Das menschliche Kunstwerk im Zeitalter seiner unmenschlichen  Reproduzierbarkeit

9. Dezember 2025

Maschinen, sagen markdominante Musikunternehmen und Copyright-Gesellschaften,  können ab sofort auch kreative Urheber sein. Das bringt absehbar eine ganze Branche ins Wanken.  

Zunächst herrschte das große Staunen. Als Chat GPT vor ziemlich exakt drei Jahren einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt wurde – als Vorbote einer Flut von Large Language Models, also Künstlicher Intelligenz mit Dialogfähigkeit –, war die übliche Reaktion leise Verwirrung, gepaart entweder mit Enthusiasmus oder mit Skepsis, ja Abscheu oder gar Furcht. Eine zentrale menschliche Fähigkeit, nämlich die der Kommunikation, wurde fortan mittels KI täuschend echt nachgebildet. Und da man die Algorithmen mit Abermillionen an Daten, Fakten und Geschichtslektionen gefüttert hatte (und das, ohne groß die Zustimmung von wem auch immer einzuholen), erschienen diese Programme annähernd allwissend. Fehler im Maschinengeschwätz wurden (und werden) belächelt und generös korrigiert – schließlich war, so der allgemeine Konsens, der Mensch immer noch die Krone der Schöpfung. 

Dieses Denkmuster gerät freilich immer mehr in Schieflage. Mit dem raschen Aufkommen von spezialisierten KI-Varianten geht etwa die Fragestellung nach dem Wesen und der Zukunft von menschlicher Kreativität einher. Konzentrieren wir uns beispielhaft auf Musik. Es ist einer jener Bereiche, die seit jeher als Sehnsuchtsorte begriffen werden, als besondere Biotope von Freude, Trauer, Leichtigkeit, tiefer Versunkenheit oder sonstiger Gefühlsregungen. Nun: Sie können heute KI-Musikprogramme anwerfen („Suno“ etwa oder „Udio“), die Ihnen erstaunliche Kompositionen liefern. Im Sekundentakt. Ein Liedlein, das entfernt nach Depeche Mode klingt und im Text Umberto Eco zitiert? Ein Opus, das wie eine gewagte Neuschöpfung der Carmina Burana wirkt? Ein Schlager, der ob seiner Schlüpfrigkeit gute Chancen in allen Bierzelten des Landes hätte? Sie wünschen, wir spielen! Prompt, sofern Sie ein paar Stichworte („prompts“) beisteuern. 

Es war klar, dass die Musikkonzerne rasch darauf anspringen würden. Zunächst als demonstrative Verteidiger ihrer Lieferanten aus Fleisch und Blut. Gemeinsam mit Urheberrechtsgesellschaften, Streaming-Plattformen und Künstler-Gewerkschaften zeigte man Argwohn und eine weitgehende Ablehnung der neuen technischen Möglichkeiten. Aber die zentrale Frage nach dem Copyright – der Urheberschaft der Maschinenmusik und den daraus folgenden rechtlichen und kommerziellen Ableitungen – blieb ungelöst. KI-Kreationen mit digitalen Wasserzeichen zu versehen und sie eventuell für gemeinfrei zu erklären, ihnen also keine eigene Schöpfungshöhe zuzugestehen und sie somit nicht im großen Stil verwertbar zu machen, wäre ein radikaler Ausweg gewesen. Der allerdings das Geschäft massiv verändert und gestört hätte. 

Es kam, was kommen musste: der Kompromiss zu eigenen Gunsten. Oder die totale Kapitulation vor den neuen Realitäten.  Zunächst erklärten die großen amerikanischen Urheberrechtsgesellschaften ASCAP, BMI und SOCAN (Kanada) „partiell KI-generierte“ Musik für registrierbar, also von einem Co-Schöpfer monetarisierbar. Ein Dammbruch. Denn mittels Befehlseingabe und ästhetischen Vorgaben ist immer ein Mensch mit an Bord, auch wenn das Ergebnis allein von der Maschine generiert wird. Wirklich auseinanderklauben lassen sich die Elemente der Kreativität nicht. 

Schon am nächsten Tag, Ende Oktober 2025, erklärte Universal Music, der weltgrößte Musikkonzern, die Beilegung eines Rechtsstreits mit den KI-Plattformen Udio und Suno wegen Urheberrechtsverletzung „von unvorstellbarem Ausmaß“ (wie es in der Klageschrift geheissen hatte). Lucian Grainge, der CEO von Universal, kommentierte die Entwicklung so: „Wir können ein gesundes kommerzielles KI-Ökosystem erschaffen, in dem Künstler/innen, Songwriter, Musik- und Tech-Unternehmen alle florieren und eine unglaubliche Erfahrung für Fans erschaffen können.“  

Eine unglaubliche Erfahrung? Ich erlaube mir eine Prognose: es wird stante pede der große Run beginnen – die Flutung des Planeten mit KI-Kreationen, Maschinenmusik und künstlicher Urheberschaft. Da Musikproduktion fast nichts mehr kostet und (Pseudo-)Kreativität am Fließband maschinell hergestellt werden kann, in Umsätze und Gewinne umgemünzt freilich von höchst menschlichen Anteilseignern, wird sich der Aufmerksamkeitsfokus der Plattenfirmen (was für ein anachronistischer Begriff!) auf Stars und Promis, Influencer, TikTok-Erscheinungen und sonstige „15 minutes of fame“-Gespenster richten. Die überraschen uns dann jeden Morgen mit einem KI-Gebrauchsschlager; nach den heutigen Spielregeln der Branche ein Milliarden-Geschäft. Oder man ersetzt reale Interpretinnen und Interpreten gleich durch rein virtuelle Geschöpfe. Wie etwa Xania Monet,  die  im Herbst 2025 als erste KI-gestützte Kreation in den US-Billboard-Radio-Charts landete. Spotify weist sie als „verifizierte Künstlerin“ aus. Der Verdrängungswettbewerb hat begonnen. Kultur? Tradition? Ethik? Ach was. It’s business, stupid!

Konservative Autoren, die weiter auf ihre ureigene   Imagination setzen (die ja meist mit hohen Realisierungskosten, z.B. im Studio, verbunden ist) oder die gar ein moralisches Reinheitsgebot „echter“ Kreativität formulieren, treten ab sofort gegen eine übermächtige, ubiquitäre Quantitäts-Schleuder an, die die Marktkanäle, Streaming-Plattformen und Hitradios verstopfen wird. Und letztlich auch die Aufmerksamkeit und Aufnahmefähigkeit des Publikums. Die Qualität der neuen Kunstmusik ist dagegen nur eine Frage der Zeit und der verfeinerten Algorithmen. Optimisten setzen auf den Gebrauchswert von KI-Tools im Zusammenspiel mit Musikerinnen und Musikern, die kreative Verzahnung Mensch-Maschine, ja sogar eine positive Explosion der Möglichkeiten. Pessimisten lesen Zahlen: über 40 Prozent des Repertoires auf Spotify & Co. sollen schon künstlich generiert sein. 

Es bleibt ein letztes authentisches Einkommens-Reservat (jedenfalls, bis Avatare auf der Bühne stehen): Live-Konzerte. Aber auch deren ökonomische Basis bröckelt, zumindest für Newcomer und Nachwuchsbands, deren Legende noch nicht einmal ansatzweise ausformuliert ist. Und es wird mit Garantie auch irgendwer auf die Idee kommen, rein virtuelle Bands wie The Velvet Sundown – die es schon zu trauriger Berühmtheit gebracht hat – als Show-Inszenierung mit humanoiden Marionetten aufspielen zu lassen. Live is life, auch wenn es nicht wirklich lebt.

