Der kleine Otter vermißt schmerzlich die Libelle, mit der er befreundet war. Er erinnert sich an freudige gemeinsame Spiele und begreift nicht, daß seine Freundin nicht mehr da ist. Die ebenfalls trauernden großen Otter versuchen, dem kleinen Otter zu ver–mitteln, daß seine Freundin zwar nicht mehr körperlich anwesend, aber doch immer noch bei ihm sei. Dies ist dem kleinen Otter zu abstrakt – er kann nicht verstehen, was die großen Otter damit meinen.
Nun durchlebt der kleine Otter eine Phase der Leere, des Trauerns und des ganz alltäg-lichen Vermissens seiner vertrauten Gefährtin. Alles fühlt sich anders an, und der kleine Otter sucht an verschiedenen Orten nach dem Verbundenheitsgefühl, von dem die großen Otter ihm erzählt haben.
Draußen in der Natur geschieht es eines Tages, daß der kleine Otter in der Wahrneh-mung des Windes, der Regentropfen, dem abendlichen Aufgehen der Sterne und im Gesang der Vögel seine Freundin spürt. Und auch im Gefühlserleben erscheint ihm ein beruhigendes und tröstendes Echo seiner Freundin, und manchmal begegnen sie sich sogar im Traum.
So macht also der kleine Otter nun selbst die Erfahrung dieser schwer erklärbaren, unsichtbaren inneren Verbindung, die man zu einem verstorbenen Liebsten haben und pflegen kann. Dadurch wird das Leben für den kleinen Otter wieder heller, und die schönen Erinnerungen sind ein bereichernder Teil der Gegenwart.
Der Bilderbuchtext ist in einem zärtlich-poetischen Tonfall gehalten, der die kindlichen Gefühle und Wahrnehmungen mit anschaulicher Einfachheit wiedergibt. Kritisch anzu-merken bleibt jedoch, daß zwar die Verlusterfahrung recht gelungenen, also für kleine Kinder nachvollziehbar dargestellt wird, dann jedoch die amateurtherapeutischen Hin-weise, die verstorbene Freundin in allen schönen Naturerscheinungsformen wiederzuer-kennen, in fast schon kitschige Verallgemeinerungen abgleiten: »Du bist das Rauschen des Meeres und die Stille der Berge.« Ob eine solche Poesietherapie für kleine Kinder hilfreich ist, sei einmal dahingestellt. Die Vermittlung von Trost nach einem Verlust-erlebnis im Hinblick auf vierjährige Kinder ist unstreitig eine große Herausforderung.
Die dezent bunten Illustrationen wirken meditativ und leise. Sie begleiten die erzählerische Stimmung mit harmonisch passenden Bilderbuchbühnenbildern.
Dieses Bilderbuch kann als Gesprächseinladung für Kinder eingesetzt werden, um die Themen Abschied, Tod und Trauer und die damit einhergehenden Gefühle und Fragen anzusprechen.
»Laura Romanazzi, geboren 1987, jongliert ihre Rolle als Teilzeit-Apothekerin mit dem Leben als Vollzeit-Mutter. Als lebenslange Liebhaberin von Büchern und Geschichten-erzählen schreibt sie gerne Geschichten für Kinder – und manchmal auch für Erwachsene. Für sie ist das Schreiben eine Möglichkeit, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen und gleichzeitig ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen.«
Die Illustratorin:
»Kate Herbert verbrachte ihre Kindheit damit, zu träumen, zu trödeln und Kuriositäten zu sammeln. Nach einem Theaterdesign-Studium arbeitete sie in der Theaterbranche, bevor sie ihre wahre Leidenschaft entdeckte – das Illustrieren und Schreiben von Kinder-büchern. Sie liebt es, anspruchsvolle, skurrile Welten für ihre Figuren zu erschaffen, und das Wunder der Kindheit in ihren Werken einzufangen.«
Querverweis zu weiteren Büchern zum Thema Tod und Trauer:
Ein altes, etwas heruntergekommenes Mietshaus mit vier Wohnparteien in Wuppertal – hier wohnt Pina, Mitte vierzig, alleinerziehende Mutter eines autistischen Sohnes. Leo ist zwanzig Jahre alt und wird wochentags mit dem Bus abgeholt und zu seiner Arbeit in einer Behindertenwerkstatt gefahren. Das funktioniert nicht immer reibungslos, da Leo nur in einer ganz bestimmten Reihenfolge „funktioniert“ – beispielsweise steht er erst auf, wenn in seiner Lavalampe eine grüne Blase erscheint; seine Frühstücksflocken müssen exakt dreieinhalb Minuten in der Milch ziehen, bevor er sie ißt, und die Treppenhausstufen werden stets mit zwei Schritten vorwärts und einem Schritt rück-wärts betreten. Harry, der mürrische Busfahrer, wartet bei laufendem Motor nicht länger als eine Zigarettenlänge auf Leo und fährt dementsprechend manchmal ohne ihn weiter.
Außerdem hat Leo eine sehr spezielle, indirekte Art zu sprechen, die man allerdings mit etwas Geduld und Übung durchaus verstehen lernen kann. Pina organisiert den kompli-zierten Alltag mit den Bedürfnissen und anstrengenden Ticks ihres Sohnes mit eiserner Disziplin. Sie arbeitet in einem Callcenter und geht niemals mit den Kolleginnen nach der Arbeit noch einen Kaffee oder ein Bier trinken, da sie pünktlich zu Leos Rückkehr aus der Werkstatt zu Hause sein muß. Veränderung der Alltagsroutine regen Autisten furchtbar auf, und es bedarf vertrauter Rituale und zugewandter Geduld, bis für Leo wieder Ruhe und Ordnung in Kopf und Herz einkehren.
Einmal die Woche macht Pina einen Großeinkauf ohne Leo. Anderthalb Stunden kann sie Leo bei ihrer freundlichen Nachbarin Inge lassen – mit Inge ist er inzwischen vertraut genug – und sich ganz einfach nur auf den Einkauf konzentrieren. Inge ist sechsundacht-zig Jahre alt, seit fünf Jahren verwitwet und traut sich seit einem Sturz auf der Keller-treppe nicht mehr aus ihrer Wohnung. Pina erledigt bei ihrem Großeinkauf auch gleich den Einkauf für diese Nachbarin.
Weitere Nachbarn sind der menschenscheue Junggeselle Wojtek, der im Homeoffice arbeitet, seltene Kristallfiguren sammelt und heimlich in die Internetverkäuferin verliebt ist, die eben diese Figuren per Videogespräch an ihn verkauft, sowie die orientierungslose, trotzige und dauerwütende sechzehnjährige Zola, deren Vater das Mietshaus gehört und der seine schwierige Tochter, die sowohl die Schule als auch ihre Ausbildung abgebrochen hat, dorthin ausquartiert hat.
Pina kümmert sich unentwegt sowohl gedanklich als auch lebenspraktisch um Leo, ihre Selbstfürsorge kommt dabei entschieden zu kurz. Zudem betäubt sie schon lange ihre nagenden Magenschmerzen mit Schmerzmitteln, die sie stets griffbereit in jeder Hand- und Jackentasche bei sich hat. Sie genießt zwar kurze Zeitzwischenräume, in denen sie nicht für Leo zuständig ist, wie beispielsweise die viertelstündige Schwebebahnfahrt bis zu ihrem Arbeitsplatz, aber für eine echte Entspannung oder gar Erholung reicht das selbstverständlich nicht.
Beim nächsten Großeinkaufstag geschieht etwas, das Pina nicht verhindern und nicht mehr durchorganisieren kann: Sie bricht plötzlich auf der Straße zusammen und landet mit einem Magendurchbruch auf der Intensivstation.
