Einfach aufstehen, sich aufs Rad schwingen, losfahren. Die Wirklichkeit ist eine Zeitlupe. Das operierte Bein über den Sattel heben. Vorsichtig und langsam, da sind keine Muskeln, die es schneller heben könnten. Im Sattel sein, die Pedale suchen, festhalten, vorsichtig einrasten.
Mit jeder Umdrehung der Pedale wird die Welt wieder sicher und stabil, die Bewegung runder. Auch wenn das rechte Bein keine Kraft hat, kann das linke helfen, den toten Punkt zu überwinden. Viel besser als beim Gehen, wenn das volle Gewicht irgendwann von einem Bein aufs andere übergeht, die Hüfte einknickt, es wird dauern, noch einen Monat oder zwei.
Als ich das erste mal 40 fast flache Kilometer hinter mich brachte – Im April war das, an einem strahlenden Tag im Süden. Auch wenn es ging, ordentlich ging, sogar der ein oder andere Hügel – es dauerte dann Minuten, bis ich aus der Ruhelage wieder aufstand und musste mich auf mein Rad stützen,
Am nächsten Tag wieder eine ganz kleine Runde, eine Viertelstunde vielleicht. Am übernächsten auch, langsam kommt der Wiegetritt, aber das Knie mag die Beugung immer noch nicht, die Wade ist ganz dünn und später, im Sitzen, beim Aufstehen zieht die OP Narbe auf ganzer Länge. Darunter wächst es noch zusammen.
Kurz vor diesen Versuchen hatte ich einen französischen Autor im Interview gehört, sympathischer Pariser Akzent, Eric Neuhoff. Sein letztes Buch „Pentotal“ handelt vom schweren Autounfall seiner Jugend, den er knapp überlebte, ein Autounfall auf dem Weg in eine majorquinische Diskothek, dem über ein Jahr ins Krankenhaus folgte, mehrere Krankenhuser. Mit fast 50 Jahren Abstand schreibt er die Novelle seiner Heilung und gibt ihr als Titel den Namen des Schmerzmittels, das ihn monatelang begleitete, bis sein beinahe amputiertes Bein nach etlichen Operationen zusammenwuchs. Die präzise Beschreibung der Welt des Krankenhauses, die neue Wahrnehmung einer eingeengten Umgebung von Schwestern und Arztvisiten, der Radiosendungen, aber vor allem die eigenartige Indifferenz, die ein Patient unter Pentotal gegenüber der Welt empfindet – das kannte ich in ganz kleinem Maßstab. Dem Buch gelingt nicht nur die Beschreibung einer Zäsur sondern vor allem die Wahrnehmung von Sterblichkeit, vom Ende der Jugend, plötzlich und unwiderbringlich – besonders wenn der Freund am Steuer plötzlich für immer gegangen ist, für immer jung geblieben ist. Eric Neuhoff ist nun Mitglied der Academie Francaise.
Mein Unfall dagegen kam spät im Leben, zu einem Zeitpunkt, wenn die meisten Männer schon alles hinter sich haben. und ich wollte noch ein wenig Straße unter mir und meinen schnellen Reifen spüren, ein wenig Jugend fortsetzen. Die Schmerzmittel, also die harmlosen Ibuprofens, waren schon vor der Reha abgesetzt und es gab keine schlaflose Nacht deshalb. Das stärkere Mittel namens Talgin war zum Glück schon in der Klinik überflüssig. Zu Hause dann: Reizbarkeit, Allergie gegen kleinste Abweichungen, fast eine Zwangsstörung. Es war eine Krankenschwester, die für eine Woche in der Reha auftauchte, die mir die Symptome als Entzugserscheinungen bestätigte, wie auch die psychogene Wirkung – daher der beliebte Gebrauch von Talgin in der Praxis. Viel zu wenig Stoff für eine Novelle und das ist besser so.
Mir blieb nur die leise ziehende Erinnerung einer Narbe und unsichtbarer Muskeln, die ihr neues Gewebe um meine Prothese bilden. Wachstumsschmerzen sage ich mir dann und damit geht es dann schon besser. Auch ich habe keine Erinnerung an den Moment des Unfalls und das ist besser so. er ist von alleine verschwunden, er macht mir keine Angst.
Letzten Monat schon, noch im April wurden es drei Stunden auf dem Rad dann vier. Ich kann endlich wieder frei stehend eine Hose anziehen, auch wenn das manchmal alle Konzentration erforderte. Dieses Detail erwähnen, weil es sonst ganz schnell vergessen wird. Ein Detail, das die unvorstellbare Komplexität einfachtser Verrichtungen beschreibt. Es verschwindet, denn unser Gehirn gibt sich nicht mit Schwundstufen ab, es will mehr, es will den alten Körper zurück. Der alte Körper fordert seine Gewohnheitsrechte.
Der Körper muss zuerst aufs Rad, eine Sache für sich, eine Geschichte in drei Episoden. Am Anfang steht das Trekkingbike von Rabeneick. Aufrecht und entspannt, Daumenschalter, geht sofort. Wundervoll – die leichtesten Gänge schaffen jeden Berg. Und dann sind da die Rennräder. Als ich mich auf das rote setzte, probeweise, angelehnt, wunderte ich mich über die Länge. So gebeugt sitzen? Wie sollte das gehen? Ich liess es an seinem Platz.
Phase 2: ein Rad mit Schutzblech, keine Rahmenschalter, die Hände bleiben am Lenker, immer noch ein angenehmer alter Ledersattel. Dennoch hart. Drittes Kettenblatt, 28 Zähne für alle Fälle. Der wacklige Beginn. Immer an einer Treppe aufsteigen, ins Pedal einrasten. Das Fahren mit klickpedal ist ok. Nach zwei oder drei Fahrten ist die Position wieder da, die Ausdauer nicht.
Die Ausdauer kommt in kleinen, unmerklichen Schritten: über die kleinen, täglichen Fahrten, das mühsame erklimmen alter Wege, mal leichter, mal schwerer – aber regelmäßig. Mein Körper kennt all die Wege aus dem Tal, jeden Hügel auswendig, -unbarmherzig ist die Sprache der Ritzel. Dann wird das nächste Rad langsam fertig.
Das Konfettirad, ein Rahmen, der mir geschenkt wurde – kein Name, nur ein Aufkleber vom günstigsten Rohr, das Columbus 1991 für Rennräder anbot. Meine Größe, unterverchromt und diese eigenartigen Sprenkel, wie auf einem Vogelei, nur viel bunter. Die meisten Teile aus dem Fundus , Shimano 105. Der Radladen macht den frischen Steuersatz rein.
Das Rad ist fertig, es rollt tatsächlich wie in dem Traum, den ich gleich nach der OP davon hatte. 10komma 6 Kilogramm sind für Stahl völlig in Ordnung. Nach den Fahrten bildet sich über dem Saum meiner Socke eine deutliche Kante zur Wade. Immer noch Gewebeflüssigkeit – auch heute noch. Die Wade ist ganz dünn, das sehe ich erst jetzt. Mein Sohn empfiehlt Protein und Creatin, ich probiere mal. Protein finde ich auch im Quark, der schmeckt besser.
Es geschieht alles in drei Wochen, von Ende April bis Anfang Mai. Die Tagestrecken fallen immer leichter, ab und zu ein Ruhetag. Ich wähle das Gelbachtal, eine ruhige, ja ideale Strecke von über 20km, die ich nach den ersten Hügeln erreiche. Der Hinweg zur Lahn leicht bergab, der Rückweg dann leicht aufwärts. Gleichmäßigkeitsprüfung. Immer in einem Takt, kaum Gangwechsel. Erste längere Fahrt auf dem KonfettiRad. Im Wiegtritt versetzt das Hinterrad. Bremse etwas nachstellen, sonst nichts. Die Reifen von Panaracer rollen gut. In Weinähr esse ich, trinke und ruhe kurz, Fühle mich müde und möchte am Bach verweilen. Rückweg.
Zum Tal hinaus einen Anstieg. Meine Wahl – Heistenbach. 3 Kilometer, die ich immer auf dem dritten Ritzel geschafft habe. Grünes Seitental, Schatten von allen Seiten, ideal. Ich habe 50km hinter mir, der Einstieg vorsichtig, ganz gleichmäßig im Tritt. Nach einem Kilometer kurz Wiegetritt, wieder setzen, der Atem geht schwer, ich bin an der Grenze. Die Luft ist frisch und voller Sauerstoff, ich sauge sie tiefer und tiefer, bis der Schacht zu den Bronchien sich schmerzhaft öffnet. Einmal, zweimal, zehnmal. Nach zwei Kilometern huste ich fort, was der Atem befördert hat. Und dann ist die Lunge voll da, das Sauerstoffplus geht in die Muskeln, ich bin nicht geplatzt, das dritte Ritzel bleibt drauf. Sieg.
Eine Woche später auf derselben Strecke unterwegs, Dieselbe Sonne steht etwas höher, die Luft ist wärmer geworden, das Laub etwas dichter und dunkler. Espen blühen silbrig Gelbachtal und es sind mehr Motorräder unterwegs – noch nicht zu viele. Und Rennräder, die mir entgegenkommen.Ein Feiertag, Leben auf der Straße. Gerade ein Fahrer schnell und ohne Gruß an mir vorbei, den nutze ich jetzt als Tempomarke. Nicht aus dem Blick verlieren, denn nach dreihundert Metern hat er offenbar sein Tempo normalisiert. Ich folge mit stetem Tritt, entspannt – aber nicht zu sehr.
Kurz vor der Abzweigung auf die Lahntalstraße grüße ich dann freundlich. Er hat sein Pensum erledigt, meins ist noch lang, 60km . Es sollen die ersten Hundert werden.
Die Schleife endet in Bad Ems, ganz kurz der Blick hinauf Richtung Lahntalklinik, die sich hinter dem krausen Grün der alten Weinbergshänge verbirgt. Kein Bedauern, meine Heilung gelingt, die OP war gut, die Beine sind gleichlang geblieben. Mein Mitgefühl gilt allen, die bei diesem Wetter nicht aus dem Gebäude kommen. Die Krückenklinik. Die Routine, das Abendessen um 17h30, wenn man genug Vitamine bekommen wollte. Alle hatten Naschwerk auf dem Zimmer. HarryBrot in Tüten und dann Kurse über Vollkorn, frisches Obst, Fisch!
Rast in Nassau. Dort gibt es einen Aldi gleich am Wege. Auch er hat ein Sushi Sortiment, Quark und anderes dazu. Kein Löffel dabei? Kaufe eine große Blechvariante aus der ein Euro Schütte. One Way.
Der Rückweg derselbe wie in der Vorwoche – zum vergleichen. Das glückliche Tal des Gelbachs, Steilhjänge zu beiden Seiten, die mal weiter, mal enger an die Landstraße heranrücken. Hundertmal gefahren. Es hilft meine Kraft einzuteilen. Wie jetzt auf den Kilometern bis zur kleinen Steinbrücke vor dem Anstieg nach Heistenbach.
Wieder ist es eine Kraftprobe, aber anders. Ich muß nicht so tief gehen, doch oben bin ich platt. Noch einmal alles trinken und Zucker für die letzten Kilometer. Dann sind es hundert, bergab im Ausrollen. Geschafft, leer, zufrieden. Fünf Monate für hundert Kilometer.