Wie werden sich in diesem Kontext die europäischen Urheberrechtsgesellschaften, etwa die GEMA oder AKM, verhalten? „Es ist wohl, als wolle man einen Tsunami mit gutem Zureden aufhalten“, so ein Branchen-Insider. Die dänische Verwertungsgesellschaft Koda hat gemeinsam mit der IFPI (International Federation of the Phonographic Industry) hochrechnen lassen, wie viel Geld der Branche in den kommenden fünf Jahren aufgrund des der Vormarsches generativer KI verloren gehen könnte. Es sind über 900 Millionen Euro, so die Analystinnen und Experten. 

Aber der rein monetäre Blick auf die erwartbaren Umwältungen im Musikgeschäft reicht nicht, zumal die KI-Flut auch eine Hausse der Major-Umsätze und eine Steigerung der Börsenkurse mit sich bringen könnte. Es bleibt die zunehmend drängende Frage, was der Mensch noch will, noch kann, was ihn im Kern noch ausmacht. Wo also Kunst endet und Künstlichkeit beginnt.

Wer wird die Songs schreiben, die das thematisieren?   

(Die Presse, November 2025)


Die Maschine, die alles weiß – und…

23. Oktober 2025

„… vieles falsch macht.“ Oder: Wie große Sprachmodelle unser Leben verändern – und welche Gefahren sie mit sich bringen.

Es ist, man kann es nicht leugnen, faszinierend. Doch im gleichen Moment, da man ChatGPT-5 anwirft – die neueste Inkarnation der wohl bekanntesten Neo-Software der Welt – und die Künstliche Intelligenz bittet, einen Entwurf eines Artikels zu den Gefahren von LLMs (Large Language Models, dem Überbegriff für textbasierte KI-Programme) zu liefern, überfallen einen dunkle Ahnungen. 

Denn die Maschine liefert auf Knopfdruck. Mit Überschrift, Einstieg, Zitaten und Schlußabsatz. Mit klarer Struktur, journalistischem Ton und inhaltlicher Tiefe. „Ich orientiere mich dabei“, sagt ChatGPT-5 wortwörtlich, „an einem Feature-Stil, wie er etwa in Magazinen wie der ZEIT, Süddeutsche Zeitung oder Der Spiegel vorkommt.“ Man vermeint, ein leises Lächeln zwischen den Zeilen zu erahnen.

Die Überschrift des Artikelentwurfs lautet: „Die Maschine, die alles weiß – und vieles falsch macht.“ Die Unterzeile, erraten!, „Wie große Sprachmodelle unser Leben verändern – und welche Gefahren sie mit sich bringen.“ Und dann noch, wie eine Aufforderung: „Von [Dein Name]“.

Ich könnte Ihnen nun eine Kolumne unterjubeln, die ich nicht geschrieben habe. Gewiss: das Honorar würde ich kassieren. Und hätte ich ein schlechtes Gewissen ob meiner Minderleistung, würde ich vielleicht da und dort ein paar Formulierungen verändert, etwas gestrichen oder angefügt haben, das man als persönliche Note identifizieren könnte. Aber es wäre dennoch eine Fälschung. Möglicherweise eine brillante.

Denn in einer Welt, die Geschwindigkeit, Oberflächen-Glanz und Bequemlichkeit über alles schätzt, erfüllt Fließband-Textproduktion mit Programmen wie ChatGPT, Claude oder Gemini annähernd alle Kriterien für allseitige Zufriedenheit. Die Leserin, der Leser bekommt die wesentlichen Fakten, schreiberische Eloquenz und nicht uninteressante Überlegungen serviert. Der Verlag riecht den Braten, weil der Koch längst nicht mehr allein in der KI-Küche zugange ist – und drängt auf eine deutliche Herabsetzung der Honorarnote. Oder er schmeisst den angeblichen Autor gleich ganz hinaus (und liebäugelt umgehend mit dem kostengünstigen Ersatz durch die Maschine). Das Medium wird zur Botschaft: die schöne, neue Welt der Künstlichen Intelligenz kennt nur Gewinner, keine Verlierer. Sieht man vom nun arbeitslosen Ex-Autor ab.

Ich will Sie nicht langweilen mit den üblichen Warnungen vor Künstlicher Intelligenz – die freilich für das staunende Publikum, das die neue Technologie nutzt wie staunende Kinder futuristische Spielzeug-Pistolen, den Reiz eher erhöhen als dämpfen. Der Verlust menschlicher Arbeitsplätze wird noch als konkreteste Bedrohung wahrgenommen. Die als „Halluzinationen“ verniedlichten, systemimmanenten Fehler der KI, die mögliche serielle Desinformation und Manipulation der Nutzer, die gesamte Urheberechtsproblematik, die Abhängigkeit von Tech-Giganten und deren Undurchsichtigkeit und mangelnde Rechenschaft, die Fortschreibung gesellschaftlicher Stereotype aus den KI-Trainingsdaten, die Sicherheits-Risiken und Zauberlehrlings-Perspektiven insgesamt – all das wird auf die leichte Schulter genommen. Oder als dystopische Science Fiction denunziert. Es ist eine besondere (und möglicherweise besonders bittere) Pointe anno 2025, dass Künstliche Intelligenz schon in ihrem frühesten Stadium vor sich selbst warnt.

Aber wer sagt dem Menschen, dass er kurz vor der Selbstabschaffung (oder auch nur -Erniedrigung) steht? Die Singularität, also der Zeitpunkt, an dem maschinelle die menschliche Denkleistung einholt, wurde einst für das ferne Jahr 2047 prognostiziert. Es sieht längst so aus, als würde sie weit früher erreicht. Oder gar schon erreicht worden sein. Denn – und das ist für Schwarzseher ein besonderes Fanal! – die humanoide Intelligenz, Lernfähigkeit und -Willigkeit nimmt im Gleichschritt mit dem Fortschritt nicht zu, sondern merkbar ab. Kurzum: wir verblöden. 

Ich zitiere die Informatikerin und KI-Expertin Sarah Spiekermann, die an der Wiener Wirtschaftsuniversität unterrichtet: „Von 40 Studierenden konnten 39 eine einfache Frage nicht beantworten. Sie alle haben sich, obwohl ich es explizit verboten hatte, mit KI vorbereitet und mir das Blaue vom Himmel erzählt. Und als ich ihnen eine konkrete Frage zu dem Textbuch stellte, mit dem sie hätten lernen sollen, waren sie sogar über den Inhalt meiner Frage erstaunt. (…) Wir verplempern unsere Steuergelder in Schulen und Universitäten, an denen die Kinder, die Jugendlichen und Studierenden nichts mehr lernen, weil sie sich das Denken von der KI abnehmen lassen und keine eigene Sprachfähigkeit, kein eigenes Gedächtnis mehr entwickeln. Und das Allerschlimmste ist, dass sehr viele Kollegen dies bagatellisieren und sagen: Dann bringen wir den jungen Menschen doch das Prompten bei! Und sie verstehen nicht, dass mit „Bildung“ unserer menschlichen Gehirne und dem Ringen um eigenes Wissen auch die Entwicklung des Menschen zu einem mündigen, demokratischen Bürger wegbricht. Das ist in der Tat apokalyptisch.“

Apokalypse Wow! Ein bisschen viel auf einmal, wenn man über den Status Quo dieses Planeten im 21. Jahrhundert nachsinnt. Was rät die gottgleiche KI? „Die Geschichte sollte deutlich machen, dass die Gefahren nicht zwingend ein Plädoyer gegen LLMs sind – sondern für klare Regulierung, Transparenz, technische Sicherheitsmaßnahmen und eine gesellschaftliche Debatte über Nutzung und Grenzen.“ 

Nun denn.

