Notizen 10. September 2026

  • Wir hätten ja Habeck haben können. Jemanden, der sich tatsächlich volksnah gab, der als Vizekanzler in den sozialen Medien seine Entscheidungen in wirklich langen und ausführlichen Videos erklärte, der auch da hinging, wo es unbequem war um für Reformen zu werben, der so etwas ähnliches wie eine Vision für dieses Land hatte anstatt nur das Elend weiter zu verwalten. War sicher nicht alles Gold was glänzt, aber trotzdem. Aber alle waren ja zu beschäftigt, die Grünen zum Feind zu erklären. Und jetzt haben wir halt einen empathielosen Typen, der einfach nur aus Rache Bundeskanzler werden wollte weil er von Kohl und Merkel abgestraft wurde, der sich schon deshalb nicht mit dem Volk beschäftigt weil sein fragiles Männerego nicht die kleinste Kritik aushält, der nicht müde wird auf die Gefahr von Links hinzuweisen um dann einfach zur Tagesordnung überzugehen, nachdem die Rechtsextremen gerade den höchsten Sieg bei einer Wahl seit Ende des zweiten Weltkriegs eingefahren haben. Man möchte eigentlich nur noch schreiend durch die Gegend rennen.
  • Letzte Woche ein Fotoshooting mit der Familie gehabt, gestern den ungefähren Preis dafür erfahren. Meine Fresse. Ich hab mich damals wirklich viel zu billig verkauft.

Wither ReWired

Ich gebs ja zu, ich wusste nicht mal, dass es Stabbing Westward noch gibt. Ich höre die ja nach wie vor sehr sehr gerne, aber ich bin ja auch ein Kind der 90er, wo sie eben ihre Erfolge hatten, bevor sie sich Anfang der Nullerjahre aufgelöst haben.

Und dann kommt für mich überraschend ein neues Album? Ouha. Und dann ist das auch noch ein Remake von Wither Blister Burn + Peel? Ouha! Und dann klingt das auch noch richtig richtig gut, halt typisch Stabbing Westward, aber eben auch modern und ist damit eine fantastische Ergänzung, die dem Original nichts wegnimmt? OUHA. Anbei mal der erste Track im Original:

Und der Remake:

Weiß jetzt schon, dass das die nächsten Wochen auf Dauerrotation laufen wird.

Annie Jacobsen

Nuclear War: A Scenario

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Nuclear War von Annie Jacobsen nimmt von Anfang an keine Gefangenen, wie man so sagt, bereits auf den ersten Seiten wird im kleinsten Detail die Auswirkung der Atombombe besprochen, so dass sich hier schon einem der Magen umdreht. Man muss sich das immer wieder vor Augen führen: die Bomben, die damals Hiroshima und Nagasaki vollständig zerstört haben, sind nur noch der Zünder für das, was wir heute Atombomben nennen: Waffen mit einer hundertfachen Sprengkraft, von denen die Nationen nach wie vor tausende im Einsatz haben.

Im Folgenden beschreibt Jacobsen Minute für Minute ein zwar fiktives Szenario, das Ende ist aber egal in welcher Konstellation immer das gleiche: ein absolutes Inferno, bei dem mindestens die nördliche Hemisphäre komplett zum Opfer fällt und über tausende von Jahren unbewohnbar sein wird. Und das in unter zwei Stunden. Viele Dinge waren mir gar nicht so richtig bewusst, beispielsweise die Launch on Warning-Doktrin: eine atomare Waffe muss noch nicht mal ihr Ziel erreicht haben bevor die zu treffende Nation zum Gegenschlag ausholt, deren Ziel die vollständige Zerstörung des Aggressors ist. Oder, wenn auch logisch, dass jemand Russland Bescheid sagen muss, wenn Marschflugkörper über deren Gebiet in Richtung Nordkorea geschickt werden. Oder aber sich nochmal vor Augen führen, dass der US-Präsident, und nur der US-Präsident, die alleinige Gewalt über das gesamte Atomwaffenarsenal der USA hat.

Der Schreibstil ist spannend, zwischendurch gibt es Dialoge, die so oder so ähnlich wohl wirklich stattfinden könnten und man muss sich leider immer wieder vor Augen führen, dass Jacobsen hier zwar wie gesagt ein fiktives Szenario beschreibt, dass sich aber vollständig an der Realität orientiert - und das ist absolut gruselig. Allerdings habe ich mich zwischendurch auch kurz dabei erwischt, es auf eine gewisse Art befreiend zu empfinden.

Kritiker haben Jacobsen vorgeworfen, ihr Szenario sei zu US-zentriert, vor allem wenn man bedenkt, dass in der Geschichte der Menschheit nur die USA Atomwaffen gegen eine andere Nation eingesetzt haben. Mich hats nicht gestört, ich führe das mal darauf zurück, dass sie hier einfach die meisten Informationen, Interviews und ähnliches bekommen hat.

Puh, das war hart. Ich vergebe trotzdem vier von fünf... gesunden Menschenverständen, weil es toll geschrieben ist und mir das Ausmaß eines nuklearen Angriffs gar nicht bewusst war.

Kleinanzeigen Inbox+ - Einfach machen

Florenz Heidermann verkauft Lego Figuren über Kleinanzeigen und hat sich über das Interface zur Kommunikation auf dieser Platform geärgert, also hat er eine Chrome Extension namens Kleinanzeigen Inbox+ gebaut um es komfortabler zu gestalten und diese auch im Web Store für alle anderen verfügbar gemacht. Ich kaufe oder verkaufe da nicht oft genug, als das sich das für mich lohnen würde, aber vielleicht ist das für den einen oder anderen hier interessant. Crazy, ich setze gerade voraus, dass es hier mehr als einen Leser gibt.

