
In Anbetracht der Tatsache, dass wir aus allgemein bekannten Umständen spätestens in zehn Tagen wieder kollektiven Hausarrest haben, will ich die Möglichkeit nutzen um überall anders als zuhause zu sein.
Verbringe den Tag in der Therme, ziehe meine Bahnen im Sportbecken, entspanne in der Sauna, schwitz die Sünden der vergangenen Nacht raus und schwing mich ins Solarium um einen Touch weniger nach wandelnder Untoter auszusehen. Mein Magen knurrt, während mein Hintern verbrennt. Komische Kombi.
„Biste braun, kriegste Fraun“ trällert die Stimme im Kopf.
Mir fällt die geile Schnitte von gestern Nacht wieder ein. Das schöne Wesen hinterm Thresen… Geschwungene, sinnliche Lippen, dunkelschwarze Augen und ein unschuldiges Gesicht, gepaart mit dem richtigen Maß an Naivität. Beim Versuch die Zeche zu prellen ertappt sie mich gerade als ich aus dem Toilettenfenster abhauen will.
Ich zwenge mich zurück nach drinnen, lasse mich vom Fensterbrett auf die Klobrille fallen, rutsche mit einem Bein ab und lande mit dem Fuß in der Schüssel. Gott sei Dank hab ich die Stiefel imprägniert, meine Strümpfe bleiben trocken.
„Was tust du hier?“ mit offenem Mund starrt sie durch die geöffnete Kabinentür, während ich versuche den Uringeruch mit der Klobürste von meinen Schuhen zu bekommen.
„Ich bin auf der Flucht vor einem Stalker.“, erkläre ich ihr lächelnd.
„Du meinst der Kerl der dich ständig anbaggert?“
Von wegen anbaggern, der Typ treibt Schulden für zwielichtige Kredithaie ein. Aber egal -Sie scheint den Köder gefressen zu haben.
„Ja genau der. Ich muss hier weg, der ist nicht ganz dicht und sehr gefährlich.“
Mit dem Hinweiß meine Getränke zahlt der Stalker, springe ich zum zweiten Mal durchs Klofenster nach draußen…
Zurück im Solarium:
Das Licht geht plötzlich aus, die Lüftung verstummt und ich werde unsanft aus meinem Tagtraum gerissen. Verpeilt krieche ich aus dem Turbobräuner, stopfe meine Sachen in den Rucksack und desinfiziere die Röhre.
Zuhause angekommen hänge ich die nassen Badesachen auf den Wäscheständer, rasiere meine Beine (nachdem das im Schwimmbad ausdrücklich verboten war) und Texte einem der Freaks aus dem Netz.
„In 30 Minuten beim Eislaufplatz“
Auf der Fahrt dorthin mache ich kurz Halt bei der Tanke, genehmige mir einen Dosen-Gin-Tonic um meine einsetzende Kurzatmigkeit zu besänftigen. Ich schalte die Disco Boys auf Anschlag, fahre die letzten Kilometer über die Landstraße als ich mit wummernden Boxen die Halle erreiche. Mitten in dem ganzen Gewusel aus Eltern die ihre Kinder dorthin kutschieren, dickbäuchigen Trainergestalten mit Tschik im Mundwinkel die vor dem Eingang der Sportstätte herumgammeln, erkenne ich eine Figur die neben dem Altglascontainer steht und auf den Display seines Handys starrt.
Ich bremse den Wagen, fahre langsam an ihm vorbei. Mein Herz schlägt bis zum Hals, ich fahre weiter die Straße hinauf. Soll ich ihn stehen lassen? Bin ich echt so feig?
Ich schieße nach rechts, bremse an der Bushaltestelle wende mit vollem Schwung und atme tief durch. Baby entspann dich; es dauert gewöhnlich fünf Penisse lang bis du dein gebrochenes Herz kurierst. Da unten steht Nummer eins. Direkt neben dem Altglas.
Vorsichtshalber parke ich dann trotzdem ein Stücken entfernt und schleiche mich unauffällig an den Kerl ran. Er starrt immer noch vertieft auf sein Handy, ich starre ihn an- versuche zu erkennen wie ähnlich er dem Bild auf dem Datingprofil sieht. Es ist leider viel zu dunkel, kann ihn weniger sehen als viel mehr riechen- sein Parfum macht mich wuschig… So riecht kein Vater der sein Kind zum Eislaufen bringt. Bleibe direkt vor ihm stehen:
„Ich glaub wir sind verabredet?“
Erhebe mich am Morgen drauf verstrahlter als Tschernobyl von der Couch. Schalte Musik ein um mich von meinem Hangover abzulenken. Irgendwo klingelt ein Telefon.
Himmel, Arsch und Zwirn ist mir schlecht.
Mein Magen eskaliert als ich die Stimme meiner Oma aufeinmal über die Stereoanlage hören kann. Welcher Volltrottel hat den bitte das Telefon mit meinem Radio verheiratet? Vermutlich ich selbst.
„Hallloooooo?????? “, schrill trällert ihr Fiepsen durch die Boxen.
Eine dreiviertel Stunde später bin ich auf dem neuesten Stand über alles was innerfamilär und global passiert ist, über all ihre Arztbesuche, prophezeite Heilungsaussichten. Und über alle schmutzigen Details jedes einzelnen Dorfbewohners.
„Du Omi, ich muss dann echt mal los…“
„Kindchen und denk daran keine Wäsche in den Rauhnächten aufzuhängen sonst stirbt jemand.“
Kann sie mir das nicht zwei Tage voeher sagen? Dann borg ich mir ein Saunatuch und den Bademantel aus, anstatt den Kram bei mir zu waschen und aufzuhängen und damit einen Todesfall zu provozieren. Senile alte Schachtel.
„Kann ich mir aussuchen wer stirbt?“
Omi lacht.
Miststück.
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