P.S.: „Wenn du möchtest“, winkt mir ChatGPT-5 zu, „kann ich diesen Artikelentwurf auch anpassen für ein jüngeres Publikum (z. B. für ein Jugendmagazin), ein Fachpublikum (z. B. für ein Technik-/Juristenmedium), oder im investigativen Stil mit konkreten Fallbeispielen. Sag einfach Bescheid!“ 

Danke, vielleicht beim nächsten Mal. 

(Das Feuilleton No. 15 / September 2025)


1000 TAKTE TANZ : Durchsage der Tanzdirektion

5. September 2025


Pop ist tot… Punkt.

4. Juli 2025

Juli 2025. Es ist ja nicht so, dass in diesem heißen Sommer Künstliche Intelligenz der neueste heiße Scheiß wäre – aber allmählich macht sie sich, weil sehr real und zunehmend allgegenwärtig, befremdend, bedrängend und bedrückend bemerkbar. Auch in der Popkultur. Ein Abgesang.

Pop Will Eat Itself? Artificial Intelligence Did.


Distinktionsgewinn, Baby!

24. April 2025

E-Auto oder Verbrenner? Das ist anno 2025 gar nicht mehr die zentrale Frage bei der Wahl eines fahrbaren Untersatzes. Es geht vielmehr um Attribute, die mit persönlichem Geschmack und Stil zu tun haben.


Dass im Schauraum der Firma, wo ich das Testfahrzeug abhole, ein Schneewittchen-Sarg steht, wird Kenner der Marke Volvo nicht irritieren. Es ist ein Kosewort für eines der legendären Autos des schwedischen Traditionskonzerns, Modell P1800 ES, nur kurze Zeit gebaut Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Ein Oldtimer also – aber er besitzt immer noch magische Anziehungskraft für Benzin-Fetischisten. Ob das der neue EX40 („Black Edition Ultra“) auch schafft? Er sieht halt weniger nach einer ästhetischen Blechskulptur aus als nach einer windkanaloptimierten Hülle für eine Riesenbatterie. Bequemer sitzen die Passagiere freilich hier denn im Märchensarg.  

Nun: jedes Auto – okay, fast jedes Auto – ist ein Gebrauchsfahrzeug. Aber was bringt uns dazu, das eine zu mögen und das andere eher weniger? Oder gar nicht? Distinktion! Schlagen wir das Wort doch mal nach im Online-Duden. Es sei, heißt es da, ein Synonym für „Unterscheidung“, „Wertschätzung“ und, sehr österreichisch, „Rangabzeichen“, gelte aber auch für besondere Vornehmheit, durch die sich jemand oder etwas auszeichnet, und generell für das Sichabheben von anderen. Gelingt das mit subjektiver Grandezza, spricht man von Distinktionsgewinn.

Unwichtig ist dieses Thema gerade für Automarken nicht. Im Gegenteil: Wie wollen Sie denn Konsumenten davon überzeugen, Fahrzeug A zu wählen (und mit harter Währung zu bezahlen), wenn sie das halb so teure Fahrzeug B annähernd gleich schnell, bequem und verlässlich an den Ort Ihrer Wahl bringt? Damit geraten wir rasch in die Sphäre von Dichtung und Wahrheit. Oder, neudeutsch, Image, Marktrealität und Kundentreue. Und da hat es ordentlich gescheppert in den letzten Jahren – und tut es immer noch. 

Zu den großen, verlässlichen Marken der Vergangenheit – von Volkswagen bis Ford, von Toyota über Mercedes-Benz bis, why not?, Rolls-Royce – haben sich im Zug der Elektrisierung des Automobils unzählige Newcomer, Exoten und Eintagsfliegen gesellt. Nicht nur die längst etablierten Ami-Schlitten von Tesla, sondern jede Menge Marken (vornehmlich aus China), von denen man nie zuvor gehört hatte. Manche schaffen es auf den hiesigen Markt, manche existieren nur in Fachzeitungen. An BYD, MG, Smart und Nio z.B. hat man sich schon gewöhnt (einige tragen ja traditionsreiche Namen!), XPeng, Ora, Zeekr oder Hongqi sind dagegen noch weithin unbekannte Verwandte aus dem Fernen Osten. Über 130 Automarken soll es aktuell geben in China. Der Kampf um die Aufmerksamkeit und das Geldbörsel der europäischen Kundschaft läuft vorrangig über den Preis, gewiss aber auch über das Design, die Innovationsfülle und die technischen Eckdaten. 

Und damit kommt wieder die Distinktion ins Spiel. Wo die Historie eines Autokonzerns und der noch kaum (oder kaum noch, man denke etwa an Jaguar 2.0!) erkennbare Markenkern wenig hergeben, müssen andere Akzente gesetzt werden. Wie wäre es mit überraschend hoher Qualität? Stichworte: Gesamt- und Detailanmutung, Bordelektronik, Bedienungsführung, Innenraum-Ambiente. Da Fahrzeuge heute ja rollende Computer sind, spielt sich vieles auf den kleineren und größeren Bildschirmen ab. Und gerade da schläft der Fehlerteufel nicht. Die ärgerlichen Details, Zumutungen und Fallen der Interfaces, verborgen im x-ten Untermenü, werden leider oft erst nach Monaten der intensiven Nutzung erkennbar.

Wenden wir uns dem Volvo EX40 zu. Gehobene europäische Marke (mit China-Anschluß!), nicht ganz billig der kleinste E-SUV in einer Reihe weiterer prächtiger Modelle, aber wir sprechen hier noch nicht von obszönen Preisvorstellungen. Volvo hat über Jahrzehnte hinweg das Thema Sicherheit in den Mittelpunkt seines Markenimages gerückt, das passt auch anno 2025. So wie der gesamte, reduzierte und dabei selbstbewusste Premium-Auftritt dieses Fahrzeugs. Ich will weder an der dezenten Ambiente-Beleuchtung noch an der Stoffqualität der Sitze herummäkeln. 

Ein einziges Detail ist einer Hervorhebung wert: es gibt einen zentralen Knopf für die Audio-Anlage, der sich drehen und drücken – und damit die Lautstärke steuern oder die Harman Kardon-Anlage verstummen – lässt. Wohlan: das ist seit Äonen die beste, perfekt auf die Spezies Mensch abgestimmte Form der Bedienung des Entertainment-Angebots – und ich hasse jede  Alternative in Form von Touch-Slidern, Knubbeltasten auf Lenkradsatelliten oder Schrei-Interaktionen mit KI-Assistenten.  Chapeau, Volvo! Nur ein „Kill-Switch“ für die Assistenz-Systeme geht mir ab, der die lästigen Begleiter auf einen Knopfdruck zum Verstummen bringt. Das können die Franzosen besser.     

Dennoch wird man vielleicht einen Volvo (oder auch, quasi als hausverwandten Begleiter, Polestar) als Alternative zu einem neuen Benz, BMW, Audi oder auch Tesla in Erwägung ziehen.  Selbst ein Ford Capri dieses Jahrgangs – jede Wette, dass da auch das historische Vorbild aus den siebziger Jahren noch im einen oder anderen Schauraum steht! – ist denkmöglich. Auch da schwingt Distinktion mit: man fährt doch keine 08/15-Marke. Ob ich persönlich darauf Wert legen würde?

Sagen wir so: heutige Kleinwagen bieten oft eine derartige Ausstattungsfülle, Agilität, Ausgereiftheit und Wohlfühl-Atmosphärik, dass sie früher als Luxus-Limousinen gegolten hätten. Zumal mit Hybrid- oder reinem E-Antrieb: da geht die Post ab! Und es mangelt vielleicht dann & wann ein bissl an Raum hinten oder Kofferraum-Kapazität insgesamt, aber egal. Mit den Brot-und-Butter-Autos des 20. Jahrhunderts haben diese Stadtflitzer wenig gemein. Bestes Beispiel: ein aktueller Mitsubishi Colt (weitgehend baugleich mit dem Clio von Renault, dem europäischen Mitsubishi-Partner). Wenige Autos haben im letzten Jahr soviel Spaß gemacht wie der japanische Kleinwagen. Zugegeben: mit Hybrid-Doppelschub.  