Viele Stunden nach Pinas Einlieferung wird Inge von der Polizei über Pinas Verbleib informiert, da zunächst keine weiteren Verwandten bekannt sind. Leo ist derweil schon im Ausnahmezustand, tigert – lauthals nach seiner Mutter rufend – durch die Wohnung, und Inge weiß nicht, wie sie ihn beruhigen kann. Durch Leos Lärmen und Schranktüren-aufschlagen werden nun auch die beiden anderen Nachbarn auf die neue Situation aufmerksam. Daß Pina ausfällt, war nicht Teil von Pinas Betreuungsplanung, und so stehen die drei Nachbarn vor dem Problem, sich ohne „Gebrauchsanweisung“ um Leo zu kümmern. Leo befindet sich derweil nach der Rastlosigkeit in einem stummen Erstarrungszustand.
Zunächst sind sie überfordert, fremdeln und lehnen es ab, vorübergehend Fürsorge für Leo zu übernehmen. Doch wer sonst soll sich kümmern? Das Jugendamt kommt nicht in Frage, da Leo kein Kind mehr ist, und der Soziale Dienst hat keine Kapazitäten frei usw. Inge ist die Erste, bei der Mitgefühl und Pragmatismus überwiegen, und sie zieht die beiden anderen Nachbarn einfach mit. Zola bringt Leo hinauf in seine Wohnung, und sie ist es auch, die nach und nach durch einfühlsame Beobachtung seine Rituale und Ticks zu entziffern lernt. Alle verändern sowohl ihre Perspektive auf Leo als auch die Per-spektive auf ihre eigenen Daseinsbedingungen und Freiheitsspielräume.Gleichgültig-keit,Irritation und Befremdung verwandeln sich durch die gelebte Nähe in zwischen-menschliche Anteilnahme, Wertschätzung und Zugehörigkeit.
So werden wir interessierter Lesezeuge, wie drei Menschen, die sich verhältnismäßig fremd sind, und die sich zuvor überwiegend auf ihre eigenen Empfindsamkeiten und Verletzlichkeiten konzentrierten, nun durch die Verantwortung für einen hilfsbe-dürftigen anderen Menschen den Kreis der Selbstbezogenheit zur Dubezogenheit erweitern und zu einem zwar holprigen, aber auch erstaunlich gelingenden Miteinander und einer alltagstauglichen Kooperation und tragfähigen Verbundenheit finden.
Die Figurenzeichnung ist charakterstark und lebendig. Einfühlsam und mit detailreicher Anschaulichkeit werden ganz unterschiedliche Lebensaltersperspektiven, Gefühlshaus-halte und Weltwahrnehmungen dargestellt, und zwar sowohl von innen heraus als auch durch die gedankliche und dialogische Interaktion der Figuren miteinander.
Die ernste und gesellschaftskritische Thematik wird dabei mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit erzählt, in der sich anrührende und situationskomische Szenen ergänzen. Alle Charaktere entwickeln sich durch die besondere häusliche Situation weiter. So kann etwa Inge wieder Treppen steigen und denkt nicht mehr ans Sterben, Zola entdeckt im Umgang mit Leo eine unerwartet geduldige, hilfsbereite und konstruktive Saite ihres Wesens, Wojtek streckt tapfer zarte Fühler aus seinem Schneckenhaus heraus, und Leo tritt zum ersten Male ohne die Vermittlung seiner Mutter erfolgreich in Kontakt und Beziehung zu anderen Menschen und erlebt sogar ein kleines Abenteuer.
»Es ist eine große Aufgabe, die Welt für jemanden passend zu machen, die nicht für ihn geschaffen ist. Und da sind sie nun. Eine alte Frau, ein wütendes Mädchen und ein Einsiedler, das ist alles, was diesem Jungen bleibt. Drei schräge Vögel.« (Seite 126)
»Vera Zischke wurde 1980 im Rheinland geboren und ist ausgebildete Journalistin. Sie schreibt tagsüber für die Zeitung, nachts Romane und bezeichnet das als Glück. Sie behauptet, alles in ihren Geschichten sei wahr, nur die Figuren seien erfunden. Ihr Debütroman Ava liebt noch wurde tausendfach auf Social Media empfohlen und so zum geheimen Bestseller. Auf Instagram schreibt sie unter @verazischke über ihr Leben als »Tired Writing Mom«, manchmal auch über pflegende Elternschaft. Vera Zischke ist Mutter eines autistischen Kinds und lebt mit ihrer Familie im Ruhrgebiet. https://www.schreiberlogik.de/ «
Die Zwillinge Lea und Luis Kuchenbrand leben zusammen mit ihren Eltern in einem alten Müllerhaus mit halbverwildertem Garten und in einträchtiger Nachbarschaft mit der Apfelhexe Petronella Apfelmus und ihren eigenwilligen, fleißigen Apfelmännchen, die bei der Pflege der alten Apfelbäume und des Gartens tatkräftig helfen. Die Eltern betreiben in der alten Mühle ein florierendes Café, währenddessen die Kinder viele zauberhafte Abenteuer mit ihrer Nachbarin erleben. Selbstverständlich hüten Lea und Luis das magische Geheimnis von Petronella und ihren zauberhaften Bekannten.
Für mehr Einzelheiten hinsichtlich der phantasievollen Details der apfelmusischen Daseinsbedingungen empfehle ich einen Lesebesuch bei meiner ersten Petronella-Rezension:Petronella Apfelmus, 1. Band: Verhext und festgeklebt
Es ist gar nicht so leicht, magische Geheimnisse zu bewahren, wenn plötzlich Forscher einer „Kryptozoologischen Gesellschaft“ auftauchen, im Apfelgarten ihre Zelte aufschla-gen und im nahegelegenen Haspelwald nach magischen Tieren und Wesen suchen wollen. Die Forscher sind nämlich aufgeschlossen für Magie und lassen sich nicht so leicht ablenken und täuschen, wie gewöhnliche Menschen. Erschwerend kommt hinzu, daß Petronella dringend ihre Großmutter im Schwarzwald besuchen muß, um sie von einem Hexenschuß zu kurieren. Lea, Luis und die Apfelmännchen sind also eine Weile ganz auf sich alleine gestellt, um die magischen Wesen zu warnen und die gefangenen Wichtel und den Eichenrübling mit Hilfe eines Eisenbeißers heimlich aus ihren Gitterkäfigen zu befreien.
Die unerwünschten Forscher lassen es sich im Mühlencafé schmecken und sich von den Kuchenbrands auch Proviantpakete für ihre Expeditionen in den Haspelwald packen. Außerdem lagern sie ihre Wertsachen im Speicher der Mühle. Dies gibt den Kindern Gelegenheit, sich unauffällig über die täglichen Absichten der Kryptozoologen zu informieren.
Bei den Observierungen gibt es Pannen und strategische Verwicklungen, und dann verschwinden auch noch die Wertsachen der Forscher, und Vater Kuchenbrand wird des Diebstahls bezichtigt. Doch als Petronella schließlich zurückkommt und mit „Zeitknall-erbsen“ sowie ein wenig zauberhafter Nachhilfe zur detektivischen Aufklärung beiträgt, klärt sich, wer der Dieb ist. Ein veritabler „Vergessenszauber“ sorgt schließlich für die Abreise der Forscher. Schon bald kehrt wieder der ungestörte magische Alltag mit Petronella, Lea, Luis und den Apfelmännchen ein.
