten wir ihn als kleines Pünktchen über dem Hauptkamm der Malá Fatra sehen, und fünf Minuten später war er da.

Er flog eine Runde über dem Gipfel, um die Lage zu sondieren, bei der nächsten Runde seilte er einen Rettungssanitäter ab, und bei der übernächsten Runde zog er beide hoch. Was für ein Glück, dass heutzutage nicht mehr zwei Typen mit Krankentrage den Berg hochhechten müssen…!

Bevor wir – der Himmel wurde schon bedrohlich lila – schnellstmöglich den Abstieg in Angriff nahmen, tauschten wir noch Emailadressen aus. Wir haben ein paar Tage später unsere Fotos und Videos von der Rettungsaktion hingeschickt und im Gegenzug erfahren, dass zum Glück alles gutgegangen ist, aber die Wunde mit mehreren Stichen genäht werden musste und die Schädel- und Rippenprellung mehrere Tage Intensivstation erfordert hat. Puh.


Valaská Dubová – Veľký Choč – Valaská Dubová
9,6 km
▲▼ 960 m

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Bestes Eis Europas.

Am nächsten Tag brauchten wir dann aber wirklich einen Ruhetag. (Es regnete auch von früh bis abends in Strömen.) Wir kauften Verbandsmaterial nach und gingen eisessen.

Das taten wir aber sowieso fast jeden Tag – wann immer wir es einrichten konnten und der Magenfüllstand es zuliess.

Drei Orte weiter kann man an einem kleinen Eisbüdchen leckerstes selbstgemachtes Eis kaufen: neben den üblichen Sorten und regionalen Besonderheiten wie Punscheis oder eine Eissorte aus sozialistischen Zeiten auch so etwas wie Weisse Schokolade mit Himbeeren, in der sich ganze Himbeeren und riesige Schokosplitter finden, oder Kinder Schokobon mit nur lose zerquetschten Schokobons drins.

Zu jeder Tageszeit und bei jedem Wetter fährt Kundschaft vor; sie kommt aus der gesamten Umgebung, und ja, man stelle sich vor, sogar bis aus Finnland!


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Halbeuropatour ’26 (4): Prag

Mittwoch, 3. Juni – Freitag, 5. Juni 2026

Prag war diesmal wirklich nur ein ganz kurzer Zwischenstopp.

Er begann damit, dass wir uns alle den ganzen Tag darauf gefreut hatten, in der nahegelegenen Stadtteilkneipe essen zu gehen, es dort aber abends halb neun seltsamerweise nichts mehr zu essen gab, woraufhin wir straffen Schrittes zur Metro marschierten und in die zweitnahegelegenste fuhren, in die wir sowieso mindestens am nächsten Tag gewollt hätten. Es war so schön, endlich wieder in dem Stadtteil mit den duftenden Rosen an jedem Gartenzaun zu wohnen!

Wir wuschen mehrere Maschinen Wäsche, wir kauften dem kleinen Herrn Maus dringend nötige neue Kletterschuhe, wir machten einen weiten Bogen um alle Touristen-Hotspots, aber stiegen dann doch zum Hradschin hinauf, um über die roten Dächer Prags zu gucken, wir sassen eine Weile in den Königlichen Gärten herum, um dann mit der Strassenbahn wieder runterzufahren – wobei wir feststellen mussten, dass die Strassenbahntrasse an der Stelle, wo die rot-weissen Tatrabahnen besonders malerisch durch einen grünen Laubtunnel gefahren kommen, zur Zeit komplett weggebuddelt ist; zum Glück ist die nächste Mitfahrgelegenheit nie weit, wenn man mit öffentlichen Verkehrsmittel unterwegs ist.

(Kirchennacht war leider wie auch letztes Jahr schon vorbei, und auch nächstes Jahr wird es nichts werden, da findet sie am Vorabend von des grossen Herrn Maus‘ Abiturfeier statt. Menno! Das sollte doch jetzt ein alljährlicher Programmpunkt werden!)

Am Freitag packten wir im strömenden Regen das Auto wieder voll und fuhren endlich dem eigentlichen Reiseziel entgegen.

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(1) Turku-Rostock
(2) Hamburg
(3) Jena


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Halbeuropatour ’26 (3): Jena

Während ich mich in Hamburg vergnügte, gingen die Männer der Familie in Jena wandern. Also nicht nur so ein bisschen, sondern 100 km. Am Stück!