Nur den zentralen Knopf für das Radio und die gesamte Audio-Erlebniswelt könnte sich Mitsubishi glatt noch bei Volvo abschauen. Und, ja, gern – wenn auch anderswo – einen Kill-Switch.  

(Das Feuilleton No. 13 / April/Mai 2025)


Das Prinzip Hybrid

21. April 2025

Wenn sich Elektroautos weniger gut verkaufen als solche mit Verbrennungsmotor, warum dann nicht das Beste aus beiden Welten kombinieren?


Schon wieder eine Epistel zum Thema Auto!, hören ich manche Leserin, manchen Leser dieser Kolumne leise fluchen. Und dann noch Elektroautos… Gibt es sonst nichts Neues aus dem  globalen Maschinenraum zu berichten? 

Ja, gewiss. Aber allmählich beginnt man in Deutschland – und damit, eng verzahnt, auch in Österreich – zu realisieren, was das absehbare Ende des Industrie-Fetischs Verbrennungsmotor bedeutet. Klar verbunden ist der unverkennbare wirtschaftliche Abwärtssog mit dem (partiellen) Versagen der einstigen Premium-Marken Volkswagen, BMW, Audi und Daimler-Benz, preislich und technisch attraktive Alternativen zur rasant wachsenden Konkurrenz aus den USA und China auf vier Räder zu stellen. Die stolze deutsche Automobil-Industrie lässt dieser Tage vornehmlich mit Gewinnwarnungen, Lohndiskussionen und Massenentlassungen aufhorchen, leider kaum mit Produkt-Innovationen. 

Das Resultat im vergleichsweise kleinen, aber signifikanten Markt Österreich: von Jänner bis Ende Oktober sind hierzulande 213.000 Personenkraftwagen neu zugelassen worden, das sind 5,6 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Bei E-Autos ist der Trend jedoch umgekehrt: Hier ist die Zahl der Neuzulassungen sogar um 6,7 Prozent gesunken. Der Konsument spielt nicht mit beim Bäumchen-wechsle-dich!-Spiel der EU und der lokalen Grün-Politiker – und das trotz moralischer Forderungen und hoher Förderungen.

Warum aber? Unleugbar ist, dass der Elektroantrieb für den Individualverkehr – vor allem in der Stadt – seinen eigenen Reiz, systemische ökologische und ökonomische Vorteile und kaum mehr reale Nachteile im Alltag zu bieten hat. Aber der Mensch ist ein tendenziell konservatives, ängstliches, verstocktes Wesen. Ist der Paradigmenwechsel zu rasch ausgerufen und zu radikal konzipiert worden? Lange Zeit wurde ja das vollelektrisch angetriebene Fahrzeug („BEV“) jenen als „alternativlos“ angepriesen, die auch nach 2035 noch Auto fahren möchten. 

Hier, exakt hier ist es eventuell angebracht, einen Blick auf eine erstaunliche Marktentwicklung zu werfen, einen evolutionären Seitenarm der stockenden E-Auto-Revolution: den Hybridantrieb. Denn der boomt nachgerade. Zwei Motoren in einem Fahrzeug – einmal Elektro, einmal Verbrenner –, das klingt zunächst nach einem faulen Kompromiss. Höheres Gewicht, komplexere Technik, mehr Wartungsbedarf, höherer Preis. Aber viele Käufer scheinen doch überwiegend Vorteile zu sehen: keine Reichweiten-Zweifel, keine Staus an E-Ladestationen, klare Verbrauchseinsparung gegenüber reinen Benzinern oder Diesel-Kutschen. Best of both worlds? 

Sagen wir mal so: es ist kein Zufall, dass Hersteller wie Toyota (in diesem Fall schon seit 1997) das Hybrid-Konzept forcieren. Die aktuellen Modelle Prius, Yaris, Corolla und C-HR  etwa bieten die verschiedensten Kombinationen von Plug In-, Voll- und Mild-Hybrid-Bestückung – also Versionen mit E-Tankstecker und solche ohne, dafür mit ständiger Aufladung des E-Motors durch den Verbrenner – und verkaufen sich prächtig. Ich hatte die Freude, ein paar Tage lang einen Yaris 1,5 Hybrid 130 zu testen. Fazit: optimales Stadtauto, aber auch z.B. auf der Strecke Wien – Graz – Wien ein bequemer Flitzer. Dass es den Toyota auch als muskulöse Sportversion gibt: fein, muss aber nicht sein. 

Freilich sind die Dinger nicht ganz billig. Aber selbst ein Dacia Jogger Extreme Hybrid – ein wirklich geräumiges , familientaugliches Fahrzeug, das für einen Van (oder ist es doch ein SUV?) als Preisbrecher nach unten gelten kann – führt anstandslos seine komplexe Antriebstechnik vor. Man kann mit  diesem Vehikel erstaunlich kostengünstig dahingleiten: kein einziger Tankstopp während zehntägigen Rumrangierens! Fast meint man, der rumänische Renault-Ableger hätte das Perpetuum Mobile erfunden. Ein doppelt so teures, ähnlich voluminöses (und gewiss schickeres) Auto wie der neue Smart #3 – als probates Beispiel für die chinesische E-Auto-Offensive – kann vergleichsweise auf einer spontanen Ausflugsfahrt nach Kroatien keine Punkte machen. Aber mit dem Voll-Elektriker hat man auch keine Nachteile. Ein aktueller Langstreckentest des ÖAMTC zeigt auf, wie nahe sich reine E-Autos, Hybride, Benzin- und Diesel-Fahrzeuge mittlerweile in punkto Kosten, Verlässlichkeit und Strecken-/Zeitfaktor kommen. 

Fast alle neuen Autos sind übrigens längst Mild-Hybride. Ein kombinierter Startergenerator erzeugt einerseits beim Fahren Strom, der in einer Batterie gespeichert wird, und unterstützt andererseits als Elektromotor bei Bedarf den Verbrenner. Ein solches einfaches Hybridsystem (auch „48-Volt-Technik“) speichert die Energie, die beim Bremsen oder Verzögern verloren geht, um sie dann beim Beschleunigen wieder einzusetzen. Der Grundgedanke ist über alle Hybrid-Gattungen hinweg, die Vorteile des Elektro- und die des Verbrennungsmotors so miteinander zu kombinieren, dass das Gesamtsystem möglichst effizient und mit gutem Wirkungsgrad arbeitet. Der Verbesserungs- und Forschungsdrang geht soweit, dass z.B. Renault im Oktober ein Konzeptfahrzeug („Emblème“) vorgestellt hat, das auf eine Kombination von zwei emissionsfreien Technologien setzt. Mit seinem neuartigen Wasserstoff-Elektro-Hybrid zeigt der französische Hersteller, dass auch die Brennstoffzelle noch im Denk-Radius verankert ist. 

Jetzt muss die Botschaft nur noch verstärkt in deutsche Lande vordringen. Das Prinzip Hoffnung: das Prinzip Hybrid. 

(Das Feuilleton No. 11 / Dezember 2024)


Von A nach B

14. Oktober 2024

Die Zukunft gehört eher nicht dem althergebrachten Personenkraftwagen. Was tun? Die Mobilitäts-Alternativen heissen etwa Vespa oder Maxus. 


Keine Politikerin, kein Politiker spricht es offen aus, aber es scheint doch beschlossene Sache: man will die Autos raus haben aus den Städten. Zumindest aus den Stadtkernen, im Idealfall aber gleich ganz – soweit es halt geht, und das kann irritierend allgegenwärtig und flächendeckend ausfallen. Wetten, dass auch Ihr Wohnviertel nicht verschont bleibt?