Sobald die Entscheidung getroffen ist, gerät ein unsichtbarer Zug ins Rollen. Als erstes vergessen, daß man Herr über seinen Körper ist – das war, bevor der Rettungswagen kam. Mit einem Röntgenbild wird es klar wie eine Gleichung: hier ist der Oberschenkelhals, da ist der Bruch und da oben sieht man die Hüftkugel, wie sie in einer Art Doppelpfanne liegt. Sie haben Dysplasie – aber nur an einem Bein sagt ein Mann, der vermutlich aus Erythrea kommt. Stimmt, auf der anderen Seite ist alles schön rund und bündig. Und damit hat man seine Hüfte abgegeben. Nur eimal aufmachen und gleich alle Probleme lösen. -Sie sind auf die richtige Seite gefallen und Sie sind noch jung – das sind die letzten Worte des Erythreers in der Notaufnahme.
10 Tage später sind die Blutwerte dank der Transfusionen wieder in Ordnung. Die neue Hüfte mit ihrem Titanschaft ist drin, die 20cm lange Narbe an der Außenseite des Oberschenkels ist fast Linealgerade und wird von einer Kette kleiner Heftklammern zusammengehalten. Nur der Ausgang für die Wundflüssigkeit mußte nachgenäht werden. Die OP verlief glatt, ich schlief sehr gern ein und wachte 2h später mit einem wahnsinnigen Durst auf. Alle übrigen Irritationen legte eine Tablette Talgin täglich bei. Nach drei Tagen bekam ich Krücken von Bohländer Orthopädie mit weichen Stempeln und Silikonbeschichteten Griffen. Ich machte Meter um Meter, fast keine Etage des Erbacher Krankenhauses ließ ich aus. Es war eine schwebende Zeit. Ich sah fern ohne Ton, hörte Mendelssohn Streichquartette und unterhielt mich gern mit den Pflegern.
Genau sieben Wochen mußte der Titanschaft in meinen Oberschenkelknochen einwachsen, dann erst durfte ich das verletzte Bein wieder voll belasten und für drei Wochen eine Rehaklinik besuchen, in der Menschen ohne Krücken die absolute Ausnahme sind. In der zweiten Woche mache ich meine ersten Schritte ohne Gehhilfen – es war kein Vergnügen, aber es ging: einmal den Gang hinunter vor einem Spiegel. Anders das Ergometer.
Innerhalb der ersten Woche erreiche ich die maximale Pedallänge am Ergometer – ohne Nebenwirkungen. Das Hämatom bildet sich ganz spürbar zurück, weil mein Kreislauf erstmals wieder gefordert ist. Ein guter Zufall will, daß gleichzeitig die olympischen Winterspiele im Ergometerraum übertragen werden: Tagein, tagaus. Die Zeit auf einem Ergometer kann lang werden.
Noch länger währt das Gefühl der Ohnmacht, die Allgegenwart der Krücken, die umfallen, sobald man sie ablegt. Der Wunsch, eines morgens ganz normal aufstehen zu können und loszulaufen.Einen Monat danach sind es fast 12 Wochen nach dem Sturz und die Klinik ein ferner, blasser Schemen, der omnipräsente Geruch nach Desinfektionsmittel verflogen, die Übungen in den 7 Stockwerken des Treppenhauses vergangene Spiele. Stufen nehmen und dabei gleichzeitig das Einmaleins aufsagen, Automatismen wieder aneignen. Vorbei.
Zwölf Wochen, also Drei Monate fast auf den Tag. Der Winter ist vorbei, es ist ein schöner Nachmittag, die Sonne scheint, ich habe mein Rabeneick Tourenrad aufgepumpt. Vier Jahre nachdem ich es einem Trödler im Dorf abgekauft habe und nur den Weg bis zum Fahrradkeller damit gefahren bin. Dort in die dritte Reihe gestellt. Nicht mehr angerührt. Nun wird dieser Trekking-Hirsch mit seinen zwei Gepäckträgern die Premiere feiern. Mit drei Kettenblättern namens biopace kann nichts schiefgehen. Ich darf nur nicht stürzen. Vom Treppenabsatz fällt es leichter, das Bein über den gefederten Sattel zu heben.
Ich rolle. Ich fahre die Strecke, die meine Kinder auf ihren ersten Metern zurücklegten: einmal über den kleinen Parkplatz am Kindergarten entlang, am Ende wenden und wieder hinunterrollen. Am Gartentor vorbei bis ans Ende der Sackgasse, wenden, nicht absteigen und nochmal zum Kindergarten. Einmal schalten. Gesamtstrecke . 200 Meter . Es läuft! Wie absteigen?
Ich setze mit dem falschen Bein auf, der Schmerz ist jäh. Tief durchatmen, der Schmerz läßt nach. Nach einer Minute irgendwie das Bein über den Sattel heben. Zweimal ansetzen, dann geht es.
Zwei Tage später eine Runde durch die Felder, die ich in den ersten Tagen mit Skistöcken gewandert bin. Radfahren ist leichter und angenehmer als Wandern. Die Beine fühlen sich weich an. Zwei Tage später wiederholen. 3 Kilometer. Sehr gut geschlafen, 3 kilometer sind schon eine Menge. Auf einen Nachbarn um die Ecke treffen – er wird bald sein zweites Knie bekommen. Genetik und Fußball war sein Schicksal.Prothesenpaßleute bilden eine Gemeinschaft.
Eine Woche später, alternierend wandern und Radfahren. Immerhin schon bis zum Supermarkt. 50 Minuten wandern beim ersten, 45 Minuten beim zweiten mal. Und beim dritten wieder 5 Minuten schneller – die Kirchturmuhr aus dem Tal ist mein Zeitmesser. Mit dem Rad geht es schneller, vor allem den Hügel hinunter. An der Kuppe schmerzen nicht die Beine, sondern da Knie. Die Sehnen sind Beugung und Zug nicht mehr gewohnt. Die Narbe juckt ein wenig. Aber es geht. Das operierte Bein zieht von oben bis unten. Muskelkater, er übernacht nachläßt.
Dritte Woche jetzt. 20 Kilometer geschafft, 30 Kilometer geschafft, den großen Berg geschafft, 200 Höhenmeter: eine halbe Stunde hinauf statt 15 Minuten. Eine Ewigkeit (gefühlt), aber auch das alte Glücksgefühl, wieder eine Straße hinunterzurollen, schwerelos in den Frühling gleiten.
Abends dann die tiefe Kerbe bestaunen, die der Sockensaum an der Wade hinterläßt. Fast 4 Monate und das Gewebe heilt immer noch. Morgen setze ich mich wieder auf das Rabeneick, meinem ReHa Rad.
Es ist ein Trekking Rad mit perfekt funktionierender 3×7 Schaltung namens Exage Trail, einem dunkelgrünen Stahlrahmen aus Aelle Rohr und einem gewaltigen Lenker von 70cm Spannweite. Ich trete seine ersten Kettenblätter, ein Rad von1987 im Urzustand. Die Kettenblätter sind ovalisierte Biopace, man gewöhnt sich schnell an den überhöhten Totpunkt. Das Ding rollt auf 32mm Marathon-Reifen mit weißer Aufschrift, ganz wie bei gewissen US Ami – Musclecars. Sehr leicht und bestens geradeaus.
Dem Patienten geht es gut, danke. Er denkt jetzt wieder daran, sich auf ein Rennrad zu setzen. Es ist nur ein Gedanke aber er bringt einen nach vorn. Schritt für Schritt, Kilometer um Kilometer in den alten Körper zurück – oder das, was davon übrig ist. Erst die 50km Marke schaffen, vielleicht schon übermorgen.
Und jetzt sehe ich mir die Strecke des neuen Gießener 200km Brevets an, wie ein Blinder die Braille- Schrift abtastet, zeichne ich die Strecke nach und lasse vor meinem inneren Auge bekannte Passagen ablaufen. Memoiren aus einer fernen Galaxie, in der ich gestern noch unterwegs war.
„ in meinen Träumen gewinne ich immer noch Rennen…“
Laurent Fignon
Ein früher Frühlingstag, ganz überraschend. und so unvermittelt wie Krokusse am Mozartplatz taucht eine Handvoll Randonneure in dieser schönen Koblenzer Wohngegend auf. Sie begeben sich heute in den inneren Kreis der Canyon Bike . Der innere Kreis, das ist ein Gästehaus, in dem Firmengründer Roman Arnold die Summe seiner Sammlung und die Summe seiner Firmenhistorie präsentiert. Ein ganzes Haus, das der Geschichte des Rennrads gewidmet ist.
Wir genießen das Privileg einer privaten Führung, die Firmenkunden vorbehalten ist. Erst beim Betreten des zurückhaltend und hell renovierten Hauses wird dessen Bestimmung klar: in dieser Villa stehen und hängen sämtliche Stücke, die in der Firmenhistorie von Canyon wichtig waren. Dazu, auf mehrere Etagen verteilt Raritäten und Marksteine der Rennradhistorie seit 1945.
Roman Arnold ist ein Selfmademan. Ein Unternehmensgründer, der aus einem familiären Radladen eine Weltfirma macht. Ein kleiner Betrieb, dessen Keimzelle um das Jahr 1978 in der Rad WM am Nürburgring liegt. Als ehemaliger Amateurrennfahrer führt er das Uternehmen nach dem Tod seines Vaters fort und versorgt den lokalen Markt mit Teilen und Rädern. Aus einem Einzelhandel wird eine Handelsfirma, aus der Amateurkarriere wird ein Netzwerk innerhalb des Radsports, aus dem lokalen Laden ein wachsendes Unternehmen samt Großhandel. Und dann eine Weltfirma.
Nun stehen wir in der Küche der Villa versammelt, wo ein üppig mit wraps gefüllter Tisch auf die Radfahrer wartet, die heute morgen über hundert Kilometer bis hier zurücklegten. Hier erzählt Roman Arnold uns die Geschichte des Hauses, die Geschichte der Sammlung, die Geschichte der Firma Canyon.
Mit dem Mountainbikeboom der frühen 1990er fällt die Entscheidung zur Eigenmarke. Aus einem handelsunternehmen (das weiterhin besteht) wird ein hersteller. Canyon beginnt eigene Entwicklungen zu erproben und setzt auf neue Materialien.. Mit frühen Carbonkonstruktionen und zahlt man Lehrgeld. Aber Canyon setzt auf den neuen Werkstoff und beginnt auf eigene Kosten die Möglichkeiten und Varianten der Carbonfasertechnologie zu erforschen. Anders würde sich das leichteste Rennrad der Welt nicht bauen lassen.
Wir staunen ungläubig, als wir das mit dem Ingenieur und Tüftler Smolik erbaute Rad einhändig von der Wand nehmen und herumreichen. An jedem Teil Gewicht reduziert. Damit hatte man in der Industrie – und für die Kundschaft – eine benchmark gesetzt. Carbonfasertechnologie beherrschen und damit Wettbewerbsräder bauen ist das Eine, einen Markterfolg holt man sich als Testsieger in Fachzeitschriften über den Preis. Den preisvorteil erzielte Canyon mit der Entscheidung, alles auf online Vertrieb zu setzen. Vom Fachhändler zur online Marke. unternehmerisch ein gewagter Sprung, der nicht allen geglückt ist. Dank Zuverlässigkeit und Qualität gelang das, was man heute „Skalierung“ nennt. Die Reichweite wächst ohne zusätzlicher Vertriebskosten und damit der potentielle Marktanteil.