Auch der 13. Petronella-Apfelmus-Band bietet wortspielerischen Humor, Spannung und eine ebenso phantasievolle wie naturverbundene Verknüpfung von Magie und Wirklich-keit. Der liebevolle familiäre Hintergrund der beiden Kinder und die aus den Vorgänger-bänden vertrauten zauberhaften Rahmenbedingungen bieten Lesegeborgenheit, und die überraschenden „Eindringlinge“ und neuen Handlungswendungen und Notwendig-keiten bringen dramaturgische Abwechslung in den apfelmusigen Alltag.
Die Illustratorin Sabine Büchner begleitet und bereichert den Erzähltext mit kongenial ausdrucksvollen, amüsanten, detailgetreuen, köstlichen Illustrationen und stimmigen Charakterzeichnungen.
»Sabine Städing wurde 1965 in Hamburg geboren. Schon als Kind hat sie sich gerne Geschichten ausgedacht und war fasziniert von Hexen und anderen magischen Wesen. Inzwischen veröffentlicht sie erfolgreich Kinder- und Jugendbücher. Am bekanntesten ist ihre Buchreihe rund um die Apfelhexe Petronella Apfelmus. Die Autorin lebt hoch im Norden Deutschlands, ganz in der Nähe von Hamburg. www.sabinestaeding.de «
Die Illustratorin:
»Sabine Büchner, geb. 1964, studierte Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Illustration in Wuppertal und Animation an der HFF in Babelsberg. 2006 erhielt sie das Troisdorfer Bilderbuchstipendium und ist seitdem als freie Illustratorin für verschiedene Verlage tätig. Mit ihren so liebevollen wie witzigen Bildern hat sie Petronella Apfelmus und ihrer Welt vom ersten Band an einen ganz eigenen Zauber verschafft.«
Hier entlang zur kompletten Petronella-Apfelmus-Reihe:
Als kleiner Bruder dreier großer Schwestern hat man es nicht leicht, zum Ritter heranzuwachsen. Der kleine Rafi lebt mit seinen königlichen Eltern und Schwestern in einer ungemütlich kalten und feuchten Burg. Deshalb sind auch alle ununterbrochen erkältet, und es wird viel und laut geniest.
In Sichtweite der Burg gibt es Berge, und dort haust ein Drache in einer Berghöhle. Manchmal verrät ein feuriges Leuchten den Standort der Drachenhöhle. Die großen Schwestern legen ihre Ritterrüstungen an und reiten in die Berge, um den Drachen zu besiegen. Rafi will mitreiten und mitkämpfen, aber alle halten ihn für zu klein, und die Eltern erlauben ihm deshalb nicht, die Schwestern zu begleiten.
Rafi wartet besorgt auf die Rückkehr seiner Schwestern; gleichwohl hat er aber auch Mitgefühl mit dem Drachen, denn einen Kampf von dreien gegen einen findet er unfair. Heftig niesend kehren die Schwestern zurück und berichten, daß sie den Drachen besiegt hätten und Rafi keine Angst mehr vor ihm haben müsse.
Empört weist Rafi von sich, jemals Angst vor dem Drachen gehabt zu haben. Die Familie feiert ein Drachenbesiegungsfest, doch Rafi ist nicht nach Feiern zumute und ärgert sich, daß er nicht ernst genommen werde. Während die Eltern und die Schwestern „singen, lachen und niesen.“, schaut Rafi aus dem Turmfenster und entdeckt ein verdächtiges feuriges Leuchten in den Bergen.
Kurzentschlossen schnappt er sich eine Ritterrüstung nebst Pferd und reitet zum Berg. Den Berg muß er mühsam zu Fuß erklettern. Die Drachenhöhle findet er, indem er den lauten Schnarchtönen des Drachen folgt. Ganz leise und vorsichtig betritt Rafi die Höhle und muß plötzlich ganz laut niesen.
Der Drache erwacht, betrachtet müde den kleinen Ritter und fragt ihn, ob er mit ihm kämpfen wolle. Da fällt Rafi ein, daß er kein Schwert mitgenommen habe, und so schlägt er vor, daß sie sich einfach mal unterhalten könnten. Der Drache stellt sich mit dem Namen Hektor vor und erklärt Rafi, daß er nicht mehr gewillt sei, gegen Ritter zu kämpfen, und daß er sich kürzlich beim Kampf mit Rafis Schwestern einfach totgestellt habe.
Das Gespräch verläuft sehr einvernehmlich und freundlich, und Rafi bemerkt die ange-nehme Wärme, die durch den Drachenatem in der Höhle entsteht. Nach einer Weile hört sogar Rafis Niesen auf. Dies bringt Rafi auf die Idee, den Drachen auf die Burg einzuladen. Der Drache erkundigt sich, ob er denn auf der Burg von lästigen Rittern verschont bliebe. Rafi verspricht dem Drachen, daß sich keine Ritter in die Burg wagen würden, da diese alle Angst vor seinen Schwestern hätten.
Also macht sich Rafi begleitet von Hektor auf den Heimweg, und nach Rafis diplo-matischen Erklärungen gegenüber der aufgeschreckten Familie darf der Drache in den Turm einziehen und heizt über ein Rohrsystem die ganze Burg mit seinem heißen Drachenatem. Schon bald ist es schön warm und gemütlich in der Burg und der Dauerschnupfen zieht gleichsam aus.
„Ritter Rafi und das Feuer des Drachen“ ist ein Erstlese-Kinderbuch für die 2. Lesestufe, ab der 2. Klasse. Die Textmenge ist übersichtlich, der Satzbau einfach, und es gibt viel direkte Rede. Gleichwohl gelingt es dem Autor, eine dramaturgisch spannende und charaktervolle Geschichte mit augenzwinkerndem Humor zu erzählen. Die farbigen Illustrationen begleiten den Text mit anschaulichen Bühnenbildern und amüsanten Details.
Im Anschluß an die Geschichte folgen noch vier Rätselfragen, die das Textverständnis und das thematische Vokabular spielerisch abfragen und wiederholen. So läßt sich zudem ein Lösungswort ermitteln, mit welchem die kleinen Leser an einem Preisausschreiben des Ravensburger Verlages teilnehmen können.
Nachdem sich der Geräuschehändler am Ende des ersten Bandes (siehe: Der Geräuschehändler) mit zauberhafter Unterstützung durch einen Flaschengeist auf eine Welt-Geräusche-Reise begeben hat, kehrt er nun mit allerlei klangvollen Mitbringseln in sein tönendes Geschäft zurück.
Am Montag will der Geräuschehändler zunächst seine zahlreich mitgebrachten Koffer und Taschen voller Weltenklänge auspacken und sortieren, da bringt der Postbote ein Paket, in dem sich zwei Badehosen befinden. Es stellt sich heraus, daß es sich um eine Rücksendung für das benachbarte Sportgeschäft handelt, und der Geräuschehändler will sich gleich auf den Weg machen, um das Paket beim richtigen Adressaten abzugeben.
Doch die beiden Badehosen beklagen sich beim Geräuschehändler über ihr Schicksal als Ladenhüter und bitten ihn um eine klangvolle „Freibad-Mischung“ mit „Arschbomben-klatschern“, „Tauchgluckern“ und „Wasserprusten“. Gerne erfüllt ihnen der Geräusche-händler diesen Wunsch. Damit haben die Badehosen nun hinkünftig deutlich bessere Verkaufschancen bei schwimmfreudigen Kindern.
Am Dienstag kommt „Super-Marion“, eine bekannte Computerspiel-Figur, ins Geschäft und verkündet, daß sie dringend „Ohr-Laub“ vom ständigen „Dü-de-lü-de-lüt, doing-dong, puff“ ihres Bildschirmdaseins brauche. Nach einigen Hörkostproben entscheidet sich Super-Marion für ein „Geräusche-Müsli“ mit Bauernhoflauten.