Ich finde das ja völlig crazy. Aber der Ähämann ist da als Student schon mehrfach erfolgreich mitgelaufen – damals war es noch eine Veranstaltung mit unter hundert Teilnehmer*innen – und so kam bei den Herren Maus auch recht früh schon der Wunsch auf, wenn sie alt genug wären und es zeitlich passen würde, da mal mitzulaufen.

(Der kleine Herr Maus hat bis zuletzt gebangt, ob als Altersgrenze wirklich „Jahrgang 2010“ oder doch „vollendetes 16. Lebensjahr“ gilt – beides war auf den offiziellen Seiten zu lesen – denn auf ihn traf ja nur ersteres zu. Es hat letztendlich niemanden interessiert, aber er war ziemlich sicher der jüngste Teilnehmer dieses Jahr.)

Der grosse Herr Maus kam nach 20½ Stunden ins Ziel, der kleine Herr Maus nach knapp 24. Der Ähämann brach bei knapp 70 Kilometern ab. Sie planen alle drei, ob es sich vielleicht nächstes Jahr trotz anstehender Abiturfeier auch wieder einrichten lässt. Ich rolle milde mit den Augen.

Samstag, 30. Mai 2026

Als ich in Jena ankam, lag der grosse Herr Maus schon in der Badewanne. Der Ähämann und der kleine Herr Maus holten mich mit dem Auto vom Bahnhof ab. Vermutlich nur, damit ich sie die Treppe zur Ferienwohnung hoch stützen konnte.

Home is, where the Uniturm is. ♥

Sonntag, 31. Mai 2026

Wer am Sonnabend 100 km gewandert war, ging am Sonntag am Stock.

Wobei von gehen eigentlich keine Rede sein konnte. Wir humpelten gemeinsam zur Strassenbahn, fuhren in eine Gartenkneipe zum Mittagessen, humpelten zurück zur Strassenbahn, fuhren ins Eiscafé, fuhren wieder zurück in die Ferienwohnung, wo alle ins Bett, aufs Sofa oder in die Badewanne fielen, während sich draussen ein imposantes Gewitter ereignete. Schön!

Montag, 1. Juni 2026

Zunächst mussten wichtige Einkäufe getätigt werden.

(Doch, doch, es gibt Waschmittel in Finnland!)

Später fuhren wir wegen der schmerzenden Muskeln der Jungs in die Salztherme nach Bad Sulza. Man kann da Totes-Meer-mässig auf dem warmem Salzwasser treiben und mit den Ohren unter Wasser Musik hören, ausserdem gibt es verschiedene Saunas. Insbesondere die Finnische Sauna, in der sich uns fast die Haut vom Körper schälte, weil sie so heiss und trocken war, und in der uns andere Badegäste darauf hinwiesen, dass wir auch! die! Füsse!!! auf ein Handtuch zu stellen hätten, sorgte bei uns für grosse Begeisterung.

Abends gingen wir dann noch in die Lieblingskneipe, um dieses schöne Erlebnis mit verdünnten Fruchtsäften Cocktails zu begiessen.

(Der kleine Herr Maus bestellte als Letzter und als Einziger etwas Alkohoholfreies; die Kellnerin daraufhin so: „Du bist wohl der Fahrer?“ Bildungsziel „Unverkrampfter Umgang mit Alkohol“ sowie „Deutscher Humor“ für den Abend erreicht.)

Laufen ging dann auch schon wieder ganz gut; wir testeten das notgedrungen, weil die nächste Strassenbahn erst in 20 Minuten gefahren wäre – da waren wir zu Fuss schon angekommen.

Dienstag, 2. Juni 2026

Obwohl Teile der Familie noch immer nicht wieder gut zu Fuss waren – der grosse Herr Maus litt immer noch so unter seinen gigantischen Blasen an den Fersen, dass er gar nicht erst mitkam – musste natürlich auch in Jena ein Berg bestiegen werden. Eine gute Gelegenheit, die „Jenastiefel“ – wie mein finnischer Diplomvater zu sagen pflegte – in ihrem natürlichen Habitat auszuführen.

Abends fuhren wir auf den Turm.

(Der Mann am Einlass warf einen Blick auf uns fünf – ausser uns noch die Papaoma – und sagte: „Kostet sechs Euro pro Person. Also sagen wir zwölf.“ Das war bestimmt der, der uns vor 24 Jahren schon zum Feuerwerk einfach Richtung Aufzüge durchgewinkt hat und vor vier Jahren feststellte, dass die Kinder ja garantiert alle nicht älter als 12 seien.)

