Beiläufige Entschlossenheit

Wie ein Kormoran nach dem Tauchgang steht die schwarz gekleidete Frau mit abgewinkleten Armen auf der Brücke und lässt die Luft ihre Achseln trocknen.
Unten im Engelbecken suchen derweil Hunde vergeblich nach frischem Wasser im Bassin des Indischen Brunnens. Jemand hat Blumen in die Hände der Göttin und einen Kranz um ihren Hals gelegt.

Nicht weit entfernt gleiten die wenige Wochen alten Schwanenkinder mit ihren Eltern über das Wasser. Schildkröten dümpeln umher und im Schatten der großen Weide hält ein Reiher geduldig Ausschau nach silbrigen Fischlein, Überwuchert sind die Rosenspaliere und die neu errichtete Mauer wurde längst durch traditionsbewusste Sprayerinnen in ihren all time classic Zustand zurück versetzt.

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Am Morgen finde ich eine Notiz an mich selbst:.

Beiläufige Entschlossenheit des starken August

steht dort, und vor meinem inneren Auge sehe ich Wilhelmine, wie sie eine Hand lässig auf ihre Hüfte gestützt mit der anderen einen Sieg im Armdrücken erringt.

Route wird neu berechnet

Haste dich verkalkuliert und willst oder kannst nicht zurück auf Null, verlass dich auf deinen inneren Navi. Er wird die Route neu berechnen.

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Bei der Hitze gehen nur Gazpacho, Glasnudelsalat, Grapefruit und Eis.

Am Sonntag bei vorausorakelten 41 Grad lässt sich eigentlich nur siechen.

Mitleid empfinde ich jetzt schon mit den Fusion-Besucherinnen und mit jenen, die dort arbeiten und Pommes frittieren (müssen).

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Unerwarteterweise gehen die Nacktschnecken weder an Gewürz-Tagetes noch an Löwenmäulchen.

freufreufreu

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Dopamin Shopping:

Warenkörbe füllen, virtuelle Zahlungen leisten, Sendungen verfolgen und niemals Waren erhalten. Das scheint derzeit Mode in Süd- Korea zu sein.

Ich betreibe Warenkorb-Hoarding seit immer und die größte Freude ist das Löschen derselben, nachdem sich die Gier nach unnützem Tand zuverlässig binnen weniger Tage gelegt hat. 

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Als man noch physische Tonträger kaufte, gab es einen begrenzten Zeitraum innerhalb dessen man eine coole Platte erwerben musste, ohne sich als gestrige Spätzünderin zu blamieren.

So ähnlich ist es mit zwischenmenschlichen Beziehungen-

Ist der Zeitraum verstrichen innerhalb dessen sich eine Umarmungsbegrüßung hätte etablieren können, fühlt es sich awkward an plötzli(ch) damit anzufangen.

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Ich hoffe sehr, dass uns das Dickicht erhalten bleibt. So sehr.

Futur zwo

Trampelpfade jenseits angelegter Wege nennt man im Englischen desire paths.

Am Oranienplatz wurde den füßisch geäußerten Wünschen der Bürger*innen (Bürgenden) durch zusätzliche diagonale Wege Rechnung getragen.

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Futur 2, die abgeschlossene Zukunft der Doom-Apologeten oder Nostalgiker.

Beispiel: Du wirst vergeblich nach mir Ausschau gehalten haben.

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In Sachsen-Anhalt liegt drei Monate vor der Wahl die CDU der in Umfragen haushoch führenden AfD in den Armen (Hihi Brandmauer).

Im Europaparlament gab es heute einen Vorgeschmack auf unsere faschistisch-trumpistische Zukunft: mit einer Mehrheit der Völkischen und Konservativen (CDU) wurde für die Einrichtung von Konzentrationslagern (Return Hubs) in Drittländern gestimmt, in denen ausreisepflichtige Geflüchtete künftig eingesperrt werden. Begleitet wurde die Abstimmung von den Rufen der siegesgewissen Barbaren: Send them back!

Passend im Ton der heutige Aufmacher der BILD:

Politik greift durch Jetzt geht’s ans Geld der Sozialschmarotzer

Wir sind keinen Steinwurf entfernt von „Volksschädling“ und „unnützem Esser“.

Unterdessen wird Elon Musk zum weltweit ersten Billionär und besitzt nun mehr als die ärmeren 48 % der Weltbevölkerung.