Dreißig Jahre später ist Canyon synonym für weltweit erfolgreiches Online Geschäft mit Rennrädern, einer breiten Produktpalette und Ausstattung mehrerer Profiteams. Ein blühendes Unternehmen, das sich nun mit einer Marktkrise konfrontiert sind, die man nach Corona nicht für möglich gehalten hätte. Alle Boomzyklen gehen zuende.
Warum macht Roman Arnold heute diese Führung? Nachdem er sich vor Jahren aus dem operativen Geschäft zurückzog, hätte er weitere Managementaufgaben eigentlich nicht nötig. Aber Canyon geht es gerade schlecht. Und Roman Arnold geht es nur gut, wenn es Canyon gut geht. Dieses Haus hier ist kein Museum, in dem Staub von Exponaten gewedelt wird. Es ist gewachsene, lebendige Erinnerung an Ideen und Produkte, die seine Marke groß gemacht haben, Misserfolge inbegriffen. Das Büro des Vaters, die Werkstatt der ersten Firma, die Traumküche der Mutter- alles ist Inspiratrion, wie wir an der Sonderausstellung über frühe Mountainbikes sehen. Nicht unbedingt der Erste, der eine Neuigkeit auf den Markt bringt schafft den Durchbruch, sondern der, der diese Idee zur Reife entwickelt und am besten vermarktet, wenn er Stückzahl und Qualität garantiert.
Und dann stehen wir vor den Rädern vorn Fausto Coppi und Eddy Merckx, den grünen Bianchis, auf die in Schreibschrift die Fahrernamen aufgepinselt sind, dem orangenen 73er Molteni Rad mit der Signatur des Meisters. Einzelstücke aus der Zeit, als legendäre Löter Einzelstücke im Auftrag fertigten.
Einen Raum weiter wird bei den Spezialkonstruktionen für Zeitfahren und Triathlon die ungeheure Dynamik sichtbar, die sie in den Fahrradbau brachten. Ein Jahrzehnt der Technologiesprünge, die ersten erfolgreichen Versuche aus Carbon und Aluminium, die Revolution von Aufliegern und Aerodynamik. Technologiesprünge der Fahrradindustrie, die gleichzeitig global wird..
All das hat Roman Arnold im Blick, wenn er darüber nachdenkt, welcher Schritt als Nächstes zu tun ist. Welcher Schritt Canyon als erfolgreichen Player aus der gegenwärtigen Krise des Radgeschäfts hervorgehen läss.
Bei Mountainbikes beklagt er die Überkomplexität der Produkte, bei den Rennrädern sorgt ihn deren Gleichförmigkeit: das Konzept Carbon plus Aero hat in den letzten Jahren verwechselbare Produkte hervorgebracht – ganz ähnlich, wie in den 1980ern. Es muss etwas anderes geschehen, als nur die Farbe der Saison anzubieten. Es gibt neue Wachstumsmärkte und die ewige Suche nach neuer Technologie.
Interessanterweise macht Roman Arnold dabei eine Feststellung, die mich an ein Interview erinnert, das neulich mit dem Geschäftsführer der Leica geführt wurde. Nicht nur komme neben der Fertigung die Innovation aus China, auch der Markt dort sei erheblich wichtiger geworden als der gute alte Heimatmarkt. Für Leica macht Deutschland nur für 10% des Weltumsatzes, die eigentliche Nachfrage komme aus Fernost und den USA – wo im übrigen die Preisfrage kaum oder nicht gestellt würde. An wichtigsten aber sei der Ort, an dem Innovation stattfinde – da entscheide sich die Zukunft einer Marke. Für Leica genau wie für Canyon ist dieser Ort China.
Als wir in der nachgebildeten Werkstatt der alten Firma Radsport Arnold stehen – neben Tour de France Memorabilia, dem Campagnolo Werkzeugkoffer und exklusiv importierten Somec Rädern – kommt die Rede auf alte und neue Partner, die Bürde alter Tradition und großer Namen, Vergangenheit und Zukunft einst mythischer Firmen – auch als mahnendes Beispiel.
Imer weider deutet Roman Arnold Dinge an, die ihn beschäftigen. An jeder Station der guided tour werden neue Fragen gestellt neue Antworten gesucht. Ich glaube, etwas herauszuhören.
Für Roman Arnold ist ein Rennrad nicht nur die große Möglichkeit individueller Freiheit, vor allem ist er im Herzen Rennfahrer geblieben. Was er mit seinem Sportgerät anstrebt, ist Verbesserung der performance. Immer wieder spricht er von Elektronik am Rennrad, von Wattmessern und neuen Möglichkeiten, diese (eigentlich) peripheren Dinge zu integrieren.
Da fallen mir Profis bei der Zielankunft ein: egal, wie erschöpft sie eintrudeln, noch bevor sie zur Wasserflasche des Betreuers greifen blicken sie immer als erstes und automatisch auf ihr Display, das sie abschalten, nachdem die Ziellinie überquert ist. Daten und Elektronik in Echtzeit sind integraler Teil des Sports. Diese automatische Geste ist es, die ich plötzlich anders und besser verstehe.
Ein Rennsportler denkt immer zuerst an seine performance– bewußt oder unbewußt. Der Blick aufs Display ist längst zur professionellen Geste geworden – das Rennrad ist auch ein Desktop geworden. Gleich auf welchem sportlichen Niveau: für jeden Kunden ist der Rennfahrer und sein Material der Maßstab. Deshalb ist genau das Rennrad begehrt, mit dem ein Profi siegt, darum wird die Ausstattung nachgefragt, die von Profis verwendet wird. Doch das wirksamste Argument für ein Rad hat wenig mit dem Rad selbst zu tun: es ist der Sieger. Pogacar auf einem Canyon würde der Marke nicht nur den ersehnten Tour de France Sieg ermöglichen, er würde auch den Absatz explodieren lassen.
Als ich vorsichtig frage, um wieviel ein Pogacar auf Canyon den Umsatz weltweit erhöhe: 10, oder 30 % ? meint Arnold nur kurz: das Rad eines Toursiegers vertausendfacht dessen Umsatz, wenn nicht mehr. Und dieser Traum, das wurde mir plötzlich klar, vor allem diesen Traum wahr zu machen treibt Roman Arnold an, seine eigene Marke, sein Lebenswerk voranzubringen. The winner takes it all.
Eigentlich sieht man nichts. Man weiß auch nichts mehr. Nachher. Auch am Rad sind die Spuren gering, sehr gering. Es war der Nikolaustag, an dem ich eine rostige Kette, die jemand heimtückisch über den Feldweg gespannt hatte erst aus 2 Metern als solche erkannte.
Am Helm aber kann iches erkennen: der Aufprall muß hart gewesen sein, und daß es nicht schlimmer ausging, habe ich diesem Stück Hartschaum zu verdanken. N-1. Keine Kopfschmerzen, kein Schleudertrauma – aber auch keine Erinnerung. Dafür hat es die Hüfte erwischt – 2 Tage später wurde das Gelenk ersetzt.
Morgen, etwas maher als 7 Wochen nach dem Sturz ist das Hämatom so weit abgeschwollen, daß ich mit der ReHa beginnen kann. Dort stehen die besten Ergometer der Welt.
Im Jahreslauf sind gewisse Tage wie Schwellen zu neuen Räumen. Die Schwelle zum Herbst lag in der Oktobermitte beim Zeitfahren Hamburg – Berlin. Dieses letzte Brevet über 200km von Gießen nach Winterberg und zurück, mitten im November, wird genau auf der Schwelle zum ersten Frost liegen
8:00 h
Aber das wissen die 40 oder 50 Teilnehmer nicht, die sich gegen 8h aufmachen, eine Schleife durch die Fachwerklandschaft von Mittelerde zu drehen. Sie wissen nur, daß der Winter weiter oben, nördlich von Hessen als Kaltfront wartet, die sich doch mehr Zeit gelassen hat, als die Wettermodelle der vereinten Wettersatelliten ihr zugestehen wollten. Besser so für alle, die gelich losfahren.
Und in Schmallenberg, bei der halben Kilometerzahl ist es Gewißheit: Regenjacken und Überschuhe können in den Staufächern bleiben, in den vielen lustigen Taschenformaten, die sich Randonneure an den Rahmen schnallen: mal als tütenartige Fortsätze, mal Rahmendreiecksfüller, Tetraeder oder andere Polyeder, die man an den massiven Rohre fixiert, aus denen Räder des 21ten Jahrhunderts gemacht sind. An meinem Krautscheid ist es heute nur eine 3Liter Hecktasche, wasserdicht mit Reflektoren.
13:15 – Tagesmitte
Schmallenberg, eine robuste kleine Stadt im Kern des Sauerlandes. Die Häuser stehen an den Straßen Spalier, sauberes, schwarzweißes Fachwerk sorgt für eine strenge Erscheinung. Dazwischen ist ein wenig Sonne zu sehen. Gerade noch kamen wir schräg über die Ostflanke des Rothaargebirges, in stetem Tritt hinauf. Mit einem grasgrünen Krautscheid aus Bochum und einem azurblauen Fleck aus Mannheim folgten wird den Wasserläufen von Eder, Wetschaft, Linspherbach und Nuhne flußaufwärts. Über Stunden ging es kaum merklich – aber auf Dauer spürbar hinauf. Und nun sind wir irgendwo unter dem Astenberg, der Kulmoination des Sauerlandes.
Im Ortsteil Fleckenberg die Kuchentheke des kleinen Bäckers.Vorbestellte Kastenbrote liegen zur Abholung bereit, Brötchen werden auf Wunsch belegt – der junge Mann hat alle Hände voll zu tun. Vor uns eine bunte Palette an Kuchenstücken, in einer kleinen Schachtel neben der Eingangstüre liegen Süßigkeiten zum Supermarktpreis. Daraus für die Zieleinfahrt (oder ein plötzliches Formtief) eine Rolle Weingummi. Ein Vorfahrer hat eine kleine Geltüte mit kyrillischer Schrift liegen lassen – mit dem Translator entziffern wir es als Stoffwechselverbesserer aus der Ukraine.
Es herrscht ein Kommen und Gehen von Radfahrern, die sich unter die lokale Bevölkerung und holländische Wanderer mischen. Im Nebenraum dann Tische, dort die erste Halbzeit mit Körnerbrötchen, Donauwelle und Apfelkuchen sacken lassen. Km 112. Gleich beginnt die Rückreise.
Wie wir herkamen.
10:00
Mittelhessens Dörfer ziehen verschlafen vorüber, der Verkehr nutzt die großen Bögen der Umgehungsstraßen, wir überwinden Baustellen in Samstagsruhe. Nur in Dagobertshausen leuchten plötzlich Girlanden und dekorierte Bäume wie im Architekturmagazin. Eine überrestaurierte Reitanlage mit großen Fachwerkgebäuden und 200 PKW Parkplatz wird ein überpolierter Weihnachtsmarkt aufgebaut, während hinter den verwitterten Schindeln der umliegenden Häuser kaum Licht vordringt.