Mittwoch, 3. Juni 2026

AbWeiterreisetag: Bratwurst zum Mittagessen, allerletzte in Deutschland zu tätigende Einkäufe, und zum Schluss einmal mit dem vollgepackten Auto durch die Waschanlage, den Lindenklebs der letzten Woche abwaschen.

Tschüss, Jena, liebste aller Heimatstädte!

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(1) Turku-Rostock
(2) Hamburg


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Halbeuropatour ’26 (2): Hamburg

Donnerstag, 28. Mai – Samstag, 30. Mai 2026

Irgendwann Anfang des Jahres hatte ich mit meiner Mutter hin- und hergeschrieben und dabei erwähnt, dass ich es mir auch nicht hätte träumen lassen, dass ich mal – weil man auf Zugreisen von Finnland nach „Europa“ dort immer entweder einen Zwischenstopp einschieben oder umsteigen oder mindestens durchfahren muss – so oft nach Hamburg kommen würde. Sie schrieb mir daraufhin ein wenig sehnsüchtig zurück, ach, Hamburg hätte sie auch gerne noch gesehen, aber das würde wohl in diesem Leben nichts mehr werden.

(Meine Eltern haben nach der Wende nahezu jedes denkbare und undenkbare (Nordkorea!) Land der Welt bereist, aber von der Reiselust meines fast 90-jährigen und vergleichsweise noch fitten Vaters ist seit ein paar Jahren nichts mehr übrig, und meine über 80-jährige, rüstige und eigentlich immer noch unternehmungslustige Mutter sitzt jetzt überwiegend mit ihm zu Hause.)

Und so schlug ich ihr vor, dass wir uns auf der nächsten Durchreise einfach mal für ein, zwei Tage in Hamburg treffen könnten.

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Ich fahr‘ so gerne Zug.

Sogar zum Zugfahren kam ich wegen dieses Umwegs gleich am Anfang der Reise.

Ich hatte kurz erwogen, mir auch diesmal wieder ein Deutschlandticket zu kaufen, aber da unser Aufenthalt in Deutschland über eine Monatsgrenze fiel und sowohl die Tagestickets für den Hamburger ÖPNV als auch der mit Supersparpreis und BahnCard25 gebuchte ICE von Rostock nach Hamburg wirklich preiswert waren, habe ich den Plan verworfen. Immerhin konnte ich so bequem in einem komplett leeren Familienabteil im sonst doch recht vollen ICE durch Mecklenburg schweben.

(Ich wollte übrigens meinen Augen nicht trauen: in Mecklenburg hängen DDR-Fahnen (!) in den Kleingartenanlagen und an Häusern! Nicht euer Ernst, Leute!!!)

Zugfahren fühlte sich nach den 800 km im Auto am Vortag noch angenehmer an als sowieso!

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Tunnel ohne Einfahrt.

Eigentlich hatte ich eine alte Internetbekannte nur nach einem Tipp gefragt, wo man denn in Hamburg gut Fischbrötchen essen kann. Sie erwähnte in einem Nebensatz den Alten Elbtunnel, durch den man „ja sowieso einmal durchgelaufen sein muss“, und wir sollten unbedingt die Fahrzeugaufzüge benutzen. Fahrzeugaufzüge?!

Noch als wir quasi direkt vor dem Tunneleingang standen, fragte ich mich, wo der Tunnel denn nun eigentlich sein soll.

Denn der alte Elbtunnel hat – aus Platzmangel so mitten in der Stadt, nehme ich an – keine Zufahrtsrampen, sondern an jedem Ende vier Aufzüge für Fahrzeuge in einem kuppelartigen Gebäude. So grossartig!

Da heutzutage keine Kraftfahrzeuge mehr durch den Tunnel fahren, werden sie hauptsächlich von Fahrradfahrer*innen benutzt. Als Fussgänger*in kann man einen normalen Personenaufzug benutzen (langweilig), mit den Fahrzeugaufzügen mitfahren (toll) oder die Treppen an den Wänden der Eingangsgebäude hinauf- oder hinuntersteigen (ebenfalls toll).

Wir probierten die tollen Varianten beide aus, liefen einmal hin und zurück durch den Tunnel, guckten und staunten, und ich weiss jetzt, wo ich den Rest der Familie beim nächsten Zwischenstopp in Hamburg unbedingt hinführen muss.