There we go

Weiche Eichen

Am Engelbecken wachsen Gräser auf einem von rot-weißen Absperrungen begrenzten Sandhügel, im Garten wuchern die Schlingpflanzen. Das Leben giert nach sich selbst.


Auf dem Gymnasium war ich für ein paar Wochen Trainerin einer Mädchen-Fußballmannschaft. Wie ich zu dieser Aufgabe gekommen bin, erinnere ich nicht. Unsere Trikots waren rot, das weiß ich noch.
Etwa um diese Zeit beging mein Klassenlehrer Suizid. Seiner bayerischen Mutter schrieb ich noch ein paar Mal. Sie schickte mir Kärtchen mit Bibelsprüchen. Johannes, so hieß er, fuhr ein goldenes Käfer-Cabriolet, nannte mich Shirley, entdeckte mein Sprachtalent und stärkte mein Selbstbewusstsein.

Manchmal rückt alles ganz weit weg und wird dadurch wieder sichtbar.

Eine Gruppe schnatternder Touristinnen spaziert frontal in mich hinein. Scusi aus multiplen Mündern.

Der Diminutiv von Ei ist Eichen.

slipknot

Das tägliche und bis vor kurzem noch rätselhafte slipknot (Duden sagt: kann man groß oder klein schreiben, empfiehlt aber die Großschreibung „vor Kurzem“ wegen der zu Grunde liegenden Substantivierung). Also: das vor Kurzem noch rätselhafte slipknot grüßt aus der unteren Ecke eines Fensters nahe des Platzes und ich denke an Leandros und sein kindliches Flohr-Otis-Geheimnis und dann ganz kontextlos an Cordt Schnibben, weil der Name gut und für mich somehow verwandt klingt. Cordt.

Inzwischen ist der Sommer gekommen. Der kleine Besuchshund hat eine Darmentzündung, ist etwas schlapp aber weiterhin zugewandt und oft vergnügt. Mein gesamter Alltag dreht sich um sie, jede Medikamentengabe und Fütterung  ist minutengenau geplant und getaktet, um sie mit ausgestreckten Arm und aller Kraft so lang wie möglich über Wasser zu halten. Sie hilft nach Leibeskräften mit. 

Bei einem Spaziergang zum Spreefeld skizziere ich im Kopf eine kleine Geschichte, deren Abgründigkeit mir gefällt, und die mich bei meiner Leserinnenschaft in ein anderes Licht rücken würde. Doch als ich hinter den beiden stattlichen Männern, die Hand in Hand durch das Tor der ehemaligen Eisfabrik in das abendliche Licht der Köpenicker Straße treten hergehe, ist mein raffinierter Plot plötzlich verschwunden, einfach ausgelöscht.

Charité

Zuversichtlich in die Untersuchung gegangen, mit ernüchternden Ergebnissen das alte Backsteingebäude verlassen.

Signifikant schlechter, sagt der junge freundliche Arzt.

Leben mit einer chronisch progressiven Erkrankung, eine unendlich lange Talfahrt.

Zwischen zwei Atemzügen kurzes Aufscheinen des noch zu formulierenden Briefes, dessen Inhalt wie sorgfältig gefaltete Betttücher bereit liegt.

Beim Aufräumen der Terrasse finde ich ein Feuerzeug. Ratsch, ratsch- auch ihm hat der Winter den Odem genommen.

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Wie unsere Mutter, hat die Schwester gesagt, als ich ihr von jenem Abend erzähle.
Meine Worte.

Doch unsere Mutter ist tot wie Timmy der Wal, auf dessen angenagten Kadaver jetzt (männliche) Touristen herumkraxeln, was wiederum die Pietätswächter*innen erzürnt, die sich zwar ansonsten nur mäßig für die Leichenberge am Grunde des Mittelmeeres und anderen Beifang interessieren, aber bei verendenden Walen keinen Spaß verstehen.

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My Endlichkeit is killing me, summe ich und reime irgendwas mit infinity dazu, so gut geht´s mir heute.


Den letzten Rest des Pflasters abzureißen kostet Überwindung und wahrscheinlich auch ein paar feine Härchen. Darunter allerdings wartet neue, zarte Haut mit Durst auf kaltes, klares Wasser.

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Als Boomerwort des Jahres favorisiere ich Unschuldsvermutung.

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(Das aus Gründen wieder aufflammende Mutterthema hoffe ich (Komma?) bald hinter mir lassen zu können).