Es ist am langsamen Verschwinden von öffentlichen Parkplätzen und Abstellmöglichkeiten entlang vieler Straßenzüge zu bemerken – und an der allgemeinen Stimmungslage (zumindest offiziöser Lesart): neue Radwege, Begegnungszonen und „Supergrätzel“ werden weithin akklamiert, Fahrstreifen reduziert, die jahrzehntelange Bevorzugung der Blechkisten hat sich ins Gegenteil verkehrt. Wer noch Auto fährt, gilt als leicht wunderlich, tendenziell konservativ bis reaktionär, jedenfalls als Umweltsünder. Auch ein Elektromobil schützt nicht vor Unbill – es braucht ja nicht weniger Platz, gilt vielen als Luxusspielzeug und, sofern aus China importiert, als Sinnbild der Krise der europäischen Autoindustrie, von Elon Musks Eskapaden ganz zu schweigen. Die Verkaufszahlen stagnieren, die Skepsis steigt.

Die trockene Feststellung, dass in Österreich kaum neue E-Ladestationen entlang den Autobahnen gebaut wurden und werden, konterte die zuständige Ministerin Leonore Gewessler so: „Im Jahr 2030 soll am hochrangigen Straßennetz alle 25 Kilometer ein Schnelladestandort für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge zur Verfügung stehen.“ Immerhin! Rasanter Fortschritt sieht freilich anders aus. Ausser man vermutet einen weit radikaleren Paradigmenwechsel: weg vom Individualverkehr, hin zu öffentlichen Verkehrsmitteln. Ein Auto soll nur mehr besitzen, wer berufliche Notwendigkeit und/oder gesellschaftsdienliche Nutzung nachweisen kann – eine absehbare grüne Doktrin der Zukunft. In der Gegenwart zeigen sich aber die ÖBB schon mit dem Klimaticket und dem dadurch deutlich angewachsenen Personenverkehr überfordert (erst recht bei Unwetter-Unbill und Flutkatastrophen). Und außerhalb der Ballungszentren wird es das Ende der individuellen Mobilität einfach nicht spielen.

Was tun? Nun, ich mag Autos. Umso mehr verblüfft mich die Halsstarrigkeit der Autohersteller. Statt smarte E-Mikromobile für die Stadt zu bauen und parallel dazu komfortabel und schnell tauschbare Standard-Akkus für Überland-Reiselimousinen (die man am Stadtrand anmieten könnte) zu entwickeln, versteift man sich einmal mehr auf tonnenschwere SUV-Monster und sauteure Supersportwägen, diesmal in der Elektrovariante. Die leistbaren Alternativen fallen vergleichsweise lieblos und wenig innovativ aus. Okay, der Deckungsbeitrag der Luxusdroschken-Abteilung mag in der Firmenbilanz heute noch augenfällig sein – aber riskiert man so nicht die Zukunft der gesamten Branche? 

Hier zwei persönliche Tipps, um der Misere möglichst pragmatisch zu entgehen. Erstens: kaufen Sie sich eine Vespa! Oder sonst irgendein probat erscheinendes Motorrad.

Der Roller muss auch nicht aus Italien kommen (wiewohl ich das Design und die Funktionalität von Piaggio, dem Vespa-Fabrikanten, liebe). Es darf auch Frankreich, Japan, Korea, China oder Indien als Herkunftsland sein – bei letzteren sind die Preise oft erstaunlich niedrig! Ob Benzin- oder Elektromotor bleibt Ihnen überlassen. Jedenfalls gibt es kein Verkehrsmittel, mit dem man in der Stadt flexibler, kostengünstiger, schnittiger und zeitsparender unterwegs ist. Und keines, das – wenn nicht gerade ein Regentag oder tiefster Winter ist – mehr Spaß macht. Parkscheine? Staukolonnen? Parkplatzsorgen? Können Sie vergessen. Sicherheitsbedenken? Ausprobieren! Autofahrer sind heute schon dermassen auf fast ängstliche Passivität gepolt, das kommt jeder Form des Zweiradverkehrs zugute. In der Stadt reicht eine 125er, am Land würde ich doch den doppelten Hubraum empfehlen. Meinetwegen darf es auf der Kurzstrecke auch ein wirklich potentes Elektro-Rad sein, das Sie gewiss nicht ins Schwitzen kommen lässt.

Tipp Nummer Zwo: Wenn Sie öfters was zu transportieren haben (und das muss nicht immer ein Wohnzimmerverbau sein) – schon mal über einen Transporter nachgedacht?

Ich meine tatsächlich alles, was über einen 08/15-Personenwagen  hinausgeht. Das kann ein Hochdachkombi sein, ein Kleinlaster, ein Bus oder ein Multi-Van von VW. Jedenfalls ein ausgewiesenes Nutzfahrzeug. Man wird Sie mit einem solchen Gefährt nie wieder mit Fragen nach dem Sinn oder Unsinn von PKWs belästigen! Sie dienen dem Hausverstand und dem Zeitgeist gleichermaßen, zumal sie heute auch durchwegs elektrifiziert zu kaufen sind. Und Sie werden neue Möglichkeiten entdecken und lieben lernen – etwa jene, zwei Fahrräder unkompliziert (und unzerlegt) in den Laderaum und an den Stadtrand zu verfrachten. Bedenken fehlenden Luxus’ wegen? Ich bitte Sie! Diese Fahrzeugklasse ist heute in ihren Fahrerkabinen so nobel ausgestattet wie einstweilen ein Benz. 

Ich teste gerade – lachen Sie nicht! – einen äußerlich schmucklosen Frachter von Maxus, einem asiatischen E-Nutzfahrzeug-Hersteller (im Vertrieb von Denzel), Modell eDeliver7. Und ich liebe es. Jetzt muss ich mir nur noch eine probate Befestigungsmöglichkeit für meine Vespa im Laderaum überlegen, um die ultimative Mobilitätslösung für jede Situation, Weltgegend und Zukunftsperspektive zu haben. Erinnert mich irgendwie an ein Mutterschiff mit Beiboot, Projekttitel: Enterprise. 

Geht es – selbst über Lichtjahre hinaus – nicht einfach immer darum, von A nach B zu kommen?

(Das Feuilleton No. 8 / September 2024)


Das letzte Auto des Herrn Gröbchen

6. September 2024

Porsche? Tesla? China-Kracher? Die Wahl fällt auf einen Mazda MX-5 der ersten Serie. Oldie but Goldie! 

„Das letzte Auto, das gebaut werden wird, wird ein Sportwagen sein“ lautet ein berühmtes Zitat von Ferdinand Porsche. Hatte der Begründer der gleichnamigen Firma ein Produkt aus dem eigenen Haus im Hinterkopf? 

Man wird Professor Porsche nicht mehr dazu befragen können. Der Konstrukteur u.a. des Volkswagens Typ 1 („Käfer“, vormals „Kraft durch Freude“-Wagen) starb 1951 in Stuttgart. Aber eine gewisse Visionskraft steckt in dieser Vorhersage, auch wenn vor einem Dreiviertel-Jahrhundert das Ende des Verbrennungsmotors noch nicht absehbar war. Ist es heute tatsächlich beschlossene Sache? Lechzen nicht gerade all die historischen Schaustücke und Garagenrenner nach E-Fuels und sauteuren synthetischen Treibstoffen, sollten die Benzin-Zapfhähne einst demontiert werden?

Man muss Porsche zugute halten, dass er selbst als Techniker die viel beschworene Technologieoffenheit lebte – noch im 19. Jahrhundert (!) erfand der notorische Tüftler bei Austro-Daimler den Radnaben-Elektromotor, anno 1902 entwickelte der Mann das erste Hybrid-Fahrzeug der Welt.