Der Fischbrötchentipp war übrigens auch sehr gut.
(Allerherzlichsten Dank an dieser Stelle nochmal an Frau Zimt!)

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Elphi.

Nachdem wir mit unseren Fischbrötchen lange im Abendsonnenschein an den Landungsbrücken gesessen hatten – es war allerschönstes Sommerwetter, hach! – fuhren wir mit dem nächsten Bus auch gleich noch zur Elbphilharmonie.

Die drei Euro pro Person Reservierungsgebühr für die ansonsten kostenlosen Tickets für die Aussichtsplattform kann man sich getrost schenken – wir mussten weniger als eine halbe Minute anstehen; ausserdem darf man dann direkt mit der Rolltreppe hochfahren und muss nicht warten, bis es entweder halb oder um ist und man gnädigerweise in den Fahrstuhl eingelassen wird.

(Apropos. Die Rolltreppe der Elbphilharmonie wird gern mal als längste Rolltreppe Europas bezeichnet. Dabei ist sie nicht mal die längste der EU – die Rolltreppe der Prager Metrostation „Náměstí Míru“ ist vier Meter länger. Und die längste Rolltreppe Europas ist, das hatte ich fast vermutet, die einer Moskauer Metrostation.)

Bis auf die Tatsache, dass sie im Winter viel zu kalt und zugig ist – das erste Mal waren wir im Februar da – finde ich die Elbphilharmonie wirklich schön. Auch wenn sie mich immer ein bisschen an eine Kreuzung aus Alvar-Aalto-Vase und Oodi erinnert. Hihi.

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Fast wie Venedig.

Am nächsten Tag fuhren wir zuallererst in die Speicherstadt.

Wir liefen lange über Brücken hin und über Brücken her und durch kleine Strassen vor und durch kleine Strassen zurück, und weil es so schön war, kamen wir abends nochmal wieder: Flut statt Ebbe, Abend- statt Morgensonne. Man kann sich nicht sattsehen.

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Gräber und Rhododendron.

Meine Mutter liebt Friedhöfe. (Etwas, das sie übrigens dem grossen Herrn Maus vererbt hat.) Also fuhren wir am Nachmittag auf den Ohlsdorfer Friedhof, mit knapp vier Kilometern Länge und reichlich zwei Kilometern Breite der grösste Parkfriedhof der Welt.

Wir liefen lange kreuz und quer und sassen dann ewig auf einer Bank im Schatten und waren ganz angetan davon, dass es gleich am Rande einer Grossstadt so viel Grün – und so viele zwitschernde Vögel – gibt. Am beeindruckendsten waren die riesigen, gerade in voller Blüte stehenden Rhododendronsträucher.

Wegen der Grösse des Friedhofs fahren über sein Gelände zwei Buslinien. Auch wir nahmen eine davon in Anspruch, um uns nach unserer planlosen Herumschlenderei zum Ausgang zurückfahren zu lassen.

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Unbekanntes Seltsames Flugobjekt.

Während wir auf dem Friedhof sassen, sahen wir einen fliegenden Wal über uns hinwegziehen.

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Kehrwiedersteg und Hühnerposten.

Was mich ja auch jedes Mal zum Quietschen bringt, sind die Hamburger Strassennamen.

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Mit Elefant.

Am letzten Tag mussten wir erst um 12 auschecken. Wir liessen das Gepäck im Hotel und spazierten noch ein bisschen durch die Umgebung.

Ich sah den Elefant am Brahmskontor und wollte eigentlich nur für den kleinen Herrn Maus ein Foto davon machen, aber dann entdeckte ich noch die übereinandergestapelten Männeln auf der anderen Seite und hier noch ein Mosaik und da noch ein Relief und… hach.

Beim nächsten Zwischenstopp in Hamburg muss ich mich wohl mal ausführlicher den neueren Kontorgebäuden widmen.

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Auf jeden Turm hoch.

Auch in meiner Herkunftsfamilie gilt das Motto Auf jeden Turm hoch – und wenn es ein ehemaliger Flakturm ist.

Anders als der im Berliner Humboldthain – den wir letztes Jahr erklettert haben – der wegen Unsprengbarkeit einfach mit Massen von Erdreich zugeschüttet wurde, wodurch sich ein riesiger bewaldeter Hügel gebildet hat, wurde der in Hamburg aufgestockt, begrünt, mit einem Dachgarten und einem zu ihm hinaufführenden „Bergpfad“ versehen. Hat auch was.

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Alter Bekannter.

Als wir auf dem Weg zum Bahnhof noch ein bisschen an der Binnenalster herumsassen, fiel mein Blick auf das Hochhaus gegenüber und das Wappen daran.

Der sieht ja aus wie der finnische Löwe, schoss es mir sofort durch den Kopf. (Wobei ich das nicht konkret an irgendwas hätte festmachen können. Wappenlöwen gibt es ja wie Sand am Meer, und ich habe mich noch nie mit ihren Unterschieden befasst.) Und tatsächlich, es ist das Finnlandhaus!

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Ich fahr‘ so gerne Zug (2).

Bis Leipzig fuhren wir dann noch gemeinsam.

Fürs Protokoll: der ICE war – von der planmässig 45-minütigen zeitigeren Abfahrt wegen der immer noch nicht fertiggestellten Bauarbeiten zwischen Hamburg und Berlin abgesehen – pünktlich. Mitreisende tauschten bereitwillig Plätze, weil nur meine Mutter eine Sitzplatzreservierung hatte, wir aber natürlich gerne zusammensitzen wollten. Als es in Salzwedel eine Weile nicht weiterging und dann der Zugbegleiter durchsagte: „Wir suchen ein paar starke Männer. Wenn Sie sich in der Lage sehen, etwas wirklich Schweres zu heben, wenn Sie Bundeswehrsoldat sind oder etwas Ähnliches, dann könnten wir Sie dringend gebrauchen, dann kommen Sie bitte in Wagen 9!“, strömten sofort jede Menge junge Männer Richtung Wagen 9, und keine drei Minuten später fuhr der Zug weiter. (Es musste ein Elektrorollstuhl aus dem Zug gehoben werden, weil die dafür vorgsehene Vorrichtung nicht funkionierte.)

Es gab gar keinen Kulturschock diesmal.

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(1) Turku-Rostock


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Halbeuropatour ’26 (1): Turku-Rostock

Ohne jammern zu wollen – schliesslich haben wir uns das selbst so ausgesucht – sondern nur nochmal zur Verdeutlichung: da, wo ihr in den Urlaub losfahrt, haben wir schon zwei Nächte und ein bis zwei Tage Reise hinter uns.

Symbolbild.
(Die Zufallswiedergabe hat wie immer recht.)

Nachdem wir jahrelang mit den ganz kleinen Kindern zwei Nächte und einen Tag mit der Fähre von Helsinki nach Rostock gefahren sind und später mit den etwas grösseren Kindern eine Nacht Fähre von Turku nach Stockholm, einen Tag durch Schweden und eine weitere Nacht Fähre von Trelleborg nach Rostock, haben der Ähämann und der grosse Herr Maus vor zwei Jahren etwas Neues ausprobiert und für gut befunden: statt die Fähre von Trelleborg nach Rostock zu nehmen einfach bis Rostock durchzufahren und dort zu übernachten.

Dienstag, 26. Mai 2026

Wie immer gingen wir am Abreisetag noch auf Arbeit und in die Schule und rollten abends halb acht gemütlich los Richtung Hafen.

Diesmal passierte etwas, was noch nie vorgekommen war: die Fähre legte erst mit 20 Minuten Verspätung ab. Wir sahen vom Oberdeck aus, wie immer noch einzelne Leute mit Rollkoffern die Strasse Richtung Fährterminal entlanghetzten und ein paar Minuten später in den gläsernen Durchgängen zum Schiff auftauchten – wir haben keine Ahnung, woher sie kamen; vom Bahnhof jedenfalls nicht, und vom Stadtbus auch nicht – zuletzt ging noch ein VikingLine-Mitarbeiter auf die Strasse, drehte sich in alle Richtungen und hielt Ausschau nach Nachzüglern, und erst, als auch er an Bord war, ging es los.

Wir kamen trotzdem auf die Minute pünktlich in Stockholm an. Und entgegen der hierzulande vorherrschenden Meinung hat das bei VikingLine immer noch extra zu kennzeichnende Elektroauto überraschenderweise auch diesmal nicht das Schiff in Brand gesteckt.

Mittwoch, 27. Mai 2026

Es folgten ein Tag Kilometerschrubben in Schweden, Fährfahrt Nummer 2 von Helsingborg nach Helsingör, bei der es uns fast von Deck blies, weitere 300 km durch langweiliges Dänemark, und Fährfahrt Nummer 3 von Gedser nach Rostock.

Die Fähre nach Rostock hatte ein Rotorsegel. Das fand ich spannend, denn die „Grace“ hatte auch mehrere Jahre lang eines, bis es wegen Unwirtschaftlichkeit wieder abgebaut wurde. Aber vermutlich ist der Nutzen auf dem offenen Meer auch höher als zwischen den Schären.

Leider hatte die Fähre auch eine Dreiviertelstunde Verspätung, und wir kamen erst nach elf in Rostock an.

(Das war aber nicht so schlimm, weil wir in Rostock nur noch durch den Warnowtunnel fahren mussten, bevor wir ins Bett fallen konnten. Und länger schlafen als auf den schon früh halb sieben in Rostock ankommenden Fähren konnten wir am nächsten Tag auch.) .

Donnerstag, 28. Mai 2026

In Rostock wohnten wir gleich neben der Turkuer Strasse. Mit besonderer Genugtuung hat mich erfüllt, dass durch die Turkuer Strasse eine Strassenbahn fährt.

An der Turkuer Strasse trennten sich dann auch für die nächsten zwei Tage unsere Wege: die Männer der Familie fuhren weiter nach Jena, ich stieg in die Strassenbahn und später in den Zug und machte einen Umweg über Hamburg.


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Fünf Wochen und fünftausend Kilometer später

Seit Mittwochabend sind wir wieder zu Hause.

Am Donnerstag habe ich – der Ähämann ging direkt in sein Homeoffice auf der Terrasse – ausgepackt, Einkäufe weggeräumt, geputzt und gewaschen. (Andere freuen sich nach einer Reise auf ihr eigenes Bett. Ich mich auf genügend Wäscheleinenmeter und ausreichend viele Klammern.)

Am Freitag haben wir das Fräulein Maus nach einem halben Jahr wieder vom Flughafen abgeholt.

Gestern habe ich den ganzen Tag mit Fieber im Bett gelegen. (Ich habe mir eventuell aus dem Urlaub eine Borreliose mitgebracht. Das Testergebnis steht noch aus.)

Aber jetzt bin ich soweit, mich, in Erinnerungen schwelgend, nochmal durch 2000 Fotos und 70 Seiten Reisetagebuch durchzuarbeiten. Demnächst viel Reisebericht hier.


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Zwei Seelen…

… wohnen, ach, in meiner Brust:

Ich würde so gern zugucken, wie der Löwenzahn zu Pusteblumen wird, wie der Flieder lila leuchtet und die Pfingstrosen aufblühen. Ich möchte eigentlich keinen Tag auf dieses wunderbare Sommerabendlicht und die hellen Nächte verzichten. Ich möchte den Vogelchoral jeden Morgen um vier hören, solange er noch aus voller Kehle gesungen wird, und ich würde gerne die kleinen Trauerschnäpperkinderlein aus dem Nistkasten im Weihnachtsbaum ausfliegen sehen.

Aber nichts geht über Juni im Gebirge. Und über Hochsommer ab Ende Mai. Und über leere Städte und Freibäder, weil alle anderen noch keine Sommerferien haben.

Und dann wollen die Herren der Familie überübermorgen ja auch noch eine 100km-Wanderung in Angriff nehmen.

Und deswegen fangen genau jetzt – drei Tage vorfristig – unsere Sommerferien an.


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viisisataakolmekymmentäkuusi

Die 536 stand gestern, als ich mit der zweiten Hortkindergruppe vorbeilief, neben dem Markt. Auf dem extra dafür ausgewiesenen Kurzzeitparkplatz. Es war kein Taxi.

Rund um den Markt sind tagtäglich gefühlt eine Million Taxis unterwegs, wenn wir mit den Hortkindern da langgehen. Als ob es nicht schon reichen würde, dass sie überhaupt in der Fussgängerzone fahren dürfen, sind die meisten Taxifahrer der Meinung, ihre Kundschaft bis an die Tür von Bank / Apotheke / Kaufhaus fahren zu müssen. Sie kommen vorwärts, rückwärts, viel zu schnell, viel zu nahe an unserer mit den hellblauen Warnwesten wirklich auffälligen Kindergruppe mitten auf den Fussweg gefahren, und wenn man sie darauf anspricht, kommen sie einem noch doof.

