Maschinen, sagen markdominante Musikunternehmen und Copyright-Gesellschaften, können ab sofort auch kreative Urheber sein. Das bringt absehbar eine ganze Branche ins Wanken.

Zunächst herrschte das große Staunen. Als Chat GPT vor ziemlich exakt drei Jahren einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt wurde – als Vorbote einer Flut von Large Language Models, also Künstlicher Intelligenz mit Dialogfähigkeit –, war die übliche Reaktion leise Verwirrung, gepaart entweder mit Enthusiasmus oder mit Skepsis, ja Abscheu oder gar Furcht. Eine zentrale menschliche Fähigkeit, nämlich die der Kommunikation, wurde fortan mittels KI täuschend echt nachgebildet. Und da man die Algorithmen mit Abermillionen an Daten, Fakten und Geschichtslektionen gefüttert hatte (und das, ohne groß die Zustimmung von wem auch immer einzuholen), erschienen diese Programme annähernd allwissend. Fehler im Maschinengeschwätz wurden (und werden) belächelt und generös korrigiert – schließlich war, so der allgemeine Konsens, der Mensch immer noch die Krone der Schöpfung.
Dieses Denkmuster gerät freilich immer mehr in Schieflage. Mit dem raschen Aufkommen von spezialisierten KI-Varianten geht etwa die Fragestellung nach dem Wesen und der Zukunft von menschlicher Kreativität einher. Konzentrieren wir uns beispielhaft auf Musik. Es ist einer jener Bereiche, die seit jeher als Sehnsuchtsorte begriffen werden, als besondere Biotope von Freude, Trauer, Leichtigkeit, tiefer Versunkenheit oder sonstiger Gefühlsregungen. Nun: Sie können heute KI-Musikprogramme anwerfen („Suno“ etwa oder „Udio“), die Ihnen erstaunliche Kompositionen liefern. Im Sekundentakt. Ein Liedlein, das entfernt nach Depeche Mode klingt und im Text Umberto Eco zitiert? Ein Opus, das wie eine gewagte Neuschöpfung der Carmina Burana wirkt? Ein Schlager, der ob seiner Schlüpfrigkeit gute Chancen in allen Bierzelten des Landes hätte? Sie wünschen, wir spielen! Prompt, sofern Sie ein paar Stichworte („prompts“) beisteuern.
Es war klar, dass die Musikkonzerne rasch darauf anspringen würden. Zunächst als demonstrative Verteidiger ihrer Lieferanten aus Fleisch und Blut. Gemeinsam mit Urheberrechtsgesellschaften, Streaming-Plattformen und Künstler-Gewerkschaften zeigte man Argwohn und eine weitgehende Ablehnung der neuen technischen Möglichkeiten. Aber die zentrale Frage nach dem Copyright – der Urheberschaft der Maschinenmusik und den daraus folgenden rechtlichen und kommerziellen Ableitungen – blieb ungelöst. KI-Kreationen mit digitalen Wasserzeichen zu versehen und sie eventuell für gemeinfrei zu erklären, ihnen also keine eigene Schöpfungshöhe zuzugestehen und sie somit nicht im großen Stil verwertbar zu machen, wäre ein radikaler Ausweg gewesen. Der allerdings das Geschäft massiv verändert und gestört hätte.
Es kam, was kommen musste: der Kompromiss zu eigenen Gunsten. Oder die totale Kapitulation vor den neuen Realitäten. Zunächst erklärten die großen amerikanischen Urheberrechtsgesellschaften ASCAP, BMI und SOCAN (Kanada) „partiell KI-generierte“ Musik für registrierbar, also von einem Co-Schöpfer monetarisierbar. Ein Dammbruch. Denn mittels Befehlseingabe und ästhetischen Vorgaben ist immer ein Mensch mit an Bord, auch wenn das Ergebnis allein von der Maschine generiert wird. Wirklich auseinanderklauben lassen sich die Elemente der Kreativität nicht.
