- Neu erzählt von Franz Fühmann
- Mit Bildern von Dieter Wiesmüller
- DTV Hanser 1. Auflage März 2006/10. Auflage 2023 www.dtv.de
- Klappenbroschur
- Fadenheftung
- 224 Seiten
- Format: 21 x 13,5 cm
- 17,00 € (D), 17,50 € (A), 22,90 sFr.
- ISBN 978-3-423-62258-5
- Jugendbuch ab 12 Jahren
- In Anbetracht des hohen literarischen Niveaus und der kulturhistorischen Bedeutung ist diese Lektüre auch durchaus für erwachsene Leser, Germanistikstudenten und Liebhaber der deutschen Sprache wohlgeeignet.
ÜBERMÜTIG MÄCHTIG
Rezension von Ulrike Sokul ©
In meiner Kindheit wurde ich vielsaitig mit Märchen und Sagen lesegefüttert – nur die Nibelungensage kam zu kurz. Dies ist umso erstaunlicher, da ich doch immerhin zehn Jahre auf einer Kriemhildenstraße gewohnt habe. Diese germanische Lektürewissens-lücke habe ich nun mit der Nacherzählung des Nibelungenliedes von Franz Fühmann geschlossen.
Aufgeteilt in 39 Kapitel erzählt der Autor sinnlich anschaulich und edelsteinfunkelnd sowie ergreifend von übermütigen Helden und edlen Herrschern, von schönen, stolzen Frauen, kühnen Rittern, unermüdlichen Schwertkämpfen, üppigen Festen, von Liebe und Haß, unglaublichen Goldschätzen, magischen Hilfsmitteln (Tarnhaut, Kraftgürtel), Treue, Ehre, Verrat, Rache und unverzeihlichem Blutvergießen.
Jedem Kapitel ist ein Vierzeiler auf Mittelhochdeutsch vorangestellt, der eine kleine Ahnung der melodischen Reimmagie des originalen Nibelungenliedes vermittelt. Franz Fühmann verleiht seiner spannenden Nacherzählung einen getragenen Tonfall, mit feierlichen Dialogen und Anreden wie „vieledle Ritter“, „vielliebe Schwester“, „viellieber Gemahl“ und weiteren recht poetischen Formulierungen. So beschreibt etwa Hagen den Ort, an dem Siegfried seinen Hort (Hort in der Bedeutung von geheimem Schatz) vergraben hat, folgendermaßen:
»In einem Berg hinterm Eisland im nördlichsten Norden, wo die Sonne nicht scheint und die Erde nicht grünt…« (Seite 14) oder die zärtliche Annäherung zwischen Dietlind und Giselher:
»Zum Abschied küsste sie ihn auf den Mund; Süßeres war ihm von einer Frau noch nicht gewährt worden, und Süßeres war ihm auch nicht mehr vergönnt. « (Seite 163)
Nach der Lesebekanntschaft mit Kriemhild und Siegfried, Brünhild und Gunther und Hagen von Tronje ist man recht froh, diesen überwiegend machtbesessenen, rachsüch-tigen und emotional extrem unbeherrschten Charakteren nur in Buchform und nicht leibhaftig begegnet zu sein. Aus Sicht unserer Zeit, in der es vor maßlosen einklagbaren gesellschaftlichen Sensibilitätsansprüchen und Rücksichtnahmen wimmelt (man bedenke nur die gelegentlichen Triggerwarnungen für Klassiker der Weltliteratur), ist die Epoche dieser Heldensagen wild, unzivilisiert und von überwältigender archaischer Unmittelbarkeit.
Gleichwohl sollte man archetypische, literarische Charaktere nicht mit heutigen Moral-vorstellungen messen, sondern sie gewissermaßen als charakterstarke Zeitzeugen ihrer eigenen Epoche akzeptieren. Immerhin schimmert zwischen den Zeilen dieser schwert-schwingenden, kriegerischen, patriarchalen, stammes- und feudalgesellschaftlichen Machtkämpfe hier und da bei einigen Protagonisten auch der echte Wunsch nach Frieden, Versöhnung und christlich inspiriertem Mitgefühl durch. Wie sagte doch der Historiker Leopold von Ranke so treffend: „Jede Epoche ist unmittelbar zu Gott, und ihr Wert beruht gar nicht auf dem, was aus ihr hervorgeht, sondern in ihrer Existenz selbst, in ihrem Eigenen selbst.“
Mit dieser gelungenen Nachdichtung des Nibelungenliedes erlesen wir uns ein wichtiges Stück deutscher Kulturgeschichte.
Die Illustrationen von Dieter Wiesmüller spiegeln die Faszination und emotionalen Abgründe der Nibelungensage mit ausdrucksvoller Dramatik wider.
PS:
Einige Fußnoten, welche die verwendeten alten Bezeichnungen für Stoffe und Waffen kurz erklären, wären meiner Ansicht nach sinnvoll gewesen. Es ist wohl kaum zu erwarten, daß Begriffe wie „Feh“ (graues Eichhörnchen-Winterfell), „Pfellel“ (schwerer, orientalischer Seidenstoff), „Sigelat“ (zweifarbiger Stoff, der mit Gold- oder Silberfäden durchwebt ist) sowie „Ger“ (germanischer Wurfspieß) und „Brünne“ (Kettenpanzer-hemd) außerhalb der Mittelalterfangemeinde allgemeinverständlich sind.
Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/das-nibelungenlied-62258
Der Nachdichter:
»Franz Fühmann, am 15. Januar 1922 in Rochlitz/Riesengebirge geboren, gehörte zu den bedeutendsten Schriftstellern Nachkriegsdeutschlands. Neben Erzählungen, Essays, Novellen, Gedichten sowie Kinderbüchern verfasste Fühmann zahlreiche Nachdichtungen. Zu den vielen Auszeichnungen seines Schaffens zählen der Heinrich-Mann-Preis und der Geschwister-Scholl-Preis. Er starb am 8. Juli 1984 in Berlin.«
Der Illustrator:
»Dieter Wiesmüller, geboren 1950 in Hamburg, ist Illustrator, Umschlaggestalter für Bücher, Zeitschriften und Magazine und einer der großen deutschen Bilderbuchkünstler. Mit seinen Illustrationen sind in der Reihe Hanser bisher erschienen: „Die Abenteuer des Odyseuss“, neu erzählt von Bernard Evslin, sowie „Die Norddeutschen Sagen“, neu erzählt von Katherina Neuschaefer,«

![Das bleibt in der Familie]](https://leselebenszeichen.wordpress.com/wp-content/uploads/2013/08/das-bleibt-in-der-familie.jpg?w=624&h=1024)