Am Mittwoch erscheint in der Nacht ein grünlicher außerirdischer Besucher und bittet um ein Souvenir von der Erde. Der Geräuschehändler öffnet seinen großen Musikvor-ratsschrank und läßt einen vielsaitigen instrumentalen und gesanglichen Klangteppich daraus hervortönen. Der Außerirdische ist entzückt und speichert dieses Souvenir in seinem Herzen.
Am Donnerstag schlendert die als damenhafte Bohnenstange personifizierte Langeweile herein, und der Geräuschehändler spielt mit ihr ein „Gähn-Quiz“, bei dem es darum geht, Müdigkeitsgähnen von Langeweilegähnen zu unterscheiden.
Und so geht es von Wochentag zu Wochentag weiter mit der Suche nach dem perfekten Eiswagenklingeln, dem schwierigen Umgang mit bedrohlichen, schrecklichen Lauten und schließlich mit der ansteckenden Freude verschiedener Lieblingsgeräusche.
Diese sieben Hörgeschichten beginnen stets mit einem Einleitungsrefrain, der das Haus und das Geschäft des Geräuschehändlers mit leichten Variationen beschreibt, sowie mit einigen einstimmenden, teilweise gereimten Geräuschewörterpaaren wie beispiels-weise „Dingeln und Klingeln“, „Schleckern und Kleckern“, „Schnurren und Knurren“.
Die heiteren Illustrationen begleiten den Erzähltext mit dynamischer Bewegtheit und stimmungsharmonischer Farbpalette.
Die Textdramaturgie ist sehr anschaulich und vorlesefreundlich, die Dialoge lebhaft, amüsant sowie gelegentlich situationskomisch und die Beschreibungen voller sinnlicher Details. Der Autorin gelingt die Kunst, hohe sprachliche Qualität mit kindgemäßer Wort-spielfreude zu verbinden. Wir erlesen bei diesen Geschichten nicht nur viele, viele Worte, die Töne benennen, sondern auch viele, viele Worte für die unterschiedlichsten Gefäße, in denen der Geräuschehändler diese Töne sorgsam aufbewahrt.
Auch der zweite Band des Geräuschehändlers bietet Kindern und Erwachsenen anregen-den Sprachspielraum für feinsinnige Wortakustik und phantasievolle Geräuschkulissen. Außerdem lassen sich diese Geschichten gewiß im Gespräch mit Kindern noch weiter-spinnen und um persönliche Geräuschvorlieben ergänzen.
»Kathrin Rohmann, geboren 1967, schreibt Bücher und Geschichten für Kinder. Während der Schulzeit wollte sie Bühnenbildnerin oder Journalistin werden – oder Bücher schreiben. Wegen Astrid Lindgren. Wegen eines Hundes wie Bootsmann hat sie dann eine landwirtschaftliche Lehre begonnen und studiert. Kathrin Rohmann lebt in der Nähe ihrer Heimatstadt Hannover und hat oft Fernweh. Weitere Informationen zu Kathrin Rohmann finden Sie unter: https://kathiroman.jimdofree.com/«
Die Illustratorin:
»Jule Wellerdiek zeichnet, seit sie einen Stift halten kann. Als freiberufliche Illustratorin und Autorin widmet sie sich nun dem, was sie am liebsten tut – sich Geschichten aus-denken und diese in Bilder verwandeln, am liebsten mit vielen schrägen Figuren und Details. Weitere Informationen zu Jule Wellerdiek finden Sie unter: www.julewellerdiek.de«
Querverweis:
Thematisch ergänzend bietet sich zudem das Bilderbuch „Was macht Püüüp?“ Was macht Püüüp?vonBernhard HoëckerundEva von Mühlenfelsan, in dem ein neugeborenes Geräusch seine Bestimmung sucht und findet.
Wer oft genug mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist – noch dazu meist auf gleichbleibender Strecke -, ist vertraut damit, sich gelegentlich gedanklich oder kommunikativ mit den zufälligen Mitfahrgästen auseinanderzusetzen – sei es, weil diese Fahrgäste uns besonders positiv oder besonders negativ auffallen oder weil wir sie mit alltäglicher Regelmäßigkeit wiedersehen.
In diesem Roman lernen wir verschiedene Passagiere der Hankyu-Bahn kennen: einige Angestellte im jungen Erwachsenenalter, einige Studenten und Schülerinnen, eine ver-witwete Großmutter mit Enkelin sowie eine Hausfrau und Mutter mittleren Alters. Wir erhalten streiflichternde Einblicke in Lebenssituationen, romantische Liebesannähe-rungen, Beziehungskrisen und Befreiungen aus Gruppenzwängen.
So steigt etwa an einer Station eine sehr schöne junge Frau in einem eleganten weißen Kleid ein, nachdem sie als Gast auf der Hochzeitsfeier ihres Bürokollegen und Ex-Verlob-ten wegen ihres weißen Kleides und Haarschmucks für einen Eklat gesorgt hat. Im Waggon begegnet sie einer Großmutter, die mit ihrer Enkelin unterwegs ist. Die Enkelin bewundert lautstark die scheinbare Braut, die daraufhin in Tränen ausbricht. Die lebenserfahrene Großmutter spricht die junge Frau freundlich an, und diese erzählt daraufhin von ihrem Racheakt und ihrem Liebesleid. Bereichert um einige wohl-meinende Hinweise zum Umgang mit ihrer Verletztheit macht die junge Frau schließlich noch auf Anregung der mitfühlenden Großmutter einen spontanen Zwischenstop an einem kleinen Bahnhof. Dadurch lernt sie einen Ort kennen, der ihr so gut gefällt, daß sie einige Monate später sogar dorthin umzieht.
Wir betrachten hier überwiegend junge Menschen mit entsprechenden Fragestellungen und Zukunftssuchbewegungen. Die beiden romantischen Liebesannäherungen, deren Lesezeuge wir werden, sind von anrührender Schüchternheit bei gleichzeitigem erfolg-reichen Jetzt-oder-nie-Mut. Eine lebensgereifte, abgeklärte Sicht- und Handlungsweise wird von der großmütterlichen Figur ausgleichend eingebracht. Zudem wird wiederholt das Thema angemessenen und rücksichtvollen Verhaltens in der Öffentlichkeit durchge-spielt.
Die Autorin verknüpft die Personen und wechselseitigen Perspektiven sehr geschickt und mit filmreifen szenischen Übergängen. Während die einen Fahrgäste miteinander interagieren und sprechen, hören andere Fahrgäste zu und machen sich ihre eigenen Gedanken und Schlußfolgerungen dazu oder bringen sich kommunikativ und kommentierend mit ein. Alle Figuren betrachten sich – manchmal wohlwollend, manchmal kritisch – gegenseitig. Sie steigen in die Hankyu-Bahn ein oder aus, die Szenen wechseln in fließenden Übergängen von Bahnsteigen und Bahnhofshallen zu den Passagierwaggons und dem flüchtigen fahrgastlichen Miteinander. So sehen wir die Charaktere nicht nur in ihrer Selbstwahrnehmung, sondern stets gespiegelt in der Fremdwahrnehmung und Interpretation der anderen Charaktere.
Die Erzähldramaturgie ist von bemerkenswerter, unaufgeregter Leichtigkeit, die zahl-reichen Dialoge wirken lebensnah, umgangssprachlich und gelegentlich situations-komisch, und die Charaktere sind bei aller Skizzenhaftigkeit durchaus einzigartig und unverwechselbar.