Aber die Frage nach dem letzten Auto ist eine philosophische. Sie greift den ewigen Drang des Menschen nach Mobilität, nach dem Höher-Schneller-Weiter, nach raumgreifender Maschinen(all)macht auf. Also doch ein Sportwagen? Ich hätte ja anno 2024 eher auf einen Militär-Transporter getippt; die Bestattung Wien verkauft auf ihrer Homepage T-Shirts mit dem Aufdruck „Der letzte Wagen ist immer ein Kombi!“. Nicht unoriginell. Und gewiss nicht unwahr: der Leichenwagen als finales Statement. Eselskarren oder Cybertruck?

Ich beantworte die Eingangsfrage weit pragmatischer. Für mich allein. „Bauen“ muss freilich durch „Fahren“ ersetzt werden. Denn was ein letzter Ur-Ur-Enkel von Ferdinand Porsche, Elon Musk oder Toyoda Kiichiro und Toyoda Eiji (den Begründern von Toyota, dem zweitgrößte Automobilhersteller der Welt) einst bauen wird, lässt sich beim besten Willen nicht erahnen. Technologieoffenheit kann perspektivisch auch bedeuten, dass man längere Strecken elegant via Drohne zurücklegt, wir uns via Teletransporter von Ort zu Ort beamen werden oder dank Digitalvernetzung und künstlich intelligenten Klon-Existenzen auch zu komplett bewegungslosen, madenartigen Wesen mutieren… Science Fiction-Romane wurden und werden ja seriell Realität. Allerdings ist uns allen eine biologische Ablaufdauer in die DNA eingeschrieben; ich überlasse die Zukunft daher zwangsläufig der Enkel-Generation.

Aber auch mein letztes Auto wird ein Sportwagen sein. Naja, fast. Ein Mazda MX-5. Der meistgebaute Roadster der letzten fünfunddreißig Jahre ist von der Motorstärke her nur bedingt ein ernstzunehmender Sportler, erst sein niedriges Gewicht macht ihn zu einem agilen Sparringpartner der Porsche-Liga. Meist kurvt man damit, das Fetz’ndachl eingeklappt, entspannt durch die Gegend. Ein Spaßauto: Zweisitzer ohne Familienanschluß. 

Ich selbst besitze bereits den dritten MX-5 – immer ein Modell der ersten Serie („NA“), das mit dem Froschmaul und den Klappscheinwerfern. Weil ich aber alle Jahre wieder einen Jubelartikel über mein Lieblings-Cabrio schreibe, stellt mir der Importeur gern für ein paar Tage aktuelle Ausführungen zur Verfügung. Quasi zum Vergleich. Diesmal ist die vierte Generation dran – der erste MX-5 kam 1989 auf den Markt –, Modellreihe 2RF 2.0L Skyactiv G „Homura“, die Jubiläumsserie in „Soul Red Crystal“. Sprich: eine nicht unauffällige Targa-Variante. 

Genug der Werbedurchsagen. Dieses Testfahrzeug wird nur mein letztes Auto sein, wenn die Bremsen auf der Großglockner-Hochalpenstraße versagen. Also: unwahrscheinlich. Mein eigener Oldie, ein knallgelber MX-5 Baujahr 1995, hat da schon größere Chancen. Denn mein Alltags-Vehikel, ein schnöder Opel Zafira, hat mit knapp 250.000 Kilometern Laufleistung das Zeitliche gesegnet – davor hat der Familien-Van unbeirrbar treue Dienste geleistet; ich trauere ihm tatsächlich ein wenig nach. 

Aber was tut man dann? Heutzutage!!? Ich sage es offen: die Entscheidung für oder gegen ein Elektromobil fällt mir schwer; habe bei unzähligen „Maschinenraum“-Testfahrten alle Vor- und Nachteile kennengelernt. Die E-Karren sind schon recht passabel, ja bisweilen anziehend innovativ und ausgereift (wenn auch noch deutlich zu teuer) – die Problematik liegt für viele (und auch für mich) in der mangelhaften Lade-Infrastruktur. Ich habe wenig Lust, zum Stromtanken immer den nächstliegenden Supermarkt-Parkplatz aufzusuchen. Bequemlichkeit ist ein Killer-Argument, gewiss, zumal im Kontext der Klima-Entwicklung – aber sie ist wohl noch auf absehbare Zeit der entscheidende Faktor im Verkehrsgetriebe. Und, ganz ehrlich: das beschlossene Ende des Verbrennermotors (in Neufahrzeugen!) anno 2035 liegt in absurder Ferne, nimmt man das Thema ernst.

Also: Kaufentscheidung sistiert. Bis auf Weiteres kein weiteres Auto in Sicht. Bleibt der MX-5. Er ist unpraktisch, unkomfortabel (nicht mal elektrische Fensterheber!), unsicher (sprich: hat auch keine nervigen elektronischen Assistenten, big like), man sieht mit Ü-60 ein bissl hüftsteif aus, wenn man sich nach längerer Fahrt aus dem tiefliegenden Sitz erhebt. Aber das gelbe Gefährt zaubert einem mit Garantie ein Lächeln ins Gesicht. Bei jeder Ausfahrt. Und es ist mit dieser Lebensdauer in seiner Öko-Bilanz wahrscheinlich noch auf Jahre hinaus im grünen Bereich im Vergleich zu jedem noch so ausgeklügelten Elektromobil. Ein aktueller Verbrenner steht ja auch eher nicht zur Diskussion.

Insofern wird das letzte Auto, das für mich gebaut worden ist, ein Sportwägelchen sein.

(Das Feuilleton No. 7 / Sommer 2024)


Zukunftsmusik

16. August 2024

Dafür, dass Künstliche Intelligenz noch in den Kinderschuhen steckt, scheint sie mächtig fortgeschritten. Sie kann uns schon ein Lied davon singen. 

Es ist, hm, interessant, Leute dabei zu beobachten, wenn sie erstmals auf Dinge stoßen, die ihnen zuvor unbekannt waren. So ging es mir dieser Tage auf Facebook. Ein Freund – Kulturschaffender auch in Sachen Musik – führte seinen Freunden die App „Suno“ vor. Das ist ein kleines Programm (siehe http://www.suno.ai), das voller Künstlicher Intelligenz steckt, und sich selbst dem Nutzer so vorstellt: „We are building a future where anyone can make great music. No instrument needed, just imagination.“ 

Man nähert sich dem Angebot spielerisch. Was darf es sein? Ein Lied für den Muttertag? Eines für den Goldfisch? Oder einfach ein Happy Song? Der erwähnte Freund übersprang zielsicher alle trivialen Vorschläge und ließ „Suno“ („Die derzeit am schnellsten wirkende Droge“, so sein begleitender Hinweis) einen Text von Thomas Bernhard im Stil der deutschen Fun-Punk-Band Die Ärzte interpretieren. Zur allgemeinen Verblüffung war das Ergebnis anhörbar, ja fast schon überzeugend. Jegliche Genre-Variation oder Änderung der Text-Vorlage („Ingeborg Bachmann and the Spiders from Klagenfurt“, „The Wittgenstein Takes It All“) führte in gleichem Maß zu Lachausbrüchen, unverhohlenem Staunen und weiteren Texteingaben. Ein Gedicht von Ernst Jandl etwa („Otto Mops“), vertont als Modern Talking-Dancefloor-Feger, klang da nicht viel anders als das, was uns Ö3 täglich in die Gehörgänge schaufelt. 

Natürlich: alles ein reines Spaßprodukt. Niemand kommt auf die Idee, Wittgenstein und Eurodance ernsthaft unter einen Hut bringen zu wollen. Was im Umkehrschluß freilich bedeutet, dass eigene, eventuell deutlich gefälligere und geeignetere Texte mit entsprechenden Kompositions-Vorschlägen („prompts“) weniger absurd klingen. Weit weniger. Ja, sie tönen bisweilen so wohlkonstruiert, originell und professionell, dass sie in einem Paralleluniversum gute Charts-Chancen hätten. 