In meinem Kopf schwingt ein Dvorak Volkstanz vom Streichquartett Nummer 9. Irgendwo hupt ein Auto, das nicht schnell genug durch den Kreisverkehr kommt. Eine Kleinstadt alten Schlags. Spielwaren. Alles fürs Kind. Ihr Spezialist für Polstermöbel und Teppiche, Elektrofachgeschäft. Rundfunk und Fernsehen. Drogerieartikel. Haushaltswaren. Fleischer. Metzgerei. Bäcker. Jalousien und Messingknauf an der Tür. Aufzählungen einer verblassenden Welt, Wetter, Nordhessen.
Auf die Wellen des Lahntals folgt die lange, sanfte Frankenberger Mulde. Wir verlassen sie unter einem neuen Brückenbauwerk, das seinen plumpen Betonfuß über die alte Landstraße hinwegsetzt. Solide Pendlerstrecke. Allmählich hebt unsere Allee in langen Bögen an, wird dann steiler, am schützenden Waldhang, hinter dem Bach links das freie Feld. Spärlicher Verkehr auf diesem Nebengleis, wir können bequem nebeneinander fahren und uns ungestört unterhalten.
Darauf Battenberg (Mountbatten – da kommen sie also her) – eine stille Bahntrasse, parallel zur großen Straße. Noch sind die Fachwerke zinnoberrot, braun oder graublau, hinter der nächsten Kuppe endet Hessen.
Wieder eine kleine Waschbetonsäule am Straßenrand, auf der hellbunt ein Mosaikwappen den Kreis Brilon anzeigt. Es ist der Beginn einer Welt, in der plötzlich alle Häuser bewohnt, Läden wieder beleuchtet sind, Menschen über die Straße laufen, das Leben seinen feierlichen, kleinstädtischen Gang eines Samstags geht. Und das Fachwerk ist schwarz. Hier also beginnt das Reich des Paderborner Bischofs.
Eigentlich fehlt nur die Dampflok auf dem Viadukt, dann wäre alles wieder so, wie es sein soll. Nur war es eben nie so, Dampflok mit Wattebauschrauch nur auf Postkarten und in Kinderzimmern. Nun sind wir auf der Trasse unterwegs, die konfessionsübergreifend Landkreise verindet. Das Reich des mächtigen Paderborner Bischofs beginnt. Der Himmel bleibt frei, die Wolkendecke weit über 1000Metern, wir können die kahlgerodeten Kuppen der Sauerländer Fichtenwälder genau sehen. Es war der Borkenkäfer. Die Lerchen leuchten kräftig zwischen echten Edeltannen, dem Baum unserer Märchen. Allmählich zeichnet sich der Höhenzug ab, der uns seit Stunden erwartet.
12:07
Winterberg erreicht. Eine Sauerländische Dorfstraße (hierzu: Schmallenberg), die zu einem Shopping-Village konvertiert ist. Wird kommentarlos passiert. Die Fernsicht kompensiert den Disneycharakter, der in holländischen Besuchern, die alle das Maasmechelen Village kennen, durchweg Heimatgefühle erzeugt. Daneben Wintersportgestelle in der grünen Natur. Schöner und unverstellt wird es erst wieder in den Tälern, deren Dörfer kaum wachsen können. Der Hunger meldet sich schon länger. Riecht es vielleicht irgendwo nach Krustenbraten? Auch der gut erschlossene Ort Oberkirchen mit seinem prächtigen Gasthof Schütte/ https://www.hotel-schuette.de/restaurant/ hat keinen eigenen Metzger mehr… „schon lange nicht!“, rufen mir Einheimische zu, als ich suchend kreise. zurück auf den Track und weiter bis zur Kontrolle. 110km auf einem Marzipanbrot schmachten, das geht auch.
Und dann ist man da, holt den Stempel und die Kalorien. Halbzeit
13:59
Jagdhaus. Der Ansteig auf den Rothaarkamm hat seinen quäldich Eintrag verdient. Vor allem, wenn man mit vollem Magen in wiederholte 12% Rampen geht, erinnert man sich gern an die vollbrachte Befahrung. Sich an einem Baum in alle Richtungen dehnen, nochmal nach Norden übers Sauerland blicken, in der Ferne der Fernsehturm hinter Meschede: von dort sieht man in die Soester Börde.
Um uns stehen vereinzelt ungefällte Opfer der großen Käferplage. In Stufen und Wellen geht es nun südwärts ganz allmählich über 50 km bergab. Ein wogendes Auf- und Ab. Im Tal bei Aue hat jetzt Schieferdeckung das Fachwerk abgelöst – Häuser in Siegerländer Tracht. Das Wittgensteiner Land hat kontinentales Klima – Minus 20 grad sind in den Tälern keine Ausnahme, es gibt Frostnächte im Juni. Schindeln halten dicht, Holz hält warm.
Unser Wittgensteiner Land heute dagegen fast sommerlich. Dire späte, schräge Sonne im November wärmt nach den Abfahrten, macht Bäche an unserer Seite glitzern und läßt die Geleise einer kleinen Bahnlinie parallel blitzen. In den Tälern fliessen sie zusammen, die Erzeugnisse von Waldhängen, Steinbrüchen und Bergwerksstollen. Für uns wartet hinter diesem Tal das Nächste und das Übernächste, die Kalorien der Schmallenberger Theke werden gebraucht.
800, 700, 600m: Gipfeltreppe. In der Ferne profiliert sich am Horizont vor Erndtebrück ein großes Biomasseheizkraftwerk, aus dem blitzenden Edelstahlrohr steigt weisser Rauch in den Himmel. Wir schwingen uns noch einmal in die Höhe – wieder der weite Blick zurück.
Schmallenberg ist hinter den Hügeln verschwunden, die Bäume rücken in der Abfahrt näher, weg ist auch die Sonne. Hier sind die großen Reviere, das Reich des Wilds.
16:00
Mächtige und bunte Wälder geben uns nach einer ganz langen, tiefen Abfahrt in Bad Laasphe frei.
Jetzt kehrt es wieder, dieses Morgen-Gefühl von Brüchigkeit, Auflösung und Verlassenheit. Aufgelassen nennen es die Österreicher. Lange Hauptstraßen, Leerstand, Umnutzung und geflickter Teer, der zum Slalom zwingt: das obere Lahntal. Mein Freund auf einem Rad vom Fleck, Mannheim, kam schon vor 30 Jahren hier entlang. Da waren überall noch kleine Metallverarbeiter, Blechformer, Gießereien. Sie sind verschwunden.
Am Ortsende erkennt er ein leerstehendes Lager – vor 10 Jahren, als ein sonniger 600er mich daran vorbeiführte, stand schon eine Mobilfunknummer dran – ein altes Zentrallager der Aldi Märkte. Nach Biedenkopf finden wir einer Parallelstrecke hinaus aus dem Lahntal, hinauf an einer alten Kurklinik (sehr moosig) vorbei, dann durch die Felder, sehr schön sind die diversen Gewerbeimmobilien Biedenkopfs zu sehen. Dann nimmt mählich das Licht ab auf der befahrenen Landstraße.
17:00
Die Nacht bricht langsam an. An einer Bushalte die versprochene Zigarettenpause (2 Camel). Irgendwo in einem Dorf bei Gladenbach. Autos viele, dafür kein Bus – ausser uns wartet auch niemand. Samstag, Einkaufstag. Ein Auto kommt heim, der Bewegungsmelder leuchtet auf, verlischt, der Flachbildschirm taucht ein Zimmer in seine OLED Plasmawolke.
Noch 30 km , eine satte Stunde bis zur Star Tankstelle in Gießen. Die Lichter sind an. Morgen beginnt der Winter an und wir wissen es noch nicht.
Friedrich Beigbeder ist mein Altersgenosse, ein Boomer wie ich. Wir sind Zeitgenossen im Epochenwandel, stehen vor ähnlichen Fragen (Drogen ausgenommen) und haben /vage/ biographische Schnittpunkte. Eine gute Grundlage, sich mit ihm zu befassen.
Als Schriftsteller wurde Beigbeder vor mehr als 25 jahren schlagartig bekannt. Damals, mitten in die Hochphase der deutschen Popliteratur landete er mit einem unterhaltsamen, zynischen, frivolen und selbstmitleidigen Schlüsselroman 99Francs einen aufsehenerregenden Coup. Sein 20 tes jahrhundert der Libertins spielt nicht in Salons, sondern in der Welt der Werbeagenturen. In Frankreich führte dieser Erfolg zu seiner Entlassung aus der Firma, man kann sie als Young and Rubicam verorten . Es hat den Roman nicht gehindert, ein internationaler Erfolg zu werden (was Beigbeder den Abschied erleichterte) und ihm die Karriere als Schriftsteller ermöglicht. Seinerzeit, als Kreativdirektoren wie Stars gefeiert wurden, schien es nicht der beste Karriereschritt, heute aus der Distanz von 25 Jahren schon. Die Halbwertszeit ienes Schriftstellers ist immer noch etwas höher , als jene des Kreativdirektors.
Das Buch widmete er einem damaligen Halbgott am Olymp der Werbung, dem preisüberhäuften Bruno Le Moult, Creative Director. Le Moults Schicksal glich dem aller Produkte seiner Branche – eine tragische Kurzlebigkeit. Nach der Kampagne ist vor der Kampagne. Die Bruno LeMoult Kampagne endete mit 46 Jahren: 1997 stirbt er an Herzversagen beim Schwimmen. Ein Stoff, der zum Herzversagen führt – Kokain – ist ein zentrales Requisit von 99F. Diese damals recht glamouröse Kreativdroge hat sich inzwischen stark proletarisiert.
Noch ein Nachsatz zu LeMoult, dem Sohn eines Schmetterlingsforschers. Neben dem Roman, dem ihm sein Ex- Mitarbeiter Beigebeider widmet, schuf Freund und Designer Philippe Starck ein Denkmal für Bruno Le Moult– sein Haus an der Seine. Alles in allem ein Gegenteil vom leicht angeschimmelten, falschen Baskenmützen und Baguette Frankreich, das immer noch durch Serienkrimis geistert.
Mit diesem Exkurs ans Ende des vergangenen Jahrtausends habe ich vielleicht zu einem revival angestossen, über das Friedrich Beigbeder leise in seinen allmählich ergrauenden Bart lachen dürfte. Beigbeder hat nicht nur das Kokain und die Werbeagenturen überlebt, sondern als autofiktionaler Zeitgenosse ein mittlerweile beachtliches Werk geschaffen, statt als one book Autor und Ex- Popliterat zu enden.
Ob als Marc Marronier oder Octave Parengo, anfangs nervten die blasierten, leicht selbstmitleidigen alter egoi des Schriftstellers. Aber irgendetwas war dann doch in jedem Buch so gut, daß man es durchaus nochmal in die Hand nimmt. Guter Stil, schnelle Übergänge, die routinierten Punchlines des ex Werbetexters: die Defekte einer überkonsumistischen Gesellschaft in ihrer Auswegslosigkeit fasst er für seine Generation lustvoll zusammen. Heute, 2025, kann die Nachwelt jene letzte belle époque des alten, narzisstischen Europas im Vergnügnungsrausch besichtigen.