„Die Reisenden der Hankyu-Bahn“ bietet leise Lesekost mit japanischem Lokalkolorit und dezenten Impulsen für Selbsterkenntnis und -Reflektion – so wird die äußere Reise der Fahrgäste auch zu einer inneren Entdeckungsreise und führt bei einigen von ihnen zu neuen Lebensweichenstellungen.
»Hiro Arikawa ist eine japanische Bestsellerautorin. Sie lebt in der Stadt Takarazuka, an einer der meistbesuchten Haltestellen der Hankyu-Bahn, in der malerischen Bergregion um Kyoto und Osaka. ‚Die Reisenden der Hankyu-Bahn‘ ist ein schon vor zwanzig Jahren erstveröffentlichter japanischer Klassiker, der sich millionenfach verkauft hat und bereits verfilmt wurde.«
Dieses Bilderbuch vermittelt zunächst behagliche Einblicke in die überaus geborgene Geschichtenerzählkultur, welche die Familie Elche pflegt. Frau Elch und die beiden Kinder kuscheln sich in die Sofakissen vor dem prasselnden Kaminfeuer, und Herr Elch erzählt Geschichten.
Als ihm eines Abends keine neuen Geschichten mehr einfallen, fragt er bei der benach-barten Familie Bär nach einem Märchenbuch. Doch Frau Bär hat kein Märchenbuch, und auch alle anderen Tiernachbarn (Dachs, Fuchs, Maulwurf, Biber und Wildschwein), die in seinem Dorf leben, besitzen kein Buch.
So fährt Herr Elch in die Stadt und leiht sich aus der Bibliothek (die Bibliothekarin ist eine bebrillte freundliche Gans) einige Märchenbücher aus. Nun kann Herr Elch seinen Kindern Märchen vorlesen. Frau Bär kommt mit ihren Kindern zu Besuch und hört ebenfalls gerne zu. Im Dorf spricht es sich schnell herum, was für ein guter Vorleser Herr Elch sei, und so füllt sich allabendlich sein Wohnzimmer mit immer mehr lauschwilligen tierischen Gästen. Doch dies wird schließlich zu eng und überfüllig und ist auch nicht mehr gemütlich.
Herr Elch findet auf dem Schrottplatz eine konstruktive Lösung. Er stattet einen alten Bus mit selbstgezimmerten Bücherregalen aus, füllt ihn mit einer Auswahl von Büchern aus der Stadtbibliothek und präsentiert seinen Nachbarn den Bücherbus. Die Nachbarn und besonders die Tierkinder besichtigen neugierig den Bus und die Bücher, aber es stellt sich heraus, daß weder Frau Bär noch Herr Dachs und Herr Fuchs oder Frau Hase und Frau Maulwurf lesen können.
Da bleibt nur eines: Alle müssen lesen lernen! Herr Elch beginnt mit Frau Bär, und diese gibt ihr Wissen an Herrn Dachs weiter, Herr Dachs unterrichtet Herrn Fuchs usw… Nachdem nun endlich alle Nachbarn lesekundig sind, leihen sie sich eifrig Bücher aus dem Bücherbus und lesen ihren Kindern daraus vor.
Herr Elch bleibt zwar der beste Vorleser von allen und wird auch weiterhin von seinen Nachbarn besucht, aber nun bleibt es bei übersichtlichen Gästemengen und sehr gemütlichen Vorlesungen bei dampfendem Kakao.
Inga Moore inszeniert sehr gekonnt die Begeisterung fürs Vorlesen und Lesen sowie das verbindende Miteinander, das eine mit anderen Zuhörern geteilte Vorlesestunde erzeugt. Die anheimelnden, stimmungsvollen, wohltuend altmodisch eingerichteten Interieurs mit ihren vielen schönen Details und Feinheiten haben eine sehr einladende Wirkung. Die mimisch und körpersprachlich heiter-ausdruckvollen Tiercharaktere zeigen deutliche Lese- und Lauschbegeisterung. Man möchte fast umziehen in dieses leseförderliche und kinderreiche Dorf mit seinem attraktiven nostalgischen Ambiente. Ergänzend sei noch erwähnt, daß die illustratorische Darstellung auch textunabhängig über eine ablesbare Handlungsabfolge verfügt – Kinder können hier also buchstäblich auch die Bilder lesen.
Auch wenn das Lesenlernen in Wirklichkeit nicht so einfach und schnell geht wie in „Herr Elch und sein Bücherbus“, so macht dieses Bilderbuch gleichwohl die Lese- und Vorlesefähigkeit und die familiäre Geborgenheit gemeinsamen Lesens äußerst schmackhaft und erstrebenswert.
Hier entlang zu einem weiteren schönen Bilderbuch von Inga Moore: Käptn Katz
Die Autorin & Illustratorin:
»Inga Moore ist eine weltweit anerkannte britische Illustratorin. Mit ihren einfühlsamen und preisgekrönten Versionen zahlreicher klassischer und moderner Kinderbücher sowie mit ihren eigenen Geschichten verzaubert sie seit Jahrzehnten nicht nur die Herzen ihrer jungen Leserschaft. Ihre Fassungen der Klassiker ›Der Wind in den Weiden‹ und ›Der geheime Garten‹ haben sich mittlerweile als Longseller etabliert. Inga Moore lebt in Gloucestershire.«
Dieser Sammelband enthält einen reichen Vorlese- und Betrachtungsvorrat, der von der beliebten kleinen Hexe Lisbet handelt, die von der Autorin und Illustratorin Lieve Baeten im Jahre 1992 mit dem ersten Band „Die neugierige kleine Hexe“ ins Leben gerufen wurde. Es folgten nach und nach weitere Fortsetzungen, und ich kann mich gut daran erinnern, wie gerne ich diese Bilderbücher in meiner aktiven Buchhändlerzeit empfohlen und verkauft habe.
Lisbet ist eine sympathische, aufgeweckte und lebenszugewandte kleine Hexe, mit der sich kleine Kinder leicht identifizieren können. Im ersten Band geht Lisbets Flugbesen bei einer ungeschickten Landung zu Bruch. Sie sucht verschiedene andere große Hexen auf, die ihr gerne ihre speziellen Zaubertalente vorführen. Aber die Musik-, Koch- und Schlafzauber eignen sich nicht zur Reparatur des Besens. Zum Glück findet sich schließlich eine Hexe, die sich auf Bastelzauber spezialisiert hat und Lisbets Besen nicht nur wieder heil macht, sondern zauberhaft raketenmäßig aufmotzt.
Im zweiten Band feiert die kleine Hexe Geburtstag und erlebt dabei zauberhafte Über-raschungen mit den großen Mithexen. Im dritten Band bekommt Lisbet Gesellschaft von Trixi, einem Hexenkind. Nachdem sie Trixi einige Märchen vorgelesen hat und im letzten Märchen von einem fliegenden Teppich die Rede war, beschließt Lisbet, einen fliegen-den Teppich herbeizuzaubern. Mit diesem Teppich fliegen sie den nächtlichen Himmel entlang und landen immer dort, wo sie ein Lichtlein leuchten sehen, und besuchen so einige interessante Hexen. Als sie sich aber verfliegen und verirren, kommt die Ballon-Hexe und bringt sie sicher wieder nach Hause zurück. Dort schlafen dann Lisbet, Trixi und Lisbets getigerte Katze gemütlich zusammengekuschelt ein.