Längeres Telefonat mt der Schwester. Danach empfinde ich Leichtigkeit.

Die Sonne scheint, der Unterfranke ist ein Jahr älter und der gemeinsam gegessene Käsekuchen von Goldmond (Sieger im Tagesspiegel Käsekuchen-Vergleich).war köstlich wie immer
21 Jahre kennen wir uns jetzt und ich erinnere mich noch gut an den ersten gemeinsam verbrachten Geburtstag in einer Souterrain-Bar, in die wir vor dem prasselnden Regen geflohen waren. Bei uns meine erste Hündin, ein Terrier-Labrador-Mix, durch die wir uns kennen gelernt hatten.

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Den Ginkgo, ein Geschenk des Kanzlers, habe ich gestern um ein paar Meter gestutzt. Noch vor wenigen Monaten ein undenkbares Sakrileg.

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Der Besuchshund lebt noch einmal auf. Die Ohreninfektion, Folge des vom Krebs geschwächten Immunsystems, ist fast ausgeheilt. Die Kleine ist so lieb und ihr Gesichtchen mit der feuchten Igelnase so rührend, dass ich sie immerzu streicheln und ständig Fotos von ihr machen möchte. Auf Vorrat.
Gestern sind wir nach langer Zeit eine größere Runde gegangen, als sie plötzlich in einen beschwingten Trab fällt und auf den letzten Metern zur Haustür schließlich ausgelassen davon hoppelt wie ein fröhliches Häschen.

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Die Bedeutung und Präzision mancher Redewendungen erkennt man erst, wenn sie mit dem eigenen Leben matchen.

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Beim Wäsche sortieren erinnere ich mich an eine Frankfurter Geschäftsfrau mit deren Töchtern ich eng befreundet war und die sich einmal weigerte, ein ihren Kindern geliehenes T-Shirt von mir zu waschen, da die Nachbarschaft sonst den Grauschleier sehen und sie für eine schlechte Hausfrau halten könnte. Es war eines der wenigen Male in denen ich volle Solidarität mit meiner Mutter empfand und gleichzeitig stolz war, dass sie, dass wir, nicht so verspießt und kleinbürgerlich waren wie die Porsche fahrende Millionärin.
Heute googele ich ihren Namen und lese, dass sie vor zwei Jahren gestorben ist. Wie der Kanzler.

Pommes, Kuchen und Musik

(Out of context: die antifaschistische Friedenstaube als Motiv meines noch zu stechenden Tattoos)

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Ende Mai werde ich wieder den jährlichen Fragebogen zum Stand meiner Lebensqualität ausfüllen und ich überlege jetzt schon, was ich dort als glücksbringend angeben könnte. Beim letzten Mal waren es Pommes, Kuchen und Musik. * 

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Manchmal stelle ich mir vor, ich wäre gezwungen in einer Heimeinrichtung zu leben, in der im Dauerbetrieb das Radio dudelt und den wehrlosen Insassinnen, die zwischen funktionellem Pflegemobiliar und nachmittäglichem Bienenstich dahin siechen das Hirn zuseicht und ihnen den allerletzten Lebenswillen raubt.
Ich würde, so ich noch dazu in der Lage wäre, meine müden Knochen auf die Fensterbank hieven und mich, den Kopf zuerst (sicher ist sicher) in die Tiefe plumpsen lassen.
Zum Glück nur ein schlechter Traum.

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Um den Lebensmut der kleinen Besuchshündin zu. erhalten und ihr noch ein paar südliche Tage zu geben, lade ich beinahe täglich Menschen ein, denen sie besonders zugeneigt ist und deren Anwesenheit (mehr) Licht in das sich stetig verdichtende Dunkel bringt.

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Vor 10 Jahren starb meine Mutter. Als Großmeisterin der Selbstinszenierung hatte sie ihren (endgültigen) Abgang auf den Muttertag, der in jenem Jahr zugleich auf den Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands fiel, gelegt, um sich damit noch unvergesslicher (rot, röter, am rötesten) zu machen, als sie ohnehin schon war.

Wal „Timmy“ aka „Hope“ (OMG) strandete übrigens in derselben Bucht, in der die Asche meiner Mutter damals ihre letzte Ruhe fand.
Der Irrsinn und die selbstgerechte Grausamkeit seiner „Rettung“ sollen hier unkommentiert bleiben.

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Musik, Musik, Musik

* und natürlich Kaffee!