Als gescheiterter Ehemann, als Modelscout in der neuen Sovjetrepublik, als untreuer Romantiker und Egozentriker auf der natürlich völlig aussichtslosen Liebe seines Lebens (es gibt zu viele schöne Frauen), hätte Beigbeder ein verlebter Roué eines ancien régime werden können, der irgendwann beginnt, sich selbst zu parodieren und sagt: wer diese Zeit nicht erlebt hat, weiß nicht, wie süß das Leben ist. (Mindestens) drei Bücher haben das verhindert: Windows on the world, „Un roman francais“ und die 2024 erschienene Biofiktion über den Vater – „Un homme seul“.
In diesen drei Büchern verlässt er die Autoperspektive – er steigt durch den Spiegel, streift das hedonistische setting unglücklicher Erfolgsegoisten ab und blickt auf eine französische Kindheit. Seine Kindheit und seine Familie. Beigbeder schließt die Tür koksstaubender Toiletten von Edelhotels und Nachtclubs und taucht auf den Grund seines Lebens. Es ist nicht die Abrechnung des Kindes aus gutem Hause mit seiner Herkunft, nicht die Bloßstellung intrafamiliärer Neurosen und Grausamkeiten. Es ist der verblüffte Blick eines Erwachsenen auf das Kind, das er einmal war und die Menschen, die sein Leben formten.
Was wir dabei ganz beiläufig bekommen, ist die kleine Sittengeschichte eines spezifisch französischen Bürgertums, ganz ohne die klassenanalytische Bitterkeit einer Annie Ernaux. Beigbeder wirft seinen Eltern nicht vor, als untaugliche Produkte einer privilegierten Elite in ihrer Ehe zu scheitern. Er würde nie den Genuss seiner Privilegien leugnen – weiß gleichzeitig zu gut um deren korrumpierende Macht. Anders als viele schriftstellerische Renegaten der Großbürgerlichkeit, sieht er siene Großeltern und Eltern als Figuren, die in ihrer Zeit nach deren Normen leben und handeln. Es sind weder Täter noch Opfer, am Ende Beides.
Dank der kontrastierenden Distanz, die Epochen nach ihrem Untergang erzeugen – und das 20te Jahrhundert ist eine vergangene Zeit, begreifen wir die Motive und messen die Entwicklung. Seine Großeltern: das alte Frankreich, seine Eltern: der Aufstand der Wohlstandsbürgerkinder in den 1960ern. Er selbst: der juvenile Hedonist der 1990er. Man spürt in Beigbeder das Kind, das seinen Eltern (für immer) mit Respekt und Liebe begegnet – ausgerechnet der vergnügungssüchtige Hedonist schützt seine Familie: das ist für das Thema und den Leser ein Gewinn, für die Altersgenossen doppelt, weil sich viele Parallelen auftun.
Am stärksten wird dies in „un homme seul“ deutlich, in dem er einen Vater entdeckt, den er eigentlich nicht kannte. Nicht nur erfährt sein Sohn einiges über eine drakonische Klostererziehung, die parentale Distanz, sondern entdeckt auch den Mut seiner Mutter, diesen weltläufigen Geschäftsmann samt seiner Affären und Trophygirls zu verlassen. Er fällt damit kein neues Urteil, sein Blick klart auf. Wen Beigbeder jetzt, nach Drogen, Affären, Scheidung, enfant terrible Phase entdeckt, ist ein unbekannter Vater mit zwei Pässen. Er kennt nur den völlig vereinsamten, parkinsonkranken Headhunter, der ein Leben mit allen Attributen James Bonds führte und von seinen Kindern verehrt wurde. Er erinnert die Urlaube an exotischen Stränden mit wechselnden, jungen Schönheiten an seiner Seite. Er findet sein eigenes Lebensmuster im Vater wieder. Verblüfft macht er sich auf die Spur einer Harvard Vergangenheit, taucht in die extrem diskrete Sphäre der Neubesetzung von Konzernspitzen und wäscht ihm, dem Vater, am Ende die Haare. Er hinterließ ein Vermögen von 73 Euro.
Dieser Vater ist die gleiche fiktionale Hauptperson, die mit begeisterten Scheidungssöhnen am 11. September das Toprestaurant des World Trade Center „ Windows on the World“ besucht. Dieser Roman Beigbeders liest sich so viel besser, wenn man die Fragmente der Familiengeschichte zusammenführt. In Windows on the World wird nicht nur ein Familiendrama mit einer Katastrophe verknüpft. Am 11. September wird eine Weltordnung herausgefordert, die nichts anderes als das gesamte Erfolgsmodell des Vaters ist – und es ist untergegangen. Die Kamikaze-Angriffe auf die Zwillingstürme sind die Perforation des Allmachtanspruchs eines Lebensstils, der mehr als ein Traum des Jean Michel Beigbeder war – es war der Fetisch einer Generation. Genau das hat Frederic Beigbeder gespürt.
November: der Monat, in dem readymade Grabgestecke und kleine rote Lichter verkauft werden. Grau und rot. Monat, an dem es schonmal tagelang nieselt und die Wolkendecke auf 300Metern eine feste, undurchdringliche Suppenhaut bildet. Aber Bäume und Sträucher im November: sie leuchten alle.
Grau ist die Farbe des Betons, gegen den mein grünes Rad anleuchtet. Der Sattel ist nachgefettet, die Konen frisch gewartet. Alles gegen die heimtückische Kriechnässe. Das Krautscheid rollt eingeölt in die nächste Wintersaison und der Beton wartet stumm seit Anfang September auf seine Verwendung, so sagt es das kleine weiße Schild . Ein Haufen Minecraft Klötze wartet auf seine Spieler.
Wir kurbeln die sanfte Lahn entlang, nachdem die Wolkendecke uns aus den Hügeln freigelassen hat. Hier im Tal lösche ich das rote Leuchtfeuer, mit dem ich Automobile vor mir warne. Meilen machen, die mir in den letzten Wochen fehlen, es geht auf das letzte 200erBrevet des Jahres zu. Unter der dichten, neongelben Überhaut gewöhnt sich der Körper an die Temperaturen um die Null, Wandersocken aus Wolle schützen vor beidem, Kälte wie Nässe. Das wichtigste in der Wintersaison ist, körpereigene Wärme zu speichern,
Gießen als Wendepunkt. In den Auslagen des Antiquars und Plattenladen steht der graumelierte Ex-Waver an der Theke und scrollt auf dem Bildschirm. Potentielle Kunden scannen mit ihren Apps Ein–Euro Bücher aus den Auslagen. Sie gleichen Tageskurs des online –Antiquariats ab, dem sie dann wiederum (potentiell) Bücher anbieten. Das Trödlervolk als Broker: nie weiss man, welcher Microhype einen vergessenen Autor für ein zwei Tage an die Oberfläche spült -schon steigt der Kurs. Buchhandel als Abwärtsspirale.
Inzwischen sind wohl auch die verpönten Klassik CDs gescannt, die hier waschkorbweise am Boden stehen. Es finden sich nur noch Einspielungen, die schon bei Aufnahme als Budgetware produziert wurden. Ein digitales Aufnahmegerät, eine mittleuropäische Kappelle – fertig ist die Beethoven Symphonie.
Der Verkäufer zuckt auf, als die Ladentüre sich bewegt. Eindlich ein Kunde – ich verschwinde.
Der November als Exitstrategie, ein Lidl Vorraum als Kaffeehaus, das Marzipan-Trauben–Nußbrot als Sachertorte. Im Süden liegt Wetzlar.
Die Altstadt ist gut renoviert, zwischen ochsenblutotem Fachwerk flanieren kleine Gruppen über frisch gesandetes Pflaster, eine davon hat eine Stadtführung gebucht. Ich frage kurz den Stadtführer, wo die sagenumwobene Leica-Welt liegt; – ein Radwegweiser eben: noch 2,4km. – Immer nach oben, zum Spilberg hinauf. Nach dem Fachwerk die Bürgerhäuser, dahinter die Zone.
Leitz Wetzlar muss man nicht vorstellen – ein Name von Weltruf. Das ehemalige Familienunternehmen gründete sich in dieser Stadt vor über hundert Jahren, als optische Geräte industrielle Spitzenprodukte wurden, seine große Stunde schlug mit der Erfindung einer kleinen, leicht transportablen „Leica“ Photocamera, die Kinofilm nutzte. Damals, (ca 1923) war das ein lachhaft kleines Filmformat, auf das die Lichtbildner jener Zeit kopfschüttlend herabschauten. Wie wollte man aus so winzigen Negativen vollwertige Photographien machen? Sagte man das nicht auch, als die ersten smartphones zum Fotografieren benutzt wurden? Revolutionen beginnen im Kleinen und enden als Denkmäler.
Inzwischen haben unsere elektronischen Bilderstürme einiges durcheinandergewirbelt. Die globale Welt macht immer mehr Bilder auf immer mehr Geräten denn je – in schier unglaublicher Qualität. Die Firma Leitz, die nach ihrem Erfolgsprodukt inzwischen Leica heißt, hat es in den vergangenen Jahren geschafft (ohne ein ausgewiesenes Elektronikunternehmen zu sein), den Spagat zwischen Tradition und Digitalität zu überleben.
Da ist die dünne Luft der Luxusnische „klassische Fotofilmkamera“ – dort aber muß die Kompetenz der Firma auf kleine optische Hochleistungssysteme für Massenware des digitalen Zeitalters übertragen werden. Es gelang !- mit der photojournalistischen Tradition im Rücken behaupteten sich Leicas als Luxusprodukte für besonders kreative Anwender – oder solche die noch etwas kreativer werden wollten. Aus den Überschüssen der weltweiten Kreativität (und der erfolgreichen Entwicklung von D – Optiken) finanzierte die AG ihr eigenes Monument: die Bauten der Leica Welt. Leider geben die ersten 5 Seiten einer Suchmaschine dazu nur die (üblichen) Lobgesänge, Tourismusempfehlungen und vorgefertigte Artikel der lokalen Presse her.
Dort oben, ganz am Ende der Stadt, weit draußen auf einem Zubringer, da also liegt diese Welt der Kreativität, in der so viele Ausstellungen und Produktpräsentationen stattfinden. Irgendwo hinter dem Friedhof, der alten Garnison am Spilberg, den Mietskasernen der Nachkriegszeit und neuen Gewerbearealen in Klötzen auf der grünen Wiese. Ich folge der breiten Ausfallstraße, die gleich zweimal mit 11% schildern warnt. Der Weg zum Gipfel ist steil!
Ich bin nur ein oberflchlicher Besucher an einem grauen Novembertag, der sich ein paar Höhenmeter mehr erstrampelt. Eine Kamera will ich nicht kaufen, keine Ausstellung besuchen, auch keine Café, nein Danke – nur die neue Welt entdecken. Und diese neue Welt ist nicht nur im November grau.
Die Sichtbetonfronten auf den letzten Metern ließen es ahnen, die graue Weltkugel auf dem Kreisverehr deutet es an: hier wurde nicht gekleckert.
Die Leica Welt ist eine Ansammlung simpler geometrischer Grundkörper, von einer nahezu vegatationsfreien Fläche aus Betonplatten eingefasst. Eine handvoll Bäume verstecken sich in Randlage, eine kleine Straße teilt die Welt der Leica AG in zwei Hälften. Rechterhand ein flaches Rondell, aus dem im Frühjahr Wasserspiele sprudeln. Eingerahmt von vergilbtem Pampagras. Links geht es zu Baukörpern, vor denen eine hausbackene Spiegelskulptur Reflexe erzeugt. Kann sein, daß ich mich hier im kostbarsten Spiegel auf unserem Globus reflektiere. Liegt es am November? Kaum Leichtigkeit, nichts Beschwingtes, häufig dagegen eine Formensprache, die man gern als funktional bezeichnet. Leider ist sie vor allem eintönig und öde.