Im vierten Band findet Lisbet einen kleinen roten Koffer vor ihrer Baumhaustür. Ihre Bemühungen, den Koffer mit einem Zauberspruch zu öffnen, führen zu diversen anderen Öffnungen und Turbulenzen, aber nicht zur Öffnung des Koffers. Die Reisehexe rät Lisbet zu warten, denn dieser Koffer sei wahrscheinlich nur für große Hexen und Lisbet sei noch nicht schlau genug dafür. Dies läßt Lisbet jedoch keine Ruhe, und es gelingt ihr endlich, das Schließ-Rätsel zu lösen. Der Koffer öffnet sich, und darinnen befindet sich eine Einladung in die Hexenschule.
Im fünften Band ist Lisbet mit Weihnachtsvorbereitungen beschäftigt und paßt wieder auf das Hexenkind Trixi auf (Trixi ist nämlich die Nichte der Weihnachtshexe). Trixis Ver-spieltheit bringt jedoch Lisbets Baumschmückung durcheinander. Zum Glück klopfen einige Hexen bei Lisbet an, um sich aufzuwärmen. Die Besuchshexen beschäftigen sich mit der übermütigen Trixi, während Lisbet den Tannenbaum schmückt, Plätzchen backt und Lichter zaubert. So sitzen sie schließlich alle zusammen rund um den funkelnden Weihnachtsbaum und futtern leckere Kekse. Und von der Weihnachtshexe bekommt Lisbet selbstverständlich auch noch ein schönes Geschenk.
Diese Geschichten sind abwechslungsreich, heiter und sehr stimmungsvoll. Die drama-turgische Spannung bleibt kindlich übersichtlich und der Tonfall stets warmherzig. Der Phantasiereichtum Lieve Baetens zeigt sich besonders in den vielen, vielen liebevollen Details der Illustrationen. Mit dieser gemütlich-überbordende Fülle kann man Kinder vermutlich noch wesentlich länger visuell-entdeckend beschäftigen als mit der reinen Geschichtenvorlesung.
Die Illustrationen bieten eine gelungene Kombination aus kindlicher Verspieltheit und geheimnisvollem Zauber. Die Körpersprache und Mimik der hexischen und tierischen Mitspieler ist von lebhafter Ausdruckskraft. Als analoge Animation kommen noch einige halbe Aufklappseiten zur Szenenverwandlung, einige aufklappbare Türen, ein separater Brief und ein Aufklapposter hinzu. So läßt sich die Vorlesezeit ganz zauberhaft inszenieren und eröffnet Kindern einen reichhaltigen Phantasiespielraum.
»Lieve Baeten (1954 – 2001) wurde in Zonhoven/ Belgien geboren. Sie studierte an der Königlichen Kunstakademie in Antwerpen und arbeitete anschließend für Werbeagenturen und Zeitschriften. Als sie eines Tages die Kinderbuchmesse in Bologna besuchte, wusste sie: Das ist es, was ich machen will. Von da an illustrierte sie ausschließlich Kinderbücher und -zeitschriften. Ihre größten Erfolge feierte sie mit ihren Geschichten rund um die „Kleine Hexe“. Sie erschienen in Belgien, Brasilien, China, Dänemark, Deutschland, Großbritannien, Kanada, Korea und den USA. Als Lieve Baeten 2001 durch einen Unfall mitten aus dem Leben und ihrer kreativen Arbeit gerissen wurde, war der Text für eine geplante Fortsetzung der Geschichten um die kleine Hexe bereits geschrieben und es gab Skizzen sowie fertige Illustrationen. Lieve Baetens Sohn Wietse gelang es, aus dem bereits vorliegenden Material mit Hilfe von Computergrafik das Bilderbuch »Die schlaue kleine Hexe« fertig zu stellen. Es war ihm eine Herzensangelegenheit, dass dieses Buch doch noch die Kinderhände erreichen sollte, für die es bestimmt war. Wietse Fossey wurde 1977 in Antwerpen geboren und hat Grafikdesign an der Karel de Grote – Schule studiert. Und so bezaubert die kleine Hexe Lisbet nach wie vor ihr Publikum, ob im Pappbilderbuch, im Bilderbuch, im Bilderbuchfilm auf DVD und in Beschäftigungsheften.«
Der kleine, schreckliche Drache kann zwar schon gut fliegen und ein wenig Feuer spucken, doch zur Vervollkommnung seiner Drachenschrecklichkeit braucht er ein menschliches Gegenüber zum Üben. Die Dracheneltern zeichnen ihrem Sprößling das Bild eines Menschenkindes und erklären, daß solche Kinder leicht zu erschrecken seien, ja, sie wären regelrechte „Angsthasen“ und würden beim Anblick eines Drachen sofort vor Furcht zittern.
Keine Frage, daß der kleine Drache nun sofort ein Kind haben möchte. Die Drachen-mama fliegt also von der Drachenburg ins nahegelegene Dorf, wittert nach einem Kind und findet einen Jungen, der neugierig an seinem geöffneten Kinderzimmerfenster steht. Dieses Kind wirkt zwar nicht besonders erschrocken, aber die Drachenmama pflückt es gleichwohl vom Fenster, fliegt mit ihm zur Burg zurück und setzt das Kind vor dem kleinen Drachen ab.
Nun demonstriert der kleine Drache eifrig, was er schon alles kann. Er fliegt hin und her und faucht, doch das Kind zeigt keine Anzeichen von Furcht. Auch das Feuerspucken wird vom Kind mit aufmerksamem Interesse betrachtet, aber nicht mit Angst. Die Dracheneltern sind irritiert und verfrachten das Kind zum Schlafen ins Drachenbett.
Während die großen Drachen herumrätseln, wieso dieses Kind keine Anzeichen vom üblichen Angsthasentum zeigt, lernen sich das Kind und der kleine Drache ganz unbefangen und wechselseitig aufgeschlossen kennen. Schließlich setzt sich das Kind sogar auf die Schultern des kleinen Drachen, und nun erschrecken sie gemeinsam die großen Drachen.
Der kleine Drache verkündet schließlich den verdutzten großen Drachen, daß dieses Kind absolut kein Angsthase sei und auf den Namen „Beppo“ höre und daß er ihn jetzt wieder in sein Menschenhaus zurückflöge. Gesagt – getan! Und wir dürfen nun zu recht vermuten, daß damit eine schöne Freundschaft zwischen Drachenkind und Menschenkind beginnt.
In dieser Geschichte wird die Relativität von Angst und Mut mit heiterer Spannung anschaulich und situationskomisch inszeniert. Die Dracheneltern beschreiben Menschenkinder als Angsthasen, und aus Drachenperspektive ist es nicht abwegig, ein kleines, flugunfähiges und gewissermaßen wehrloses Lebewesen für besonders furchtsam zu halten. Was sie nicht einkalkulieren ist, daß Angst und Mut nicht nur eine Frage körperlicher Über- oder Unterlegenheit ist, sondern auch eine Frage der inneren Einstellung gegenüber andersartigen, fremden Lebewesen. So ist in diesem Falle das Kind nicht ängstlich, sondern neugierig, interessiert und sehr erfolgreich freundschaftswagemutig.
Die Illustrationen warten mit verspieltem Phantasiereichtum auf und geben der Geschichte ein abwechslungsreiches, ebenso vergnügliches wie stimmungsvolles Bühnenbild mit vielen entdeckenswerten Details. So stellt sich etwa am Ende der Geschichte – beim Anblick des Kinderzimmerinterieurs – heraus, daß das Kind offen-sichtlich eine große Vorliebe für Drachen hat und vermutlich deshalb so aufgeschlossen für eine echte Drachenbegegnung ist. Die Darstellung der Drachen ist zudem auch keineswegs furchteinflößend, sondern eher von einer warmherzigen, augenzwinkernden Zärtlichkeit.