Das Spannungsfeld ist damit weitgehend abgesteckt. „Suno“ ist nur ein KI-Tongenerator unter vielen. Vor wenigen Monaten hat Google seine Text-erzeugt-Musik-Maschine  „MusicLM“ vorgestellt, im Netz kann man sich einen persönlichen Eindruck von seinen Fähigkeiten machen. Die TikTok-Mutter Bytedance folgte rasch mit „Jukedeck“. In Spotify und stellenweise auch in den Charts tauchen erste Produktionen auf, die aus dem Einsatz von KI kein Hehl machen (oder tolldreist kompositorische Handschriften, Soundtexturen und Stimmen fälschen). Die Avantgarde-Musikerin Grimes nennt einen Song, der ihre künstlerische Kontur geklont hat, ein „Meisterwerk“ und gibt gegen 50 Prozent Copyright-Anteil sich selbst zur weiteren Verwurstung frei. Und erst im Vorjahr hat der weltgrößte Musikkonzern Universal ein Berliner Start-Up aufgekauft, das „funktionelle Musik“ – sprich: Berieselungsklänge für Sport, Meditation und Entspannung – mit Hilfe von Algorithmen am Fließband generiert. 

Im Nachhinein hat es jeder und jede kommen sehen. Vor allem und von allen, wenn man sich mitten am Spielfeld tummelte: in der adrenalingeladenen, aufmerksamkeitsgeilen, hypersensiblen Welt der Musikbranche. Hier witterte man Entwicklungen politischer, gesellschaftlicher, technischer Natur doch immer schon mit einigem Vorsprung, oder etwa nicht? Nun: ich erinnere mich nicht mehr genau, wann und in welchem Pop-Kontext das Stichwort „Künstliche Intelligenz“ zum ersten Mal fiel, aber es klang definitiv noch nach Science Fiction. Dabei war die Frucht reif, die Entwicklung logisch, die Branche längst zum Biotop der Zukunft geworden. 

Man sagt der Kreativindustrie ja nach, zur Avantgarde des digitalen Umbruchs zu zählen. Tatsächlich stand sie, zunächst ungewollt, spätestens ab dem Beginn dieses Jahrtausends an vorderster Front der radikalen Zerlegung ihrer Ware und Vertriebswege in die Bits & Bytes des Informationszeitalters. Disruption, Baby! Heute, fünfundzwanzig Jahre nach Napster & Co., blüht und gedeiht die Musikindustrie allerdings mehr denn je, weitgehend befreit von analogen Lästigkeiten wie Tonträger-Herstellung, -Lagerung und -Lieferung quer durch die Lande. Auswertungs- und Künstlerlizenzen sind das neue Gold. Verknüpft mit der Kontrolle der Streaming-Plattformen und ungeniertem Data Mining auf Konsumentenseite entstand eine Gelddruckmaschine; laut Goldman-Sachs wird Streaming allein bis 2030 einen jährlichen globalen Umsatz von 34 Milliarden Dollar erzielen. Die Grundlage für das Geschäftsmodell entlang der güldenen „Wertschöpfungskette“: klar definierte und festschreibbare Copyrights, also Urheberrechte.

Nun gerät etwas durcheinander. Wird neu gewürfelt. Bleibt alles anders? Ein erkennbar revolutionäres Phänomen hebelt dieses gut eingespielte, das Business konstituierende, allgemein als einigermaßen fair betrachtete System aus. Möglicherweise (denn noch ist nicht einmal laut das erste, geschweige denn das letzte Wort gesprochen). Spätestens mit dem Aufmerksamkeitshebel Chat GPT-3, vorgestellt im November 2023, rückten die Fähigkeiten von Künstlicher Intelligenz in den Fokus der medialen (und auch politischen und wirtschaftlichen) Aufmerksamkeit. Und dann ging es Schlag auf Schlag: erst ertönte ein Fake-KI-Duett der beiden Weltstars Drake und The Weekend („Heart On My Sleeve“), dann wurde der Song rasch vom Netz genommen. Freilich hätte er anno 2024 auch für den US-Branchenpreis „Grammy“ nominiert werden können, wenn sich nachweisen ließe, dass er einen „bedeutsamen menschlichen Beitrag“ enthält. Ein Schlüssel-Problem der nahen Zukunft: wie lässt sich dieser Beitrag, so überhaupt existent, quantifizieren und nachweisen? Wir erinnern uns: Die moderne Musikindustrie operiert auf der Basis von geistigem Eigentum.

Künstliche Intelligenz, gefüttert und trainiert mit dem Musikschaffen hunderter Jahre und Millionen an Urhebern, nimmt darauf wenig Rücksicht. Mittlerweile wimmelt es auf Spotify und anderen Streaming-Plattformen vor künstlerischen Scheinexistenzen, Maschinenwesen und Fake-Komponisten (inkl. Fake-Biografien), die vornehmlich Berieselungsmusik für Chillout-Playlisten schaffen und so direkt Geld in die Kassa der schlaumeierischen Auftraggeber spülen. Man darf annehmen, dass es Insider sind, die die Spielregeln und Manipulationsmöglichkeiten der Streamingdienste gut kennen und auch die einschlägigen Playlists zu bestücken wissen. Universal, Warner & Co. haben längst eigene Labels für Gebrauchsmusik dieser Bauart geschaffen und/oder einschlägige Start-Ups aufgekauft. 

Für Branchenkenner ist es wenig überraschend, dass Majors gestern noch, als die rasante Entwicklung noch nicht ganz in den Chefetagen angekommen war, Authentizität, Kreativität und menschliche Originalität beschworen (und Spotify frei von KI-Produktionen wissen wollten), heute aber schon die Grenzen lockerer ziehen. Was sollte sich am Grundmotiv der üblichen Verdächtigen ändern, dass zuerst der Profit zählt, dann erst die Moral? Nach einer Schrecksekunde bricht nun wie das Amen im Gebet der Krieg um Gesetzesrahmen, Copyrights und Verwertungsrechte los. Für Experten sind z.B. „Wasserzeichen“, die KI-Beihilfe eindeutig identifizieren, eine unabdingbare Forderung. Daraus ließe sich, konsequent weitergedacht, ableiten, dass diese Maschinen-Kompositionen niemandem gehören. Und damit zugleich allen („Public Domain“). Jede Wette, dass sich die Majors einiges einfallen lassen werden, um das einerseits dialektisch zu begrüßen und zugleich zu verhindern. Und widersprüchlich, aber ungeniert ihre eigenen Geschäftsinteressen mit der neuen Technologie zu vermählen.

„Es liegt der berauschende Duft von Chancen, gemischt mit einer möglichen Katastrophe, in der Luft“, so der Fachmann Rupert Parry in einer Expertise für das deutsche Goethe-Institut („Wem gehört von einer Maschine gemachte Musik?“) „Denn während wir an KI als dieses eine amorphe Ding denken, enthält sie in Wirklichkeit Vielheiten: den Code, mit dem ihre Algorithmen geschrieben sind, die Daten, mit denen sie gefüttert wird, die Menschen, die diese Daten verarbeiten, und die Person am Ende der Kette, die den Startknopf drückt.“ 

So sehr ich ein „Reinheitsgebot“ („made without AI“) psychologisch, ökonomisch und gesellschaftspolitisch nachvollziehen kann – der Geist ist aus der Flasche. Entweder lernt man rasch, mit dieser Tatsache umzugehen, oder geht in den Vogel Strauss-Modus. Die drängendsten Fragen lauten: Gibt es sinnvolle Kombinationen Mensch/Maschine? Was macht humanoide Schöpfungen einzigartig? Was lässt sich gegen eine Verdrängung menschlicher Kreativität durch immer leistungsfähigere Algorithmen unternehmen? Und: Was liefert KI im realen Musikbusiness bereits heute Konsumenten? Und worauf legen diese wirklich Wert? 