Es gibt Schulkomplexe, die anmutiger sind. Fensternischen in Reihe sind keine lächelnden Grüße, irgendetwas erinnert mich an den Fehrbelliner Platz. Inmitten der betonierten Leere blickt ein riesiger Flamingo von einem Werbegerüst, neben ihm zwei schlanke junge Frauen in Modelhaltung. Da ist sie endlich, die Kreativität, die vom Markenkern versprüht wird wie von einer Wunderkerze. Fragt sich nur, wie Phantasie und Kreativität in dieser streng geordneten Bunkerlandschaft gedeihen.
Auf der Gegenseite ein weiterer Rundbau, die Abstufung des zylindrischen Körpers (jetzt hab ichs: Objektivkörper sollen das sein! ) ist plump und unbeholfen. Markenidentität! Ein raffinierter Gedanke, nur fehlt ihm die ansprechende Ausführung. Die Engelsburg in Rom hätte dem gelernten Baumeister schnell verraten, wie solche Baukörper nicht nur groß sondern auch großartig wirken. Kaiser Hadrian winkt von Ferne ab.
Wollte Leica sich mit der Leica Welt gleich das eigene Mausoleum schaffen? Auf Vorrat? Ein Gedanke der sich aufdrängt, als ich den Grabstein entdecke. Diese Skulptur von 8 Tonnen aus importierten Marmorsorten (auch die Lahn ist reich an Marmor!), dürfte das Gefüge der umstehenden Betonklötze überdauern – Marmor ist mehrere hundert Millionen Jahre alt. Wenn dann alle Betonklötze zu Staub und das Glas zum Sand neuer Gestade zerfallen ist, wird man immer noch die getreue Rekonstruktion der Gravuren erkennen . . . .
Mögen andere sich darüber den Kopf zerbrechen – ich habe verstanden und ziehe weiter.
Dies ist – für alle, die nach 1999 geboren sind – eine Telefonzelle. Sie steht in Kreuzberg, gleich am U -Bahnhof Südstern. Nicht nur Telekommunikation hat sich in den Jahren seither stark verändert.
Es ist ein milder Abend mitten im Oktober, die Sonne sinkt um 18h langsam tiefer, gerade bin ich via Potsdamer Platz vom Wedding zum Südstern gehottet. Es sind schon einige Räder mehr unterwegs, nur die bunten, schnellen Radkuriere auf improvisierten Rennmaschinen scheinen aus dem Straßenbild verschwunden. Die Punks von 1990 sind in Rente. Ihre Kinder schwärmen durch den Abend.
Das Merckx hatte keine Mühe, durch den doch erträglichen Verkehrsstrom einer Weltstadt zu gleiten. Das Brandenburger Tor ist von Touristen umstanden, die auf einen letzten Sonnenstrahl warten, der den immer noch frischen Sandstein leuchten lässt; gleich darauf beginnt der etwas holprige Weg an der Dauerbaustelle Potsdamer Platz entlang – es fällt auf, daß ein Radweg nicht allzuvielen Radfahrern Platz bietet. Auf der Straße bleiben, der Potsdamer Platz ist ein Nadelöhrgeworden.
Alles lichtet sich auf dem Weg nach Süden, viele nehmen die Radautobahn über den Gleisdreieckpark. Wir dagegen vorbei an Gropiusbau, HaNeuTheater und auf den riskanten Mehringdamm. Baustelle, viele Spuren. Eine ungünstige Konstellation für beide Seiten. Ich schlüpfe linkerhand auf den Radweg der Yorckstraße, ein baumbeschattetes, holpriges Betonpflastersteinband. Für 7bar Reifendruck ist das nichts. Bei jeder Seitenstraße auf der Hut sein, auch die Fußgänger nicht vergessen. Die Zielgerade ist lang.
Ein wunderschönes Koga Miyata in Indian Red verlangt eine Gedenkminute. Klumpenweise häufen sich jetzt Räder in unterschiedlichstem Zustand an Stellplätzen. Strandgut der neuen Mobilität. Dann ist der Südstern da:
Die größte Radkreuzung Berlins. Hier sind Automobilisten in der Unterzahl. Aus allen Richtungen strömen Räder fast jeder Gattung auf die Kreuzung zu. Passgenau steht ein Radgeschäft mit breiter Front auf der Ecke. Davor sind 30 Räder aufgebaut. Modisch gekleidete Damen und Herren – manchmal mit Hund – machen das Kreuzberg von DAF oder Annette Humpe vergessen.
Der Südstern ist der Platz, an dem die Verkehrswende vollzogen wurde. Es riecht nicht mehr nach Majoran, sondern nach indischem Curry oder veganem Phô. Eine Revolution auf 2 Rädern ist es irgendwie nicht, es ist vor allem eine große Masse in Bewegung, die an jeder Ampel zurück in Startposition geht. Ob Mütter oder Väter mit E-Lastenrädern, Speedbiker, Studentinnen auf leicht übergroßen Rennrädern oder anderen, jungen urban professionals : der Strom reißt nicht ab.
Und sie bewegen sich anders. Ganz anders, als sich Radfahrer in Berlin oder Kreuzberg vor 20 jahren bewegten. Es sind sehr viele geworden und (fast?) niemand ist enstpannt. Umsichtig und pflichtbewußt. Das Emblem alternativer Fortbewegung, von urbaner Freiheit und Sorglosigkeit ist ein rushhour Vehikel geworden. Die Gesichter sprechen ihre Sprache.
Sie sagen etwas über postindustrielle Personen auf dem Arbeitsweg. Punk von 1990 macht das irgendwie nachdenklich. Sie haben ihre neue Stadt bekommen – eine andere Stadt.
Zeit ist ein flüchtiges Medium. Was sind 25 Jahre? – ein Vierteljahrhundert, eine halbe Ewigkeit oder ein Augenzwinkern. Seit 25 Jahren veranstaltet der Audax Club Schleswig Holstein diesen besonderen Brevet, der (als Ausnahme von der Regel) auch ein Zeitfahren ist. Was hat sich auf der Strecke von Hamburg nach Berlin verändert? Fast nichts, nur ein paar neue Asphaltschichten hier und da, ein paar vierspurige Kilomeer nach Nauen hin. Ein Viertelhjahrhundert. Aber wie lange liegt das Zeitfahren zurück, wenn man am nächsten Morgen auf einem Sofa den warmen Kaffee riecht, kurz bevor er den ganzen Körper weckt? Eine Ewigkeit.
HISTORIE
Meine Geschichte des Zeitfahrens wiederholt sich zum zehntenmal und doch läuft es nie gleich. Immer kommen Unwägbarkeiten, die Zweifel, die kleinen Probleme. Ein langes Zeitfahren in der Ebene ist ein anderes Paar Radschuhe, wenn man das ganze Jahr von Vulkankegeln umgeben ist. In den Alleen der Tiefebene, deren Randstreifen sich im Unendlichen schneiden, wechselt der Rhythmus kaum, die richtige Geschwindigkeit ist eine Unbekannte, die ermittelt werden will: sonst zerplatzt man innerhalb weniger Kilometer, oder geht langsam aber sicher nach 200 Kilometern ein.
Erst eine Woche vor dem Start am 11. Oktober 2025, komme ich nach einer zähen Covid X Infektion wieder für 9 h aufs Rad. Genau eine Woche vor Termin gibt mein Körper sichere Signale, daß die Ausdauer reicht. Am Dienstag vor dem Start im (beinahe) ebenen Gelbachtal mit 50×15 das Dauertempo simuliert, danach 4km Anstieg auf dem großen Blatt. Das Krafttraining hatte Folgen. Der Rücken verbot mir am nächsten Morgen die geplanten 120km Grundlage auf kleinem Gang – Überlast, trotz Einrollen und Aufwärmen eingeschnappt. Mittlerweile kenne ich die Symptome und die Übungen, sie wieder loszuwerden. Wärmesalbe, Yoga: morgens mittags abends dehnen, Radfahren (nur in kleinen Gängen und hohem Rhythmus). Nie keine hohe Last zuviel. Erwähne das für Boomer mit ähnlicher Historie.
DUNKLE WOLKEN
Alle reden vom Wetter – doch flüchtige Schauer wehen vorüber, der Zug rollt über die Elbbrücken pünktlich ein. Die Dientags Schmerzen auf der Fahrt nach Gießen und mit dem Einstieg in den IC nach Westerland auf den letzten Kilometern davongeweht. Als neuer Radfahrer entsteige ich dem Sylt-IC. Die verscheidenen Lagen der würdigen „Zeit“ (ein Wochnblatt) haben Nässe und schweiß aus dem Trikot gesuagt, lage für lage schob ich unter die Sachen, wenn ich einen Artikel beendet hatte. Bis zur Pension Minte auf dem Neuengammer Deich habe ich alle Zeit. Lesen, Essen und schlafen.
Am nächsten Morgen bekannte Bilder. Scharrende Dreieckshufe von Plastikcleats, kleine Leuchtpunkte die hier und dahinschween, Menschen die nicht ganz wach aber sehr aufgeregt sind, ein frecher Liegeradfahrer, der mich auf die Ausdauerfähigkeit von Männern über 60 hinweist. Temperatur gut, Wind gut. Die 125gramm Marzipanbrot schon im Blut. Noch ein letzter Joghurt ohne Müsli, dafür Rührei mit Salami und die Tasse Kaffee. Nummer 209 gibt ihr Gepäck ab und los.
Als Startzeit hatte ich mir irgendwas mit 7 gewünscht, 7h03 steht auf der Startliste. Das ist die Sandwichposition: die Vorsichtigen sind dann schon durch, die Schnellen kommen hinterher. Das ist auch die halbe Stunde, an der sich der Himmel manchmal rosig in der flachen Elbe spiegelt. Morgenröte macht die Elbe erträglich, seitdem Wolfgang Borchert mich als Kind verschreckte – der Strom bleibt heute grau und gurgelt unter dem Stauwehr Richtung Meer. Er ruft mich nicht zu sich. Ich rolle stromaufwärts ein und kann mich in meiner mentalen Koje umsehen.
Was ich habe: mein Eddy, einen guten 25mm Laufradsatz, der auch bei 30 plus nicht vibriert, eine Übersetzung von 13 – 26 am Hinterrad, 52×39 vorn. Nur Stecklicht, kein Navi (Strecke aus dem Kopf ), viele Riegel in der kleinen Lenkertasche, viele Riegel in den Rückentaschen, eine fette Marzipanstange, einen Apfel von zuhause, zwei Flaschen am Rahmen, eine kleine, eine große – in der großen Teebeutel, Ingwerscheiben und Salbei, in der Kleinen reines Mineralwasser. Ich trage eine lange Hose ohne Träger – die zerrten noch zu stark an der verletzten Schulter, besser nicht über 10h. Drei feine Lagen drunter, das blaue Dunova Trikot und die schmale Gore Jacke in sichtbarem, indianisch-sommerlichem Orange. Unter dem Helm die ganz feine schon leicht ausgebleichte Giro Wollkappe, geht über die Ohren. Es ist nicht kalt, aber wolkig. Auskühlen ist schlecht for me.