»Lieve Baeten (1954 – 2001) wurde in Zonhoven/Belgien geboren. Sie studierte Illustration an der Akademie der Schönen Künste in Antwerpen. Es war ihr Traum, einmal ein eigenes Bilderbuch herauszubringen, und so entstand 1992 „Die neugierige kleine Hexe“. Die Abenteuer der kleinen Hexe Lisbet wurden schon bald in viele Sprachen übersetzt, mehrfach ausgezeichnet und bezauberten die Welt.«
Die Übersetzerin:
»Angelika Kutsch wurde 1941 geboren, war viele Jahre Lektorin im Verlag Friedrich Oetinger und arbeitet heute als freie Übersetzerin überwiegend aus dem Schwedischen. Angelika Kutsch hat mit ihren einfühlsamen Übersetzungen erheblich zum Erfolg der schwedischen Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland beigetragen. Allein 150 von Angelika Kutsch übersetzte Titel sind zur Zeit lieferbar, darunter viele sehr erfolgreiche und preisge-krönte Bücher, so z. B. alle Kinder- und Jugendbücher von Henning Mankell, alle Pettersson-und-Findus-Titel von Sven Nordqvist und die Linnéa-Bücher von Christina Björk. Kein anderer Name wird so häufig im Übersetzerverzeichnis des Deutschen Jugendliteraturpreises genannt wie der von Angelika Kutsch. Schon vor ihrer Tätigkeit als Übersetzerin und Lektorin hatte sich Angelika Kutsch einen Namen als Autorin gemacht. So wurde sie 1975 für ihr Buch „Man kriegt nichts geschenkt“ mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendbuchpreises zum Internationalen Jahr der Frau ausgezeichnet; 1974 hatte das Buch bereits auf der Auswahlliste der Kategorie Jugendbuch gestanden.«
Der 12. ZAMONIEN-Roman von Walter Moers alias Hildegunst von Mythenmetz spielt nicht in Zamonien, sondern im Lande Orméa. In diesem Lande herrschen ungewöhnliche Daseinsbedingungen, man braucht weder Nahrung noch Schlaf, die Landschaft ist ab-wechslungsreich von lieblich ländlich bis ausufernd lebensgefährlich – ich erwähne da nur en passant den endlosen Abgrund, der gerne für Exekutionszwecke benutzt wird -, und es wimmelt von gefährlichen Kreaturen, wie beispielsweise Kristallskorpionen, Riesengletscherzwergen, Janusmännlein, Ruinenzecken, Dornigen Tentakeln, Fleder-fröschen, Drachen usw. Einst gab es in Orméa zudem viele Janusmedusen, deren Hauptbeschäftigung darin bestand, alle Lebewesen zu versteinern, die ihr schreckliches Gesicht erblickten. Zu Beginn dieses Romans sind allerdings alle Janusmedusen bis auf eine einzige ausgerottet worden – Sie ahnen schon: Endloser Abgrund …
Vor dieser Kulisse behaupten sich verschiedene Bevölkerungsgruppen, wie beispiels-weise das nomadische sehr gastfreundliche Volk der Kamelianer, welches die blutrote Wüste durchwandert und das mit strenger Unerschütterlichkeit an den „Einsamen Denker“ glaubt, der in einem sehr, sehr, sehr hohen Elfenbeinturm lebt und dessen Vorstellungskraft ganz Orméa mit allem Drum und Dran erschafft. Erwähnenswert sind zudem die Rostigen Gnome, die sich der Mathematik, Ingenieurskunst und Architektur widmen, und – nicht zu vergessen: eine stattliche Reihe von tapferen Rittern, die sich wiederholt wechselseitig zu Buhurten treffen und dort miteinander kämpfen. Da gibt es u.a. den Eisernen Ritter, den Goldenen Ritter, den Gläsernen Ritter, den Hölzernen Ritter, und es gibt Prinz Kaltbluth, einen ganz besonders attraktiven und verwegenen Vertreter seines Standes.
Nun sollten die geneigten Leser noch erfahren oder sich erinnern, daß Prinz Kaltbluth der Hauptcharakter einer in Zamonien sehr beliebten Trivialromanserie von Zamoniak Graf Klanthu zu Kainomaz ist. Moers spielt also – wie wir ihn kennen und schätzen – wieder einmal gekonnt metafiktiv mit den Wechselwirkungen zwischen Fiktion und Wirklichkeit.
Das Abenteuer beginnt mit einem Dimensionslochsturz, durch den QWERT ZUIOPÜ, der Gallertprinz aus der 2364. Dimension, auf einer Blumenwiese in Orméa landet. QWERT hatte einst zusammen mit dem Blaubären in der Nachtakademie von Prof. Dr. Abdul Nachtigaller die Schulbank gedrückt (siehe: Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär). Normalerweise befindet man sich nach einem Dimensionslochsturz nach wie vor in seinem eigenen Körper, doch in der Parallelwelt Orméas muß QWERT zu seiner Bestür-zung feststellen, daß er im Körper von Prinz Kaltbluth gelandet ist.
Nach einer kurzen tapsigen Eingewöhnungszeit in diese fremde Körperlichkeit entdeckt QWERT einen großen Höhleneingang, an dessen Seite er eine wunderschöne, an ein Rad gefesselte Jungfrau erblickt. Und schon greift er nach Tarnmeister, seinem unsichtbaren Degen, zerlegt ziemlich florettflott das bedrohliche dreiköpfige Ungeheuer, welches aus der Höhle kommt, und befreit das liebreizende Fräulein.
Die schöne, nach Jasmin duftende Jungfrau bedankt sich artig bei ihrem Retter und klärt ihn sogleich schonungslos darüber auf, daß er sich mit dieser ritterlichen Tat nun in ganz Orméa äußerst unbeliebt gemacht habe, denn sie sei die letzte Janusmeduse und könne nun ihr Werk der Versteinerung ungestört fortsetzen. Aus Dankbarkeit und einer romantischen Laune heraus verzichtet sie allerdings großzügig darauf, OWERT zu versteinern, wendet ihm nur ihr schönes Gesicht zu und küßt ihn sogar. QWERT ist noch völlig verwirrt von seinen unwillkürlichen Liebesempfindungen, da nahen schon mit gewaltigen Schritten die sieben Riesengletscherzwerge.
Wie es sich für eine klassische Heldenreise ziemt, bekommt QWERT treue Unterstützung von seinem Knappen Oyo Pagenherz, der übrigens ebenfalls durch einen Dimensions-lochsturz in Orméa gestrandet ist. Oyo ist Queekwigg, der moosbärtige todesmutige Küstengnom aus „Die Insel der tausend Leuchttürme“ (siehe:Die Insel der Tausend Leuchttürme).
Oyo gibt QWERT erst einmal theoretische und praktische Nachhilfe hinsichtlich seiner Aufgaben, Rechte und Pflichten als Ritter. Dazu zitiert er gerne, ausführlich und aus-wendig aus dem „Handbuch des Edelmännischen Ritterstandes“. Außerdem spielt noch „Schneesturm“, das Reittier Prinz Kaltbluths, eine sowohl buchstäblich tragende wie recht häufig rettende Rolle im Verlauf der 43 Aventiuren. Schneesturm ist kein Pferd, sondern ein Reitwürmchen, und dieses verfügt über sehr spezielle Fähigkeiten, die den risikoreichen Lebensbedingungen Orméas durchaus gewachsen sind.
Nun werden QWERT und Oyo zunächst wegen der Befreiung der Janusmeduse verfolgt, dann wird erwartet, daß sie sich an der Exekution der inzwischen wieder eingefangenen Janusmeduse beteiligen. Komplikationsbereichernd mischen sich noch einige bösartige Fieslinge ein, die selbsternannten „Nichtilisten“, welche die Janusmeduse für ihre eigenen Machtinteressen instrumentalisieren und deshalb die Exekution verhindern wollen. Dies führt zu einigen Massenbuhurten, Duellen und Verfolgungsjagden, und so stolpern QWERT und Oyo unvermeidlich von Abenteuer zu Abenteuer.
