Just do it – über die Tücken der Digitalisierung

„Wege entstehen dadurch dass man sie geht.“ Kafka

Mein Weg führt mich durch eine nebelige Nacht, kurz vor Sperrstunde lass ich mich überreden mit zu kommen. Wider aller guten Vorsätze schlüpfe ich in den Mantel und folge ihm nach draußen.

Alles besser als eine weitere Nacht alleine vorm Rechner zu hängen und sich in der Zeitfressmaschine zu verlieren. Ich bin ausgehungert nach Nähe.

Nach wenigen Schritten durch die frostige Kälte öffnet er begleitet von zweimal Piepsen und dreimal Blinken einen schwarzen Alpha Romeo der teurer aussieht als sämtliche Wagen auf dem Parkplatz zusammengenommen. Alter Verwalter, vorgestern noch Fußgänger und heute Upperclass?

Begeistert lasse ich mich auf den Beifahrersitz fallen. Der beißende Neuwagengeruch brennt schlimmer in der Nase, als die Corona Staberl an den Teststationen. Ansonsten ist die Kutsche allererster Schlagrahm.

„Sag mal woher hast du denn das Auto? Für so ein Gefährt ist dein Gemächt viel zu groß!“ kichere ich beim Anschnallen vor mich hin.

Mit versteinerter Miene deutet er auf den Touchscreen eines Tablets, das dort befestigt ist, wo  bei Retro Autos mal die Handbremse war.  

Unzählige kleine Symbole verstreuen sich auf dem Desktop des Geräts.

„Drück mal auf die rote Kamera, ganz rechts oben“, sein Tonfall verrät Vorfreude. In eiskalt.

Der Wagen fährt um eine langgezogene Kurve, mir wird schlecht, ich muss vom Bildschirm aufsehen um auf die Straße zu blicken. Wieso nimmt er die Auffahrt Richtung Italien?

„Wohin fährst du?“

Gekonnt ignoriert er meine Frage, völlig gelassen schießt er auf den Beschleunigungsstreifen. Vielleicht hat er im Nebel die Orientierung verloren? Zumindest geht´s wieder geradeaus und mein Magen entspannt sich.

„Du sollst auf das Symbol drücken.“, faucht er mich an, während er an der letzten Abfahrt auf österreichischer Seite vorbeirast. Wo zum Kuckuck will er denn hin?

Ich senke meinen Blick und leiste seiner schroffen Bitte folge.

Auf dem schwarz gewordenen Display erscheint eine Zeitanzeige in Form einer Sanduhr. Als die Zeit um ist verpufft das Teil und stattdessen erscheint eine nackte Frau mit vollem Mund. Wieso um alles in der Welt soll ich mir ne Blowjobszene ansehen?

Ratlos sehe ich ihn an.

„Was soll das?“

„Hinschauen“, zischt er. Vergräbt seine rechte Hand in meinen Haaren um meinen Kopf zum runterschauen zu bugsieren.

Eine semi-junge Frau mit bombastischen Haaren, schicke Titten, einer weiß-goldene Uhr am rechten Arm die meiner zum Verwechseln ähnlich sieht und ein kleines Tattoo am Schlüsselbein. Und ein Penis in der Nebenrolle.

Und plötzlich schießt es mir heiß durch sämtliche Zellen; die Frau die sich da die Seele aus dem Leib lutscht ist dieselbe die mir jeden Morgen aus dem Spiegel entgegen schaut. Das bin ja ich!!!!!

Seine Hand lässt meinen Schopf los, als er meine Erkenntnis spürt. Oder viel mehr mein Jauchzen nach Sauerstoff.

Ich versuche irgendeine Regung in ihm an seinem konzentriert nach vorne blickenden Gesicht ab zu lesen. Aber das ist genauso hoffnungslos wie zu erkennen wohin wir fahren-zumindest nicht weiter als drei Meter. Wenn ich es nicht besser wüsste würde ich auf Klagenfurt tippen- so zäh nebelts sonst nirgends…

Naja gut. Er redet nicht, draußen seh ich nichts. Dann kann ich genauso gut den Film weiterschauen, versichere mich dass ich dabei eine gute Figur mache und wo es eventuell noch Verbesserungspotential was die Porno Skills angeht gäbe.

„Woher hast du das Video?“

Wir überholen einen polnischen Kleinlaser der Schlangenlinien fährt.

„Woher hast du den Schwanz?“

„Das war lang vor deiner Zeit, glaubst du ich war noch Jungfrau als wir zusammen gekommen sind?“

Beschwichtigend schränke ich meine Arme vor der Brust zusammen, verstohlen blinzle ich kurz auf das Display. Mein digitales Ich lutscht in Dauerschleife, ich frage wo ich es ausschalten kann.

Er fragt wo er mich ausschalten kann.

Ich frage wohin fahren wir.

„Lass dich überraschen“, raunt er zu mir rüber, streichelt über meinen Oberschenkel, erwischt meine rechte Hand, greift sie sich um damit auf seine ausufernde Erwartungshaltung in Schritthöhe aufmerksam zu machen.

Doch noch ehe ich mich darum kümmern kann, erreichen wir die Grenze.

Er verstaut seine Erektion, den Porno auf der Mittelkonsole lässt er laufen während er auf die zwei Uniformierten zurollt. Bitte lieber Gott mach dass sie uns nicht anhalten.

Sie halten uns an.

„Reise- und Impfpapiere bitte“, nuschelt das kleine grüne Männchen dass vermutlich noch nicht mal Haare am Sack hat.

Nach einem kurzen Check der Papiere beugt er sich nach vorne  um das Zeug zurück durchs Fenster zu geben, erhascht dabei einen Blick auf das Sexfilmchen am Tablet und errötet noch schneller als ein Hummer im Dampfbad. Verlegen winkt er uns durch.

Ich könnte jetzt echt einen Drink gebrauchen.

„Ach übrigens Schätzchen“, dringt seine weich gewordene Stimme zu mir durch, während sein Finger auf das Handgelenk der digital blasenden Protagonistin deutet.

„Die Uhr die du da trägst hab ich dir zu Weihnachten geschenkt.“

Worauf will er jetzt schon wieder hinaus?

„Ja, und?“

Verdammt, ich erkenne die Falle… Leider einen Moment zu spät.

„Du sagst es wäre vor meiner Zeit passiert? Weihnachten war vor acht Tagen, soweit ich mich erinnere?“

Das hab ich jetzt davon dass ich meinen Kalorienverbrauch beim Vögeln messen wollte. So ein Mist aber auch.

„Wie lange sind wir schon zusammen?“

Verfluchte Pulsuhren, das ist ja Schlimmer als die Stasi hier. Ich muss hier weg.