Gegen 8 wird es hell, mal sehen wann ein Zug kommt, eine Gruppe, an die ich mich hängen könnte. Mit 16 Zähnen unterwegs. Der Wind ist schwach, leicht positiv aus Südwest. Manchmal gehe ich aus dem Sattel, Beine ausschüttlen, nachdehnen, nach einer halben Stunde bin ich definitiv im Tritt. Das Atomkraftwerk, die Dorfketten hinterm Deich, Waldstücke. Alte Bekannte. Dann nach etwa einer Stunde Lichter hinter mir. Nicht langsamer werden, sie animieren, Tempo zu halten.
Eine Fünfergruppe schließt auf und zwei darunter erkenne ich bald. St Pauli, Vater und Tochter (die Samariter vom letzten Jahr), ein Tarntrikot, einer mit Weltmeistersocken. Ich hänge mich ans Ende. Vorn junger Fahrer mit Namensschild am mitternachtsblauen Rahmen. Das könnte laufen.
Mache Bilder, rede kurz, man erkennt mich vage wieder – es ist noch früh. Setzte mich an die Spitze, lasse mich zurückfallen. Der junge Mann darf ran. Aus der Mitte der Gruppe gibt der Samariter von Sankt Pauli die Richtung an. Die zehnte Ausgabe belohnt uns mit zwei Kilometern backfrischem Asphalt. Immer noch der Junge vorn. Dann lösen die Weltmeistersocken seine rotierenden Beine ab. Auf der anderen Seite sind die Ollaner vorbeigezogen, die hatten das mit dem neuen Straßenbelag schon auf dem Schirm. So wie im letzten Jahr und dem Jahr davor…
Und wieder mit dem Eddy vor. Jürgenstorf. Hier ging schon manchesmal die Sonne auf. Vor uns erste Versprengte, zwei grüßen en passant, einer kommt hinzu, er hatte schon einen Platten. Links am Rand stehen wieder Zwei und pumpen eine Schlauchwurst voll. Wieder wechseln, wieder nach vorn mit Blick auf den glatten 25mm Ring, der über die Straße spult. Der Windschatten ist ein Ruhekissen. Dann wieder nach vorn gehen: vorn, in Reichweite weitere Fahrer, ich halte meine pace hundert Meter, zweihundert, drehe mich um – und niemand mehr da. Sankt Pauli ist Geschichte. bedaure.
Dafür gleich eine neue Gruppe die vorüberzieht. Vorn einer mit Aufliegern, dahinter solche mit Doppelflasche am Heck – das erste Aerogeschwader. Ich setzte nach und bleibe hinten dran. Das ist mal ein neues Tempo. Ein paar Kilometer wird es schon gehen – bin jetzt auf meinem 14er, dem vorletzten Ritzel. Und es geht. Entweder 16 locker oder 14 dick treten. Bleckede City, zum Glück nicht zu viel Bäckereiverkehr. Wetter immer noch grau. Ich trinke und esse meinen DattelplusHafer- Riegel am Ende des Zugs. Das soll jetzt mal schön ins Blut. Schön locker kauen und treten.
DER GRÜNE TUNNEL
Gleich kommt der Abzweig vor Hitzacker, der Weg durch die Dünen, der Wladweg, der die Höhenmeter der Straße umgeht. Hier links ab, doch die schnelle Aufliegergruppe bleibt auf der Landstraße und fällt als lange Reihe nach rechts, derweil ich schon neue Ziele vor mir strampeln sehe.
Wir bleiben bis zur Waldpassage zusammen, drei Herren und ich. Der Lange hinten war vor 12 jahren auch dabei. Wie alt er geworden ist. So alt wie ich. Nun die offroad-Abkürzung, Rüttelpflaster, eine Schranke, noch eine und dann Gravel mit Laub. Es schüttelt und rüttelt und so umgeht man 60 Höhenmeter. Balancieren, ist immer noch gutgegangen, auch heute.
Plötzlich sind alle weg: sammeln sich vermutlich und ich nutze die sanfte Abfahrt, um den nächsten Riegel zu kauen und zu trinken, trinken. Unterlenker, wieder zurück ins alte Tempo. Achtung: weitere Elbdünen kommen. Also gleich davoraus dem Dorf rechts ab Göhrde. So die Dünen-Achterbahn meiden, was ein paar Kilometer kostet, aber ausgeht. Es sind vier oder fünf lange Wellen, nach der Letzten geht es sanft hinunter nach Hitzacker, dann erst stößt man auf die kürzere Route, die aus dem Kiefernwald herunterkommt. es ist auch schöner hier, sehr urwüchsige Baumgruppen.
Schöne, solide Höfe am Rand, Feldwirtschaft, die Böden müssen besser sein hier. Fette Eichen. Dann eine Abfahrt, mal den 13er auflegen. Das Summen hatte ich schon gehört und dann rauscht etwas an mir vorbei. Ein Scheibenrad und schwarze Flaschen am Sattel sind alles, was ich kurz wahrnehme – das waren mindestens 20kmh Geschwindigkeitüberschuß. Ein Ufo mit 60kmH plus. Nicht mal die Spur einer Idee, dem zu folgen. Eine dunkle Gestalt mit weißem Helm, die sich ganz kurz umdreht.
Die Elbe nach drei Stunden, das ist gut. Dömitz, das ist das erste Drittel: denn 3mal 92 sind 276 Kilometer. Der grüne Tunnel nach Dömitz – das Zeitfahren ist ein langer grüner Tunnel mit hellgrauem Hintergrund und leuchtend gelben Flecken. Man muss in diesen Tunnel hineinfinden, das ist das einzige, was zählt.
Nummer rufen, = 209! und das Rad abstellen. Gerangel und erstmal die Kalorien sichten. Gurken, Bananen, Nussmischungen. Schwarzbrote keine – oder übersehen- egal. Ich will kein Moos ansetzen, mich nur ganz schnell umsehen, während ich Bananen öffne. Da kommt der 5er mit dem Samariter von St Pauli an. Ich grüße. Der dunkelblaue „Sprinter“ Mannschaftsbus vom team Heinemann Medizintechnik steht an seinem Stammplatz – vermutlich sind die meisten hier seit vielen Jahren Stammgäste für 10 Minuten. Die dunkelgrauen Wolken sind über die Altmark nach Süden gezogen. Blick West: könnte gleich heller werden. Mildfrisch und hellgrau. Kalorien jetzt und hier und die Taschen füllen, gleich kommt der lange Teil des Zeitfahrens. In Wittenberge will man nicht halten, bis Havelberg dann nochmal 30 km, Rhinow bleibt das Ziel – das macht 110 lange Kilometer an einem Stück.
Der schnauzbärtige Schlacks der letzten Jahre fehlt, auch Rave-Borger nicht gesehen, dafür den Alten auf seinem Marschall. Über 70 Lenze hat der alte Randonneur mit der LEL 25 Trikot aufm Buckel. Folgt seinem Vorbild.
Dömitz, die Backsteinstadt mit Brückenbaustelle völlig unverändert; der Trampelpfad um die überjährige Baustelle ist jetzt gut ausgewalzt. Während ich feste Kalorien kaue, verabschieden mich gleich zwei Softeisläden aus der Backsteinfeste. Die große Errungenschaft der DDR, das Softeis. Das historische Kopfsteinpflaster endlich hinter mir, den kleinen Radladen hinten links stumm grüßen- wird Zeit, wieder in den Takt zu finden.
Hilfe leistet ein Vierer in schwarzen Trikots mit Druckfarbenmotiv. Ich lasse mich kurz von ihnen aufpeitschen, eine handvoll Kilometer, gerade so viele, wie für einen neuen Rhythmus nötig. Es geht für ein paar Minuten, so komme ich auf Betriebstemperatur. Ganz allmählich werden sie kleiner. Noch 5 Kilometer später sehe ich sie weit vor mir in einen Feldweg einbiegen. Dann verschluckt sie der Horizont.
Und auf diesem langen gerade Feldweg nach Lenzen, mit dem Windschutz von rechts kann ich den 14er auflegen. Ein magisches Gefühl: die ganze Zeit wartet der Radfahrer auf den Moment, wenn die Mauer des Schmerzes nur für ein paar Minuten zurückweicht. Wenn er das Reich dahinter betritt. Hier geht es, hier verschiebt sich etwas in der Fahrt, man hält etwas kostbares, das man endlos bewahren möchte. Geschwindigkeit und Leichtigkeit sind kein Widerspruch mehr.
Und vielleicht ist das der Moment, Ziellinie ausgenommen, den alle hier jagen. Die über 200 Radsportler im Zeitfahren Hamburg-Berlin suchen eigentlich nur diese wenigen Minuten in denen das Hirn die Gesetze der Physik aushebelt, Minuten, in denen keine Anstrengung mehr ist.
Und wenn es auch nicht dauert, so gibt mir das Tempo Gewissheit; wenn ich nicht überziehe, platze ich heute nicht und schaffe ohne Einbruch die 160km, die noch vor mir liegen. Auf den Alleen nach Wittenberge unterwegs: regelmäßig Riegel nachführen, trinken, die wenigen Kirchturmuhren beobachten. Sie gehen richtig, auch wenn die Zeit hier ein wenig stillsteht .
Im Takt bleiben, jeden leichten Abschwung nutzen. Nun allein für Kilometer auf der Allee, Freude über Sonnenstrahlen, seitlich und herbstlich. Sich erinnern, was hinter diesem Waldsaum kommt, genießen, daß die Geschwindigkeitmessung am Ortseingang eine rote 35 zeigt und blinkt.
Wittenberge überrascht mit einem neuen Kreisverkehr, ein großes Projekt, für das sogar eine eigene Düne geschaffen wurde, dann eine blöde Baustelle, die wenigstens eine einsame (=autofreie) Ortsdurchquerung garantiert. Dieser Kreisverkehr spart Ampelkosten und wird Wittenberge zu neuem Leben erwecken.
Auch der Uhrenturm an der alten Singer Nähmaschinenfabrik (doppelt enteignet!) tickt jenseits aller epochalen Umbrüche weiter.
Nun kommt der wilde Westen, die Elbdeiche, die Prignitzdörfer, ein stummer Gruß vielleicht alle 20km, Der Elberadweg liegt völlig verwaist – hinten auf der Wilsnacker Chaussee hat sich eben ein Auto bewegt. Muss ich hier eigentlich rechts? Nein – links.
Ja, irgendein Detail, an das man sich immer erinnert. Im Sommer, diesem eigentümlich kühlen Sommer war ich hier, habe den Wilsnacker Dom besucht: voller Licht ; und in Havelberg ein fabelhaftes Antiquariat aufgetan. Und Tom Becker von Meerglas. Und ich war in Nitzow.
Düne Nitzow – von einem Tisch nehme ich einen Apfel und kredenze ihn der kleinen Kirche, in der es vor Monaten ein so fabelhaftes Kammerkonzert gab. Die internationale Sommerakademie Nitzow. Heute bellt nicht mal ein Hund. Der Apfel tut gut: Säure nach den ganzen Kohlehydraten, Nussriegeln, Schokocaramelsachen.