(Die Kundschaft ist tatsächlich grösstenteils gebrechlich und bekommt die Taxifahrt vom Gesundheitssystem bezahlt – aber das heisst noch lange nicht, dass es sich um einen Krankentransport handelt. Wer noch selbst mit dem Rollator durchs Kaufhaus laufen kann, kann auch zwei Meter mehr, nämlich vom Rand der Taxispur statt vom Fussweg, da hin laufen!)

Immer, wenn es mir zu bunt wird, weil sich diese Vorfälle häufen – neulich gab es drei der schlimmeren an einem einzigen Tag! – schreibe ich der Polizei eine Mail. Ich bekomme nie eine Antwort, aber danach ist immer für ein paar Wochen Ruhe.

(So läuft das hier oft. Man muss nicht gleich jemanden offiziell anzeigen, die Polizei kümmert sich trotzdem.)

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Mai-Schnipsel (2)

Es ist die schönste Zeit im Jahr.

Die Wiesen sind gelb von Löwenzahn, die Obstbäume blühen, man kann den Blättern beim Entfalten zusehen. Ich war zum ersten Mal mit Sommerkleid und Sandalen auf Arbeit. Jeden Abend gucke ich halb zehn oder um zehn oder halb elf auf die Uhr und erschrecke, dass es schon so spät ist, denn es ist ja noch hell.

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Was für ein Glück, Laufstadion und Fitnessstudio im Wald nebenan zu haben! Das denke ich zu jeder Jahreszeit, aber im Mai ganz besonders: der Wald duftet, die Sonne scheint durch hellgrüne Blättchen, die Vögel singen aus voller Kehle.

Als ich am Donnerstagmorgen auf der gut gepflegten Laufbahn im stadtteileigenen Wald meine zwei Runden rannte und wie immer alle Entgegenkommenden anlächelte, guckten die nicht wie sonst angestrengt von mir weg, sondern lächelten zurück. Einer rief mir sogar ein „Guten Morgen!“ zu. An den Fitnessgeräten hielt mir eine ältere Frau einen ganzen Monolog. Von irgendwoher rief die ganze Zeit ein Kuckuck.

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Obwohl der kleine Herr Maus letzte Woche gar nicht in der Schule war, sondern mit seiner Klasse auf Chorreise im Schwarzwald, bekam er am Dienstag einen Wilma-Eintrag für vorbildhafte Arbeit in der Sportstunde – weil er bei einer Kirchenbesichtigung so toll gedolmetscht hat.

Da des kleinen Herr Maus‘ Wilma ja sonst eher voll ist mit Einträgen wegen „Stören des Unterrichts“ (sprich: harmlosen Quatschmachens in der Pause; aber ich rege mich da jetzt nicht mehr auf, in zwei Tagen ist er raus aus dieser Schule!), die ihn fast die Teilnahme an der Chorreise gekostet hätten, fanden sowohl wir Eltern als auch der kleine Herr Maus es sehr nett, dass der mitreisende Sportlehrer da jetzt mal einen Kontrapunkt gesetzt hat.

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Apropos. Für die Bewerbung für den Musikzweig des Gymnasiums muss man einen Aufnahmetest machen. Dabei muss man unter anderem eins von drei zur Auswahl stehenden Liedern vortragen. Der kleine Herr Maus war ein bisschen verzweifelt, weil er sich diese Lieder allesamt erstmal anhören und aneignen musste. „Wie, du kennst kein einziges davon?!“ wunderten sich seine Freunde.

Vor ein paar Wochen, bei der ersten Chorprobe zur Vorbereitung der Reise in den Schwarzwald, hatte der kleine Herr Maus grosses Lob vom Chorleiter bekommen, weil er der Klasse die korrekte Aussprache des Textes von „Der Mond ist aufgegangen“ beigebracht hat. „Wie, du kennst dieses Lied schon?!“ wunderten sich alle. „Na klar“, antwortete der kleine Herr Maus, „das hat uns meine Mama immer als Schlaflied gesungen, als wir noch ganz klein waren.“

Zwischen zwei Kulturen zu leben ist immer noch ein unverstandenes Konzept.

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Am Freitagabend Samstagmorgen kam das Kind von der Chorreise zurück und hatte Mitbringsel im Gepäck.

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So sah es übrigens nachts halb zwei am Turkuer Busbahnhof aus:

Erwähnte ich schon, dass gerade die allerschönste Zeit im Jahr ist?