Was nicht mehr gelingen wird (so sehr man auch Blut, Schweiß und Tränen als Echtheitszertifikate menschlicher  Schöpfungskraft beschwört): den KI-Geist zurück in die Flasche zu zwängen. All die Künstler und Künstleranwälte, die das jetzt möchten – von Billie Eilish bis Sting, von Katie Perry bis Stevie Wonder –, kämpfen wacker, aber auf verlorenem Posten. Ihre Einzigartigkeit wird zu Geschäftszwecken digital erfasst, ewig reproduziert und systematisch ausgeschlachtet werden – im besten Fall, wie bei „Abbataren“ der schwedischen Songcontest-Legenden – noch mit der Zustimmung der Vorlagen aus Fleisch und Blut.

Vielleicht erfreuen sich aber auch bald Publikums-Maschinen an Musik, die von Künstler-Maschinen exklusiv für sie gedacht und gemacht wurde.

(Das Feuilleton No. 5 / Mai 2024; erweiterte Version. Anm.: Das Bild wurde mittels KI generiert)


Die Selbstabschaffung des Menschen

5. August 2024

Digitalisierung, Automatisierung und Künstliche Intelligenz sind die Fetische des 21. Jahrhunderts. Was bedeutet das für uns Humanoide?


Don Quijote reitet wieder. Das ist jedenfalls – rein metaphorisch, gewiss – die Gefühlslage, wenn man dieser Tage versucht, in den Besitz einer sogenannten „ID Austria“ zu gelangen, einer Art  von High Tech-Ausweis, Code oder Schlüssel, der einem zukünftig viele Türen öffnen und noch mehr Amtswege vermeiden lassen soll. Ein digitaler Fingerabdruck quasi. Der freilich – nach einer persönlichen Registrierung am Bezirksamt  samt Passfoto und QR-Code – auch nach einem realen Fingerabdruck verlangt oder einem Gesichts-Scan („Biometrischer Datensatz“), bevor die Identität zweifelsfrei bestätigt wird. Und man sich im „Digitalen Amt“, einer fortschrittlich-gutgemeinten App am Smartphone, frei bewegen darf.

Leider, leider erfolgt aber bei fast jedem Sesam-öffne-Dich-Versuch eine Statusmeldung, die uns schon der einst fachlich zuständige Staatssekretär Tursky im ORF-Magazin „Eco“ hoffnungsfroh, dann aber zunehmend irritiert vorgeführt hat: „Es ist ein unerwarteter Fehler aufgetreten. Versuchen Sie es später noch einmal.“

Ein Lehrstück! Es soll Menschen geben, die es tatsächlich geschafft haben, diese Hürde zu überwinden und die „ID Austria“ unkompliziert zu nutzen. Ich zähle nicht dazu. Und trotz unzähliger Telefonate, Amtsbesuche und eines Ausflugs zu einem netten Experten im Wiener Rathaus tut meine App immer noch nicht, was sie tun soll. Die Programmierer dieser kryptischen Software – waren sie auch für den Megaflop „Kaufhaus Österreich“ zuständig? – haben es seit dem Start des Unterfangens im Dezember 2023 nicht geschafft, den Fehler zu beheben. Oder auch nur einen Um- oder Ausweg zu beschreiben. Wahrscheinlich ist man selbst schuld: falsches Handy, uraltes Smartphone, unpassende Einstellungen, chaotische Fehlbedienung, wasweißich. Fakt ist: unzählige Menschen haben es längst aufgegeben, Betatester spielen zu wollen und die „ID Austria“ zu installieren oder gar segensreich zu nutzen.

Das hat aber fatale Folgen. Ich will das mit meiner  persönlichen Erfahrung illustrieren. Ohne „ID Austria“ funktioniert plötzlich auch die Online-Kommunikation mit der Krankenkasse nicht mehr. Und leider erfolgt das Einreichen von Arztrechnungen oder Verordnungen, ja der gesamte Schriftverkehr, nur mehr per Elektropost. Ohne digitalen Fingerabdruck bleibt mir der Zugang zu meinem E-Briefkorb freilich verwehrt. Zwar wird mir freundlich mitgeteilt, dass da diverse Schreiben auf mich warten würde, nur lesen kann ich sie nicht. Aber hallo! Auf meine Aufforderung hin, mir doch alle Mitteilungen auf gewohntem postalischen Weg zukommen zu lassen, antwortete man mir unwirsch, derlei sei nicht mehr vorgesehen. Also: unmöglich. Auf meinen Hinweis, die „ID Austria“ funktioniere halt – trotz intensiver Bemühungen – nicht, kommt gar keine Replik mehr. Schmeck’s!

Nun ist mein persönlicher Leidensweg eventuell halt nur ein individuelles Schicksal. Aber es steckt weitreichendere Symptomatik und Symbolik in dem Thema. Wir geben in einem komplexen, eventuell sogar für ausgewiesene Experten überkomplexen System gezwungenermaßen die Dinge aus der Hand. Wenn selbst der Staat – ist das überhaupt seine Aufgabe? – es nicht schafft, eine funktionierende digitale Infrastruktur bereitzustellen, macht er sich zum Gespött. Und sägt an den Fundamenten der Verwaltung, technischen Selbstorganisation und gesellschaftlichen Ordnung. Die Frage ist mehr als berechtigt, bei allem Drang zu Modernität: wer bleibt auf der Strecke? Es soll ja jede Menge Staatsbürger geben – und es sind gewiss nicht nur Pensionistinnen und Frührentner –, die weder das Wissen noch den Drang noch das Geld haben, mit der informationstechnologischen Entwicklung Schritt zu halten. Man muss ihnen analoge Alternativen bieten, die beherrschbar, gewohnt und verlässlich sind, auch wenn sich Youngster, Manager und IT-Fachidioten darüber zerkugeln („Schau, das Muatterl mit dem Geldbörserl!“). Ist das nicht, zumindest in bestimmten Sektoren, sogar gesetzlich vorgeschrieben?

Fast jegliche „Verbesserung“ hat in unserem Sozial- und Wirtschaftssystem eine vorrangige Triebfeder: Gewinnmaximierung. Nun mag es noch angehen, wenn man im Supermarkt zur Selbstbedienungskassa oder am Bahnhof oder in der Bank zum Automaten umdirigiert wird (unwitzigerweise muss man eine Kontoführungsgebühr auch dann bezahlen, wenn man online selbst sein Konto führt!) – privates Kundenservice kann man gegebenenfalls auch privat bewerten. Eventuell durch Kündigung. Aber die Gesamtentwicklung stimmt alles andere als heiter: der Mensch wird immer mehr zum lästigen, zum überforderten, zum „veralteten“ Faktor. Und ist gnadenlos dabei, sich selbst abzuschaffen.

Digitalisierung, Automatisierung und Künstliche Intelligenz sind die Fetische des 21. Jahrhunderts. Cui bono? Die antiquierte Vorstellung, dass die humanoide Spezies im Zeitalter der Maschinen dem Müßigang frönen und sich mehr (oder ganz) den schönen Künsten widmen könne, hat die Kapitalflüsse hin zu den Mega- und Giga-Tech-Konzernen außer Acht gelassen. Und den Raubbau nicht nur an den Rohstoffen und Ressourcen dieses Planeten, sondern auch an der menschlichen Wesensart, Erfahrung und Empathie. 

So, und jetzt widme ich mich wieder naiv-guten Mutes der „ID Austria“. Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. 

(Das Feuilleton No. 4 / April 2024)


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