Trotz all der unfreiwilligen Auseinandersetzungen findet QWERT eine wagemutige Methode, die versteinerungswütige Janusmeduse in eine inspirierende Muse zu verwan-deln. Dies erlöst ihn vom Widerspruch zwischen seiner Liebe zu einer Meduse und der moralisch-ritterlichen Verpflichtung, sie unschädlich zu machen, und es führt nach der erfolgreichen Metamorphose von Meduse zu Muse zu vielen positiven Veränderungen in Orméa.
QWERT, der eher von besinnlicher und friedlich-freundlicher Wesensart ist, hat wenig Lust zu kämpfen, aber es bleibt ihm meist nicht erspart. Wenn er seinen unsichtbaren Degen Tarnmeister berührt, verwandelt er sich allerdings gewissermaßen wirklich in Prinz Kaltbluth. Und in besonders dramatischen Situationen hört er zudem in seinem Kopf die Stimme eines Vorlesers, der die von ihm auszuführenden Taten vorwegnimmt, anleitet, begleitet und kommentiert und ihm vorteilhafte Informationen zuflüstert. Könnte dies die Stimme des Einsamen Denkers sein, von dem manche Bewohner Orméas behaupten, er stelle sich diese ihre Welt vor und würde sie dementsprechend erschaffen? QWERT und Oyo werden in der Tat den Einsamen Denker in seinem wolkenhohen Elfenbeinturm aufsuchen, um diese existenzielle philosophische Frage zu klären.
Walter Moers nutzt für diesen Roman zwar den Grundwortschatz bekannter Mythen, Sagen, Legenden, Märchen und Ritterromane, erschafft aber gleichwohl einen ganz eigenen literarischen Kosmos mit der vertrauten moersesken Sprach- und Wortver-spieltheit, unerschöpflichem Phantasiereichtum, Detailverliebtheit, charakterstarken Haupt- und Nebenfiguren, köstlichen Dialogen und – ja, ich weiß, ich schreibe das in jeder Rezension – bewundernswerter dramaturgischer und poetischer Präzision.
Die Sprachspielfreude erscheint in diesem Roman nicht in Form von Anagrammen, sondern mit Kofferworten; so spricht man in Orméa beispielsweise gerne von Spongeprüs (spontane Gedankensprünge), Unwahrzus (Unwahrscheinliche Zufälle), Schnekap (schneller Kapierer), Zeinewu (Zeitnebelwurm) und Imöprikafi (ich möchte Prinz Kaltbluth finden).
Selbstverständlich zeigt sich auch die Typographie des Buches sprachverspielt; die Passagen mit den Einflüsterungen des Einsamen Denkers sind in einem leisen Grauton gedruckt, die Zitate aus dem „Handbuch des Edelmännischen Ritterstandes“ prangen in fetter Frakturschrift, und jedes neue Kapitel beginnt mit einer feinen Initiale.
Eine weitere schöne Zugabe aus der Feder Walter Moers‘ sind die vielen halb- und ganz-seitigen filigran-feinstgetuschten Illustrationen sowie die thematisch ausgemalten Wappenvignetten am Anfang jeder Aventiure.
Dieser Roman ist ein phantastisches Leseabenteuer mit einem Ritter wider Willen, das neben der abwechslungsreichen, spannenden und romantischen Handlung über geist-reichen Wortwitz, vergnügliche Genreselbstironie, einige Prisen Philosophie, Liebe, Musenküsse und Zahlenschluckauf verfügt.
Zum poetischen Ausklang nun zwei Zitate von Arif, dem Anführer der Kamelianer:
»Ihr dürft mich Arif nennen, wie alle meine Freunde, deren Freunde auch meine Freunde sind, so wie deren Feinde auch meine Feinde sind. Und Ihr dürft unsere Gastfreundschaft beanspruchen, bis die Winde des Schicksals Euch in eine neue Richtung wehen. Heil dem Einsamen Denker!“ (Seite 503)
»Wir unterscheiden zwischen Vieldenkern und Wiederdenkern. Vieldenker denken viele Gedanken, aber keinen davon gründlich. Am Ende haben sie viel gedacht, aber es ist nichts dabei herausgekommen. Das ist dasselbe wie bei Viellesern und Wiederlesern. Vielleser lesen ein Buch nach dem anderen und machen dabei keinen Unterschied, was drinsteht. Wiederleser lesen wesentlich weniger Bücher, aber nur die besten. Und die immer wieder. Da bleibt viel mehr hängen! Auf die Wiederholung kommt es an. Auch beim Denken.« (Seite 310)
Und nun noch einige Worte zum gleichnamigen und ungekürzten Hörbuch:
Sowohl die Lektüre als auch die Auditüre dieses Werkes sind ein köstliches und spannendes Vergnügen. Der Sprecher Andreas Fröhlich vorleseschauspielert sich virtuos durch die vielen unterschiedlichen Charaktere mit ihrem jeweils eigenen Timbre und Sprachduktus. So verstimmlicht er überzeugend den warmherzig-pragmatischen Oyo Pagenherz, den stets verwunderten und oft überforderten QWERT, diverse dröhnende Ritter, dümmlich-grobmäulige Gletscherzwerge, den lehrmeisterhaften Einsamen Denker, den feierlichen das R-rollenden Anführer der Kamelianer und den mechanisch klingenden Zahlenschluckauf des Eisernen Ritters. Und auch für den weiblichen Hauptcharakter findet der Sprecher eine angeraut-feminine Stimme, die von der nonchalant-herablassenden Meduse und ihrem schrecklichen Lachen bis zur der späterhin schelmisch-flirtenden und zugeneigt-zärtlichen Muse reicht.
«Walter Moers ist der Schöpfer des fantastischen Kontinents Zamonien und des dort lebenden Erfolgsschriftstellers Hildegunst von Mythenmetz, dessen Werke er vorgibt ins Deutsche zu übersetzen. Dazu gehören u.a. »Die Stadt der Träumenden Bücher«, »Die Insel der Tausend Leuchttürme« und zuletzt »Das Einhörnchen, das rückwärts leben wollte«. Moers ist darüber hinaus der geistige Vater von Käpt´n Blaubär, dem Kleinen Arschloch, dem Alten Sack, von Adolf, der Nazisau, dem Fönig und vieler anderer popu-lärer Charaktere. Moers ist eines der großen Multitalente: als Zeichner, als Schriftsteller und auch als Drehbuchautor. Seine Auflagen gehen in die Millionen, die Filme nach seinen Büchern waren Blockbuster. Er hat den Grimme- und den Fantastik-Preis gewonnen und wird – weit über den deutschen Sprachraum hinaus – vom breiten Publikum ebenso geschätzt wie von den Feuilletonisten: für seine überbordende Fantasie, seine Fabulierkunst, seinen Anspielungsreichtum und seinen mal feinen, mal anarchischen Humor. www.zamonien.de «
Der Sprecher:
«Andreas Fröhlich, bekannt geworden durch seine Rolle als Bob Andrews in „Die drei ???”, ist auch als Synchronsprecher (John Cusack, Edward Norton und Gollum aus „Der Herr der Ringe”) sehr erfolgreich. Für Random House Audio hat er alle vier Teile der „Eragon”-Saga eingelesen.«
QUERVERWEIS
Hier entlang zu meinen vorhergehenden Moers-Mythenmetz Rezensionshuldigungen: