
Schindlers Liste in Tschechien: Die Bilder aus dem BBC-Studio gingen um die Welt: Nicholas Winton sitzt im Publikum und erfährt live, dass die „Kinder“, die er 1939 vor den Nationalsozialisten rettete, heute neben ihm sitzen. Als „britischer Schindler“ wird er berühmt. Doch die eigentliche Geschichte beginnt früher, im Schatten des heraufziehenden Zweiten Weltkriegs. Mit dokumentarischer Präzision und klarer Bildsprache erzählt diese Graphic Novel von den tschechischen Kindertransporten 1938/1939. Visuell eindrucksvoll erzählt, werden jene Frauen und Männer ins Licht gerückt, deren Namen heute kaum bekannt sind und die dennoch das Entscheidende taten: Sie handelten, als Wegsehen einfacher gewesen wäre. Über Mut, Verantwortung und Zivilcourage. (Verlagstext)
Das Schöne an dem Album ist, dass es keine kitschige Heldensage liefert, sondern die Geschichte so erzählt, wie sie tatsächlich gelaufen ist. Nämlich mit viel Arbeit, einem Haufen organisatorischer Notwendigkeiten (Eltern überzeugen, Visa besorgen, Transportmöglichkeiten organisieren, Kindergruppen zusammenstellen) – und das alles unter Lebensgefahr. Wobei die Gruppe um Nicholas Winton pfiffige und entschlossene Mitarbeiter hatte, die immer neue Ideen produzierten, wenn scheinbar nichts mehr ging. Vor allem zwei Frauen entwickelten clevere Methoden, um Papiere und Genehmigungen zu besorgen. Deren Tipp an die anderen: Ihr müsst die Leute von der Gestapo noch lauter anschreien, als sie euch. Das imponiert ihnen. Autoritätshörige Typen haben eben Respekt vor Autorität. Da greifen pawlowsche Reflexe.
Auch die Zeichnungen des Albums können sich sehen lassen. Mimik und Körperhaltung sind fast in jeder Szene super getroffen. Was (mich) ein bisschen nervt, ist die Hektik auf den Seiten und das zwar meist einfallsreiche, aber diese Hektik durch diagonale Panels und ähnliches verstärkende Layout. Man kann argumentieren, dass das exakt das Durcheinander visualisiert, in dem diese Aktionen stattfanden. Ab und zu ein bisschen mehr Ruhe auf den Seiten hätte dem Band allerdings gutgetan. Ist aber Geschmacksache. Auf jeden Fall ein starkes, lesens- und empfehlenswertes Album, das – wie viele ähnliche – in jede Schul- und sonstige Bibliothek gehört.
Mikuláš Podprocký, Tereza Verecká: Wintons Kinder
Übersetzung von Katharina Hinderer
224 Seiten, HC, 30,- €, Knesebeck, ISBN 978-3-98962-117-6
> Leseprobe

Fake oder Fälschung? Ein Gemälde, ein Rekordpreis, ein weltweiter Skandal. Innerhalb weniger Jahre wurde „Salvator Mundi“ trotz ungeklärter Urheberschaft als echter Leonardo da Vinci inszeniert, von Experten beglaubigt, museal gefeiert und schließlich für fast eine halbe Milliarde Dollar verkauft. In diesem Buch entfalten Antoine Vitkine und Sébastien Borgeaud ihre investigative Recherche zu einem Wirtschaftskrimi, in dem Oligarchen, Kunsthändler, Experten und Politiker alle ihre eigenen Interessen verfolgen. Sie zeigen, wie aus Zweifeln ein Mythos wurde und wie Kunstmarkt, Macht und Geld auf spektakuläre Weise ineinandergreifen. Eine hoch spannende Geschichte über Gier, Einfluss und die Erfindung von Wert – unglaublicher als jede Fiktion. (Verlagstext)
Wollt ihr wissen, wie Donald Trump FIFA-Chef Infantino bei der Fußball-WM dazu gebracht hat, eine zweifelsfrei berechtigte rote Karten gegen einen Spieler der USA in ein konsequenzloses Wischiwaschi zu verwandeln? Nein, darum geht es in diesem Album nicht. Aber es erklärt die Struktur, die solchem Handeln zugrunde liegt. Hier bringt nämlich ein anderer milliardenschwerer Despot die französische Regierung wie die Verantwortlichen des Louvre dazu, ein Gemälde zweifelhafter Herkunft als echten da Vinci anzuerkennen. Weshalb? Nun – weil er es kann. Und weil man, wenn man so reich ist, dass man sich alles kaufen kann, doch noch gerne etwas hätte, das andere nicht haben: einen echten da Vinci. Das Szenario ist etwas sprunghaft, die Zeichnungen sind nicht schlecht.
Éric Liberge, Antoine Vitkine, Sébastien Borgeaud: Salvator Mundi
Übersetzung von Sarah Pasquay
96 Seiten, HC, 28,- €, Knesebeck, ISBN 978-3-98962-093-3
> Leseprobe