Als wir um drei endlich ins Bett gingen, war der Himmel schon wieder richtig hell, und aus dem Wald schallte schon der morgendliche Vogelchoral.


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36:31

Die letzte Nacht war kurz.

Während ich mit dem einen Auge verfolgte, wie der kleine Herr Maus mit seiner Klasse Richtung Schwarzwald reiste – während die Austauschklasse letztes Jahr mit Zug und Fähre angereist ist, war den Turkuern noch nicht mal ein Umstieg in Riga zuzumuten, sondern es musste der teure Finnair-Flug sein, und statt in Frankfurt einen ICE zu besteigen und nach Freiburg zu düsen, wurde ein Bus gemietet; aber was weiss ich schon über Reiserouten nach und in Deutschland im Vergleich zu einem finnischen Musiklehrer…! – starrte ich mit dem anderen Auge wie das Kaninchen auf die Schlange auf die Live-Updates aus der Stadtratssitzung zur Abstimmung über den Bau einer Strassenbahn in Turku.

Es hätte sogar einen Livestream aus dem Sitzungssaal gegeben, aber dieses Drama konnte ich mir nicht antun. Mir wurde schon bei den schriftlichen Zusammenfassungen der Reden der Strassenbahngegner*innen schlecht.

Es fing schon damit an, dass der Stadtrat schon im Voraus – mit dem Wissen, dass die Sitzung zur Abstimmung über den Bau der Strassenbahn in Tampere damals elf Stunden (!) gedauert hatte – die Redezeit pro Person auf fünf Minuten beschränkt hatte, aber einer der Gegner gleich zu Beginn verkündet hatte, er werde fünf dieser Redezeiten in Anspruch nehmen, das sei er seinen Wähler*innen schuldig. Und während die Befürworter*innen sachliche Argumente ins Spiel führten, waren die Argumente der Gegner*innen ähnlich abstrus wie seinerzeit in Tampere: Wenn die Strassenbahn so eine vernünftige Lösung wäre, dann würde man ja nicht seit 16 Jahren darüber diskutieren. (Haha. Umgekehrt wird wohl eher ein Schuh draus!) Und wie könne man denn eine Strassenbahn als zeitgemäss anpreisen, wenn doch auf der Automesse in China schon fliegende Autos vorgestellt worden wären. (Haha, klar. In 15 Jahren fliegen wir alle im eigenen Auto durch Turku.)

Ich habe wirklich fast bis zum Schluss befürchtet, dass es Turku wieder vergeigt und wir uns die nächsten Jahre mit Diskussionen über absonderliche Alternativlösungen wie einen „Superbus“ herumschlagen müssten, während der Autoverkehr in der Innenstadt und auf den Ausfallstrassen immer unerträglicher wird. Die Sorge war nicht unbegründet: noch letzte Woche hatte es in den Umfragen so ausgesehen, als ob die Gegner*innen mit einer Stimme vorn liegen würden.

Aber dann kam eine unerwartete Ja-Stimme von einem Abgeordneten der Grünen, der eine Abgeordnete vertrat, die dagegen gewesen wäre. Eine Ja-Stimme kam von einem Abgeordneten der Linken, der sich bisher nicht geäussert hatte, ob er dafür oder dagegen stimmen würde. Eine Stimme kam von einer Abgeordneten der Sammlungspartei, die sich entgegen der in ihrer Partei vorherrschenden Meinung in letzter Minute noch für die Strassenbahn entschieden hatte – vielleicht auch beeinflusst durch die eindeutige Pro-Haltung ihres Parteikollegen Petteri Orpo, der nicht nur finnischer Premierminister ist, sondern, weil es nun mal sein Wahlkreis ist, auch als ganz normaler Abgeordneter im Stadtrat von Turku sitzt.

Halb elf fielen mir die Augen zu. Als ich eine Dreiviertelstunde später nochmal aufwachte, war der kleine Herr Maus fast in Freiburg angekommen. Und hatte mir um 23:01 Uhr ein Sektglas-Emoji geschickt.

Am Ende hat es nur fünf Stunden Sitzung und diese drei Überläufer gebraucht, um mit fünf Stimmen Vorsprung den Beschluss für eine Strassenbahn für Turku zu fassen.

So in acht oder zehn oder zwanzig Jahren werde ich dann endlich wieder in einer nach meiner persönlichen Definition richtigen Stadt wohnen: mit einem Fluss und einer Straßenbahn! Juhuu!