An der Ampel Havelberg plötzlich ein Zug von 6 Fahrern – zwei Ollaner als Anhängsel. Sieh an! Mit dieser Gruppe bis Rhinow zu kommen wäre fein. Wird aber nichts, weil alle zum Rossmann unten am Hafen abbiegen. Also weiter, schnell aus Havelberg hinaus. Und auf der schnurgeraden Allee durchs Luch; dort ein einsamer, hellgelber Punkt vor mir. Mit dem Sekundenzeiger mal den Abstand schätzen, indem ich eine Bake anpeile. Über eine Minute.
Namenlose Dörfer, Gerade um Gerade. Ein Zeitfahrer – wieder nicht Rave-Borger – überholt auf der Straße, entfernt sich ganz langsam von mir. Ein grauer Lieferwagen aus Cuxhaven passiert mich vorsichtig und hält dann in einer der Dorfkurve. Die junge Frau am Steuer sieht eher teilnahmslos hinaus. Cuxhavener Zugvögel unterwegs in der Prignitz.
Der Zeitfahrer hat jetzt den gelben Punkt geschluckt – ich kann beide noch sehen, als sie über die Kanalbrücke verschwinden – etwas mehr als eine Minute. Rhinow noch 6km, das ist gut. Sie können immer den 14er drücken, ich lasse das lieber, bin in der Zeit
ENTSCHEIDUNGEN
Kurz nach halb zwei auf einem Parkplatz in Rhinow. Sonne, leichter Wind. Ein Pfund Salz kostet beim „Edeka Partner“NP 29cent. 1,5 Liter Bad Liebenwerdaer medium das Doppelte. „Pinkeln sie doch einfach in den Busch.“ Zwei Tomaten, eine Banane. Salz auf die Tomaten schütten – reichlich. Flaschen auffüllen, den Rest in mich hinein, weg mit dem den Salzgeschmack . Gerade kam ein ganzer Schwarm rein, wieder die Paulianer– ein anderer zieht vorbei – da hängen die Ollaner dran. Km 200, jetzt kommt das letzte Drittel, das kritische letzte Drittel.
Die Strecke macht einen Knick hinauf nach Friesack, an den Stöllner Bergen entlang. Das Lilienthal Denkmal erinnert an Ikarus. Nach 18km Wald kommt Friesack, da zwei Möglichkeiten – weiter durchs Luch, an den großen Kranichfeldern bei Paulinenaue vorbei und Bienenfarm, oder gleich die B5 Richtung Nauen. Ich lasse das Gefühl entscheiden. Erst wieder in den Tritt finden, in den Körper hineinhören, die Warnzeichen kämen jetzt, in der 8ten Stunde. Nach Friesack geht es durch Wälder und ein paar ganz leichte Dünen. Mal sehen, wie diese Rhythmusänderungen wirken, minimale Anstiege ohne jede Relevanz – aber jetzt spürt man sie, jetzt lauert der Krampf. Er kommt nicht. Was kommt ist ein kurzer Zug in schwarzem Vereinsdress – Cuxbikes lese ich – da sind sie also. Ich widerstehe der Versuchung, mich kurz einzureihen – auch wenn es möglich scheint. Mein Tritt bleibt stabil, während ich nachdenke: biege ich in Friesack ab, gibts bis hinter Nauen keinen Rettungsanker keine freundlichen Helferlein. Die Ollaner, die gerade aus einer Grillbude schauten wären ja eine Möglichkeit, oder die Paulianer ?
Ich verzichte auf diese Möglichkeiten und biege in Friesack rechts ab. Die B5 hat einen hübschen Fahrradweg und guten Teer, lange Geraden und hin und wieder eine sachte Steigung. Es ist einsam hier, mal läuft es gut, mal etwas schwerer. Am linken Bein jetzt Zündaussetzer, manchmal verliert der Fuß am unteren Totpunkt die Fühlung am Pedal. Gangwechsel, aus dem Sattel, konzentrieren, besser treten. Runder treten. Der Senf auf den Feldern duftet süsslich . Die alternative Strecke ist keine 500 meter von mir entfernt. Nicht daran denken. Ich muss trinken, die Kalorien sollen für mich arbeiten. In Berge verliere ich gefühlt 3 Minuten, weil der Radweg unvermittelt die Seite wechselt und ich einmal, nur einmal, einen Deutschen Radweg geniessen wollte. Hier bremst keiner für Radfahrer. Dann eben auf der B5, liebe Freunde. Nauen, es wird dichter und es zieht sich. Ich bin in der Zeit, Viertel nach 3: es steht noch eine Normaluhr hier. Jetzt noch winzige 25km, immer an der B5 lang.
Dort gleiten die lila Busse des Schienenersatzverkehrs, die Bahn macht große Pause. Ich mache eine lila Pause mit dem halben Stück Marzipanbrot und dem letzten Apfel. Unglaublich sauer schmeckt dieser Gruß aus meinem Garten. Und ein Zug der mich aufrollt : das sind nicht die Ollaner, das sind die AeroJungs von Bleckede! Sie feuern mich an und ziehen vorbei. Nicht nur ich mag mein Eddy. Ich mache keine Anstalten mitzugehen – jetzt nur nicht platzen, den Takt halten, auf den ultimativen Marzipanflash hoffen. Neben mir wogt die B5, hinter Nauen hat sich der Verkehr verdreifacht. Gewaltige Windräder mahlen träge den Himmel.
Schon in Dallgow hole ich die Aerofahrer wieder ein: am Designer Outlet der B5 ist die Hölle los – Autostau, die Ampel will erst umspringen, als ich auf ihre Höhe komme.
Wir bahnen unseren Weg rufend durch die fröhlichen Endverbraucher, die in riesigen Tüten Trophäen aus dem Einkaufsdorf tragen und Jagderfolge über das smartphone verkünden. Selig streben sie zum überfüllten Parkplatz und wir ziehen an der Rückwand des Potemkinschen Designerdorfes davon. Dort schnappt Verkaufspersonal hinter Blechtüren nach Nikotin oder löffelt eine Tütensuppe. Jetzt könnte ich nochmal aufschließen zu den fast boys, das wären zwei oder drei Minuten, Zeitgewinn – ich lasse es.
Das Ding allein zuendefahren, konzentriert bleiben.
Um kurz vor Vier grüßt mich der Berliner Bär. Die letzte Meile beginnt. Wer einmal einen Berliner Radweg benutzt hat, weiß, wie sich das anfühlt. Ist die bessere Lösung.
Und dann sind es schon die letzten Meter, die Sonne ist mild und leuchtet durch die König Pilsener Flasche. Ich sitze mit dem zweiten Bier zum Doyen im LEL Trikot und wir plaudern. Er ist glücklich.
Jede Stadt hat die Straße, die aus ihr hinausführt. Die B5 ist es , die mich aus Hamburg hinausführt. Sie führt direkt nach Berlin, war sehr lange noch die einzige Transitverbindung durch die DDR .
Wegen der B5 bin ich letztlich hier: morgen, am 11.Oktober 2025, beim Zeitfahren nach Berlin lege ich auf ihrem Asphalt die letzten 50 km zurück – als Heerstraße zieht sie in Spandau ein, genaugenommen endet sie erst am Brandenburger Tor. Nachdem mich der Hamburger Hauptbahnhof ausgespuckt hat, braucht es noch ein paar großspurige Auslaufstraßen, weitere neue, strahlende Bürokomplexe, Seitenkanäle und dann wird es bald schon ruhiger.
Gleich nach weißen Diana auf rotem Backsteinsims beginnt die kilometerlange Wohnreihe der Vorstädte. Die endlos langen Fensterfolgen langer, geklinkerter Wohnblocks, wie sie schon lange nicht mehr gebaut werden. Wie alte Könige thronen Bunker inmitten der Siedlungen, die man aus dem Schutt der großen Bombennächte errichtet hat. Silbrige Antennen krönen das Haupt der massiven Quader. Sie senden, empfangen, bewachen die Straße, unzerstörbar, unverrückbar. Meterdicker Beton.
Noch ist die Kette der Stadtteile nicht zuende, es sind noch ein dutzend Kilometer bis Bergedorf. Die B5 ist noch lange nicht fertig mit der Hansestadt, die doch schon so weit zurückliegt. Es gibt keinen Ring, keine klare Trennung von binen und buiten, die Stadt läuft einfach aus.
Ein Grill, Tankstellen, Waschanlagen und dann Stadtteile, über die keiner redet, wenn er Hamburg besucht. Horn und Billstedt. Das sind immer neue, sauber geklinkerte Mietshauswände, manchmal leicht gewinkelt, manchmal durchbrochen, oft haarscharf an die Straße gesetzt. Die Straße folgt in sanften Schwüngen den Elbdünen und durchbricht die Monotonie der symmetrischen Fassadenfluchten. Wohnblöcke nahmen die Massen auf, bevor das Pendlertum zum eigenen Beruf wurde, man die Enge der Mietwohnung für eine Haushälfte in der Vorstadt aufgab. Es folgten andere, neue Populationen auf die alten Arbeiter der Bundesrepublik.
Die jüngeren Geschwister aus Beton wirken leicht verwahrlost neben den Kadetten in Backsteinuniform. Deutschsprachige Geschäftsschilder sind überschimmelt. Die Sprache der Häuser ist hart, aber ehrlich. Kinder auf den Straßen und Familienpuzzle. Die Erdgeschosse tragen schon seit Kilometern bunte Symbole, Ornamente, Dekorationen anderer Lebenskreise – sie haben es richtig gemacht. Sie haben sich eingerichtet. Dann ist Billstedt vorbei.
Rechts von mir rauscht irgendwo die breite B5, schon seit Kilometern eine vierspurige Tabuzone für Radfahrer, ein Flussbett für Pendlerfische, das im Takt des Arbeitslebens an und -abschwillt – ich dagegen bewege mich dazwischen – immer weiter raus ins semigrün. Ein stückweit folge ich einer frischen Radtrasse, eine unvermittelte Düne sorgt für Höhenmeter. Nun rauscht die B5n links über mir und als unsere Strecken wieder zusammenfinden, ist sie immer noch für Radfahrer verboten.
Die Stadt ist mitgewachsen, hier sind es Reihensiedlungen, dann Reihenhäuser auf dem Weg nach Bergedorf und dann, an einer Allee, Einfamilienvillen der 40er, 50er und auch das Beste von heute. Vor neuen, fast schwarzen Klinkerkisten stehen Porsches hinter alten weißen Gittern aus angerostetem Guß. Die Nachbarn, die schon in dritter Generation hier vertreten sind, werden das gelassen nehmen .
Ganz kurz vor Bergedorf ertönt der große Schlussakkord der Beuten. Ein Mietswohnungskomplex von kolossalem Format grüßt mit blassbunten Mustern den zufälligen, hinter Garagen dahergleitenden Radfahrer als letzter Riegel einer Stadt, die so unfassbar viele Menschen aufnimmt. Dicht, vielfältig und solide.
Und dann in die Kleinstadt – das ist Bergedorf. Eine E-Rollerin leitet mich zur Mitte, dort wo die S Bahn hält. Hier kenne ich mich aus und finde alles, was ich brauche.Der Döner, das Jever, die Riegel von Rossmann, Einmalshampoo, Zahnpasta, Zahnbürsten. Die B5 führt zur Stadt hinaus, wir sehen uns morgen wieder.