Anyway, ich find das gut. Was mir an damals Twitter, heute Mastodon oder ähnliches auf den Keks geht ist dieses ständige Beschweren, wie blöd alles ist. "Guck mal hier, voll scheisse", und in den Antworten dann "Ja hast Recht, voll scheisse" um sich gegenseitig zu bestätigen und vor allem zu etwas Besserem zu machen. Und morgen findet man dann das nächste, über das man jammern sich beschweren und gegenseitig bestätigen kann. Als ob dadurch die Paketboten die Pakete zuverlässiger bringen würden, die Bahn pünktlicher wird oder sich sonst etwas ändert. Florenz fand das Interface von Kleinanzeigen furchtbar, aber anstatt sich zu beschweren hat er es halt für sich geändert. Be like Florenz.

Notizen 2. September 2026

  • In den unteren Ebenen des Berliner Hauptbahnhofs steht ein Klavier. Jeder kann sich dran setzen und spielen, durch die Akustik hört man es schon von ziemlich weit. Immer, wenn ich dort bin, spielt gerade jemand. Haut nicht einfach nur auf die Tasten, sondern spielt. Und jedes Mal denke ich mir wie schön das ist, dass da dieses Klavier steht, es offensichtlich noch nicht kaputt gemacht wurde und sich irgendwer für ein paar Minuten daran setzt und anderen den Tag ein wenig versüßt.
  • Kleiner Nachtrag zur Salamitaktik: besagter Influencer möchte jetzt sein Firmenimperium schließen, in seinem letzten Statement weiß er noch nicht, wie er das alles hinkriegt mit den Gebäuden und was er alles bestellt hat und so. Kein einziges Wort zu den Mitarbeitern, die nichts für seine Scheisse können, aber demnächst dann wohl arbeitslos sind. Gratulation und Danke für nichts. Ich hoffe, ich irre mich.

Notizen 31. August 2026

  • Mit einer halben Tablette von den Schlafsternen fahre ich wohl ganz gut. Einschlafen immer noch schwierig, durchschlafen funktioniert. Blöd nur, dass man die Dinger nicht dauerhaft nehmen soll, mal sehen wie lange ich das so noch durchziehe.
  • Leg Day im Gym. Vom 100kg Squat hab ich erst mal Abstand genommen, im Moment habe ich nicht das Gefühl, als würde mein unterer Rücken da mitspielen.
  • Wie sie im Gym alle immer demonstrativ in eine andere Richtung oder aufs Smartphone schauen, bloß kein Blickkontakt. Habt ihr alle keinen Spaß?

Salamitaktik

Da gibts also diesen YouTuber bzw. Fernseh"promi", der seine Frau geschlagen hat. In einem Statement verkündet er, jetzt in Therapie zu gehen, und halb Instagram feiert ihn dafür mitsamt der üblichen, widerlichen Kommentare, so als ob er wirklich etwas geleistet hätte. In einem zweiten, schnell nachgeschobenen Statement bei Youtube sieht man dann Bilder aus der Überwachungskamera, und die Kommentare sind auf einmal nicht mehr so supportive auch hier zum allergrößten Teil supportive. Was für eine Überraschung.

Und es kotzt mich so an.

Zum einen natürlich sein Verhalten. Damit meine ich noch nicht mal, dass er seine Frau schlägt, darüber müssen wir gar nicht diskutieren. Nein, es ist die übliche Salamitaktik, die immer, wirklich immer angewendet wird wenn irgendwer Scheisse gebaut hat. Das tatsächliche Ausmaß wird immer erst dann zugegeben, wenn es nicht mehr anders geht, in diesem Falle wenn ein Fernsehsender die Bilder aus der Überwachungskamera ausstrahlt. Und wenn man andere Fälle mal so als Referenz ranzieht - Kai Wegner anyone? - kann man ja davon ausgehen, dass das ganze Ausmaß noch gar nicht bekannt ist.

Und zum anderen natürlich all die toxischen, sich gegenseitig unterstützenden Männer, das Patriarchat, die Misogynie, die sofort mit Unschuldsvermutung ankommen, sein Verhalten rechtfertigen weil "sie war ja auch voll gemein!11!!", ihm applaudieren weil er - wie gesagt zu spät - das wirklich absolute bare minimum macht, und wahrscheinlich jede Menge Hass und Drohungen über ihr auskippen. Die dann aber auf einmal ganz still sind, wenn die Vorwürfe in Bildern bestätigt werden, denn sie glauben Opfern ja nicht, wenn sie einfach nur davon berichten. Die nicht mal dann realisieren was für eine Scheisse hier gerade abgeht, wenn sie es mit eigenen Augen sehen.

Und das kotzt mich so an. Ihr kotzt mich so an.

Es ist und bleibt ein Männerproblem, und es liegt an uns Männern, das System zu hinterfragen und es zu ändern.

(Update: Ich hab den Fehler gemacht und nochmal in die Kommentare zu dem Youtube-Video reingeschaut. Statt völlig berechtigter Kritik jetzt nur noch supportive Kommentare, Menners die ihm zur Seite springen und alle Kraft wünschen, da schnell wieder rauszukommen. Es kotzt mich noch mehr an, aber hab den Beitrag hier entsprechend angepasst.)