Schon am nächsten Tag, Ende Oktober 2025, erklärte Universal Music, der weltgrößte Musikkonzern, die Beilegung eines Rechtsstreits mit den KI-Plattformen Udio und Suno wegen Urheberrechtsverletzung „von unvorstellbarem Ausmaß“ (wie es in der Klageschrift geheissen hatte). Lucian Grainge, der CEO von Universal, kommentierte die Entwicklung so: „Wir können ein gesundes kommerzielles KI-Ökosystem erschaffen, in dem Künstler/innen, Songwriter, Musik- und Tech-Unternehmen alle florieren und eine unglaubliche Erfahrung für Fans erschaffen können.“
Eine unglaubliche Erfahrung? Ich erlaube mir eine Prognose: es wird stante pede der große Run beginnen – die Flutung des Planeten mit KI-Kreationen, Maschinenmusik und künstlicher Urheberschaft. Da Musikproduktion fast nichts mehr kostet und (Pseudo-)Kreativität am Fließband maschinell hergestellt werden kann, in Umsätze und Gewinne umgemünzt freilich von höchst menschlichen Anteilseignern, wird sich der Aufmerksamkeitsfokus der Plattenfirmen (was für ein anachronistischer Begriff!) auf Stars und Promis, Influencer, TikTok-Erscheinungen und sonstige „15 minutes of fame“-Gespenster richten. Die überraschen uns dann jeden Morgen mit einem KI-Gebrauchsschlager; nach den heutigen Spielregeln der Branche ein Milliarden-Geschäft. Oder man ersetzt reale Interpretinnen und Interpreten gleich durch rein virtuelle Geschöpfe. Wie etwa Xania Monet, die im Herbst 2025 als erste KI-gestützte Kreation in den US-Billboard-Radio-Charts landete. Spotify weist sie als „verifizierte Künstlerin“ aus. Der Verdrängungswettbewerb hat begonnen. Kultur? Tradition? Ethik? Ach was. It’s business, stupid!
Konservative Autoren, die weiter auf ihre ureigene Imagination setzen (die ja meist mit hohen Realisierungskosten, z.B. im Studio, verbunden ist) oder die gar ein moralisches Reinheitsgebot „echter“ Kreativität formulieren, treten ab sofort gegen eine übermächtige, ubiquitäre Quantitäts-Schleuder an, die die Marktkanäle, Streaming-Plattformen und Hitradios verstopfen wird. Und letztlich auch die Aufmerksamkeit und Aufnahmefähigkeit des Publikums. Die Qualität der neuen Kunstmusik ist dagegen nur eine Frage der Zeit und der verfeinerten Algorithmen. Optimisten setzen auf den Gebrauchswert von KI-Tools im Zusammenspiel mit Musikerinnen und Musikern, die kreative Verzahnung Mensch-Maschine, ja sogar eine positive Explosion der Möglichkeiten. Pessimisten lesen Zahlen: über 40 Prozent des Repertoires auf Spotify & Co. sollen schon künstlich generiert sein.
Es bleibt ein letztes authentisches Einkommens-Reservat (jedenfalls, bis Avatare auf der Bühne stehen): Live-Konzerte. Aber auch deren ökonomische Basis bröckelt, zumindest für Newcomer und Nachwuchsbands, deren Legende noch nicht einmal ansatzweise ausformuliert ist. Und es wird mit Garantie auch irgendwer auf die Idee kommen, rein virtuelle Bands wie The Velvet Sundown – die es schon zu trauriger Berühmtheit gebracht hat – als Show-Inszenierung mit humanoiden Marionetten aufspielen zu lassen. Live is life, auch wenn es nicht wirklich lebt.
Wie werden sich in diesem Kontext die europäischen Urheberrechtsgesellschaften, etwa die GEMA oder AKM, verhalten? „Es ist wohl, als wolle man einen Tsunami mit gutem Zureden aufhalten“, so ein Branchen-Insider. Die dänische Verwertungsgesellschaft Koda hat gemeinsam mit der IFPI (International Federation of the Phonographic Industry) hochrechnen lassen, wie viel Geld der Branche in den kommenden fünf Jahren aufgrund des der Vormarsches generativer KI verloren gehen könnte. Es sind über 900 Millionen Euro, so die Analystinnen und Experten.
Aber der rein monetäre Blick auf die erwartbaren Umwältungen im Musikgeschäft reicht nicht, zumal die KI-Flut auch eine Hausse der Major-Umsätze und eine Steigerung der Börsenkurse mit sich bringen könnte. Es bleibt die zunehmend drängende Frage, was der Mensch noch will, noch kann, was ihn im Kern noch ausmacht. Wo also Kunst endet und Künstlichkeit beginnt.
Wer wird die Songs schreiben, die das thematisieren?
(Die Presse, November 2025)









