
Ein Polit-Krimi aus der alternativen Szene: Charly P. ist Kleinkrimineller und selbsternannter Revoluzzer in der mittelfränkischen Provinz. Obwohl er mit Elke einen Sohn hat, genießt er sein abenteuerliches Macho-Leben in vollen Zügen. Aufgrund eines verpatzten Drogendeals gerät er ins Visier des Verfassungsschutzes, der ihn zu Spitzeldiensten zwingt. Die linke Sympathisanten-Szene der 80er-Jahre ist für die Staatsschützer von großem Interesse und ein bunter Hund wie Charly scheint ein geeigneter Informant zu sein. Trotz dieser neuen Rolle giert er weiterhin nach Action, baut Bomben – und dann geht etwas furchtbar schief. Es ist eine dramatische Geschichte über Familie, Idealismus, Bomben und Verrat. Auch Revoluzzer werden älter und von der nächsten Generation überholt. (Verlagstext)
Ein Cannabis-Dealer mit großer Klappe auf der Suche nach Kontakten zur RAF? Ist das realistisch? Auf der einen Seite kann sich eine Guerillagruppe keine dauerbekifften Möchtegern-Revoluzzer leisten. Auf der anderen hat man bekifft zwar viele Ideen, aber in der Regel wenig Antrieb. Man rollt sich lieber noch einen. Das ist bei Charly nicht anders. Action mag er trotzdem, und wirre, undurchdachte Aktivitäten haben in den 1980er-Jahren durchaus stattgefunden. So gesehen ist sein Charakter nicht schlecht getroffen. Und trotz aufkommendem Feminismus wurde auch in linken und alternativen Strukturen der Abwasch oft noch von Frauen erledigt – und die Kindererziehung sowieso. All das verarbeitet Lisa Neun in diesem Album.
Die Geschichte hat sie spannend aufgebaut. Die Verschachtelung der Zeitebenen – eine Aufgabe, an der viele Szenaristen scheitern – ist übersichtlich gegliedert. Und die Atmosphäre der 80er wird durch Münztelefone, typisch linke Szenekneipen, missbrauchte Feuerlöscher und ähnliches Dekor anschaulich transportiert. Man wünscht sich zwar, dass einige Zusammenhänge genauer herausgearbeitet worden wären. Manches ist doch ziemlich oberflächlich. Aber wer Lust auf eine Zeitreise in die alternative Szene von damals hat, wird sich möglicherweise in der ein oder anderen Situation wiederfinden. Allerliebst sind auch die übernommenen Graffiti und Demoparolen. Slogans wie Petting statt Pershing sind ja inzwischen leider völlig aus der Mode gekommen.
Lisa Neun: Der Traum ist aus, Charly P.
216 Seiten, 25,- €, avant, ISBN 978-3-96445-162-0
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